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Gangster

„Was geht, Alter“, fragte Dominik Kevin, der ihn mit Handschlag begrüßte und ihn das erste Mal seit zwei Wochen wieder umarmte.

„Alles klar, Bruder. Bei dir?“

Dominik nickte und spuckte wie beiläufig auf den Bürgersteig.

„Geht wieder, Mann.“

Kevin lächelte schief und zündete sich eine Zigarette an.

„Ey, musste ich mir alles neu kaufen“, sagte er dann und zeigte an sich herunter.

„Fett scheiße, Mann. Ich auch. Guck mal, die Schuhe.“

Kevin sah an Dominik herunter und nickte anerkennend als er das G-Star Logo auf der Kleidung erkannte.

„Fette Gear, Dicker. Sneaker auch neu?“

„Auf jeden, Mann. War doch alles weg, ey. Hat der bestimmt schon E-bay gemacht, Alter.“

„Scheiß drauf. Und jetzt? In die Stadt, bisschen chillen?“

„Ja, lass vorher zu Hasan, bisschen Weed kaufen.“

„Hast Kohle?“

„Ja, Mann“, antwortete Dominik. „Hab von mein Bruder was gekriegt.“

„Einfach so?“

„Klar.“

„Korrekt, Mann.“

„Der geht arbeiten, da krieg ich dann manchmal was.“

„Was macht der denn?“

„Irgendwas mit Nachtschicht. Kriegt der derb bezahlt, so die Nacht abhängen mit Kollegen so.“

„Ganze Nacht?“

„Ja, Mann. Voll asi, aber der spielt da nur Karten und so.“

„Fett. Will ich auch bezahlt kriegen. Poker und so.“

„Musst du Poker aber erst mal können.“

„Poker ich vielleicht voll gut, du Spast? Internet.“

„Und gewinnst du da auch?“

„Klar, Mann. Voll oft. Ist aber kein richtiges Geld da.“

„Schwul, Mann. Das ist kein Poker. Pokern macht man um Geld. Echt, du Opfer.“

Kevin stieß Dominik ein Stück von sich weg. Der verzog schmerzverzerrt das Gesicht und begann zu humpeln. Seine G-Unit Mütze fiel ihm dabei auf den Bürgersteig. Sofort stützte Kevin seinen Freund.

„Sorry, Alter. Hab ich voll vergessen, dein Bein.“

„Geht schon“, lachte Dominik gequält und legte sein Basecap zurück auf seinen Kopf.

„Aber ist jetzt nicht die Naht aufgegangen?“, erkundigte sich Kevin.

„Kümmer dich um dich selbst, ey“, sagte Dominik und deutete mit dem Finger auf den faustgroßen Bluterguss im Gesicht seines Freundes.

„Was denn? Hab ich Bock, dass du hier rumblutest, oder was?“

„Verpiss dich, Alter“, lachte Dominik.

Kevin wechselte das Thema.

„Ey, lass erst nach Hasan gehen und dann zu mir. Bisschen rappen. Ich hab jetzt fetten Battle-Text am Start.“

„Echt jetzt? Wann hast den geschrieben?“

„Krankenhaus, Mann. Durfte ja nicht aufstehen.“

„Lass mal hören“, bat Dominik.

Kevin nestelte umständlich ein Stück Papier aus seiner Hosentasche und faltete es auf.

„Okay, Anfang hab ich noch nicht, aber Rest geht so: Und dann fick ich dich in’n Arsch, du gottverdamter Spast, und mir ist es scheißegal, komm ich dafür in den Knast. Weißt du, was du bist, du mieser kleiner Venkster, du bist nur ein Opfer, Mann, und ich ein motherfuckin’ Gangster.“

„Der Rhyme ist echt fett, Mann“, lobte Dominik seinen Freund.

„Ist nur die Hook so. Ist mir echt im Krankenhaus eingefallen.“

„Fett scheiße“, sagte Dominik plötzlich und sah an sich herunter.

Unter seiner Trainingshose zeichnete sich ein immer größer werdender Blutfleck ab.

„Wusst ich doch“, sagte Kevin. „Ist deine Naht aufgegangen.“

„Fuck. Lass später zu Hasan. Ich fahr erst mal zum Arzt.“

„Klar, Mann“, sagte Kevin und stützte seinen Freund. „Scheiß Arschloch von Hooligan, Alter.“

„Ja, Mann. Voll behindert. Läuft der einfach mit ner Luftpumpe Amok so.“

„Echt, Mann. Wenn ich den nächstemal seh, töte ich den. Ich schwör.“

„Ich töte den auch. Hat voll keinen Respekt gehabt.“

„Kein Respekt.“

 

Christoph Strasser veröffentlicht im November 2011 beim Unsichtbar Verlag sein Buch Semesterferien » [mehr infos]


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