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15.02.2011

Frank und der Dreck

Zum ersten Mal kommen Frank Fragen in den Kopf: Macht es wirklich Sinn in einer Welt herumzureisen, die zu über 90 % aus Dreck besteht? Wer hat die Welt so gemacht und warum kümmert sich keiner darum, sie mal aufzuräumen? Dieser Ort hier sieht aus, als wäre Gott prokrastinationsgeschädigt und würde sich hier, am Hauptbedarfspunkt seiner Wirksamkeit, einfach nicht mehr blicken lassen wollen.


Frank war verwirrt und er hatte Durst, nirgends gibt es Wasser, was er für trinkbar erachtete, also versuchte er einfach so einzuschlafen. Draußen hörte er Ziegen brüllen, eine Frau schrie, als ob sie unlängst vergewaltigt worden oder auf offener Straße Außerirdischen begegnet wäre. Die Sprache hier machte Frank nervös. Essen kaufte er, in dem er auf Dinge deutete, die Typen auf kleinen Blechschalen am Straßenrand vor sich hin grillten. Aber Frank hatte jetzt seit zwei Tagen nichts gegessen, denn als er vor einigen Tagen etwas aß, was aussah wie ein überfahrenes, frittiertes Eichhörnchen, seitdem war ihm übel und ab und an entfuhr ihm blutiger Durchfall. Ohgodohgodohgod, dachte er dann und legte sich in irgendeine feuchte Ecke und wartete auf irgendeine Erkenntnis oder Rettung oder Heilung oder Liebe oder sonst was. Aber nix kam, nie kam was weil: hier war nix. Absolut gar nichts, außer dem Dreck, der alles, was hätte sein können überlagerte.


Er wollte doch was lernen über die Menschen und jetzt saß er hier in irgendeinem pakistanischen Kaff und sah sich die Leute an, die alle krank aussahen, so richtig gefährlich krank, dass man sie nicht anfassen mochte. Es stank nach Pisse, Kotze und dem, was Leute fallen ließen. Und nach fallengelassenen Leuten. Frank fühlte sich krank und lag auf dem Bett des beschissensten Hotelzimmers der Welt und war verwirrt von dem, was dieses Hotelzimmer ausmachte. Dunkel, feucht, muffig. Es roch ähnlich wie innerhalb des Kühlschranks in seiner alten Studenten-WG damals, den er und seine Mitbewohner aufgrund des Erwerbs eines neuen Kühlschranks vom Stromnetz nahmen und vergaßen, die Nahrung herauszunehmen. Nach zwei Monaten haben sie dann die Tür geöffnet und das was da raus kam, war vergleichbar mit dem Gestank, der hier überall war.


Frank war Schriftsteller und auf der Suche nach neuer geistiger Beweglichkeit. Die hat er hier irgendwo vermutet, hier in Indien oder Pakistan, irgendeine Art von Spiritualität, irgendwo mußte doch das stecken, was die Welt zusammenhielt, vielleicht unter diesem ganzen Dreck. Frank hatte schon ein paar Tage gesucht, aber noch nichts gefunden außer Verwirrung, Krankheit, Lautstärke und Nutten. Gestern hat er mit einer Prostituierten geschlafen, weil er dachte, vielleicht würde sich nach schnellem Bezahlkoitus mit einem dieser kaputten Menschen irgendeine neue Erkenntnis einstellen. Aber da kam nichts, außer ein sich schnell ausbreitender roter Pockenbefall, der nässte und juckte. Ob es hier wohl einen Urologen gab? Und wie der wohl zu finden war? Nach dem Geschlechtsverkehr mit der übelriechenden, schmutzigen, dürren Fremden fühlte er sich schlecht, denn er wußte ja, dass er hier als weißer Europäer in einer Machtposition war, die klar machte, wer hier fickte und wer gefickt wurde. Zu wissen, was richtig ist und dann das Falsche tun, das ist wirklich verwerflich, wußte Frank und er schämte sich seiner Diskrepanz zwischen Wissen und Verhalten.


In einer Ecke stand sein Koffer, ein großes Ding, darin Hemden, Socken, Duschgel, Hosen und Unterwäsche. Der Koffer war sehr stabil. Frank war schon viel mit ihm gereist. China, Amerika, Sachsen-Anhalt, Australien. Und jetzt war er eben hier. Ein pakistanisches Kaff, das nach Resten von Leben roch. Und er dachte damals, Sachsen-Anhalt wäre schlimm.


Wenn Frank aus einem kleinen Loch, das sie hier Fenster nannten, aber wirklich nur ein Loch war, auf die Straße guckte, sah er Leute, die so klein, dünn und krumm sind, dass man meint, sie würden in ihrer winzigen, krummen Dünnheit kaum mehr einen Schritt gehen können, weil kaum noch Leben in ihnen ist. Und alle stanken aus ihren Gesichtern. Besonders der Typ, der ihm hier das Zimmer vermietet hatte, roch uncharmant nach Unkenntnis von Klopapierbenutzung und Ermangelung an Duschgel. Frank sah sich die Straße an. Die war aufgerissen und es machte den Eindruck, als wäre unlängst ein Krieg passiert und die Stadt würde sich gerade ein wenig davon erholen wollen. Die Straße sah aus wie eine offene Wunde, die unheilbar bakteriell verseucht war. Alles, was sie hier besitzen ist Ruin.


Bei seinen Spaziergängen hat Frank Häuser gesehen, denen Wände, Decken oder beides fehlte, manche waren einfach nur ein Pappkarton oder eine Folie. Nackte Babies und alte Menschen lagen auf der Straße. Ratten fickten überall. Und der Dreck, der hier überall lag, der war so kollosal und allgegenwärtig. Es war nicht diese Staubschicht, über die sich Frank zuhause aufgeregt hätte, wenn Olga, seine fleischige und fleissige polnische Reinigungskraft mal wieder vergessen hatte, mit so einem Staubhaftungstuch über seinen Schreibtisch zu wedeln, nein, dieser Dreck hier hatte eine ganz andere Qualität, er war ein eigenes Lebewesen, dass aus Essensresten und Exkrementen (was ja teilweise hier identisch war), Ratten, Restmenschen, Rost und Schimmel bestand.


Frank fragte sich, was die Menschen, die hier lebten eigentlich am Leben hielt, Hygiene, Freizeitmöglichkeiten und kulinarische Qualität konnten es kaum sein, also mußte es irgendwas anderes geben, dachte er und hielt genau dieses Wissen für das Geheimnis, welches er herausfinden mochte. Dahinter konnte sich doch nur sowas wie der Sinn des Lebens versteckt halten. Große Gedanken werden machmal auch ganz unten gedacht, wußte Frank. Unter diesem Dreck, irgendwo in diesem schmutzigen Menschengewühl mußte doch das sein, was er suchte. Er schloss die Augen und fiel in einen unruhigen Schlaf.


Da war so ein kleines Geräusch irgendwo, das ihn kurz wach machte. An seiner Tür, die eigentlich keine Tür war, sondern eher ein Vorhang ging jemand schnell vorbei. Frank blinzelte in die Dunkelheit, dann hörte er Atemzüge, die direkt neben ihm waren und dann fühlte er, wie sich ein rostiges Messer in seine Eingeweide bohrte. Er war auch ein bißchen froh, dass ihn endlich jemand von dieser dreckigen Welt entfernte ...


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