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23.05.2011

Cookie in the box - Teil 5

In der Tat klang es wie ein Lachen aus tausend Kehlen, als würden der Himmel und das Meer und alles was dort vielleicht sonst noch war, mitlachen. "Morgen!,", prustete es, "ich finde diesen Witz so geil." als es wieder halbwegs ging, ergänzte es: "Weißt du Kleiner, ihr Menschen plant und macht und tut um eure "Zukunft" zu gestalten und vergesst dabei, dass es mehr als eine Unbekannte in der Gleichung gibt und eine von diesen Unbekannten seid ihr selbst. Oder, eh du wieder tausend Fragen stellst, dieser Fluss hier. Probier mal das Wasser. Keine Angst, ich schmeiss dich nicht rein."
Ich ging zur Reling, lehnte mich weit drüber und nahm etwas in die hohle Hand. Mein Fernsehgehirn rechnete mit einem gewaltigen, zahnbewährten Kiefer, der gleich aus der Tiefe auftauchen und mir die Hand und einen Teil Arm abbeißen würde, aber der weiße Hai war heute nicht im Programm. Ich brachte das Wasser bis hoch zu meinem Mund. Besonders einladend wirkte dieser Fluss ja nicht, pechschwarz, klebrig aussehende unruhige Wellen, dann dieses Schimmern. Trotzdem nahm ich einen Schluck.
OmfG. Wie konnte ich nur die ganze Zeit nicht bemerkt haben wie durstig ich war. Scheiß auf das Bier, dieses Wasser war so...so süß und erfrischend und...ich stürzte fast über den Bootsrand, um hastig mehr Wasser zu schöpfen. Ich hob die Hand auch gar nicht mehr zum Mund, sondern spritzte es in die ungefähre Richtung meines Kopfes, in meinen Mund, der weit offen stand und gierig jeden Tropfen zu fangen versuchte. Ich muss ausgesehen haben wie ein Wahnsinniger.
Ich weiß nicht, wie lange das Ding mir zugesehen hat, aber irgendwann spürte ich eine – überraschend starke – Hand an meinem Hosenbund, die mich zwar sanft, aber auch unabbringbar zurück auf das Deck zog.
"He, Kleiner, sachte, sachte. Du holst dir noch Schluckauf."
"Nein!", schrie ich, "lass mich, lass mich, ich will...burps." Ein gewaltiges Aufstoßen. Dann noch eins. Dann ließ es mich auch schon los. "So, jetzt kannst du."
Ich stürzte zurück zur Reling und kotzte alles aus, was ich gerade in mich reingefüllt hatte, inklusive dem Bier und einigen Keksresten.
Das Wasser, das in Schwällen durch meinen Mund zurückfloss, schmeckte bitter und salzig. Mein Oberkörper war ein einziger Krampf und bis er den letzten Tropfen ausgewrungen hatte, dachte ich mehrmals, dass ich nun wohl endlich sterben würde. Von wegen schönes Gefühl.
Irgendwann saß ich gekrümmt und mit dem Rücken die Bordwand gelehnt wieder im Boot. Das Ding kniete vor mir.
"Na, geht´s wieder?" Ich wollte nicken, aber ich hatte eigentlich keine Lust dazu. Die Kapuzengestalt reichte mir mein Bier und obwohl ich erst nicht wollte, trank ich doch einen Schluck und wundersamerweise half es. Gegen das Wasser schmeckte das bittere Gebräu beinahe süß.
"So, na siehste", sagte es und tätschelte mich in einem kläglichen Versuch, mütterlich zu wirken.
"Jetzt, wo wir uns beide ein bißchen besser kennen gelernt haben, kann ich dir ja den anderen Teil der Wahrheit erzählen." Den anderen Teil? Und warum jetzt? Ich war nicht sicher, wirklich schon wieder aufnahmefähig zu sein. Aber es erwartete keine Bestätigung oder Ablehnung.
"Weißt du", fing es an, "der Tod und ich – wir sind nur Halbschwestern." Keine wirklich hilfreiche Info. "Wir haben eine Mutter, aber das andere...naja, das wird jetzt zu kompliziert, jedenfalls, bin ich nur die halbe Zukunft." Was kommt jetzt? dachte ich. "Ich bin außerdem...die Versuchung." und ich hatte das Gefühl, dass es mich irgendwie schadenfroh aus seinem nicht-Gesicht angrinste. Aha, da war ich jemandem ja voll auf den Leim gegangen.
"Ansichtssache", ergänzte das Wesen meine Gedanken, "du hast letztendlich keine Chance, denn das Leben ist eine einzige Versuchung. Deswegen fahre ich hier auf dem Seelenstrom. Ich bin in dir, überall, du kommst nicht von mir weg, das gemeine an der Sache ist: Du weißt nicht, ob hinter der Versuchung was Gutes steckt..." Sie hatte sich vor mich gehockt und war ganz nahe an mich heran gerückt. Bei diesen Worten schlug sie die Kapuze zurück und dieses Mal verschwamm das Gesicht nicht. Ich hatte den Tod vor Augen. Das schöne Gesicht des Todes. In mir fingen alle Zellen an zu surren. Konnte ich sie anfassen? War ihre Berührung genauso tödlich wie die ihrer anscheinend doch Zwillingsschwester? Ich hob mühsam einen Arm um ihr Gesicht zu berühren, doch bevor es soweit kam, sagte sie: "...oder etwas anderes" und ihre Züge verfaulten in Sekundenschnelle vor meinen Augen und ein bleicher rothaariger Schädel mit Fetzen verwesten Fleisches darauf grinste mich hönisch und kno
 chig an. Aus dem Gebiss kam fauliger Atem, wobei ich nicht wusste, ob ich mich vielleicht selber roch. Das Gesicht hatte mich wohl schrecken sollen, aber dafür war ich zu ausgepumpt, im wahrsten Sinne des Wortes. Ein wenig enttäuscht schlug es die Kapuze wieder über seinen Schädel und entfernte sich von mir. Bevor es den Kopf vollkommen verhüllte, sah ich, dass wieder nichts zu sehen war, was auf ein Gesicht oder etwas ähnliches schließen ließ. Als es wieder stand, meinte es: "So, jetzt hast du den Durchblick. Kippe?"


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