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Nahtod mit Aygül

„Vielleicht hätten wir doch Trinkgeld geben sollen“, sagte Aygül und spuckte in wahrer Lamamanier vor mir auf die Straße. Früher habe ich Anstrengungen unternommen, ihr diese Gewohnheit abzuerziehen, aber man kriegt den Dschungel nun mal nicht aus dem Tiger, nur den Tiger aus dem Dschungel. Ein Speichelfaden klebte von ihr unbemerkt noch an ihrem Kinn fest, die Frühlingssonne verlieh ihm einen regenbogenhaften Schimmer.


„Quatsch, Trinkgeld“, rief ich aus, „ich fand die Performance des Kellners nicht allzu auszeichnungswürdig. Was soll der denn besser gemacht haben als andere?“

„Nunja“, entgegnete Aygül, „er hat dich immerhin wiederbelebt.“

„Aygül, ich bitte dich. Jeder Depp, der den Führerschein macht, muss einen Erstehilfekurs besuchen. Das bisschen Brustmassage und Mund-zu-Nase-Beatmung hättest selbst du hinbekommen, mein anatolisches Rehkitz.“
„Hach ja, wahrscheinlich hast du Recht, mein kleiner Blitzkrieger“, lenkte sie ein und bot mir einen Zigarillo an, den sie unter ihrem Kopftuch hervorgezogen hatte. Sie bunkert dort allerlei Krimskrams. Alles das, was andere Frauen in ihren Handtaschen herum schleppen, hat Aygül irgendwo in ihren Haaren stecken. Sie ist wie eine Wundertüte. Und sehr geschickt in der Stauraumnutzung, ich habe noch nie etwas herausfallen sehen. Allerdings habe ich auch noch nie ihre Haare gesehen.
„Ich weiß nicht, ob das so direkt nach einem Herzinfarkt eine gute Idee ist“, stellte ich in den Raum, bevor ich wie gewohnt den Filter abriss und mir Feuer geben ließ. Wir wechselten die Straßenseite.


Meine nächste Erinnerung setzt mit dem Erwachen auf der Intensivstation ein.


Aygül saß vor meinem Bett am Tisch, die eine Hand gespreitzt auf der Tischplatte, das Messer in der anderen tockerte sie geschickt und schnell in die Fingerzwischenräume. Um sie nicht abzulenken und weil ich das Geräusch als beruhigend empfand, wartete ich so lange, bis sie mich bemerkte.

„Ach gut, du lebst wieder“, sagte sie schließlich, ohne ihre Tätigkeit zu unterbrechen. Ich bildete mir ein, einen Hauch Erleichterung aus ihrer Stimme herausgehört zu haben.

„Das war sooo lustig“, fuhr sie fort. „Der Kellner, dem wir kein Trinkgeld gegeben haben, hat extra für dich noch einen Rettungswagen gerufen. Das ist doch nett, oder? Naja, und der Rettungswagen hat dich dann überfahren.“


Augenblicklich bemerkte ich die etwa 13 Schläuche, die sich um mich herum und in mich hinein wanden, außerdem spürte ich meine Beine nicht. Aygül betrachtete mich mit bohrendem Blick. Plötzlich hellte sich ihr Gesicht auf: „Irgendwie siehst du niedlich aus, so hilflos in deiner Korsage. Wie unsere Schildkröte, als sie mal auf den Rücken gefallen war, weißt du noch? Hach, ich vermisse Herrn Kröt.“


Ich hielt es für keinen guten Zeitpunkt, Aygül über die wahre Todesursache von Herrn Kröt aufzuklären. Dieter und ich hatten einen Pakt geschlossen, diese unsere Tat mit ins Grab zu nehmen. Es waren ein Liter Wodka, ein Nussknacker und unsere Mikrowelle im Spiel gewesen, mehr muss man nicht wissen. Zum Glück ist Aygül ab und an recht leichtgläubig, daher hatte sie uns damals geglaubt, dass Herr Kröt aus eigenem Antrieb geflüchtet sei, als Dieter und ich uns im Loop Jurassic Park 1 bis 3 ansahen, während sie sich auf einer fünftägigen Hochzeit vergnügt hatte.


