Blog

19.10.2010

Melek

Verliebt war ich in Melek seit sie mich ins Wasser geworfen hatte. Bis dahin hatten wir uns nicht wirklich gekannt. Sie war mir zwar vorher schon ein paarmal aufgefallen, und manchmal hatte ich den Eindruck unsere Blicke hätten sich gestreift, aber gesprochen hatten wir nie. Unsere erste Berührung war der kleine Schubser den sie mir gab, als ich neben ihr über die Kanalbrücke schlurfte. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich klatschte ins Wasser, und als ich verwundert wieder auftauchte, sah ich dieses fremde Mädchen in die Hocke gebeugt über mir sitzen und mich breit angrinsen. „Na warte, du..“ Ich kraulte zum Kanalrand, sprang aus dem Wasser und sah sie lossprinten. Sie rannte an der rechten Liegewiese am Kanal entlang, ich hastete ihr auf der linken nach. Es gab nur zwei Brücken die zur rechten Seite führten. Über eine musste sie früher oder später gehen. Ich setzte mich ins Gras und wartete. Sie schlich sich an die vordere Brücke heran. Wir musterten uns. Ich blieb sitzen. Sie verharrte eine Weile, dann rannte sie los. Ich wuchtete mich hoch, und sprintete ihr hinterher. Wir schlängelten uns vorbei an krebsroter Cellulite und sonnenverwöhnten Bierwampen, trampelten über Handtücher und verwischten den Rauchern im Vorbeihuschen ihre kühle Wolkendecke. Sie war schnell, aber ich holte auf. Nach ein paar hundert Metern hatte ich sie. Ich stellte ihr ein Bein. Sie stolperte, und riss mich mit. Ich landete auf dem Arsch, und schürfte mir die Schenkel am vertrockneten Gras auf. Sie drehte eine Pirhouette, und platschte ins Wasser. Ich kugelte hinterher. Unter Wasser bekam ich einen Fuß von ihr zu fassen. Ich versuchte sie an mich heranzuziehen. Sie schlug aus, und traf mich an der Brust. Ich keuchte. Jetzt reichte es mir. Ich sprang ihr entgegen, nahm sie in den Schwitzkasten, hebelte ihr die Beine aus und tauchte sie ordentlich. Nach ein paar Sekunden liess ich sie wieder los. Sie tauchte langsam auf, und sah mich unschuldig an. „Hast du auch nen Namen, oder hat man dir stattdessen ein paar Reflexe zuviel gegeben?“ fragte ich. „Melek.“ sagte sie lächelnd, sah mir kurz in die Augen und verschwand dann unter Wasser um mir die Beine wegzuziehen.

Ich sah sie jetzt jeden Tag am Kanal. Wir sprachen selten, doch ich merkte dass sie sich in Sichtweite von mir hinlegte. Sie war immer allein. Wieso war sie nicht wie alle anderen hübschen Mädchen mit Jungscliquen unterwegs? Vielleicht kannte sie hier niemanden? Wenn, dann schien ihr das nichts auszumachen. Sie lag stundenlang rum, kritzelte irgendwas in ein Notizbuch, oder lag nur da und sah in den blauen Himmel. Ab und zu sah sie auch zu mir. Es schien als würde sie lächeln, doch auf die Entfernung konnte ich das nicht wirklich einschätzen, und sah bald weg. Ich ging ein paar Bahnen schwimmen. Als ich zurückkam war sie verschwunden.
Für heute hatte ich auch genug. Ich packte meine Sachen, holte mein Skateboard aus dem Schließfach und rollte in Richtung Innenstadt. In einer kleinen Seitenstraße holte ich sie ein. Ich gab ein bisschen Gas, sprang neben ihr auf den Gehsteig, und liess das Deck von der Kante flippen. Mit einer 180 Grad Drehung brachte ich das Board zum stehen, nahm es in die Hand und ging ihr entgegen.
„Wie oft hat’s dich auf die Schnauze gehauen bis du das konntest?“ fragte sie.
„Viel zu oft.“
Sie nickte, und strich sich eine Strähne aus der Stirn.
„Wirfst du eigentlich alle die du nicht kennst ins Wasser?“
„Nur wenn’s mich stört dass ich sie nicht kenne.“ Sie sah mich lächelnd an. Mir wurde heiss.

