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28.12.2012

FUSSBALL-FANATEN – WACHKOMAPATIENTEN 2012

Reichlich desorientiert irre ich durch die Gänge eines Lebensmitteldiscounters, während allenthalben Gesprächsfetzen an mein Ohr dringen, die meiner Konfusion zusätzliche Nahrung verleihen. Ob in der Gemüseabteilung oder an der „Frischetheke“ – überall empfängt mich aufgeregtes Raunen, aus dem immer wieder die Worte wir und die herausstechen, und zwar in einem Ton, als würden Bandidos über Hells Angels reden.

„Die hauen wir weg!“

„Die packen wir. Aber ganz locker packen wir die.“

„Die kriegen ’ne ordentliche Abreibung. ’nen richtig schönen Einlauf kriegen die verpasst.“

Und dann sagt einer: „Na, Ouzo kann man ja jetzt wieder kaufen.“ Und ich denke kurzzeitig, Griechenland hätte seine staatliche Souveränität aufgegeben und sich, wie von BILD-Chef KaiDiekmann herbeigesehnt, zur deutschen Kolonie erklärt, bis mir einfällt, dass ja immer noch die Fußballeuropameisterschaft regiert, die von der UEFA verhängte Sauerstoffblockade des menschlichen Gehirns also nach wie vor Bestand hat.

Doch Hosianna, keine drei Tage später ist der Spuk dann schlagartig vorbei, liegen all die Hawaii-Ketten, die Fahnen und Fanhüte zertreten im Schlamm der Public-Viewing-Arenen, als ob allerorten Büffelherden auf die Jagd nach Freizeit-Toreros gegangen wären, die sich, um ihren schlechten Geschmack zu demonstrieren, in die Farben der Pest, des Blutes und des Eiters gewandet hatten.

Einzig meine Frau Großmutter durchbricht die himmlische Ruhe. Ob mit dem Papst etwas wäre, verlangt sie am Telefon zu wissen. Es seien so viele ausgelassene Italiener auf der Straße.

„Aber der Papst ist doch Deutscher“, entgegne ich, ganz der fürsorgliche Enkel.

„Eben“, raunt meine Oma. „Eben.“

Soweit so bedrückend. Aber auch unabhängig von den alles beherrschenden Großereignissen EM und WM hat Fußball mittlerweile eine gesellschaftliche Bedeutung erlangt, die nicht anders als beängstigend genannt werden kann.

Begannen früher Fremde, die gezwungen waren, miteinander ins Gespräch zu kommen – etwa in der Enge einer WG-Küche während eines Stehempfangs –, sich alsbald über Krankheiten, Sexunfälle oder Rezepte für Drogencocktails auszutauschen, ist heute die Frage nach dem Lieblingsverein das vorherrschende Thema. Und wehe dir, du hast keinen! Dann nämlich giltst du schnell als Kellerkind; als Aussätziger; als Spaßbremse, die wenn nicht schon auf einem anderen Planeten, so doch wenigstens im tiefsten Dschungel aufgewachsen sein müsse.

Ganz so wie es mir unlängst erging, als ich nach einem Auftritt im Nordosten der Republik von einem bärtigen Mittdreißiger wie folgt angesprochen wurde: „Du kommst doch aus Hamburg ne? Für wen bist‘n, sach mal. Sankt Pauli oder HSV?“

Mein Versuch, diesen heimtückischen Aufschlag mit einem lässigen reden wir von Völkerball oder Turmspringen ins Seitenaus zu lenken, erwies sich, wie zu erwarten, als Rohrkrepierer. Der Bärtige ließ nicht locker.

„Nee, jetzt ma ohne Scheiß“, mahnte er. Und dann, mit verschwörerisch gesenkter Stimme: „Raute oder Sankt Paulianer?“

Ob dieser Hartnäckigkeit zur Wahrheit gezwungen, sagte ich: „Weder noch. Fußball geht mir gänzlich am Arsch vorbei.“

Nicht überraschend, dass mich mein Gesprächspartner daraufhin noch nicht mal mehr einer Entgegnung für würdig befand. Er sah mich an, als hätte ich ihm gerade gebeichtet, in meiner Jugend den Wachturm verteilt zu haben, und suchte wortlos das Weite.

Dabei habe ich gar nichts gegen den Fußballsport als solchen, auch nichts gegen Mitbürger, die dem Rangeln um das runde Leder regelmäßig als Beobachter beiwohnen. Manche blicken stundenlang aufs Meer, andere starren neunzig Minuten plus X auf eine grüne Rasenfläche, die von umeinander wieselnden Litfaßsäulen bevölkert wird. So sind die Menschen eben. Was mich jedoch abstößt, ist dieses Religiöse, dieses Bekenntnishafte, die unbedingte, in den meisten Fällen ein Leben lang währende Treue zu einem Wirtschaftsunternehmen, das seine Angestellten ebenso häufig austauscht wie eine Zeitarbeitsfirma.

