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28.08.2018

Warum wir das JETZT Gedicht brauchen

 

Ich bin auf einer Lesung , meiner eigenen Lesung, Lesen aus einem Gedichtband, so die simple Beschreibung, der Titel ist hierbei unwichtig.
Das Publikum, was mich nicht kannte, ist selektiert voreingenommen und beschreibt das Gereime im Radio folgendermaßen: das sei alles Pop, also gar nicht ihr Ding und auf die Gegenfrage was die gegenwärtige Kunst für sie bedeuten würde, sagten sie:

 

Dichten sei ihre Aufgabe nicht, nicht mal zum Vergnügen das sei zu… naja, Ende, Bravo.

Meine Generation, die von Medien und hippen Campus Magazinen mit diesem massiv einschüchternden Wort beschrieben wird, versinkt in der Deprivation - wählt die Distanzierung von den eigenen Möglichkeiten - oh nein!

Dem muss ich etwas entgegensetzen, es zumindest versuchen, also beginne ich meine Lesung mit einer ungefragten Antrittsrede, um Dinge zu klären - These Kids aren’t alright - und das ist auch gut so.

Ich beginne.

Kommt ein junger Mensch alleine nach Berlin, gewillt dort zu leben, ist das mehr als ein Sprung ins kalte Wasser. Ein heranreifender Mensch, dessen Körper die Aufgabe hat Reize und Wahrnehmungen aufzunehmen, bekommt hier, Berlintypisch, gleich mal eine doppelte Portion, von allem etwas und dabei immer zu viel - Überdosis, unsauberes Besteck, aber das gehört dazu, es verbietet einem ja keiner etwas.
Der Stadt ist es egal ob einem die U8 einfach zu anstrengend ist und man emotional nicht ständig stabil genug für Alltagshorrorshow oder sie eben als zugehörig ansehen kann.

Das muss man mit sich selbst aus machen

Und da fängt es an. Da man alles mit sich selbst ausmachen muss, hat man ja auch in diesem Wirrwarr aus Eindrücken gar keine Zeit überhaupt einzuschätzen wo man gerade steht - darum : Dokumentieren!

Kotzgeruch aus den Fenstern, wo ein lachender befriedigter Mann in Unterhose Kaffee trinkt

Lachende Fratzen mit hängenden Lidern

Wünschen mir ein schönes Wochenende

Es ist Mittwoch

Oder ein typischer Gang auf meiner Strasse , Richtung U8.

Festgehalten als Gedicht. Wieso? Auftrag, Projekt, … waaaas gar nichts davon? Naja, du ja, du Autor, mach das mal. Ich? Dafür bleibt keine Zeit, Arbeit, Bahn, ne? Dichten hat so etwas Einnehmendes, zu Intensives, und auf so Popgewäsch kein Bock, das ist dann ja gar nicht richtig, nichts Halbes und nichts Ganzes.

Vergessen, vergessen, toxische Glaubenssätze sind das! - selbst zusammengebastelt aus Bruchstücken von Erfahrungsberichten der mittelalten gebeutelten Gesellschaft, Werbung und einsamen Gedanken.
Einzig und allein die gegenwärtigen Augenblicke konsumieren, Gedicht hin oder her, eignet sich aber grandios, denn der Vorteil dieser Form steckt schon im Namen : es ist verdichtet. Komprimiert, eine Momentaufnahme - hier einmal alles, bitte sehr, kannst du dir auch später ansehen.

Warum ist so etwas notwendig? Ohne irgendwem Kunst oder die Beschäftigung damit, aufzudrücken, darum geht es hier gar nicht, das sollte an dieser Stelle klar geworden sein, wenn nicht , es geht um die Abwehr der Antihaltung oder vielleicht sogar die Furcht vor der - zunächst stattfindenden - Einnahme, Wahrnehmung des Gegenwärtigen und der Bezeichnung dessen als Kunst und der Akzeptanz des eigenen kulturellen Schaffens, egal ob als Gast, Dichter, Hörer, oder Produzent.

Der körperliche Wandel im Jugendalter bringt große Veränderungsprozesse des Gehirns mit sich.

Die wachsende Fähigkeit zur Metakognition in Kombination mit den rapiden körperlichen und psychischen Veränderungsprozessen führt zu einem verstärkten Nachdenken über die eigene Person, es kann bzw. kommt hier auch zur übertriebenen Vorstellung der eigenen Wichtigkeit. Gleichzeitig entwickelt sich auch die Fähigkeiten zur Wahrnehmung von Idealen und Visionen.

Diese Worte wehren sich auch gegen das Labeln und Pauschalisieren eines Begriffes, hier Pop . Pop ist prollig, Klassiker sind hip. Beides falsch, beides kann wunderschön sein, darf aber nicht diskriminiert und abgestempelt werden. Ein einfacherer Zugang zum sofortigen Kunstschaffen unserer Mitmenschen, egal über welches Maß an Begabung sie verfügen (falls es die überhaupt geben kann - don’t cry, work) kann geschaffen werden, indem die sogenannten Merkmale von Pop alle vergessen werden, damit eine allgemeine beinahe Angst davor gar nicht aufkommen kann, dabei schließe ich eines aber aus: Die Kunst liegt im Jetzt.