Am nächsten Tag legte ich mich zu ihr. Ich gab ihr ein Eis aus und wir schleckten es auf den Tischtennisplatten bei den Umkleidekabinen. Als wir uns die Kugeln grad schön schmecken liessen, krabbelte eine dicke Spinne an unseren Füßen vorbei. Melek steckte ihre Waffel ins Tischtennisnetz, bückte sich und schnappte sich das Vieh. Sie zwinkerte mir zu. „Komm such dir auch eine.“ Ich legte die Waffel auf die Platte, und sah mich auf der Wiese um. Ich musste nicht lange suchen, bis ich ein wohlgenährtes Prachtexemplar eines Stinkkäfers fand. Melek war beeindruckt. Wir legten uns auf die Lauer. Als sie das Zeichen gab schlich ich hinter ihr her und schloss mich mit ihr in einer der Kabinen ein. Wir hörten Geräusche nebenan. Melek stellte sich auf das Sitzbrett und lugte in die Nachbarkabine. Sie hielt mir die Hand entgegen. Ich gab ihr den Stinkkäfer. Sie visierte einen Moment die Stelle an, dann liess sie die Viecher herabrieseln. „Hilfe! Iiieeeeh, Hilfe!“ Noch als sie sich wieder bückte ertönte der Schrei, markerschütternd und herrlich schrill. Die Tür knallte, nackte Füsse trappelten. Ich öffnete die Kabine, und sah eine halbbekleidete ältere Dame davonstürmen. Melek krümmte sich vor Lachen. Ich lag bald auch am Boden und bekam Magenschmerzen vom überreizten Zwerchfell.
„Hey, lass uns mal auf die Sonnenterrasse. Da könnt gleich jemand kommen.“ keuchte sie mit tränenden Augen. Das liess ich mir nicht zweimal sagen.
Wir legten uns aufs heisse Pflaster der Terasse. Ich fühlte mich großartig und unangreifbar.
„Hier oben ist zwar kein Kanal, aber ich glaub ich werf dich trotzdem ins kalte Wasser.“
„Probier’s.“ lächelte sie.
Ich drehte mich zu ihr und strich ihr durch die Locken. Ihr Blick wurde weich. Ihre Lider senkten sich langsam. Ich küsste ihre Oberlippe. Sie drückte mich fest an sich. Ihre Küsse schmeckten wie weiches Wachs. Ihre Bewegungen tanzten mit meinen verstecktesten Geistern. Die Zeit war ein Zelt das dem Sturm ihres Schulterzuckens nicht lange standhielt.

Melek wollte unbedingt Skaten lernen. Ich war ein guter Trainer, und sie lernte schnell. Sie stürzte sich gerade in die Halfpipe als ein Auto neben dem Park anhielt. Ein Mann stieg aus. Er sah uns seltsam an. Als Melek ihn bemerkte erstarrte sie. Der Mann ging einen Schritt auf den Hügel am Skatepark zu, und sagte Dinge auf persisch. Es klang nicht nett. Melek verschränkte die Arme und sah ihn eindringlich an. „Du kannst mich nicht einsperren!“ Der Mann wurde rot, und begann wild zu gestikulieren. Seine Stimme klang hoch, ihr Nachdruck war beängstigend. „Ich hab dir schonmal gesagt. Ich bin alt genug, selbst auf mich aufzupassen.“ schrie Melek. Ihr Vater sah jetzt zu mir. Er behielt mich eine Weile im Auge, sah dann zu seiner Tochter, und sein verachtender Gesichtsausdruck benötigte keine Worte mehr um sich einzuschürfen. Zornig ging er zu seinem Wagen, startete ihn und brauste davon. Melek sank zu Boden und begann zu schluchzen. Ich setzte mich neben sie und nahm sie in den Arm.
„Dieses Arschloch. Dieser verdammte Wichser. Wieso begreift er nicht dass ich ein eigenes Leben habe?“
Sie sah mich fragend an. Ihre Augen waren so klar. Ich wusste nicht was ich sagen sollte.

