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10.09.2018

Zeit nehmen

Wir saßen also in der Bahn Richtung Norden, selbst ein Ausflug fühlt sich nach Arbeit an, provoziert durch das geschäftsmäßige Design der DB Sitze, der Kleidung des DB Personals absolut Allem.
Dichterreise, so stellen wir es mal hin.
Kollege Carl und ich auf dem Weg - aus dem Süden hinauf in den Norden. Weg von München, genug gesehen.
Um gleich wieder nach Berlin zu fahren, ist man jedoch zu kurz weg gewesen. Man muss sich ja immer rechtfertigen, vor allem vor sich selbst. Die Zeit als einfach so gegebene Ressource zu betrachten, GEDANKENLOS.
Andere stört das nicht, keinesfalls.
Da ist es egal, wenn man sagt “ich bin gestern noch in München gewesen, nur eine Nacht, heute wieder ICE nach Berlin, gleich ganz früh am Morgen”.
Bei mir schlich sich irgendwann jedoch die Selbstabwertung ins Gewissen- und wie so oft war dafür die U8 Richtung Berlin-Hermannstraße zu blamen, wie der Amerikaner sagt.
Die Botschaft, die sie mir, mittels einer betrunkenen Mitfahrerin, übermittelte schrieb ich als Gedicht nieder:
Ruf aus der U8
Ist schon traurig
Das unterhalten
Heute gar nicht mehr ist
Unterhalten sich alle mit ihren Handys
Völlig online
Is’
Schon geil
(Leiser werdend) völlig online
Eine Tugend aus dem Geblame gemacht , Blamen, GEblamed - verdeutscht, damit klingt es noch angenehmer - der Amerikaner kann vieles einfach ehrlicher, aus dem Bauch heraus sagen, es klingt hart, soll es auch, und wenn sich übernommen wird, kann die Einfachheit der Wörter dafür herangezogen werden.
Ich muss mir im Deutschen sehr viele Gedanken machen, wenn ich in mich gehe und meine Konflikte mit mir austragen will. Wieder die gleiche Situation wie diese, von keinem eingeforderte Rechtfertigung für die sofortige Rückreise aus München nach Berlin. Das was Zeit wirklich bedeutet wird mir gar nicht bewusst, so glaube ich, weil ich die Zeit als pur existierende Tatsache, als zu erstrebendes Gut gar nicht wahrnehme, da wir aus irgendeinem Grund darauf bedacht sind uns immer zu beschäftigen, Zeit haben also eine Art Selbstkonfrontation wird: WIESO HAST DU JETZT ZEIT. Und stetig wird an der Prophylaxe gegen die Langeweile verübt. Freizeit als Alltagssünde. Alles gibt sich unschuldig und doch wird einem von überall suggeriert ein situativ fauler Hampelmann zu sein , allein schon durch: Stehcafés, Expressbestellungen, To Go Becher, immer mehr Arbeitsflächen in Cafés, auf die Hand Esser und in der U-Bahn Arbeiter und alle scheinen dabei nur ganz kurz von ihrer Arbeit abzulassen, einen Selbst ins Visier zu nehmen und kritisch zu begutachten.
So will man aber eigentlich doch nicht sein. Es ist und bleibt ein Tanz auf dem Zwiespalt.
Also Rechtfertigung, jetzt hat man eine Stadt schon so schnelllebig konsumiert, da kann nicht gleich zurückgekehrt werden. Obwohl man in München nur eine Nacht geweilt hatte, reichte mir alles aus - die Hektik, der ich Hektik entgegengesetzte (da ich ja felsenfest zuvor beschlossen hatte nur bis zum frühen Morgen zu bleiben, folglich jede Unternehmung mit dieser Endlichkeit in Verbindung stand), In meiner gründlicheren Überlegung ist das Wort blamen aber gar nicht gut genug um den ganzen Ballast abzuwälzen der meinen Kopf so schwer macht - also sage ich es ganz offen heraus: Ich BESCHULDIGE die U Bahn Linie 8 in Berlin und ihre derartige Penetranz, von der man sich als halbwegs interessierter Bürger nicht einfach so distanzieren kann, folglich immer zuhören muss, also ärgere ich mich nur halbwegs darüber ein scharfes Wort wie BESCHULDIGEN gewählt zu haben , denn über so etwas nachzudenken erfordert nicht nur sehr viel Zeit, sondern auch viel Energie und hat zur Folge, dass ich jetzt mit Kollege Carl, den ich mit ins Boot holen wollte um nicht ganz so allein zu sein, auf der Fahrt vom südlichen Großstadtflair in das nördlichste Großstadtflair (das Argument vom Trubel weg zu kommen, ist damit also genauso hinfällig) Hamburg fahre.
