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20.02.2012

Entschieden zu einfach

Das ging ganz entschieden zu einfach.

War das Erste, was ich dachte, als ich aufwachte und sah, wer da neben mir liegt. Nicht, dass mir das täglich passiert, ganz im Gegenteil, die Chance, an einem Samstag- oder Sonntag morgen neben einer Frau aufzuwachen steht jedes Wochenende bei circa zehn Prozent, ich vermassle es meistens selbst, weil ich beim trinken stets den Punkt verpasse, an dem ich nicht mehr rede, sondern lalle, nicht mehr gehe sondern falle, nicht mehr flehe, sondern kralle, mich festkralle an sämtlichen Gelegenheiten. Blöderweise befinden sich zwischen „Ich trinke und werde witzig, geistreich, unterhaltsam“ und „Die muss ich mir eindeutig noch schönsaufen“ mindestens vier Halbe und noch ein paar Schnäpse.

Und jetzt liegt das Mädchen neben mir, das Mädchen, bei dem es mir immer immens Freude bereitete, es zu verarschen, mich über sie lustig zu machen und ihr Gemeinheiten an den Kopf zu werfen. Das waren noch Zeiten, als sie mich ansah und sich ihre Augen mit Tränen füllten, oder als sie ständig einen extrem umständlichen Umweg über den Pausenhof gehen musste, um mir nicht über den Weg zu laufen.

Doch auch sie wurde älter und ihr Verstand wuchs, ihre Brüste allerdings nicht, wie ich letzte Nacht feststellen durfte und sie lernte zu kontern, lernte, sich nicht mehr alles von mir gefallen zu lassen.

Nach einigen gescheiterten Beziehungen wurde mir auch irgendwann bewusst, dass ich nicht unbedingt der Typ war, vor dem die Ladies auf die Knie fallen, ich schraubte meine Ansprüche runter und war nicht mehr so wählerisch wie früher, was mir mit voranschreitendem Alter immer leichter fiel. Blöderweise hat das sich-schön- oder willig-saufen-müssen den Nachteil, dass ich langsam zum Alkoholiker werde. Sie nahm dagegen alles mit was ging und musste sich dazu nichtmal großartig anstrengen. Was wohl daran lag, dass sie keine vier Halbe und ein paar Schnäpse brauchte um witzig, geistreich und unterhaltsam zu sein. Zudem sieht sie ganz passabel aus.

Bullshit, machen wir uns nichts vor, sie war eine Frau und Frauen haben es, abgesehen davon, dass sie nicht an Hauswände pissen können, einfach leichter im Leben. Zumindest, was das Klarmachen angeht, das Leben ist schließlich keine „How I met your mother“-Folge.

Mittlerweile sind wir beide in einem Alter, in dem wir uns langsam wieder kindisch benehmen dürfen, weil wir eindeutig keine Kinder mehr sind. Ich verarsche sie immer noch gerne, wobei wir nach der Schule nie Kontakt gehalten haben – wozu auch? - aber gelegentlich kreuzen sich unsere Wege und wenn ich sie dann zufällig beim einkaufen oder in einer Kneipe treffe und sie mit den Worten: „Na, schläfst du immer noch mit jedem?“ begrüße und sie mit „Na, siehst du immer noch so scheiße aus?“ zurückschlägt, dann weiß ich, dass ich in ihr einen würdigen Gegner gefunden habe.

Doch ich hätte mir niemals erträumen lassen, eines Tages mit meinem Gegner zu vögeln.

Das ganze lief folgendermaßen ab:

Seit einigen Monaten habe ich eine vier-Zimmer-Wohnung in Schwabing, Dachterrasse, stuckverzierte Wände, ein echter Hopper im Wohnzimmer, okay, das war gelogen, dabei handelt es sich doch nur um einen Kunstdruck, aber wen juckt das schon, ich verdiene endlich mein eigenes Geld und kann mir sowas leisten. Die Wohnung, sowie die Behauptung im Besitz eines echten Hoppers zu sein. Schließlich habe ich nicht studiert, um mit fast dreißig immer noch in einer WG zu wohnen und mir mein Inventar von Ikea sponsern zu lassen, hätte ich das gewollt, wäre ich Sozialpädagoge geworden. Da man in München nicht allzu sehr an der Gegend hängt, in der man bisher gewohnt hat, ganz im Gegenteil, es fällt einem entschieden zu leicht, die alten Zelte abzubrechen um in neue Paläste zu ziehen, hat es auch in Schwabing nur einen Abend gedauert, um meine zukünftige, neue Stammkneipe zu finden.

Ich saß noch vor meinem ersten Bier, da tippte sie mir auf die Schulter und sprach mich mit meinem Nachnamen an. Gott, es hat ewig gedauert, bis ich den Leuten abgewöhnt habe, mich mit meinem Nachnamen anzusprechen, aber die Leute von früher machen es natürlich immer noch.

