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20.12.2010

Offene Fragen und offene Wunden

Immer kurz bevor Du Geburtstag hast, überrennen Dich Fragen. Es ist Zeit für Bilanzierung, brüllen die Fragezeichen hinter den Sätzen und Du brüllst zurück, dass Du das sowieso jeden Tag machst, dass mit der Bilanzierung und dann stellst Du Dir die Frage, wozu das eigentlich gut ist. Denn wenn Du Dich umguckst, siehst Du kaum jemanden, der sich den ganzen Haufen mit Dir fragt und nach 4 Dosen Hansa sagst Du Dir: Es geht darum, einen verdammte Weg durch das Dickicht Deiner Existenz zu prügeln. Fang an, Dich zu fragen, wer Du wirklich bist und spiegel Dich in Deinem Kopf und hoffe, dass Du immer noch schön bist, wenn Du mit Dir fertig bist.

Kennst Du die Farbe des Schamhaares Deiner Mutter? Warst Du ein Wunschkind? Kennst Du noch das Gefühl, getrieben zu sein, von dem was Du tust? Wann hast Du zuletzt gedacht: diesen Moshpit überlebe ich nicht und hast trotzdem getanzt? Wo ist Deine Leidenschaft? Erinnerst Du Dich an Deinen ersten Kuss? Und auch an Deinen letzten? Wieso kannst Du eigentlich betrunken besser Fahrradfahren als Laufen? Und woher weißt Du was Wissen ist?

Wenn Du Dir selbst die Haut abziehst, welche Farbe hat Dein Herz? Interessiert es Dich wirklich? Warum ist es nie ganz dunkel in Deinem Zimmer? Hast Du Angst vor Einbrechern und Terroristen? Warum nicht? Sagst Du den Menschen, die Du liebst, immer die Wahrheit? Hast Du einen Plan? Warum fällt es Dir immer schwerer zu weinen, obwohl Du eine Traurigkeit durch die Tage schleppst, die kein Erbarmen kennt? Erinnerst Du Dich an Captain Future und was er sagte, als die Lage des Planeten immer schlechter, weil das Böse immer mächtiger wurde? Und an Dein kleines gelbes Fahrrad? Und an den Penner, der mit Absicht über Deinen scheiß billigen Fußball gefahren ist mit seinem scheiß billigen Golf und den Du gerne aus seinem Auto gezogen hättest, um ihn zu verprügeln? Wie war Deine Kindheit? Erinnerst Du Dich an gutgemeinte Schläge Deiner Eltern und an den Jungen, dem schwarzes Blut aus der Nase lief, nachdem Du ihm die Schaukel vor den Kopf geschlagen hast?

Weißt Du, wie spät es jetzt ist und was Du heute alles gegessen hast? War es zu wenig und zu ungesund? Warum hast Du keine Armbanduhr? Hast Du ein Kleidungsstück, ohne dass Du nicht leben kannst? Warum bist Du manchmal nur so oberflächlich? Wie kalt ist es eigentlich in Deinem Keller und wieviele Treppen mußt Du runtersteigen? Wünscht Du Dir einen von Drogen für Dich wunderschön verzauberten Ort? Weißt Du noch, wie oft Du das Wort „instabil“ dafür benutzt hast, um Dich selbst zu beschreiben?

Möchtest Du irgendwas vergessen, essen oder trinken und das am besten sofort? Warum kannst Du Dich an ihre Titten, aber nicht an ihre Augen erinnern? Hast Du irgendeine Vorstellung der Höhe der Zahl der von Dir gerauchten Zigaretten? Hast Du jemals aus Trauer, Wut und Hass versucht, die Realität schön zu alkoholsieren und warst enttäuscht, dass es nicht funktioniert hat, bzw. überrascht, als es dann später doch geklappt hat? Bist auch Du jemand der zwischen Kneipenschlägerei und Staatsexamen wunderbar existieren kann?