Dichtung ist ja überall, der Situation angepasst so kann folgende Beobachtung in der U- Bahn auch festgehalten als traurig, oder wie ich finde extrem lustig angesehen werden

“Ich freu mich wie ein Schneekönig

Das ist das erste mal das was ich gewonnen habe, früher habe ich alles gleich immer verkokst oder versoffen

Jetzt mach ich alles auf einmal

Ha!

Bam bam bam

Das ganze Jahr war so beschissen

Jetzt ist da so viel Punk Rock

So viel Shit

Verdammt!

Ja !

Und dann stieg er aus und schmiss mir seine Zeitung auf den Schoß.

An der Wand des Lokals, in dem die erste Lesung meines Gedichtbandes statt finden soll “Döner, Hanf, RZK”, was auch immer das bedeuten mag. Später erfuhr ich, dass sich der Schlagzeuger einer kiezbekannten Punkband mit diesen Worten dort verewigt hatte.

Die Musik begleitet einen, mit jeder Zeile aus jedem Genre, so reichte bei mir ein Song von The Cure, Bob Dylan , Rio Reiser, Judith Holofernes, Olli Schulz oder eben ein paar Verse von Hesse, Rilke, Brinkmann, Fauser, aber auch Goethe, aus als Entscheidungshilfe, ob das richtig ist sei an dieser Stelle egal.

Trotzdem schreckt einer zurück vor Gedichten, ein viel zu grosses Wort, Autoren , verkalkten und schnörkelhaften Versen, mit labyrintartige Interpretationen vorbehalten.
Das ist schade.
Zurück zu den Visionen und wie wir uns alle durch Dichtung retten können

Es gibt einem zum Beispiel die Fähigkeit in komplett andere Rollen zu schlüpfen, wie es ein Text neulich getan hat, mit dem ich mir die auch heute anwesende Verlegerin zu mir gedacht habe, da sie sehr weit von mir entfernt lebt, aber nur ein paar Zeilen und ZACK , da herrlich, hier ein Erlebnisbericht, der den Blick auf die jugendliche Entwicklung und deren Betrachtung des eben beschriebenen schildert, dazu also folgender Text:

Die Szenerie ist klar, Villa in Rom - ich bin betagte Autorin, , Aron ist selbstverständlich auch eingeladen, weil na klar - das Porträt über ihn von urbanite Magdeburg blieb nicht folgenlos , ich will hier nicht sein, es grämt mich - meine Knochen, die mir den schweren Spiegel vorhalten wozu das Fleisch bald nicht mehr in der Lage sein wird.

Das da unten muss Aron sein
Er ist so jung, jugendlich und so ... nervig

So viel zu Miriam , der Text wird nun erzählt von Luigi, der nur als Kellner arbeiten muss, da er als Redner nicht wirklich viel Bewirken kann, jedoch als Autor, das konnte er jedoch noch nie zu beweis stellen, da er seine Texte ja nie verbal vorstellen konnte weswegen er allgemein und vor allem vom Institut in Rom, welche ihn herrenmenschengleich aufgrund seiner Einschränkung als Dienerkraft beschäftigten.

Jedoch - durch eine atemberaubende Umpolung seiner Wahrnehmung die wahrscheinlich durch dauerhafte Verstummung entstanden ist kann er jedoch beim Besehen einer sich unbeobachtet fühlenden Person in deren Gedanken eindringen und aus deren Perspektive schreiben, um sich jedoch nichts anmerken zu lassen, lässt er die ganzen Geschichten auktorial erzählen und wiederholt penetrant Nebensätze wie “dachte er” und so weiter, seine Geschichten verschenkt er meistens, denn Luigi hat zudem einmal sehr viel Schuld auf sich geladen indem er John Gotti verraten hat, also gibt er seine Geschichten Autoren, die gerade einen Schub brauchen, so schrieb Luigi bereits Herr Lehman, Rave und Feuchtgebiete , so viel zu Luigi , Autor dieses Textes, ein anderer Klischeename wurde nicht gefunden, der Text wurde schnell als Überbrückung beim Warten auf Bier geschrieben.

Jedenfalls geht es weiter mit Miriam:
Ich frag mich was das soll, dieses Klacken da auf dem Hof, das war Aron , das mussten Aron sein, wieso sind die eigentlich hier, die können doch nicht ihren Tag so verplempern.

