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Das Land der Frühaufsteher

„Ich hab ein Angebot für dich bekommen“, sagte mein Verleger, „gar nicht so schlecht“, sagte er, „eine Lesung!“ Nach einer kleinen, aber bedeutsamen Pause fuhr er fort: „Also, um ehrlich zu sein, ich hab noch nie was von der Stadt gehört. Aber die Frau, die angefragt hat, klang ganz nett. Sie ist die Chefin vom Tourismusbüro. Und die Gage ist, äh, okay.“
„Aha“, sagte ich, und die Sache war eingetütet.


Einige Wochen später machte ich mich auf den Weg. Wie ich mittlerweile recherchiert hatte, lag die auch mir bis dato unbekannte Stadt in Sachsen-Anhalt und war mit dem Zug nur sehr umständlich zu erreichen. Ich bediente mich also des Automobils. Es war Hochsommer, der Himmel klar, um die 30 Grad. Ich passierte die Landesgrenze und ein großes Autobahnschild empfing mich. „Sachsen-Anhalt, Land der Frühaufsteher“. HAHA, dachte ich, das werde ich später bei der Lesung aufgreifen und eine vorzügliche Pointe anschließen, um die Stimmung zu lockern. Ich war wirklich gut drauf.


Je näher ich der Stadt kam, die auch weiterhin unbenannt bleiben soll, desto mehr verdunkelte sich der Himmel. Wolken schoben sich neben- und übereinander und mit dem abnehmenden Licht senkte sich auch meine Stimmung etwas. Zwei Tage zuvor hatte mich die Frau aus dem Tourismusbüro angerufen und mir mitgeteilt, dass der Lesungsort verlegt werden musste, „höhere Gewalt“, hatte sie schlicht gesagt, und so wurde ich vom Domplatz in ein Hotel verschoben. Meiner Frage nach den Vorverkaufszahlen war sie dreimal in Folge mit Bemerkungen über die Schönheit der Stadt ausgewichen und ich fand es unschick, sie ein viertes Mal zu stellen. Erst jetzt begann ich, mir ein wenig Sorgen zu machen.


Ich fuhr von der Autobahn ab, die Landschaft wurde unwirtlicher und der Asphalt löchriger. Die Fahrbahn engte sich ein und schließlich verschwanden die Straßenmarkierungen. Ich musste einem Rehkadaver ausweichen, der augenscheinlich schon ein paar Tage halb auf der Fahrbahn liegend vor sich hin weste. Ein Motorrad überholte mich mit abenteuerlicher Geschwindigkeit. Der Fahrer trug keinen Helm. Schönes, freies Sachsen-Anhalt, dachte ich, und sah schon das Ortseingangsschild vor mir.

Da im gesamten Internet kein Hinweis auf das betreffende Hotel zu finden gewesen war, musste ich mich nun durchfragen. Ein graugesichtiger Mann am Straßenrand war auf einen Kehrbesen gestützt und hob, als er mich sah, die Faust zur Begrüßung. Lieber den Nächsten fragen, dachte ich. Es stellte sich aber heraus, dass sich niemand sonst im Freien aufhielt, die Hauptstraße des Orts bot auch keinen Anlass dazu, sie war wenig einladend gestaltet, die meisten Geschäfte sahen sehr geschlossen aus und waren es mit Rolläden. Also wendete ich einige hundert Meter weiter und fuhr zurück zu dem Mann, der seine Position nicht verändert hatte, wieder die Faust hob und „Aaaargh“ machte, als er mich sah. Ein putziges Begrüßungsritual, dachte ich. Ich ließ das Fenster herunter und fragte: „Entschuldigen Sie bitte, mein Herr, wo ist hier denn …“ „Hier ist gar nichts!“, würgte er mich ab. „Verschwinde, du Hasendieb!“

Er hob den Besen und schwang ihn um sich wie eine sowjetische Hammerwerferin.

Ich legte kleinlaut den Rückwärtsgang ein und entfernte mich von ihm.
Tuut-tuut-tuut-tuut.
Tutututut. Ah, ein Straßenhund.

Ich suchte auf eigene Faust und wurde schließlich fündig. Das Hotel „Zur alten Eiche“ war prominent platziert und als einziges Gebäude im Umkreis von zehn Kilometern kürzlich gestrichen worden. In einem satten Laubgrün. Vor dem Eingang erwartete mich eine Frau, die stark nach Tourismusbüro aussah.