Erinnerst Du Dich an den allerschlechtesten Witz, den Du je gehört hast? Begleiten Dich offene Fragen, die genauso weh tun wie offene Wunden? Was war die Lüge Deines Lebens? Wie weit ist eigentlich die Wahrheit entfernt von Dir? Hast Du kalte Füße? Angst vor der Zukunft? Angst um die Zukunft? Warum haben Deine Nachbarn Dir letztes Jahr zu Weihnachten eine Tupperdose voll mit selbstgebackenen Keksen hingestellt und grüßen mittlerweile nicht mal mehr, wenn sie Dir im Treppenhaus begegnen? Was ist in der Zwischenzeit passiert? Glaubst Du, dass Dich die schöne Lidl Kassiererin für einsam hält, weil Du immer nur Nahrung für eine Person kaufst?

Hast Du mittlerweile die Fähigkeit die guten von den schlechten zu unterscheiden, bezogen auf Menschen, Oberhemden, Drogen und Platten? Warum triffst Du Dich mit Menschen, die Dir egaler sind als der Postbote? Warum ist Dir der Postbote nicht egal? Bist Du verliebt in ihn? Würdest Du mit ihm rummachen, wenn er sich rasieren würde? Hast Du jemals den Menschen getroffen, von dem Du dachtest, dass er genau es ist und bist einfach an ihm vorbeigelaufen? Warum bist Du nicht verheiratet?

Wie tief kannst Du in Dir graben, um Antworten zu finden? Willst Du überhaupt Antworten? Warum willst Du manchmal weinen, wenn Du Tomte hörst, schaffst es aber nicht? Wann hast Du das letzte Mal im Auto übernachtet? Welche Farbe hat Deine Liebe und wo findet sie statt? Wieso kannst Du nicht damit aufhören, verschiedenfarbige Socken zu tragen? Wann schreibt jemand den Song, für den Du töten würdest? Wann beginnt der Film, der Dich zur Legende macht?

Weißt Du, wo die Menschen sind, die Du liebst? Was ist bloß kaputt mit Deiner Liebe? Warum ist sie so groß? Glaubst Du jemand kann Dich retten? Glaubst Du, Du selbst kannst Dich retten? Hast Du jemals so tief in Dir gegraben, dass Du Deinen Kern gefunden hast? Bist Du zufrieden, mit dem was Du tust und bist? Sehen Dich andere, als den, der Du wirklich bist? Kannst Du Deinem Hass drei Adjektive zuordnen? Wer hat eigentlich Schuld an dieser Scheiße? Warum rasierst Du Dich manchmal wochenlang nicht? Kannst Du immer noch in 30 Sekunden sagen, wer Du wirklich bist? Kennst Du Deinen Lebenslauf? Kennt Dein Lebenslauf Dich?

Wann hörst Du endlich mit dieser beschissenen Fragerei auf? Jetzt vielleicht …?

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15.11.2010

Manuela und ich machen Musik …

Die Müdigkeit, die mich durch diese Tage trägt wird irgendwann als Phase der Entwicklung für eine neue, andere, bessere, größere Art der Literatur gelten.

Ich gleite durch die Räume meines Palastes, irgendwas riecht seltsam, könnte ich sein, bin ich aber nicht, es ist der Biomülleimer. Kurz bevor er wieder zu einem langweiligen Gespräch über Kommunismus ausholen will, greife ich vor und sage: „Pass mal auf, ich habe in meinem Leben gelernt Orte nicht nach ihrem Grad der Versifftheit zu bewerten, denn manchmal passieren an den versifftesten Orten die coolsten Geschichten. Immerhin gehe ich auch in Orten wie Düren spazieren.“ Der Biomülleimer gibt auf. Zunächst.