Kollege Carl und ich … Na gut bevor ich weiter erzähle, muss ich die Wahrheit sagen und berichten, dass ich das vorhin nur halb ernst gemeint habe, dass ich nicht allein sein wollte, beim Reisen meine ich.
Kollege Carl, ist daher ein Kollege, da wir gemeinsam an einem Projekt schreiben sollen - worum es sich bei diesem handelt, sei dahin gestellt, wichtig ist dabei, zum Verständnis, dass obwohl wir beide in ein und derselben Stadt leben, besonders gut darin sind unsere Zeit zu verplanen. Deswegen ist es auch unsere Arbeitsweise geworden, dass jeder für sich an Teilen des gemeinsamen Projekts, Texts - was auch immer - schreibt und den anderen fortwährend vor vollendete Tatsachen stellt, damit für Verwirrung und zeitaufwändige Nachbesprechungen sorgt.
Das sollte sich also ändern und aus der Tatsache heraus, dass wir in München waren schien es nur logisch nicht direkt nach Berlin zu fahren.
Kollege Carl stieg in Berlin Südkreuz dazu. Ich war allein in München. Ich habe deswegen Kollege Carl halb gezwungen mitzukommen.
Ich gebe zu: Ich wollte wirklich nach Hamburg, und nicht direkt nach Berlin, ich sehe es ja ein, aber manchmal musst du egoistisch sein, das habe ich neulich auf einem dieser YOGI Tee Etikette gesehen, so oder so ähnlich, wahrscheinlich anders formuliert.
Kollege Carl und ich, um hier mal fortzufahren, saßen also mit unserer Zeit im Zug und schieben die Müdigkeit vor unsere Skripts. Dabei schauen aus dem Fenster auf unsere Sitznachbarn, bei denen wir einen Moment der Verbundenheit spüren, das merke ich, denn ebenso interessiert wie ich schaut Kollege Carl dem Geschehen zu, ebenfalls Autoren, vielleicht Redakteure, sie sehen geschäftsmännisch aus , tragen also die Tarnfarben , wir haben sie jedoch bemerkt können also folglich nicht anders als zuzuhören. Die Personen , sie haben ziemlich deutsche Namen, die mir aber nicht mehr einfallen, da sie für mich zuvor Michelle und Raphael hießen, weiß nicht woher diese Assoziationen kommen, das passiert einfach also nenne ich sie in diesem Erinnerungsbericht einfach D und A und steige auch schon voll ein in das Gespräch:
Nicht viel , sagte D, viel gelesen und geschrieben, wollte aber eigentlich was schaffen, morgen treffe ich mich mit Helena, das ist nicht gut, weil Helena will mit mir ein Buch besprechen, was ich noch gar nicht gelesen habe. Viel lieber hätte ich mich mit K getroffen, aber K hat gesagt, sie könne mich in der nächsten Zeit nicht sehen, aber Helena, Helena hat im gleichen Moment als K mir das geschrieben hat gesagt, dass sie, wann immer ich möchte Zeit habe – Und da fängt das doch schon mal an. Das ist ganz aus dem Ruder gelaufen. Alles ist verrückt, es sollte lieber anders herum sein, lieber sollte K mich sehen können wann ich möchte und nicht Helena. Aber das ist nicht gut Helena morgen zu treffen, weil ich das Buch nicht gelesen habe und über was anderes kann ich mit Helena auch nicht reden, weil Helena immer eine gewisse Grundangepisstheit im Gesicht hat, was in diesem Falle, wenn wir uns sehen sollten und ich das Buch nicht gelesen habe, wegen dem wir uns treffen sollten, was sie mir aufgetragen hatte, weil sie mir diesen Auftrag gegeben hatte, gute Gage sollte es dafür geben und wenn ich dieses Buch nicht gelesen habe, dann hätte diese Grundangepisstheit mal einen Sinn und dann hätte es gar keinen Grund gegeben mich darüber aufzuregen auch nicht wenn ich allein wäre, weil ich würde mich ja nicht allein aufregen über Helena, wenn Helena vor mir sitzen würde, weil das würde ja gar nichts bringen- ich kann mich ja nicht nur wegen ihrer Mimik über sie aufregen- so eng stehen wir uns nicht- und selbst wenn- wenn man sich über die Mimik eines anderen aufregt kann man nicht erwarten, dass das Verstanden wird, weil man eigentlich ein ziemlicher Arsch war in diesem Moment, weil eigentlich geht es ja keinen etwas an wie irgend jemand guckt, das ist doch die Freiheit die man noch hat – zu gucken wie man möchte, dann können die anderen Leute einfach weggucken oder sich damit arrangieren. So siehts mal aus. Jetzt steht dieses Buch vor mir , ja steht wirklich, nicht liegend sondern stehend , richtig mahnend . K hat keine Zeit, ich aber, ich hätte Zeit dieses Buch zu lesen, womit ich eine ganz ganz schlechte Ausgangssitutation für die Beziehung mit diesem Buch haben werde, weil ich jetzt nur mit ihm Zeit verbringen kann, weil K das nicht möchte, demnach ist es ganz nett von dem Buch für mich da zu sein, doch wird es immer mit K in Verbindung stehen – und so kann ich auch nicht arbeiten. Ich hab Helena geschrieben, dass ich krank bin. Helena glaubte mir nicht. Wir treffen uns um 12 , morgen, vielleicht bleibt bis dahin noch ein bisschen Zeit das Buch zu lesen und mal sehen was K sich bis dahin so überlegt hat.