„Herr Ritter! Sie sind zu spät!“, begrüßte sie mich.

Ich war vier Stunden Auto gefahren und fünf Minuten nach der verabredeten Zeit angekommen. Es war noch über eine Stunde Zeit bis zur Lesung. Sie führte mich in den kleinen Garten des Hotels, wo vor der abgrenzenden Backsteinmauer fünf Bistrotische mit je vier Stühlen aufgebaut waren. Im Eck ein weiterer Bistrotisch mit einem Stuhl, einem Tischmikro und einer Blumenvase mit Gänseblümchen. Mein Reich.

„Ich mag ja kleine Lesungen“, versuchte ich, den Schock zu überspielen.

Sie begann, hektisch zu kichern. „Ja ja“, sagte sie. „Ach, jetzt, wo Sie schon hier sind, kann ich's Ihnen auch sagen. Die Lesung hätte ja auf dem Domplatz sein sollen, aber die Kirche hatte was dagegen. Wegen Ihrem Buchtitel. Weil da“, sie sah nach links und rechts, versicherte sich, dass wir keine Mithörer hatten, und fuhr flüsternd fort, „weil da Geschlechtsverkehr drauf steht.“

„Das meinen Sie doch jetzt nicht ernst?!“

„Doch!“

„Und deshalb wurde die Lesung hier her verlegt?“

„Ja.“

„Das ist ja grotesk.“

„Ich habe dann auch gar keine Werbung mehr dafür gemacht, weil ich mich so geschämt habe.“

„Kann ich einen Whiskey bekommen?“

„Wenn Sie ihn zahlen.“

„Können wir aufhören zu flüstern?“

„Ja.“

„Also mal im Ernst: Mit zwanzig Leuten kann so eine Lesung auch ganz nett werden.“

„Na … So viele werden's nicht. Im Vorverkauf sind zwei Karten weg gegangen.“

„Wie viel kostet der Whiskey genau?“


Eine Stunde später ging die Lesung los. Zu den beiden vorverkauften waren noch zwei Karten im freien Verkauf gekommen, alles Frauen um die fünfzig. Ich hatte mich in der Zwischenzeit beim Whiskey mit dem Hotelchef angefreundet, der mangels Beschäftigung und Beschäftigten auch die Bar bediente, und ihn dazu genötigt, zur Lesung nach draußen zu kommen. Er hatte auch seine aktuelle Bumse mitgebracht. Ich würde solche Worte nicht in den Mund nehmen, er hatseine Freundin selbst so bezeichnet. „Meine Bumse kommt auch mit, die macht hier auch die Betten. Manchmal, wenn keine Gäste da sind, weißt du … wir haben so viele Betten in denen wir es ...“ und so weiter. Mit der Tourismusfrau waren es also sieben Zuhörer, der Geselligkeit halber schoben wir zwei Tische zusammen und bildeten einen Kreis, auf das Mikro verzichtete ich.

Ich eröffnete mit der vorbereiteten lustigen Pointe zum Land der Frühaufsteher und beglückwünschte alle dazu, noch wach zu sein, immerhin war es 19 Uhr. „Versteh ich nicht“, sagte der Hotelchef, sonst reagierte niemand.

Oh, das wird schwierig, dachte ich, und wollte eine stimmungsfördernde Vorstellungsrunde anschließen.

„Ich bin der Herr Ritter. Wie heißen Sie denn?“, fragte ich eine der Frauen.

„Ich bin mit meinen persönlichen Daten vorsichtig“, sagte sie.

„Na, nu sag's ihm doch!“, half mir eine andere aus.

„Nie in Dreiteufelsnamen!“

Oh, das wird sehr schwierig, dachte ich.

„Sie ist meine Schwester und heißt Gisela“, sagte die andere.

„Halt dein schmutziges Schandmaul!“, sagte Gisela.

„Ich fang dann einfach mal an“, sagte ich.

Im Nachbargarten wurde während des ersten Texts ein Rasenmäher angeschmissen, und so lieferte ich einen sehr engagierten und zunehmend lauten Vortrag. Am Ende sank ich erschöpft zurück in den Stuhl.

„Normalerweise klatschen die Leute nach einem Text“, sagte ich.

„Aha“, sagte Gisela. Der Hotelchef klatschte einmal, immerhin. Er hatte eine Fliege auf seiner Backe erschlagen.