Ich schreibe Manuela einen Brief, dessen Überschrift ME:PROBLEM:YOU:SOLUTION ist und in dem ich ihr einige Fragen zum Zeitgeschehen stelle. Zum Beispiel will ich wissen, wie es um ihre unendliche Jagd nach dem perfekten Wort steht. Sie hat mal angefangen es zu suchen, das perfekte Wort und

Sie schreibt mir auf keine Frage eine Antwort, sondern lediglich, dass ME:PROBLEM:YOU:SOLUTION einer der besten Bandnamen ist, den sie jemals gehört hat und das man fix eine Band gründen sollte, irgendwas emomäßig krachig Knarziges mit leichtem Electroflair und Harmonie- sowie Brüllgesang. Einen Text fügt sie bei. Einen Text, den sie sich so gerade aus den Hirnlappen gewrungen hat und den sie mir als Einstieg zur Bandgründung kredenzt:

ich bin nicht traurig
nur nicht immer lustig
Helene Hegemann hat auch
mir eine Idee geklaut
und zwar die für ihre
Scheißfrisur
und: Mal sehen, was sich einrichten
läßt sagen nie Menschen, die es ernst mit
dir meinen, sondern nur individuelle
Innenausstatter …
bestatten Sie? Nein ich bin nur der
Gärtner, Arschloch …

Ich schreibe ihr, dass ich den Text auf jeden Fall gut finde, bis auf den Part mit Helene Hegemann, weil ich als Inhaber einer Scheißfrisur ungern Leute wegen ihrer Haare disse, aber ansonsten ginge die Sache klar.

Ich bekomme wieder Post von Manuela. Dieses Mal hat sie auch einen Albumtitel, der da lautet: Eins noch Nietzsche, weißt du eigentlich wie weh es tut, einen tanzenden Stern zu gebären? Ich finde den Satz gut, doch schreibe ihr, dass ich es als Albumtitel zu kettcarlastig finde und schlage ihr vor, unsere erste Platte Giganten demütigen zu nennen, was sie gut findet und mir im nächsten Brief davon berichtet, dass sie morgen damit beginnen möchte, ihre Befähigung 2 Akkorde auf der Gitarre zu spielen erweitern möchte.

Ich schreibe ihr, dass ich mit dem Musikmachen nie etwas zu tun hatte, lediglich die Fähigkeit besäße, Musik zu fühlen und dazu gern in Bewegung gerate. Arsch, Hirn, Herz, Beine, es gäbe ja immer was, worauf so eine Musik zielen würde. Worauf unsere Musik den zielen solle, frage ich Manuela postalisch.

Auf Schiffe, schreibt sie mir zurück. Schiffe wären ja wohl das unnatürlichste Fortbewegungsding, was es weltweit gäbe und das Meer gehöre in Ruhe gelassen. Manuelas Zorn richtet sich aber auch auf die, die immer zum Meer fahren, um es anzugaffen und dabei romantische Gefühle erwarten. Die trügen doch alle ein Element der Idotie in sich, diese Meergaffer, schreibt sie, alle, wie sie da sitzen und in die Weite starren, als ob ihnen die Weite da draußen irgendwas offerieren könnte. Einen Scheiß kann die Weite, schreibt Manuela und fügt hinzu, dass sie gestern mit einem Schlagzeuger, dessen Leben aus dem Takt gekommen ist, Ponygeschetzeltes essen war. Das Schlimme an diesem Mann war, dass er mehr an ihrem Leben interessiert war, als sie selbst und daher schickte sie ihn weg, denn niemand sollte mehr am eigenen Leben interessiert sein, als man selbst.

Ich lobte Manuela im folgenden Brief für ihre Attacken auf Meeresufersitzer, die würde ich auch gerne ausrotten. Ein paar Spaziergänge mit Flammenwerfern an beliebten Romantikstränden würden vielleicht ausreichen um ein deutliches Zeichen zu setzen, schlage ich vor. Leute, die am Meer sitzen, am besten noch mit Jack-Wolfskin-Partner-Jacken, sich Sonnenauf- oder untergänge angucken und das mit ihren dummen Digitalkameras festhalten und dann so richtig feste in die frische Brise reinatmen, die sollte man alle einsperren, nicht nur wegen ihres Modegeschmacks, schreibe ich.

Manuela schreibt, dass sie es nicht für richtig hielte, Leute wegen ihrer Bekleidung anzuzünden. Das solle man dann von Fall zu Fall entscheiden. Sie schreibt außerdem, dass sie das mit der Band doch für keine so gute Idee hält, aber gerne ein Praktikum in der Terroristenbranche machen würde. Nichts Religiöses, lieber was Politisches. Aber weh tun solle es schon, irgendwem.

