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04.07.2011

Brudergeschichte Teil 1

Ein volksmusikalischer Sender läuft. Falsche Fröhlichkeit wird in die gute Stube geschleudert. Die gute Stube heißt wirklich so, alle hier nennen sie so. Es gibt hier keine schlechte Stube, zumindest keine, die ich kenne. Ich bin im Haus meiner Großeltern.


Es ist Sonntag, Oma hat Apfelkuchen gebacken. Apfelkuchen, wie nur sie ihn backen kann, die Äpfel oben eingeschnitten, goldbraun gebacken, der Boden zerbricht von selbst, wenn man ihn auch nur leicht mit der Gabel berührt. Ich berühre den Boden mit der Gabel und er zerbricht. Ich bin glücklich.


Die Erwachsenen trinken Kaffee aus der Kanne mit den orangenen Blümchen und der bunte Schaumgummiabtropfer verhindert das Oma beim Ausgießen kleckert. Sie kleckert nämlich genauso wie ich, ich darf nie Kaffee ausgießen. Bei Oma hat alles Würde. Ihre von Kaffee und Kuchenresten beschmierte Schürze, die sie den ganzen Sonntag nicht ablegen wird, strahlt so viel Würde aus, wie sonst gar nichts auf der Welt imstande ist, Würde auszustrahlen. Das Wort "Würde" hab ich auch zum ersten Mal im Zusammenhang mit meiner Oma gehört und ich verbinde es seitdem immer mit ihr, mit ihrem schleppenden Gang in leicht gebückter Haltung und ihrer beschmierten Schürze. Ja, so sieht dann wohl Würde aus. Ich weiß nicht mehr, wer dieses Wort ins Spiel brachte, aber irgendwann war es da und meine würdevolle Oma schenkte Kaffee aus.


Opa und mein Vater streiten wieder. Das ist meistens sehr laut. Meistens geht es um Arbeit, Garten, Politik, alles Dinge von denen ich nichts verstehe. Die Zeiten werden kommen, denke ich, an denen ich mich auch über solche Themen wie Arbeit, Garten und Politik streiten werde, aber vorerst ist das Zeitalter aktuell, in dem ich mittels kleiner Stücke Apfelkuchen ein Glück in mir herzustellen vermag, welches die Umwelt ausblendet. Ich sitze am Tisch, man gibt mir meinen Apfelkuchen, der zerbricht, wenn man ihn anrührt, ich bin glücklich. Das Glück hier an diesem Tisch, mit diesem Stück Kuchen, hier bei Oma und Opa ist so eindeutig, dass ich alles um mich vergessen kann.


Nachdem der Kaffeetisch abgeräumt ist, trinken mein Opa, Onkel Werner, Onkel Walter, Onkel Bernhard und Onkel Hartmut Bier und werden wieder laut. Sie spielen Karten, Doppelkopf. Meine Oma bringt eilig Bierflaschen an den Tisch, um sich dann wieder an einen anderen Tisch im großen Wohnzimmer zu setzen, an dem die leiseren Frauen ihren Platz eingenommen haben, die Wein trinken und so tun, als hätten sie Geheimnisse vor den Männern. Sie tuscheln und gucken mysteriös durchs Wohnzimmer. Ab und zu kichert meine Mutter oder eine der Tanten, aber schnell halten sie dabei die Hand vor den Mund. Dabei wirken sie wie unbeholfene Schulmädchen. Der einzigen Frau, der es noch gelingt, Würde aufrecht zu erhalten, ist in der Tat meine Oma, die manchmal resolut aufspringt, in den Voratsraum huscht, als wäre sie ein flinkes Mäuschen, dort Bierflaschen aportiert, als wäre sie eine befehlsdevote Hündin und diese mittels eines geflochtenen Korbes an den Tisch der kartenspielenden, lauten Männer bringt, um leere Flaschen gegen volle einzutauschen. Für die Männer passiert das, was meine Oma da macht nebenbei.


Dabei spielen sie Doppelkopf, ein Spiel, das ich nie verstehen werde, glaube ich und ich höre sie "Re", "Contra", "Fuchs" und "Dulle" durcheinanderbrüllen und sehe sie, die diese Rufe mit männlichen Gesten zementieren.