Und so fingen wir an, uns zu unterhalten und tranken noch mehr Bier und verstanden uns so gut, dass wir die Schnäpse getrost weglassen konnten. Sie wohnte schon seit geraumer Zeit in Schwabing, allerdings warf ihr Job nicht so viel ab wie meiner, weshalb sie immer noch Mitbewohner hatte.

Mitbewohner. Bin ich froh, dass ich sowas losgeworden bin. Wobei, mein letzter Mitbewohner, bevor ich mir eine eigene Wohnung leisten konnte, verdient diese Bezeichnung gar nicht, da er von solch geringer Körpergröße war, dass ich ihn genauso gut in meinem Kleiderschrank hätte unterbringen können.

Dieses Mal trank ich genau so lange, wie ich trinke musste, um witzig, geistreich und unterhaltsam zu werden und ließ den Rest weg. Ich musste sie mir nicht schönsaufen. Sie war zwar nicht mein Typ, sie war auch nicht gerade Tyra Banks, aber wie ich bereits erwähnte, sah sie ganz passabel aus. Eigentlich hätten wir den Abend auch ausschließlich mit Apfelsaftschorle rumgekriegt; wir hätten uns trotzdem blendend unterhalten und sie wäre auch nüchtern mitgekommen.

Allerdings ist Apfelsaftschorle lange nicht so geil wie ein kühles Bier, wobei es doch eine nette Partyanekdote abgeben würde: „Ich hab mal eine Frau klargemacht, nachdem ich sie mit Apfelsaftschorle abgefüllt habe.“

Wir gingen zu mir, zu ihr ging nicht weil, „mein Mitbewohner schreibt gerade an seiner Bachelorarbeit.“

Wohngemeinschaften, wie dämlich, sag ich doch. Aber in einer Stadt wie München wohl unverzichtbar.

Sie war die erste Frau, die meine neue Wohnung sah und sie zeigte sich gänzlich unbeeindruckt von meiner geschmackvollen Einrichtung, was mich dann doch ein wenig enttäuschte. Das Einzige, was ihr gefiel, war mein Wäscheständer, den sie mit: „Gibts ja nicht, du trägst immer noch bunte Socken?“ kommentierte.

Jawohl und sollte sich mein Kleidungsstil im Laufe meines Lebens noch ändern, bis ich irgendwann in das Alter komme, in dem braune Cordhosen und Strickpullunder zu meinen Favoriten zählen werden, den rot-gelb geringelten Kniestrümpfen, sowie den babyblauen, mit pinken Totenköpfen verzierten Socken werde ich bis an mein Lebensende treu bleiben.

Und genau das war ihr jetzt aufgefallen. Erinnerung an mich, Wäscheständer das nächste Mal nicht unbedingt im Flur parken.

Sie war wohl doch etwas betrunkener als ich, jedenfalls ließ sie sich in mein Bett fallen und drehte mir den Rücken zu, was mich aber dennoch nicht daran hinderte, mich neben sie zu legen, ihr unters Shirt zu greifen und ihren Bauch zu streicheln. Es dauerte keine Minute, schon hatte sie sich wieder zu mir umgedreht. Ich küsste sie, bevor ich ins Bad musste und als ich wiederkam, lag sie schon fast komplett entblößt im Bett und empfing mich mit den Worten: „Das nächste Mal weniger Zunge.“

Der Rest ist vorstellbar, nur, ab und zu, während ich sie so ansah überkam mich der Gedanke, dass es Spaß gemacht hatte, sie all die Jahre zu verarschen und dass ich wohl niemals damit gerechnet hatte, mich irgendwann in dieser Situation wiederzufinden. Andererseits gibt es wohl kein schöneres Gefühl, als neben einer Frau einzuschlafen, egal wer sie einmal gewesen ist.

Wir waren eindeutig keine Kinder mehr.

Und jetzt liegt sie immer noch in meinem Bett, während ich auf einem Stuhl daneben sitze und die erste Zigarette des Tages rauche, sie schläft noch und ein dünner Speichelfaden, rinnt ihr aus dem Mundwinkel und befeuchtet mein Kissen, aber das ist nicht schlimm, dann habe ich wenigstens noch etwas, womit ich sie aufziehen kann, wenn sie aufwacht.

Da öffnet sie die Augen, sieht mich an und das erste was sie sagt ist, „Scheiße mann!“ und mal wieder meinen Nachnamen. Damn it, in Zukunft muss ich ihr das abgewöhnen. Damn it, ich denke schon an die Zukunft. Nicht gut, aber auch nicht schlecht. Eigentlich ziemlich egal. Dann sagt sie etwas weit weniger ausgefallenes.