Und wie immer, wenn Eiferer sich zu Herdenverbänden zusammenschließen, will das Gelübde herausgeschrien werden. Schließlich sollen die Ungläubigen nachher nicht sagen können, man hätte ihnen den Namen des Heilsbringers vorenthalten.

Nur der FCH!

Nur der S04!

Nur der VFL! (Wolfsburg, Osnabrück, Bochum)

Nur der VFB! (Stuttgart, Oldenburg, Lübeck)

Nur der SCP!

Nur der SCF!

Nur der SSV!

Nur der MSV!

Nur der BTSV!

Nur der … leck mich doch am Arsch!

Denn wie auch immer die Großbuchstaben zusammengewürfelt werden, am Ende gilt noch in jeder der verschiedenen Glaubensgemeinschaften das Credo: Alles für den Verein!

Was aber tut der Verein für dich, Sportsfreund?

Melkt er dir die dickgewordenen Eier?

Hält er dir den Gerichtsvollzieher vom Leib?

Zahlt er dir die Korrektur deiner Schlupflider?

Stellt er dir (nachdem diese OP gründlich in die Hose gegangen ist) einen hübschen Stein aufs Grab?

Ersetzt er deinen Angehörigen den riesigen Klumpen Lebenszeit, den du ihm ohne Not hinterhergeschmissen hast?

Denn Zeit und Geld und Gesundheit und Seelenheil musst du ihm schon opfern, dem vorgeblich familienfreundlichen Raffzahn, der so gerne fordert und so ungern gibt.

Wobei hier gar nicht die Rede von all jenen sein soll, die sich Woche für Woche in trostlosen Turn- oder Lagerhallen zusammenfinden, um so genannte Tapeten zu malen oder Choreographien einzustudieren. Auch nicht von der Fraktion, die meint, auf den Tribünen selbst bei Minusgraden noch mit freiem Oberkörper auf und ab hüpfen zu müssen wie nordkoreanische Parteikader zu Ehren von Kim Jong-Il. Oder diesem ganz besonderen Menschenschlag, der mit dem Rücken zum Spielgeschehen auf Zäunen herumturnt, um unter Zuhilfenahme eines Megaphons kleinere oder größere Gruppen von Chorknaben mit einer Inbrunst zu dirigieren, als ob es Gotthilf Fischer nie gegeben hätte. Ebenfalls gern außenvorbleiben dürfen die gänzlich Verlorenen unter den Seelenverkäufern, die nur allzu bereit sind, sich für die Farben ihres Clubs verletzen zu lassen oder anderen Verletzungen beizubringen, mit Vorliebe Mitbürgern (so die ironische Note dieses Tuns), mit denen sie sich – wenn die jeweilige Vereinszugehörigkeit nicht bekannt wäre – ohne Not verbrüdern würden. Diesen zwangsneurotischen Testosteronbolzen ist ohnehin nicht mehr zu helfen.

Schon eher geht es hier also um diejenigen, die sich wie Vieh in S-Bahnen, Busse und Regionalzüge pferchen lassen, wo sie dann ganze Tage verbissen gegen den Harndrang ankämpfen, nur um später in fremden Stadien von Ordnern und Bullen, halbgaren Bratwürsten und alkoholfreiem Bier schikaniert zu werden. Ganz sicher aber sind die Tausenden und Abertausenden gemeint, die ihren letzten Funken Verstand in Internetforen tragen, wo sie jedes Zucken im Gesicht „ihres“ Trainers, jedes noch so kleine Wehwehchen ihrer Stars, jedes Detail im Privatleben des Zeugwarts bis zum Verlust der Muttersprache diskutieren müssen.

Nicht zu vergessen all die armen Teufel, die sich vom Ausgang eines Spiels die Laune verhageln lassen, ja, gar Tränen vergießen oder mit leerem Blick auf die qualmenden Reste eines Fähnchens starren, das sie Minuten zuvor als flammendes Zeichen ihrer enttäuschten Liebe in Brand gesetzt haben.

Keine Frage, die meisten von uns verspüren das Bedürfnis sich einem Rudel anzuschließen, schwenken gerne Fahnen und singen dazu Lieder. Und so freue ich mich geradezu narrisch, dass ich – während die Europameisterschaft langsam ihr Lebenslicht aushaucht – zu einem linken Festival im Landkreis Böblingen geladen bin. Endlich meine Leute, meine Zeichen, meine Schlachtgesänge! Und vor allem: Endlich zwei ganze Tage ohne Fußballwahnsinn.

