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15.07.2011

Brudergeschichte Teil 2

Die erste Chance des Spiels hat Pierre Littbarski, ein Fußballer, den ich über alles liebe, denn alle sagen, er sei klein und ich war auch immer überall der kleinste und deswegen ist Littbarski so ein Vorbild für mich, weil er sich als kleiner Mensch in der Welt der großen Menschen durchsetzen kann. Hinter mir brüllen 3 Idioten relativ asynchron "Lotta Matt-hähhhh-uuuus", nach drei Wiederholungen brüllt der ganze Saal "Looooothaaaar Maaa-thäääää-uuuus". Selbst mein jüngerer Bruder ist schon größer als ich.


In der Luft ist eine Anspannung zu schmecken, die man ansonsten selten zu spüren bekommt. Es ist ein Montag, mitten im Sommer, mein Bruder und ich stehen in einer Kneipe, in der es nach Rauch riecht und schmeckt. Stimmengemurmel, zwischendurch laute Schreie von Männer aller Altersklassen, ein Fernsehkommentator, der immer auf Ballhöhe ist. Unser Vater steht zwischen uns und ich spüre, wie er wackelt, ja, der ganze Vater ist so voller Gefühl gesaugt, wie er sonst kaum ist. Ein Emotionsschwamm, der Vater und er guckt auf den zuckenden Bildschirm, der uns einlullt. Wir starren alle drei den selben Fernsehapparat an, für dessen Anblick wir unsere Köpfe sehr strecken müssen.


Eine Flanke kommt, Rudi Völler geht zum Ball, Hans van Breukkelen, der holländische Torwart kommt aus dem Kasten und Völler, der in mir aufgrund seiner Gesichts- und Kopfbehaarung immer schon Unbehagen auslöste, prallt ein wenig mit ihm zusammen. Das Lokal eskaliert laut vor sich hin. Plötzlich spuckt Frank Rijkaard Rudi Völler in die Locken. Einen schönen durchsichtigen Flatschen. Denn konnte man wunderbar in Zeitlupe durch die Luft zirkulieren sehen. Wie ein besoffener Käfer, so flog der Brocken Spucke ins Völlerhaar. Voll rein, ins Gelocke. Völler regt sich auf, Rijkaard geht vorbei, beide sehen rot. Die Empörung im Lokal ist eine der lautesten Empörungen, die ich jemals gehört habe. Da schreien Leute einen Apparat oder einander an und sie glauben, dass diese Schreie bis nach Italien zu hören sind. Mein Vater springt wild, er atmet, er trinkt einen Schluck Bier und schreit etwas, was ich nicht verstehen kann. Mein Bruder ist genauso aufgeregt. Ich spüre nur diese unendliche Spannung in der Luft, die man fast knistern hören kann. Ich fühle mich wie ein trockenes Stück Holz, das ins Feuer geworfen wird. Die Männer hier in der Kneipe, und es sind wirklich nur Männer diskutieren lauthals und hollandverfeindet über die Aktion des Spuckers und mir fällt ein, dass ich auch schon immer in Rudi Völlers Haare spucken wollte. "Rijkaard, du Lama, Rijkaard in den Zoo", brüllt mein Vater, inspiriert von jemandem, der das leise neben ihm sagte und plötzlich tönt auch aus dieser Idee ein Sprechchor empor: "Rijkaard, du Lama, Rijkaard in den Zoo!!!", das ganze wird begleitet von affenartigen "uh uh uh"-Rufen, sobald der holländische Spieler ins Bild kommt.


Mein Bruder hält die Hand hoch, die, die er sich mal aus nichtbehinderter Unbedarftheit abgesägt hat und die aufgrund der Schnelligkeit meines Vaters und seines Autos wieder an seinen Arm verweilt und brüllt auch irgendwas hollandfeindliches. Alle brüllen das hier irgendwie und die Stimmung macht mir Angst. Hinter mir fangen zwei Typen an, sich fast zu kloppen, weil der eine meint, dass der andere meinte, der Völler hätte auch die rote Karte verdient. Seit ich die Frisur von Rudi Völler gesehen habe, will ich da schon reinspucken. Diese wallende, sich kräusende Matte, die wie ein zerfetztes und hässlich entstelltes, weil überfahrenes Tier aussieht, das man dem Völler an seinen Hinterkopf genäht hat. Ich habe Angst, dass die Leute hier bemerken, dass ich auch gespuckt hätte bei Gelegenheit. Die Aufruhr wird immer größer. Die Aufreger immer feindlicher und immer deutscher.