„Und das soll jetzt zwei Stunden so weitergehen?“, fragte Giselas Schwester.

„Nee, eine vielleicht“, beschwichtigte ich, auch in meinem Interesse.

„Zwei!“, stellte die Tourismusfrau klar. „Wir haben einen Vertrag.“

Während des zweiten Texts begann Gisela, sich recht laut und wiederholt in ein Stofftaschentuch zu schnäuzen. Es schien niemanden zu stören – bis auf ihre Schwester:

„Ist der ganze Schnodder jetzt raus?“ „Sei DU nur ruhig! Bei dir hängt der Schnodder an ganz anderen Stellen, du alte Sch...“

„Ich mach dann einfach mal weiter“, sagte ich. „Ich hab da einen Text über eine glückliche Familie ...“

Ich bemerkte, wie der Hotelchef seine Hand zwischen die Beine seiner Bumse gleiten ließ.

Während des dritten Texts sagte eine der Frauen, die bisher gar gar nicht in Erscheinung getreten war, unvermittelt: „Ich will jetzt nach Hause.“ Sie machte keine Anstalten, aufzustehen. Erst da bemerkte ich, dass sie im Rollstuhl saß. Ihre Begleiterin streichelte ihr mitfühlend den Arm und flüsterte: „Wir haben vier Euro Eintritt bezahlt. Wir bleiben bis zum Schluss.“

„Vielleicht machen wir zwischendurch mal eine Fragerunde?“, schlug ich vor.

Es begann, zu regnen.

„Raucherpause“, verkündete der Hotelchef und stand auf. „Wir können in der Wirtschaft weitermachen“, sagte er im Davongehen. Er hatte während der Lesung bisher fünf Zigaretten geraucht. Ob die Augen der Frau im Rollstuhl deshalb tränten, kann ich nicht mehr genau sagen.

„Na gut, Fragestunde. Ist das die schlimmste Lesung, die sie jemals hatten?“, fragte ihre Begleitung.

„Nein“, log ich. „Es läuft doch ganz gut.“

„Das waren jetzt 33 Minuten“, sagte die Tourismusfrau. „Drinnen dann also nochmal 87 Minuten. Eine Pause brauchen wir dann nicht mehr.“

„Doch“, korrigierte ich und meinte die Frage nach der schlimmsten Lesung. Noch wusste ich nicht, dass dies der angenehme Teil war.

Drinnen im Restaurant waren wir noch zu dritt. Der Hotelchef war mit seiner Bumse auf einem Zimmer verschwunden, der Rest hatte sich irgendwie aus dem Staub gemacht. Übrig waren Giselas Schwester, die Tourismusfrau und ich.

„Wollen wir das nicht abbrechen?“, fragte ich, nachdem ich den dritten Text in die Luft gelesen hatte.

„Sie werden dafür bezahlt! Für zwei Stunden lesen, nicht für weniger“, donnerte die Tourismusfrau.

„Meine Schwester ist eine ganz unangenehme Person“, steuerte Giselas Schwester bei. „Ich erzähl Ihnen mal was über sie, aber verraten Sie's nicht weiter ...“

„Ich lasse die Zeit nur laufen, währen Sie lesen. Wenn zwischendurch andere Themen aufkommen oder Sie was sagen, stoppe ich“, steuerte die Tourismusfrau bei.

„TSCHULDIGUNG“, rief jemand von hinten. „Ist hier diese pornografische Skandallesung?“

Wir drehten uns um. Ein Mann mit altmodischer Fotokamera um den Hals, der aus aus allen Poren seines Körpers „Lokaljournalist“ schrie.

„Ja“, sagte ich.

„Nein“, sagte die Tourismusfrau. „Die Lesung ist schon vorbei. Wir diskutieren nur noch drüber. Lief fantastisch. Fünfzig Zuschauer. Herrliche Gedichte. Über Liebe. Und Blumen. Und auch lustige Sachen. Über Männer und Frauen und so. Alle haben sich gefreut.“

Der Mann hatte längst den Notizblock gezückt und notierte eifrig mit, was er am nächsten Tag in die Zeitung schreiben würde.

Ich fühlte mich erlöst und machte mit: „Die ganzen Zuschauer mussten jetzt nur alle schon nach Hause, weil sie so früh aufgestanden sind.“

„Versteh ich nicht“, sagte der Journalist.

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