Die nächsten Tage war sie nicht beim Schwimmen. Ich wusste nicht wo genau sie wohnte, aber ich kannte den Stadtteil. Ich hinterlegte bei der Pförtnerin des Freibads meine Adresse für den Fall dass sie doch noch kam. Dann skatete ich wie ein Irrer durch die Straßen ihres Bezirks, doch ich sah sie nicht. Alles sah gleich aus. Die Häuser, die Autos, die Menschen. Wie sollte man hier jemanden finden? Frustriert fuhr ich nach Hause. Ich hatte nur ihren Namen. Melek. Süße, süße Melek. Keine Telefonnumer. Keinen Nachnamen. Nur ihr wundervolles Lächeln, und den Geschmack ihrer Küsse so tief in Erinnerung dass jedes Aufbäumen der Realität wie ein fader Traum sofort wieder verpuffte. Ich wälzte mich im Bett, und starrte aus dem Fenster. Die Nacht war viel zu heiß. Die Stadt viel zu laut. Wenn ich sie nur hören könnte.
Ich schlief nicht, doch ich träumte. Ich lag in einer U-Boot Koje, und Schüße dröhnten an die Wände. Die Kugeln drangen nicht ein weil sie zu schwach waren. Ich wusste das, aber keiner sonst. Alle schrien, doch ich wusste, es würde nicht aufhören. Es würde nie aufhören. Ich schreckte auf. An der Balkontür stand Melek. Sie klopfte. War ich wach? Sie schnitt eine Grimasse. Ich stürzte zur Balkontür, öffnete sie und drückte sie so fest ich konnte.
„Die Pförtnerin?“
Sie nickte.
„Ich geh nicht mehr zurück. Ich geh da nicht mehr hin.“ sagte sie kalt.
„Hat er dich geschlagen?“
„Nein, das nicht. Er hat mich in meinem Zimmer eingesperrt, und ist dann in die Arbeit als ob nichts gewesen wäre.“
„Wie bist du rausgekommen?“
„Ich hab’n Stuhl durch’s Fenster geworfen. Dann bin ich auf den Balkon im ersten geklettert, und von dort gesprungen.“
Ich strich ihr ein paar Glassplitter aus den Haaren.
„Jetzt bist du erstmal in Sicherheit. Scheiß drauf was morgen ist.“
„Ja, du hast recht.“ Sie lächelte. „Hey, Schön dich zu sehen.“
Sie umklammerte meine Hüfte, und drückte mir einen Kuss auf die Stirn. Wir liessen uns fallen. Da wo vorher ein Dröhnen und Lärmen war, ertönte bald, leise und ganz vertraut, der unfehlbare Gleichklang zweier im Dunkeln tanzender.