Danach rufen alle meinen kleinen Bruder. Mike, Mike, Mike!!! Der wird eigentlich auch jeden Sonntag gerufen. Mike! Mike! Mike! In der Schule meinte eine Klassenkamerad von mir letztens mein Bruder sei behindert und ob meine Mutter auch gesunde Kinder hätte. Wir rufen wieder. Mike. Mike Mike!!! Ich hab dem Klassenkameraden gezeigt, was es bedeutet, Dreck zu fressen. Mein Bruder ist nicht behindert, sondern nur etwas langsam und leicht verbogen und er schielt, sogar auf beiden Augen, und häufig ist er sehr unachtsam mit den Dingen, die er berührt. Auch spricht er nicht unbedingt sehr deutlich, eigentlich kaum und alles, was er mitzuteilen hat, schreit er. Wir suchen ihn und rufen ihn. Mike, Mike, Mike. Keine Antwort, kein Mike. Das ist kein gutes Zeichen. Meistens, wenn er nicht antwortet, blutet er, hat irgendwelche Fremdkörper im Leib stecken und es folgen meist Arztbesuch und Ärger. Dann kommt er doch. Er saß auf dem Trittbrett von Omas guter Singer-Nähmaschine im Nebenraum und studierte die Mechanik eben jener. Was wohl mal aus ihm werden wird?


Etwas später kommen noch sogenannte Kameraden von Opa und der hört dann mit dem Kartenspielen auf und wechselt vom Biertrinken zum Wacholdertrinken. Die Kameraden tun das auch, Wacholdertrinken und so sitzen sie rum und trinken den Wacholder und werden auch wieder laut, während ich mir vorstelle, dass unter diesem Tisch eine Tiefgarage ist, in der ich meinen Jeep geparkt habe, weil ich eine afrikanische Giraffe zum Zoo begleiten soll. Die Kameraden aber erzählen so laut vom Krieg, dass ich mich nicht auf die Plastikgiraffe konzentrieren kann und stattdessen von den Erzählungen oberhalb der Tischplatte maßlos fasziniert bin, die in ehrwürdiger Kameradentreue von blutigen Schlachten erzählen. Irgendwann, aber noch nicht jetzt, werde ich es ihnen danken können, denn sie haben dadurch aus mir einen Pazifisten gemacht.


Bevor wir nach Hause fahren wollen, suchen wir wieder alle meinen Bruder Mike und rufen ihn erneut. Er ist nicht da. Er antwortet nicht, die Panik und Angst wächst, die Suche wird hektischer. Mike! Mike! Mike!!! Nichts. Draußen ist Licht im Schuppen. Es ist der Schuppen mit dem Holz. Der Schuppen mit dem Holz, der Axt und der Kreissäge.


Mein Vater betritt den Schuppen als erster und als er herauskommt hat er Mike auf dem Arm. Mike wimmert, winselt wie ein krankes Tier. Ich kann nicht sehen, was ihm fehlt, aber als ich auch einen Blick in den Schuppen werfe, sehe ich, dass es seine Hand sein muß, denn die liegt da noch. Mein Vater gibt den Mike auf die Rücksitz. Irgendjemand hebt die Hand von Mike auf, die kleine Hand und wickelt sie in ein Trockentuch ein. Mein Vater wirft die Hand auf den Beifahrersitz und braust los. Viele Tanten schnattern ein vielstimmiges "ogodogodogodogod" durch den laue Sommernacht und einer von Opas Kameraden kotzt, wo er steht und meint, sowas hätte er im Krieg nicht gesehen. Oma kam zu mir, in ihrer gutriechenden, würdevollen Schürze und umarmte mich, ich, der da stand, die Augen auf eine Kreissäge gerichtet, die meinen Bruder angegriffen hatte. Ich hasste das Gerät und Opa geht hin zu der Säge und sieht den Stecker raus. Er schüttelt nur mit dem Kopf und steht mit beiden Füßen im Blut meines Bruders, das er beim weiteren ziellosen Herumirren durch den Schuppen in alle Ecken verteilt. Zäh klebt er an ihm, der rote Saft, haftet sich wie eine nicht loszuwerdende Schuld an seine Schuhsohlen und markiert seinen kleinen, verzweifelten Aktionsradius.


Ich hab dann da in der Nacht geschlafen, zwischen Oma und Opa in der schönen blauweißkarierten Bettwäsche und mit der Bombenwärmflasche am Fuß. Die explodiert nich mehr aber ich hab mir vorgestellt wie Bomben explodieren. Opa hat immer davon erzählt, wie Bomben explodieren. Oma hat Bomben gebaut im Krieg. Früher. Auch sie hat viel davon erzählt. Ich kann fast die ganze Nacht nicht schlafen, weil ich an meinen Bruder denke und an Bomben. Irgendwann bin ich aber doch erschöpft und ich höre wie mein Opa schnarcht, als wolle er sich damit entschuldigen. Dieses Altmännernasengeräusch kommt aus ihm raus, wie altes Brackwasser aus dem Putzeimer meiner Mutter, das sie in die Toilette gießt, nachdem sie die Toilettenschüssel glänzend weiß geputzt hat.


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