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17.01.2011

Onkel Kohn

Erst spät lernte ich Onkel Kohn kennen. Als ich neben ihn ins Auto stieg, war er nur ein dicklicher, seltsam grinsender Verwandter der mich ein paar Tage zum Zelten abholte. Meine Eltern hatten ihn beauftragt mir etwas Perspektive beizubringen. In der Schule stand's schlecht um mich. Freunde hatte ich keine, und meine Aussenaktivität beschränkte sich auf den Gang zum nächsten Kippenautomaten. Es wunderte mich, dass meine Eltern ausgerechnet Onkel Kohn zu meiner Rettung auserkoren hatten. Er schrieb Bücher, das heisst, er übersetzte sie, wenn ihn jemand lies. Für meine Eltern eine fast schon anarchistische Verweigerung des geregelten Lebens. Anscheinend hatte sie meine Selbstaufgabe doch mehr beeindruckt als erwartet.

Wir fuhren eine Weile schweigend durch die öde Gegend bis Onkel Kohn an einer Tankstelle hielt.
"Was willst du trinken?" fragte er.
"Benzin."
"Gibt's das auch im Six-Pack? Wenn nicht hol ich uns ein paar Bier." Er lächelte.
"Ok, dann nimm ein paar mehr." sagte ich erleichtert, und begann ihn schon cool zu finden, änderte meine Meinung jedoch gleich wieder, als ich sah, dass er die Flaschen im Kofferraum verstaute.
 
Am Rand eines Waldstücks parkte er den Wagen. Es regnete. Er stieg aus, und ich hörte ihn mehrmals laut durchatmen.
"Herrlich. Diese Luft. Diese Ruhe. Das muss man auf sich einwirken lassen."
Ich hörte es aufs Autodach prasseln. Von der geöffneten Tür ging's kalt rein. Die Luft nervte mich schon jetzt, und von Ruhe war weit und breit keine Spur. Am liebsten wäre ich auf die Fahrerseite gerutscht, und hätte mich irgendwohin verpisst, doch ich überwand mich, und stieg aus. Onkel Kohn stand am Kofferraum und holte unsere Rucksäcke raus. Genervt schwang ich mir meinen um, und schnappte mir das Zelt. Die Teile waren viel zu schwer. Die Gegend frostig und trostlos, und wir gingen dieser Tristesse, beladen wie Idioten, auch noch freiwillig entgegen.

Zwei Stunden lang wankten wir durch Matsch und Moos, vorbei an trüb dahinplätschernden Bächen und verlockend trockenen Felsvorsprüngen. Meine Klamotten spannten sich bald nasskalt über meine Haut. Meine Chucks fühlten sich an, als wären sie in Stempelkissen getaucht. Doch Onkel Kohn schien es nicht eilig zu haben ins trockene zu kommen. Mit ruhigen Schritten führte er uns zu einer abgelegenen Stelle nahe des Flusses, an der wir unser Zelt aufschlugen. Als wir unsere Isomatten ausbreiteten, war es bereits dunkel. Ein Ende des Regens war nicht abzusehen. Ich wollte mich nur noch in den warmen Schlafsack verkriechen, mir das ein oder andere Bier genehmigen und diesen Irrsinn so benebelt wie möglich über mich ergehen lassen. Aber daraus wurde nichts.
"Jetzt noch eine Runde schwimmen, dann haben wir uns unser Bier wirklich verdient." frohlockte Onkel Kohn.
"Du willst bei der Kälte ins Wasser? Es regnet! Wir sind doch schon naß genug."
"Das Wasser ist wunderbar warm wenn's regnet. Wirst schon sehen." Er zog sich nackt aus, und stapfte vor's Zelt.
"Was ist? Du verpasst was." Lächelnd lugte er durchs Zeltfenster. Was hatte ich mir da nur eingebrockt? Perspektive hin oder her, aber nackt in der Kälte herumzuzappeln, war ganz sicher nicht zukunftsträchtig. Andererseits würde ich noch lange genug in diesem engen Scheisszelt herumliegen. Nasskalte Luft oder die dumpfe Trockenheit durchweichter Socken. Wohin ich auch blickte, es wurde nicht besser, es half alles nichts. Ich zog mich aus, sprang aus dem Zelt, stürzte an Onkel Kohn vorbei und machte eine Arschbombe in den Fluss. Er hatte Recht gehabt. Der Fluß stieß mich nicht ab. Das Wasser war warm, die Strömung mild. Die Bäume rauschten ruhig. Der ganze Wald schien sich vor diesem Ort zu verneigen. Wer war nur auf die Idee gekommen, soviel Freiheit an so einem lahmen Fleckchen abzulegen?