Das hatte D ihm heute morgen noch gesagt, kurz nach dem, im ICE nur ein oder zwei Mal sich ergebenden, Aufstehen und Kaffee holen, in dem A für ein paar Minuten offenkundig Ruhe genoss, A hatte extra einen Zug später nehmen müssen, für D, das war anhand seines Fahrkartentickets abzulesen - da stand nämlich 7:18 Uhr , und doch stieg ich von München mit eben jenem A in den Zug, der 8:18 Uhr nach Hamburg Altona fuhr.
Dann schunkelte D, durch das unbarmherzige Ruckeln des Abteils unschön balancierend mit zwei großen weißen DB Kaffeebechern - Gefahr laufend ein paar braune Flecken auf seinem BOSS Hemd zu verschütten, immer noch grübelnd – ließ einen ja nicht los das Ganze - denn so ein Typ der mal eben alles von sich ablud um es dann abzuhaken, um von etwas ganz anderem zu erzählen, schien er mir nicht zu sein. A bemerkte das D ziemlich tief in dieser Thematik steckte, offensichtlich, denn er begann mit den Augen zu zucken, das tat er sowieso schon die ganze Zeit über während er D zuhörte.
Und doch sah er offensichtlich das, sich für ihn öffnende Fenster und wusste, dass es jetzt an der Zeit war schnell zu handeln, denn D schwieg.
A hatte fast unbemerkt den Kulturteil des Tagesspiegels aus seiner Ledertasche gezogen.
Wirklich nur den Kulturteil, eine Ausgabe vom Freitag, obwohl schon Montag war.
Demnach wusste er offensichtlich über sein Lesetempo Bescheid und hatte sich WIRKLICH vorbereitet und alle anderen Ressorts liegen gelassen um sich in seiner selbst gewählten Zwischenzeit nur eben jenen Kommentar von Dr. Peter von Becker durchzulesen, es gab sogar eine Großaufnahme, die ich aber nicht erkannte, weil ich merkte wie unachtsam A las, da er mich bei meiner Spionage durch das Spiegelbild des riesigen ICE Fensters beobachtete.
Dann aber las er doch und unterstrich dies sogar damit, indem er mit seinem Finger über die Zeilen fuhr.
D war jetzt an der Hälfte seines Kaffees angekommen, bei dem es sich um einen Latte Macchiato oder mindestens einen Cappuccino handeln musste (das sieht man ja immer nicht durch diese Einheitsbecher mit ihren Einheitsgrößen in ihrem Einheitsdesign), denn er brauchte nur ungefähr drei Minuten um die Hälfte zu trinken( ich weiß es daher, da er ganz laut und mit starrem leicht selbst vergessenen Blick zum Kaffeebecher “Oh, schon halb leer” sagte) , und bei der Temperatur eines normalen Kaffees ist es fast unmöglich diesen in weniger als zehn Minuten zu trinken, also ein Heißgetränk mit viel Milch, A hatte noch gar nichts getrunken und fuhr mit seinem Finger weiter über die Zeilen der Freitagsausgabe des Kulturteils des Tagesspiegels, bis er auffuhr, da D ihn, während er weiter auf seinen Kaffee schaute fragte, - hast du kur Zeit?
Klar!, sagte A.
Und ich flüsterte Kollege Carl ein nicht hörbares “Tut mir leid” zu.


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