Ich schreibe ihr, dass ich das bedaure, aber ihre andauernde Ziellosigkeit begrüße. Ziellose Leute gäbe es ohnehin viel zu wenig. Und vor allem, welche die es genießen können, ziellos zu sein. Ich beglückwünsche sie zu ihrer Denkweise.

Manuela schreibt, dass sie ohnehin nicht wisse, wie das mit den Zielen funktionieren soll. In dieser immer steiler gehenden Welt wäre es doch das Sinnvollste man spränge von Stein zu Stein im reißenden Fluß der Wirklichkeit und zwar solange das noch ginge. Sie wäre ja auch grad mal 42 Jahre alt und empfindet immer noch tiefen Suspekt für die, die sich für etwas entscheiden und das dann ihr Leben lang durchziehen. Sie wisse immer noch nicht, wann die beschissenen Proben zu Ende wären und das endlich losginge mit dem Leben hier, mit der verfickten Uraufführung mit dem am Fluß sitzen können und glücklich sein, mit dem irgendwo-verwurzelt-sein, mit dem aufhören-sich-überall-zu-entwurzeln-Scheiß. So ein Leben müsse doch auch mal im Schatten liegen und in Ruhe gepflegt werden.

Recht habe sie, schreibe ich zurück, dieses „anfangen-aufzuhören“-Gefühl sei meiner Ansicht nach nicht das Mieseste, was zu erleben sei. Ich schreibe ihr nicht zurück, rufe sie an und beleidige ein wenig ihre Unsicherheit, solange, bis sie sich sicher ist, Eigentümerin eines der wunderbarsten Leben der Menschheitsgeschichte zu besitzen.

Anschließend gehe ich wieder in meinem Palast umher. Die Weite der Räume macht mich müde, die Anzahl der Möglichkeiten ebenso. Irgendetwas riecht immer noch seltsam. Mein Biomülleimer meldet sich zu Wort. Es ist Zeit über das Leben nachzudenken, wie es jetzt gerade ist.

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28.09.2010

Waiting for something to happen

Ich war immer einer von denen, die den Verlust von Liebe zelebriert haben. Ganz so, als wäre das ein scheiß Fest, das möglichst würdig zu sein hat und möglichst lange und intensiv gefeiert gehört. Es geht um M., wie so vieles noch um sie geht. Seit sie weg ist und mich ignoriert, laufen im Kopfkino alle möglichen Porno- und Kriegsfilme durcheinander, was die Tage nicht unbedingt zu würdevollen Unterhaltungssendungen werden läßt. Die Sendungen, die in meinem Kopf produziert werden tragen Namen wie “Erde wem Erde gebührt” oder “Ich könnte jedem Always-look-on-the-bright-side-of-life-Mitpfeifer sofort die Fresse polieren”. Wie dünn die Haut doch manchmal ist, merkt man erst, wenn keine Sonne mehr drauf scheint.

Und wieder so ein Tag.

Ein Freund und ich sind im Supermarkt. Im Kopfkino läuft grad ein Gewaltfilm, aber ein sehr lustiger. Ich schlitze den Bauch eines Pferdes auf und lege mich dort hinein, weil mir so endlos kalt ist. Die zitternden Gedärme des Tieres erinnern mich ein wenig an M. und ihre geschmeidigen Umarmungen. Wahrscheinlich habe ich zulange an der Fleischtheke gestanden. Und da stehen wir eingereiht, vor uns die Registrierkasse und du sagst zu mir: „Stell dich nicht so an!“ und ich sag: „Wieso nicht? Tun doch alle.“ Und es piept und die Waren werden verschoben, der große Kreislauf aus kaufen und kacken. Die Kassiererin denkt nicht mehr, der große Apparat hat sie gefressen. Auch sie kauft und kackt. Alles ein großes Kaufen und Kacken. Alles für alle und zwar für viel Geld. Alles minus Leben. Acht Stunden Scanning und dann noch ins Fitnessstudio, dann in ein Fast Food Restaurant und das Leben ist eine geladene Waffe, zumindest meins.