„Gibts bei dir Kaffee?“

„Nein. Ich trinke keinen Kaffee. Balzac trank fünfzig Tassen am Tag und er wurde nur einundfünfzig.“

„Ja, ganz toll, du Teilzeitliteraturwissenschaftler, mir reicht auch eine.“

Ich hätte sie rausschmeißen und den ganzen Tag im Bett bleiben können, meinetwegen wäre ich auch mit ihr den ganzen Tag im Bett geblieben, mir war nach allem, außer nach rausgehen, aber da hat sie sich schon angezogen und mich irgendwie gleich mit und schon stehen wir auf der Straße und peilen das nächste Café an. Sie kennt natürlich ein total niedliches, die haben immer frische Croissants und leckeren Kaffee.

Ja, niedlich trifft es tatsächlich, es sieht aus wie ein siebziger Jahre Wohnzimmer, also genau die Art von Location, auf die Frauen wie sie stehen. Es ist winzig, kein Stuhl passt zum anderen und die Wände sind in einem Mix aus hellrosa und schlammgrün gestrichen. Ich finds absolut geschmacklos, aber gut, wenn es die Frau befriedigt, werde ich mich nicht beschweren, hab ich letzte Nacht ja auch nicht.

Selig rührt sie in ihrem französischen Milchkaffee, der in einer Schale serviert wird und garantiert mehr Schaum als Kaffee enthält. Ich beiße in mein Croissant, sie hatte recht, es schmeckt wirklich fantastisch. Für einen Augenblick überkommt mich der Gedanke, dass das mit dem Kaffee nur ein Vorwand war, um mich aus der Wohnung zu locken. Um mich ein wenig vorzuführen. Frauen brauchen sowas ja, nachdem sie mit jemandem Sex hatten. Die anderen sollen das mal schön mitkriegen, wenn man einen multiplen Orgasmus hatte, steht einem ja auf die Stirn geschrieben. Zumindest hab ich das mal in einer dieser Männerzeitschriften gelesen, die einem einreden wollen, wie Frauen wirklich ticken. Wenn man diese Richtlinien tatsächlich befolgt, ist das Versagen vorprogrammiert. Wenn nicht dann auch. Ein Teufelskreis ist das, ein Patentrezept gibt’s wohl nicht. Ich verwerfe den Gedanken wieder. Natürlich würde sie das niemals tun. Sie fragt mich, warum ich früher immer so gemein zu ihr war. Ich antworte, dass sie sich da bloß nichts drauf einbilden soll, sie war da nicht die Einzige, die meine Bosheit zu spüren bekam. Daraufhin meint sie, dass ich mich doch wohl fühle, in der Rolle des Widerlings, des ewigen Bösewichts, der natürlich schon irgendwie einen guten Kern hat, aber den gerne im Verborgenen lässt. Zudem fühle ich mich einfach dazu berufen, den Menschen, die offensichtlich dümmer und lebensunfähiger sind als ich, das auch zu sagen und mich dabei so kompliziert auszudrücken, dass sie die Hälfte von dem, was ich sage, sowieso nicht verstehen. Wobei ich sie nicht für dumm und lebensunfähig halte, aber wenn man sich mit den Leuten auf geistiger Ebene duellieren möchte und ziemlich schnell merkt, dass sie unbewaffnet sind, dann wird das auch irgendwann langweilig.

Sie meint, dass ich das nur mache, damit mir mein eigenes Leben nicht ganz so klein und unbedeutend vorkommt. Da mag sie sogar recht haben, aber ich fahre ziemlich gut damit.

Ihr Kaffee ist ausgetrunken, mein Croissant gegessen. Als die Bedienung kommt, lädt sie mich ein. Ich habe natürlich nichts dagegen, sage ihr aber, dass sie das nicht muss.

„Doch“, meint sie, „wir können nicht jahrzehntelang Gleichberechtigung fordern und uns dann nur das Beste, wie etwa gleiche Bezahlung bei gleicher Arbeit rauspicken. Die Emanzipation hat auch Nachteile.“

Wow, ich hab die Frau echt unterschätzt.

Wir verlassen das Café und müssen in unterschiedliche Richtungen. Sie fragt, ob wir uns mal wiedersehen. Ich antworte, wer weiß, man wird sehen, aber da wir jetzt im gleichen Viertel wohnen, läuft man sich ja früher oder später zwangsläufig sowieso irgendwann über den Weg. Sie quittiert meine umständliche Antwort, die sie nicht hören wollte, aber mit der sie wohl gerechnet hatte mit einem Augenverdrehen und einem lächeln.

Ich lächle zurück.

Camus hat mal gesagt, die meisten großen Taten, die meisten großen Gedanken haben einen belächelnswerten Anfang.

Und ich glaube, er hatte recht.


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