Ein unbeholfener, menschlicher Baum namens Guido Buchwald hat eine riesen Torchance und sie zeigen anschließend sehr lange das ernste Gesicht von Franz Beckenbauer hinter einer seltsam großen Brille. Die Brille des Beckenbauers verleiht seinem Gesicht etwas sehr stumpfsinniges. Brillen machen aus vielen Menschen klug aussehende Geschöpfe, dieser Beckenbauer sieht aus wie der Versuch mit zwei großen, fast runden Gläsern sein Gesicht vor der Umwelt abzuschirmen. Er sah immer aus wie ein brutaler krediteverweigernder Sparkassenangestellter mit schlechter Laune und Gewalttoleranz. Vor ihm hatte ich fast so viel Angst, wie ich Rudi Völler doof fand.


Das Spiel eskaliert noch ein paar Mal, dann schießen Jürgen Klinsmann und Andy Brehme jeweils ein Tor und der Saal gerät in eine festliche Freibierstimmung. Irgendwas zwischen Schützenfest und den Bildern, die ich im letzten Jahr von Leuten, die durch die Berliner Mauer gelaufen sind, ist los und man schunkelt und singt Fuballsongs und deutsche Volkslieder. Zweimal verliere ich meinen Vater im Gedrängel, weil entweder er oder ich zur Toilette müssen. Mein Bruder steht da und läßt sich von diesem Wahnsinn treiben. Er schreit, er tobt, er wütet, bei beiden Toren liegt er in den Armen meines Vaters und ich stehe wie ein unsachverständiger Nichtfußballer daneben. Mein Vater ist mittlerweile sehr betrunken, ich bemerke es, als er mit jemandem spricht, der neben ihm steht und kaum mehr ein paar Buchstaben als Wort aneinanderreihen kann. Mein Bruder hüpft auf und ab und brüllt: "Deutschland wird Weltmeister." Mein Vater unterhält sich mit irgendwem und ich kann sehen, dass beiden Männern die klare Sprache aufgrund von akuter Besoffenheit fehlt. Irgendjemand greift meinem Bruder in den Nacken und zieht in an sich ran und starrt ihn fast eine Minute lang an, bevor er zu irgendeinem anderen sagt: "Ganz dem Vatta sein Gesicht, wa?"


Plötzlich kommt Bewegung, Geschwindigkeit und noch mehr Ekel in den Abend. Mein Bruder und ich werden mitgezogen von meinem Vater, jeder an einer Hand verlassen wir die stickige Kneipe und wir werden auf die Rückbank seines Autos gedrückt. Dieser Vorgang geht so unglaublich schnell, ich hätte sie von meinem doch stark alkoholisierten Vater kaum erwartet. Vorne setzt sich der dicke Freund meines Vaters hin, der mit dem er eben noch so verschwörerisch dahergeredet hat und mein Vater selbst klemmt sich hinters Steuer. Wir fahren los. Der dicke Beifahrer nimmt seinen Deutschlandschal ab und kurbelt die Seitenscheibe runter und läßt den Schal im Wind flattern, dazu singt er: "Schalalala schalalalalalalala schalalalalalalala schalalalalalalala, schalalala ..." Mein Vater furzt. Es stinkt. Mein Vater lacht. Ich sehe nicht, wo wir hinfahren. Mittlerweile scheint auch mein Bruder Angst zu haben. "Papa, wo fahren wir hin?", fragt er, ängstlich in den Sitz gepresst. Mein Vater antwortet nicht, blickt sturr geradeaus. Hinter uns und vor uns fahren ebenfalls Autos, die hupen und aus denen Fußballgesänge ertönen.


Vor uns ist es plötzlich hell, sehr hell, eine Reihe parkende Autos steht vor uns, darin und darauf befinden sich Leute. Die Scheinwerferkegel der Autos erfassen uns Ankömmlinge. Auch in dieser Luft hier draußen liegt wie in der Kneipenatmosphäre von vorhin etwas nicht kalkulierbares. Die Leute auf und in den Autos sind laut, sie brüllen alle irgendeinen Sprachchor. Alle tragen Hollandtrikots, zwei, die ich sehen kann tragen zusätzlich abgesägte Tischbeine. Mein Vater bringt den Wagen zu stehen und schaut sich hektisch um, während sein dicker Freund bereits mit einem Satz den Wagen verlassen hat. Jetzt weiß ich auch, wo wir sind, wir sind an der Grenze, der Grenze zu Holland und an der des guten Geschmacks ohnehin.