Und noch ein Tag, aber ein ganz anderer.

Dann sitzen wir in deinem Auto und es ist warm. Im Radio läuft dieser Typ, den alle Olli Schulz nennen und der singt „ … nimm die Finger von dem Mädchen, verlaß endlich die Bar, draußen scheint die Sonne, die Nacht ist nicht mehr da …“ Das erinnert mich an Liebe, die Liebe, die mich immer wieder angreift, um mich dumm zu machen. Jetzt nicht, liebe Liebe, flüstere ich ins Auto hinein und die Liebe hält augenblicklich ihr Schandmaul. Im Kopfkino läuft grad ein Film, in dem M. mit einem gesichtslosen Indie-Schönling an der Donau langspaziert, was ihr Herz schneller schlagen macht. Es ist warm. Mein Herz schlägt wild um sich. Boxt von innen gegen meinen Brustkorb, manchmal so sehr, das ich glaube, da kommt gleich eine kleine Faust durch die Rippen. „ … und dann schlägt dein Herz …“ Du kurbelst deine Scheibe runter, hälst deinen schönen Ellebogen in den Wind der Zeit und sagst „ … hahaha, fahrlässig …“ und ich mache das auch und ergänze „ … grob fahrlässig …“. Der Klebstoff unseres Humors ist ein alter, so dass wir uns auch schlechte Witze verzeihen können.

Ein Tag, wie er im Buche steht, aber in keinem, dass ich selbst geschrieben habe.

Mit dem Freund in der Küche. Das Kopfkino lief die ganze Nacht. Ein französicher Kunstfilm, glaube ich, der “Vorwürfe” hieß. Es geht um den Monolog eines Mädchens, das versucht, einem Stein die Liebe zu erklären. Wirklich spannend, aber erfolglos. In diesem Sommer sind wir schon oft in dieser Küche gelandet. Immer irgendwie vorher und nachher. Ich wackle vor dem CD-Player hin und her und es wird elektronisch. Wir duschen uns mit der Bassdrum unseres Vertrauens. Ich lasse Musik wie Wasser durch die Küche laufen. Du bist da und das ist gut. Wir verstehen uns redend. Du sagst, deine neue Freundin spricht fließend japanisch und da fällt mir ein, dass ich nur fließend Wasser kann, das aber gut. Wir trinken Bier und nennen uns „philosophisches Duett, das über Sloterdijk spricht“, aber eigentlich ignorieren wir ihn. Wir trinken mehr Bier. Es ist ein seltsamer Sommer dieses Jahr, es war der Sommer mit M. M. ignoriert mich, seitdem ist wieder Winter. Und der bleibt und der Beat ist gut, Alter, wenigstens ist der Beat gut. Ich habe irgendwann gelernt über meine Trauer zu lachen. Lieber bin ich freundlich zu mir selbst und ich bin so besoffen, dass ich fast selbst glaube, ich sei glücklich …

Ein ganz anderer Tag.

Im Kopfkino ist es heute überraschend ruhig. Ich sitze von der Krassheit meiner Gefühle gelangweilt in meinem Kinokomasessel, fresse wie automatisiert Taccos mit mittelscharfter Salsasauce und schaue der Zeit beim Verfliegen zu. Noch kein Wort gesagt, aber Milliarden Sätze gedacht und dann grunzt das Telefon. Ein Mädchen ruft mich an. Es ist nicht M., sondern eine deren Pathos über ein gesundes Maß hinausgeht. Wir reden sehr lange über die Lage der Nazion, bevor wir persönlich werden. Dann werden wir so persönlich, dass ich es nicht mehr aushalte und auflege. Ich denke mir noch so, wenn das die Lösung ist, die du darstellst, dann will ich schleunigst mein Problem zurück. Es ist gut, ein Problem zu haben. Das macht Aufregung, Aufregung ist was Gutes, ist gut für Lebendigkeit. Manchmal fühlen sich meine Probleme wie der erste bewußte Atemzug nach zehn Jahren Koma an. Ich liebe meine Probleme. Es gibt Menschen, die echte Probleme haben.