Am nächsten Morgen gingen wir früh raus. Wir irrten durch die Stadt. Die Stadt war groß, aber nicht groß genug wenn man unsere Wege kannte. Hinter jeder Straßenecke vermutete ich die Inquisition. In jedem Schaufenster spiegelte sich der unbarmherzige Griff von Meleks Vater. Gerade war Jahrmarkt. Da konnte man sicher gut in der Menge untergehen. Wir schlenderten vorbei an den Buden. Es roch nach Bier und gebrannten Mandeln, ein Hauch von Aggression und Euphorie schwelte über den Festplatz. Doch niemand nahm von uns Notiz. Das beruhigte mich ein wenig. Vor dem Crazy Twister blieb ich stehen.
„Hey, Lust da mitzufahren?“
„Langweilig“ grinste Melek. „Das hier sieht eher interessant aus.“ Sie zeigte auf den Satans Looping.
„OK?!“ Ich bekam weiche Knie wenn ich dran dachte da mitzufahren, aber die Fahrt würde uns auf andere Gedanken bringen. Ich kaufte zwei Tickets, und wir machten es uns in den gepolsterten Sitzen bequem. Als sich die Sicherheitsbügel schlossen tippte Melek mich an. Sie deutete mit dem Kopf zum Kassenhäuschen. Ich sah ihn sofort. Er hatte uns scheinbar noch nicht entdeckt. Während der ganzen Fahrt starrte ich nach unten. Ich sah dass er sich nicht wegbewegte, dann sah ich den Himmel und drehte mich vorbei an den Ständen und Zelten, bevor es mich wieder in Richtung Wolken drückte, und ich der Schwerkraft erneut entgegenfiel. Nach der Fahrt war ich schwach auf den Beinen, doch ich musste mich zusammenreissen. Wir schlichen uns uns vom Fahrgeschäft, und drängten uns durch die Menge. Ich sah ihn an einer Losbude stehen. Wie war er so schnell dahin gekommen? Melek sah ihn auch. Wir verharrten eine Sekunde. Er machte einen Schritt auf uns zu. Wir begannen zu laufen. „Da rein!“ Melek zog mich in die Geisterbahn. Wir huschten vorbei am Kassenhäuschen, sprangen über die Wagen und rannten zu Fuß in den engen Tunnel. Fuck war das dunkel. Irgendwo zwischen kichernden Hexen und dem dumpfen Charme von Frankenstein flimmerte ein rettendes Stroboskop. Wir kauerten uns auf den Boden. Ich hielt Melek fest.
„Ich will nicht dass er dich mir wegnimmt.“ Sie drückte ihren Kopf an meine Schulter. Ich strich ihr durch die Locken.
„So schnell lass ich dich nicht los.“
Ich spürte einen Kuss auf der Wange. Ihre Hände schlossen sich um meine Brust. Diese Atemzüge gehörten uns.
Irgendwann weckte uns ein Getrampel und Geschrei. Taschenlampenlichter zuckten. Menschliche Stimmen drangen bedrohlich durchs heilsame Dunkel. Wenn es doch nur Frankenstein wäre, oder die Hexe, oder einer dieser Mutanten, aber es war der Geisterbahnbetreiber mit zwei Bullen im Schlepptau. Sie führten uns ab. Draussen übergaben sie Melek ihrem Vater. Ich sollte zum Verhör mitkommen. Die Bullen schwafelten irgendwas von Hausfriedensbruch und Diebstahl. Als sie mich zu ihrem Wagen schoben, drehte ich mich nochmal um. Ich sah wie Meleks Vater sie fortzog. Unsere Blicke trafen sich einen unendlichen Moment, dann riss sie sich los, lief einen Schritt, und wurde doch gleich wieder von einem stählernem Griff ausgebremst. Die Bullen zeigten keine Reaktion. Ich sah noch wie Melek ihrem Vater ins Gesicht spuckte, und sich schließlich mit gesenktem Kopf seinem Willen fügte, dann schob mich der Bulle in den Wagen und knallte die Tür zu.

Einen Monat später erreichte mich ein Brief. Melek war zu ihrer Cousine nach Antwerpen geflohen. Sie schrieb es gehe ihr gut. Sie könne in Antwerpen bleiben, und dort zur Schule gehen, studieren, leben. Ihr Vater hat eine Suchmeldung rausgegeben. Aber er wird nicht erfahren wo sie steckt. Ihre Cousine ist, genau wie sie, auch geflohen. Es wird schwer sein, sie zu finden. Es wird schwer sein dich zu finden. Süße, süße Melek. Nicht nur für die vor denen du geflohen bist. Ich steckte den Brief in die Tasche und wiederholte wieder und wieder die letzten Worte. In Liebe.


auf facebook teilen
  •  
  • 0 Kommentar(e)
  •  

Mein Kommentar

Ich möchte über jeden weiteren Kommentar in diesem Post benachrichtigt werden.

Zurück zur Bloglist

YouTubeNewsletterSoundCloud

Meist gelesene Posts

Dirk Bernemann
4114 mal gelesen
Dirk Bernemann
3720 mal gelesen
Lisa Neumann
3142 mal gelesen
Stefan Kalbers
2887 mal gelesen