Seinen besoffenen Vater niederländische Fußballhools verprügeln zu sehen ist nicht unbedingt das, was man ich wünscht, wenn man mit seinem Vater unterwegs ist. Ich sehe Fäuste, Blut, sogar Tränen, ja, ich sehe Männer weinen. Mein Vater weint nicht, mir fällt ein, dass ich ihn noch nie habe weinen sehen. Ich empfinde es nicht als Heldentat, als er einen ohnehin schon komplett blutübersudelten Typen, den er im Schwitzkasten hat mit dem Kopf auf die Motorhaube unseres Autos schlägt, als wolle er seinen verängstigen Söhnen zeigen: "Seht her, euer Vater kann euch zwar nicht wirklich täglich die eingeforderte Dosis Liebe zuteil werden lassen, aber immerhin kann er das hier ... bääm, bääm, bääm ..." Kopf geht auf und der Vater lächelt. Der Typ mit dem Gesichtsblut rutscht ohne jedliche Anzeichen von Körperspannung die Motorhaube herab, ganz so als wäre er tot. Und wahrscheinlich will unser Vater, dass wir lachen, wie wir bei Bud Spencer Filmen lachen und mein Bruder und ich sitzen auf dem Rücksitz und zwischen uns sitzt die Angst und scheißt sich in die Hose. Und wir lachen ein bißchen, wegen der Angst, weil die alles mit uns machen kann, die Angst. Dann sehe ich, wie jemand meinem Vater von hinten mit einem hölzernen Tischbein mit Schwung in die Kniekehlen haut, sodass mein Vater zu Boden geht. Das sind schlimme Sekunden. Wir sehen das Tischbein, es ist voller Blut, der Typ der es bedient ist schemenhaft erkennbar, unser Vater gar nicht mehr. Es dauert zwei Minuten, unendliche 120 Sekunden, bis ich meinen Vater sehe, wie er sich langsam an der Motorhaube hochzieht und vor dem Wagen zum Stehen kommt. Sein Hemd ist blutverschmiert und zerrissen.


Die Schlachtreihen lichten sich. Die Sache ist trotzdem ernst. Ich sehe einige Leute, die liegengeblieben sind. Der dicke Freund meines Vaters humpelt zu einem anderen Auto und steigt dort ein. Im Scheinwerferlicht sah sein Gesicht aus , als hätte man ihm einen Pürierstab dort hineingehalten. Irgendwann sitzt auch mein Vater wieder im Auto und ohne, dass mein Bruder oder ich etwas gesagt hätten, beginnt er zu reden, sein Tonfall hat fast den einer Entschuldigung. "Es mußte sein, die können doch nicht einfach so unseren Rudi anspucken", sagt mein Vater, als wir Richtung unserer Mietwohnung fahren. "Ja, stimmt", sagt mein Bruder, wahrscheinlich aus Dummheit oder Angst heraus. Ich hätte Rudi auch angespuckt, will ich sagen, ich hätte ihm auch in die Mähne gerotzt. Aber die Angst verbietet es mir, die Angst vor meinem rassistischen Vater, den ich in dieser Nacht, das erste Mal kennengelernt habe. Wenn man das Bild, welches der Vater einmal war gegen den Splitter der Realtiät eintauschen könnte, der in dieser Nacht durch unsere rasenden wahrnehmungsbeschleunigten Kinderköpfe ging, ich hätte es sofort getan. Das Bild von zuvor, gegen das zerstörte Bild von jetzt. "Ja, diese verdammten Holländer", sage ich dann in unüberzeugtem Leiseton. Es tritt ein Gefühlsgemisch in mich, halb Scham, halb Angst. "Eurer Mutter sagt ihr bitte, dass wir noch schön den Sieg in der Kneipe gefeiert haben, ok?". Mein Bruder und ich nicken synchron, als mein Vater, sich noch im Wagen sitzend, das blutige Hemd vom Körper abstreift und in eine Plastiktüte packt, die er aus dem Handschuhfach gezogen hat. Er ist perfekt vorbereitet.


Leise und verschwörerisch ziehen wir im Hausflur unsere Schuhe aus. Mein Vater lächelt, trotz offener Wunden und leicht angeschrägter Nase. Für ihn ist es das Lächeln eines Siegers, für mich das Lächeln eines Lügners. Mein Vater gibt uns die Hand, meinem Bruder und mir, als wären wir Geschäftspartner, die gerade einen wichtigen Vertrag geschlossen haben. Sein Händedruck ist sehr warm und sehr fest. Mein Vater. Morgen wird er zur Arbeit müssen. Der Körper meines Vaters ist ein faschistischer Schmutzwall. Ich frage mich noch vor dem Schlafengehen, wie es zusammenpasst, das mein Vater die Holländer so sehr hasst, wir aber jedes verdammte Jahr an irgendeinem holländischen Nordseestrand mit der Familie Zelturlaub machen. Ich kann es mir nicht beantworten und falle in einen anonymen Schlaf.


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