Wenn ein Tag sich in enddummer Problematik ausdehnt, können Dinge passieren, die nicht mehr weggehen.

Ein Problem hat mich kürzlich im Traum besucht. Das ging so: Ein Freund und ich. Wir waren zu zweit allein in dumm-dörflichen Gefilden unterwegs. Da waren zwei Typen gefährlich aussehend, an der Bushaltestelle. Wir hatten Waffen. Wir zerlegten die Leute. Die Bushaltestelle explodierte. Ich hatte Angst vor Schuld, versteckte mich im Wald, wo ich irgendwann krank wurde und verhungerte. Dann kam M. vorbei, machte ein Loch in den Boden und gab mich da hinein. In meinem Traum hatte sie Hände wie Baggerschaufeln, an ihre echten Hände erinnere ich mich kaum noch. Ich analysiere meine Träume nicht mehr, ich lasse sie einfach so, wie sie sind. Schön, schrecklich, meist skurril. Ich weiß nicht, ob ich mit den Drogen anfangen soll, die ihr mir ständig anbietet, aber ich glaube ich bin vernunftbegabt und sage einfach: klar, aber nur soviel, dass ich immer wieder zurück an den Anfang kann. Ich lebe eine seltsame Illusion. Im Kopfkino lief heute: “Alle Fingernägel abgekaut und alles ausgeschissen und verdaut”. Ein Beziehungsdrama mit einer Person. Schwieriger Film, geht ja um mich.

Nur so ein weiterer Tag.

Ich denke an eine Zeit, eine ganz bestimmte Zeit als alles gut war. M. war da und fand das auch alles gut. Die Sonne orange, jedes Lächeln milde. Ich saß in der Badewanne und kümmerte mich um meine Hygiene. Nebenbei lief im Nebenraum Musik, ich glaube, es war meine eigene Band. Draußen war ein Sommer und ich freute mich auf einen Abend mit dir. Ich würde mich schön machen für dich, so richtig schön und sie würde sagen: „Danke, dass du dich für mich schön gemacht hast.“ Und wir tanzten, bis wir noch schöner wurden, fuhren mit dem Taxi nach Hause und vor dem Einschlafen lachten wir laut und erfanden mit kleinen Puppen aus Uganda ein Theaterstück mit dem Titel: „Das bringt es auf den Punkt der den Planeten darstellt auf dem ich wohne!“ Wir lachten weiter. Wir konnten nicht mehr aufhören. Heute hatte das Kopfkino Ruhetag. Ich stand davor und nichts passierte. Würde doch was passieren, endlich mal irgendwas, aber der Ruhetag war von beschaulicher Konsequenz.

An irgendeinem Tag ist er gestorben.

Ich habe letztens das Buch „So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein“ von Christoph Schlingensief beendet. Noch bevor er wirklich starb. Ich bin tief berührt und bewegungslos. In dem Buch geht es um Herrn Schlingensief, der Krebs bekommt und damit umgeht, irgendwie und immer denkt er und verzweifelt und manchmal kommt Gott ins Spiel, der mal lacht und mal straft, immer aber irgendwie vor Ort ist und auch ich habe kürzlich mit Gott gesprochen und Gott hat wie üblich nicht zurückgesprochen. Ich versuchs später nochmal. Mein Freund sitzt neben mir im Auto und sagt, dass auch er kürzlich mit Gott gesprochen hast, und ihn gebeten hat, dass Lincoln zu Schalke 04 zurückkehrt. Auch ihm hat Gott nicht geantwortet. Aber er war nicht skeptisch. M. hat mir eine Email geschickt. Scheinbar schulde ich ihr noch Geld. Im Kopfkino langweile ich mich wegen darmzerschreddernder Gewalt. Als ich M.´s Namen auf einen Überweisungsträger schreibe, überweist mir das Leben plumpe Trauer auf mein Emotionskonto und ich heule bis die Sonne rauskommt.

Noch ein Tag aus der Reihe derer, an denen man lediglich irgendwo ist, nichts fühlt außer da zu sein, wenig unternimmt, außer sich selbst darzustellen und Abends immer in Müdigkeiten fällt, die sich anfühlen wie 10 Stunden Baustelle und Schüppe.