„Woran denkst du?“, fragte Aygül.


Ich fühlte mich in meinen mörderischen Gedanken ertappt und hielt es für eine gute Idee, zu antworten: „Ich denke daran, dass ich dich unglaublich scharf finde.“

Aygül stoppte ihre Messerspielchen, erhob sich von ihrem Stuhl und führte eine spontane Bauchtanzeinlage vor, während der sie sich Stück für Stück auf mich zubewegte, dabei lutschte sie ab und an an ihrem kleinen Finger, um mich anzutörnen. Das Vorhaben versprach wenig Erfolg, denn ich hatte nicht nur einen Herzinfarkt erlitten und war von einem Krankenwagen überfahren worden, ich fühlte mich auch so.


Als Aygül sich so nah an mich herangetanzt hatte, dass ich fürchten musste, ihre Brüste in meinem Gesicht würden mir erneut die Sauerstoffzufuhr abschneiden, sah ich keine andere Rettung, als den großen roten Knopf zu drücken, der von der Bettstange zu mir herunter baumelte.


Wenige Sekunden später trat eine Krankenschwester in mein Zimmer ein, Typ Frau Holle, klein und rund wie eine Regentonne, dickbackig und in sich ruhend. Ich würde eine Wette darauf abschließen, dass sie während ihren Nachtschichten heimlich Kuchen backt.
„Na, Frau Aygan, Sie haben wohl noch nicht genug verloren heute. Alles oder nichts, was?“ begrüßte sie Aygül, die mittlerweile von mir abgelassen hatte.
„Was? Wie?“, hakte ich investigativ nach.
„Ach gut, Sie leben. Dann können Sie gleich Schiedsrichter spielen, wenn es zu strittigen Situationen kommt.“ Ich war perplex und nickte.


Aygül und Krankenschwester Gudrun – ich korrigiere – Aygül und „Wir-heißen-jetzt-Gesundheitspflegerinnen“-Gudrun, nahmen am Tisch vor meinem Bett Platz. Gudrun hatte mittlerweile ihr Messer gezückt und ich sollte die neue Runde im Fingerstechen einzählen. Wie ich später erfuhr, hatte Aygül während meines vierstündigen komatösen Zustands sechshundert Euro verloren. Außerdem lässt Schwester Gudrun ab und an ein paar Kanülen aus dem Lager mitgehen und ist eBay-Powerseller, aber das nur am Rande. Was sich Frauen eben so erzählen. Ich zählte den Countdown und das Duell begann.


Zu unser aller Glück starb im Zimmer nebenan gerade eine Dreizehnjährige an Alkoholvergiftung. Gudrun war dadurch leider gezwungen, mitten im Match aufzugeben, obwohl sie eindeutig wieder die schnellere Stecherin gewesen war.


Einige Zeit später war auf der Intensivstation wieder etwas Ruhe eingekehrt. Aygül wetzte zärtlich ihr Messer und sah verlorenen Blickes aus dem Fenster, ich selbst hatte mich überraschenderweise nicht fortbewegt und fixierte seit einiger Zeit die Kreuzung zweier Deckenplatten. Die Schiebetür glitt unhörbar auf, Schwester Gudrun betrat den Raum. Sie zog einen Packen Zehn- und Zwanzigeuroscheine zwischen ihren Brüsten hervor und warf ihn verächtlich auf den Boden. „Feierabend“, raunzte sie und verschwand sogleich wieder.

Die Wanduhr zeigte fünf Uhr morgens, draußen begann ein Specht mit seinem Tagwerk. Aygül setzte sich zu mir auf die Bettkante und blickte traurig auf die halboffene Schiebetür.
„Vielleicht hätten wir ihr Trinkgeld geben sollen“, sagte sie.

 

 

 

 

 

 

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