Ich schlief gut. Als ich aufwachte, regnete es nicht mehr. Ich hatte einen Mordshunger. Jetzt eine ordentliche Portion Rührei mit Speck, und ich würde auch dem trübsten Tag versöhnlich entgegensehen. Ich sah Onkel Kohn vor dem Zelt herumhantieren, und steckte meinen Kopf nach draussen.
"Was gibt's zu essen?"
"Fisch." Er lächelte. Die Angelruten an denen er rumzupfte, irritierten mich.
"Sag mir bitte, dass wir den Fisch bereits besitzen."
"Klar besitzen wir ihn. Er weiß es nur noch nicht." Grinsend reichte er mir die Angel. Ich nahm sie widerwillig. Ich sah mich um. Es gab keine Beeren, kein Obst, nur Gras und Wurzeln auf denen ich hätte rumkauen können. Die Angel widerte mich an. Ich fühlte mich ihr ausgeliefert. Mit hängendem Kopf trottete ich hinter meinem Onkel zu einem Steinplateau. Wir setzten uns, und warfen die Schnüre ins Wasser. Nie hatte ich so sehr auf ein Zucken meiner Hände gewartet, wie jetzt.
Es wurde ein spätes Frühstück. Irgendwann am Nachmittag hatten wir drei Forellen. Mein Magen knurrte. Onkel Kohn nahm die Fische aus, und stopfte sie mit Kräutern und Gewürzen voll. Ich kramte den kleinen Gasgrill aus der Tasche und machte ihn warm. Als das Fleisch brutzelte, wurde ich plötzlich betrunken. Irgendwas im Essen überwältigte mich. Ich fühlte mich auf einmal ganz klein und lebendig. Wie konnte mich stumpf vor sich hin garender Fisch nur so tief berühren? Das war mir alles zu hoch hier draussen.
"..und, wär das ein Leben für dich, so wie hier?" fragte Onkel Kohn, wie wenn er meine Gedanken gelesen hätte.
"Naja, hier ist's auch nicht besser oder schlechter als anderswo."
"Ich glaub ja, es ist anderswo besser, aber hier muss man das niemandem beweisen."
"Wieso muss man überhaupt immer allen, irgendwas beweisen?"
"Vielleicht weil sonst alle irgendwann denken dass es hier nicht besser, oder schlechter ist als anderswo." Er lächelte. Ich hatte das Gefühl mich verteidigen zu müssen.
"..aber wenn das alle denken, weiß man ja eh dass es Mist ist."
Er nickte anerkennend. "Nette Lebenseinstellung." Er köpfte ein Bier, reichte es mir, und machte sich selbst noch eins auf. Ich trank, und wartete auf den Moment an dem er mir zu nahe kommen würde, auf den Augenblick an dem er fragen würde: "Na, wie läuft's mit den Frauen?" oder "..und, schon Zukunftspläne?" Doch Onkel Kohn trank ruhig sein Bier, sah zufrieden in die Dämmerung, und schien mit dem Schweigen sehr einverstanden zu sein. Erleichtert hakte ich die Gesprächspflicht für heute ab, und merkte, dass ich eigentlich viel zu aufgewühlt dafür war.

Nachts konnte ich nicht schlafen. Onkel Kohn schnarchte. Die Socken stanken. Das Bier war längst alle, und ich hatte nicht mal mehr Kippen. Worte wie Lebenseinstellung machten mich Irre. Wieso gab's sowas überhaupt? Ich wünschte mir, ein Tier zu sein. Tiere vertrauten ihren Instinkten. Tiere zweifelten nicht. Tiere irrten sich nicht. Tiere waren sich nicht zu fein, an Ort und Stelle zu pissen. Ich musste zu diesem Zweck an den Waldrand. Die Luft war mild und erfrischend. Ich bekam Lust mich zu besaufen. Ich hatte ganz in der Nähe Licht gesehen. Dort musste ein Dorf sein. Sicher konnte ich mir in der Wirtschaft ein paar Flaschen zum mitnehmen holen. Instinkt. Ich spürte ihn selten. Doch diesmal umso lauter. Gierig strich ich durch den Wald, vage dem in der Nacht flackernden Licht folgend, das Befreiung versprach. Ich hörte, und sah nichts, bis sich neben mir etwas hastig bewegte. Ich schreckte zurück. Es raschelte. Ich tastete nach meinem Feuerzeug, und machte Licht. Er war zu schwach um zurückzuzucken. Wahrscheinlich steckte er schon seit Tagen in der Falle. Ich hatte noch nie einen Fuchs gesehen. Er war wunderschön. Ich setzte mich neben ihn, und legte vorsichtig meine Hand auf sein Fell. Es war weich und dicht. Ich streichelte ihn. Er hob und senkte mühsam den Kopf. Sein Atem klang kraftlos. Ich spürte an seiner Haut, wie sein Herz raste. Ich sprang auf und rüttelte an der Kette der Falle. Vergeblich. Ich suchte mir einen robusten Ast, und schlug damit auf die Kette ein. Wenn ich sie nur lang genug bearbeitete, würden die rostigen Ösen schon mürbe werden. Doch es half nichts. Ich bekam einen Krampf im Arm und war zu schwach um weiter drauf los zu dreschen. Ich hörte dass das Rascheln schwächer geworden war. Etwas rasselndes war jetzt in seinem Atem. Er musste dringend etwas essen. Ich stolperte zum Waldrand, und suchte die Sträucher nach Beeren ab. Als ich merkte, dass ich mir die Arme vergeblich blutig kratzte, trottete ich geschlagen zurück zu meinem Freund. Er sah mir in die Augen als ich mich neben ihn setzte. Es schien, als wollte er mir sagen dass er längst wusste, dass meine Bemühungen vergeblich waren. Es schien, als wollte er mich trösten. Für meine Unwissenheit. Dafür, dass ich nichts vom Leben verstand. Ich rückte näher an ihn heran. Er atmete jetzt ganz ruhig. Wir sahen uns an, bis seine Pupillen am Morgen ihre Richtung verloren und langsam auseinanderklafften. Ich fühlte nach seinem Herzschlag, aber sein Körper war schon kalt. Ich grub meine Hände in die laubbedeckte Erde und deckte ihn damit zu. Dann stand ich auf und ging zurück. Seltsam leer. Seltsam aufmerksam. Etwas im Blick, das mich anlockte. Als ich am Fluss ankam, fühlte ich diese Wärme. Ich liess mich fallen, klatschte ins Wasser, und spürte wie mich der Fluss stromabwärts in Richtung des Zelts trieb. Es hatte abgekühlt, doch ich fror nicht. Das Wasser war angenehm warm. Ich vertraute ihm. Ich wusste, irgendwo auf diesem Weg war ein Leben das auf mich wartete, und wenn ich die Augen weit genug offen hielt, konnte ich es nicht verfehlen.


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