Die Frau im Drive-In hat das Tourette-Syndrom. Du bestellst einen Big Mäc, einen Hamburger Royal, eine große Cola und sie antwortet durch die Sprechanlage „ … ein Bic Mäc, du Arschloch, Fotze, Fotze, ein Hamburger, Heil Hitler, Fotze, Fotze, haha, Royal und eine große Fotze Fotze Cola, macht Arschloch, Unfug, nein, nein, Fotze, sieben Euro vierundzwanzig, bitte fahren sie zum nächsten Fenster vor, Fotze, Fotze, Arschloch …“ Du kennst die Frau und als du ihr einen Zehner in die Hand drückst und sie anlächelst und sie fragst ob alles klar sei, guckt sie dich nicht an. Mit M. war ich nie hier. Sie isst keine Schlachtabfälle, ihr Leben ist ein gemüseorientiertes Gesundheitsding. Alles geht gut, weil Zeit vergeht. Kopfkino hat schon wieder zu. Ganz spät Abends läuft noch ein Dokumentarfilm mit dem Titel “Die Wirkung von Masturbation auf das Erinnerungsvermögen” und ich atme so langsam, dass ich mich kaum mehr lebendig fühle.

An manchen Abenden solcher Tage wird es einfach nicht dunkel.

Wir stehen vor der Bar. Die eine von letztens ist auch da, die, deren Namen ich mir nie merken können würde, nicht weil er so außergewöhnlich ist, sondern eher, weil er so einfach ist. „Ich heiße Anna, du Dreck“, sagt sie mir dann, als ich sie wieder „Flokatina“ nenne. Ich mag diese Frau, weil sie aussieht, als sei ihr Leben eine abgesagte Party, die auch nicht wiederholt werden wird. Wir stehen vor der Bar und ich weiß, dass der Sommer zwar seltsam ist und auch weiterhin seltsam sein wird, aber heute abend ist Jazz Festival und ich bin betrunken und ich habe aufgehört zu rauchen. Ich rauche eine und gehe mit euch rein. Das Kopfkino wurde Opfer gehirninterner Brandstifter. Einer hieß Tequila, der andere Jägermeister und sie kamen, mich zu retten.

Wenn der Tag nur noch ein wenig dünner werden würde, er verschwände komplett.

Später sitzen Flokatina und ich auf dem Bürgersteig und reden. Ihr Leben ist tatsächlich eine abgesagte Party. Sie studiert irgendwas, was mich nicht interessiert, hat dauernd Streß mit ihrem Freund, der Franzose ist und sich wie ein Deutscher benimmt und überhaupt hat Flokatina voll den Krisenstreß am Körper und ich sage ihr, dass nichts so viel mit ihr zu tun habe, wie sie selbst und ich sehe wie sie nachdenkt. Wir sitzen rum und rauchen und ich denke an M., ganz kurz nur. M. tanzt in meinem Kopf, aber während unserer Zeit war ich nie mit ihr tanzen, vielleicht deswegen. Ich vermute wirklich, dass unausgelebte Liebe Herzen mit einem unsachgemäß schwerem Gewicht behängen kann, dass sie des regelmäßigen Schlagens müde werden. Von drinnen höre ich Kegelclubgelächter von mit Taxifahrerlederwesten bekleideten Kegelclubmitgliedern. Ich kaufe vom Rosenstraußmann eine Rose , schenke sie ihm und spreche kurz mit ihm über diesen Sommer und er sagt: „Läufte gut“ und lächelt. Ich denke an M., bin so verdammt friedlich in dieser Nacht und lächle auch, obwohl ich

Der Tag hört auch schon wieder auf, er selbst zu sein.

Das Mädchen M. tanzt durch meine Eingeweide. Ich warte darauf, dass etwas passiert, dass ich vielleicht auseinanderfalle oder implodiere. Flokatina ist schon wieder reingegangen und der Rosenstraußmann ist auch schon weg. Ich bin allein. Das ist der Anfang.

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