Die Sonne knallt wie ein Saunabesuch auf MDMA, also sagt einer der Organisatoren: „Lass uns die Lesung in einem der Zelte machen. Da haben wir ein bisschen Schatten.“

Und genauso läuft’s dann auch. Wir bestücken ein etwa dreißig Personen fassendes Tipi mit Bierbänken und einem Tisch für mich, keine Viertelstunde später lege ich los. Natürlich ohne Mikro und Verstärker. Wer braucht schon eine Anlage, wenn es nicht mehr als dreißig Menschenkinder zu beschallen gilt, die sich noch dazu unter einem Zeltdach versammelt haben?!

Ich habe mich gerade in den ersten Text hineingeschafft, fange langsam an, den Auftritt zu genießen, als von draußen mit einem Mal Geschrei an meine Gehörgänge brandet. Erst lauter Jubel. Dann, nicht minder geräuschvoll, in enervierendem Stakkato: „A-F-Zeeeeeh! A-F-Zeeeeeh! A-F-Zeeeeeh!“

Und hey, da ist ja auch ein Megaphon zu vernehmen, das die entfesselten Kehlen unterstützt.

Ich unterbreche meinen Vortrag und blicke reichlich verwirrt ins Publikum.

„Sieht so aus, als hätte das antifaschistische Fußballturnier begonnen“, sagt ein Punkrocker aus der ersten Reihe. Und ein anderer Ortskundiger, dessen Tunnel so groß sind, dass eine ausgewachsene Amsel hindurch fliegen könnte, ergänzt: „Das muss die Mannschaft vom Atomkrieg FC sein. Die haben eine ziemlich große Anhängerschar.“

Atomkrieg FC? Wenn der nur endlich kommen würde, der Atomkrieg, denke ich nicht wenig erschüttert. Dann nehme ich meine Arbeit wieder auf, krähe, blöke, hämmere die Worte ins Rund wie Aale-Dieter auf seinem letzten Ritt ins Wattenmeer.

Aber die Sangesfreude der Kernwaffenanhänger will nicht nachlassen und so schwindet die Konzentration des Schriftschaffenden und seiner Zuhörer minütlich, bis sich das Ganze nur noch als Fiasko bezeichnen lässt.

Das letzte, was ich denke, bevor ich schließlich vorzeitig abbreche und meine Gäste in den Sonnenschein entlasse, ist dies hier: Wäre es, wenn sich der Drang, elf Buben (oder Maderln) in kurzen Hosen anzufeuern, selbst in linksradikalen Kreisen nicht unterdrücken lässt, nicht angemessen, den entsprechenden Chorälen dann wenigstens einen linksradikalen Touch zu verpassen? Zum Beispiel im Stile eines Ernst Busch? Sollte es also statt A-F-Zeeeeeh nicht besser heißen: „Arbeiter, Bauern, schnappt euch die Pille! Schießt sie dem Gegner ins Tor! Ein Achtzehn zu Null das ist unser Wille. Sonst jagen wir euch heut noch ins Moor“?

Ja, das sollte es wohl, um getreu dem Motto „selber Inhalt, neue Verpackung“ wenigstens für einen Hauch von Andersartigkeit zu sorgen. Schließlich ist nicht davon auszugehen, dass die abgöttische Liebe zum Fußball in den nächsten, sagen wir mal: 666 Jahren auch nur ansatzweise nachlassen wird. Da heißt es, sich als Gegner dieser Entwicklung an kleinen Dingen festzuhalten. Zum Beispiel an einem Aufkleber aus dem Hause Altona 93, der mit der Botschaft Bier ist unser Capo trefflich darauf hinweist, dass Einpeitschern und Vorbetern immer zu misstrauen ist.

Apropos Bier: Sportereignisse versorgen die zahlende Kundschaft fast immer mit Emotionen aus zweiter Hand. Das weiß jeder, der schon mal am Morgen nach einer Aufstiegsfeier voller Trauer in die leeren Kammern des eigenen Lebens geblickt hat. Und nein, dieses schale Gefühl stellt sich auch ein, ohne dass am Abend zuvor zehn Halbe zu viel gesoffen worden sind. Vielmehr sind die nicht geringen Mengen an Bier und Schnaps, die im Umfeld von Fußballspielen konsumiert werden, ja auch nur wieder ein Beleg für die geringe Halbwertszeit der dazugehörigen Erlebnisse.

Lieber also mal wieder was Eigenes auf die Beine stellen. Selber kicken zum Beispiel – vielleicht auf einer gut befahrenen Kreuzung, in der Feinkostabteilung irgendeines Kaufhauses oder auf den Fluren der nächstbesten Agentur für Arbeit. Denn Spiel, Spaß und Spannung warten doch eigentlich überall. Und das auch noch, ohne dass du eine Dauerkarte, einen Fahnenpass oder eine aus polizeilicher Sicht weiße Weste deinen eigen nennen musst. In diesem Sinne: Sport frei!

Und nun kniet nieder, ihr Bäuerinnen und Bauern, faltet die Hände, und lasst uns voller Inbrunst und Hingabe für den sofortigen Wiederaufstieg unseres Teams beten.


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