Da bemerkte sie, dass es bereits 17:35 war und er bisher 1,5 h Stunden damit verbracht hatte ihre Apartmentküche in penibler Akkuratesse zu säubern, zumindest dachte sie das, sie malte sich das vorher als Projekt aus, die Unordnung im Umfeld als Ursache allen Übels – so hatte sie sich das überlegt und so machte es auch Sinn- wenn die Küche aufgeräumt war- kann die Planung beginnen und sowieso dachte sie daran, was dieses eine Mädchen neulich auf einer Galaveranstaltung gesagt hatte - musste Schulsprecherin oder beste Absolventin ihres Jahrgangs oder so keine Ahnung alles auf Italienisch - aber das Zitat stammte von Oscar Wilde - mit ziemlicher Sicherheit - keine Ahnung, das war Englisch , jedenfalls sagte sie frei übersetzt nämlich, dass nicht die Spitze des Berges das Entscheidende war sondern die Versuche darauf zu kommen oder so ähnlich.

Jedenfalls war der Fakt, dass sie das Ganze auf die Küche bezog nicht etwa albern, sondern einfach nur richtig angewandt, wie sie fand, zuvor hatte sie sich ein wenig albern gefühlt eine Art Stolz, in der Art und Weise wie sie seine Raumarrangierung plante, zu spüren. Aber man fand nun mal nicht immer einen Berg, schon gar nicht in Mainz, wo sie herkam , da musste eine Küche, ein Balkon oder ein verdammter Busch Basilikum ran.

Und dann wieder dieses Klacken. Was sollte das?, fragte sie sich, was bringt es diesem Bub diesem Kind, das Holz das dritte Mal auf den Boden zu werfen. Das hatte auch nichts mit der Schönheit der kindlichen Begeisterung zu tun, das war einfach Quatsch, dieses KIND war bereits 21 - das muss gar nicht beschönigt werden, so etwas zeugt von Problemen oder zumindest akuter Langeweile, so ein schweres Stück Holz immer wieder aufzuheben und auf den Boden krachen zu lassen, und anscheinend fand dieses Kind, auch noch Gefallen daran, stelle sich mal einer vor wie das aussehen würde wenn es weiter altert und dieses Verhalten nicht ablegt. Das war eine interessante Beobachtung! Das Ablegen seltsamer Verhaltensweisen im Alter. Hatte das was mit Weisheit zu tun?

Und funktioniert das bei allen und ist es dann beruhigend, dass man sich sicher sein kann , dass diese seltsame und leicht psychopathisch wirkende Marotte nur vorübergehend ist - weil das Feld lässt sich ja ausdehnen.

Irgendwann wird das Kind genauso sexuell verunsichert sein wie all die anderen, irgendwann so für ein Jahr oder ein halbes oder zumindest ein paar Wochen das Vertrauen in sich und vielleicht in das ganze Leben verlieren und sich schlau machen wie man sich möglichst schmerzfrei umbringt und dann darüber nachdenken, dass es eigentlich egal ist wenn man sich wirklich umbringen will ob es weh tut oder nicht, weil man dann ja eh tot ist, also wozu der Aufwand und dann kommt ein Anruf, dass nächste Woche Opa Geburtstag hätte und dass man da dringend erscheinen muss, dann verfliegt der Gedanke anhand von Terminen und alles ist erstmal schnell vergessen.

Beruhigend, aber auf der anderen Seite auch beunruhigend diese Konformität und bis dahin wäre noch ganz schön viel Zeit und dann soll es lieber sich damit zufrieden geben sein Stück Holz auf den Boden zu werfen, wenigstens hatte es damit was zu tun.

So erdachte ich mir ein Zusammentreffen mit einer weit von mir entfernt lebenden Personen und hab mich einfach in meinen Gedanken in ihre Nähe begeben, mit Worten, zack. Und hört der aufmerksame Leser bzw. Zuhörer nicht die Ironie raus, eine gewisse Selbstkritik ? Die Inszenesetzung des eigenen Charakters in die Geschichte, jedoch als solchen, der eigentlich am herumblödeln und als am wenigsten vorteilhaft bzw am wenigsten qualifiziert für den Fortbestand einer gut konstruierten Geschichte scheint?

Die Antwort ist ja, aber auch das ist eine Flucht.

Die Entwicklung ist ja nun einmal die Voraussetzung und ich rede die ganze Zeit von jungen Menschen, was aber nur anschaulicher ist: in ihrer Entwicklung stehen sie vor Entscheidungsprozessen, wo das rationale Denken meist noch nicht konsequent eingesetzt werden kann.
Das sind ja erst einmal scheiß Bedingungen. Sich dem aber hinzugeben, sich treiben zu lassen konsequent - von seiner Wahrnehmung. Das gilt es dann zu verwenden - in Sprache oder überhaupt in der Dokumentation: Das beispielsweise diese Blume zwischen Kotze und Spritzen dort so verloren, aber auch stolz dasteht - oder ganz Pragmatisches, dass die U-Bahn aussieht als würde sie überquellen und man Angst Verspürt, dass man sich die Blicke von MitbürgerInnen nicht erklären kann , ob sie sich auch angezogen fühlen oder eher werten, dieses Festhalten, all das ist Dichtung, verdichtete Eindrücke, komprimiert, vielleicht nur zum abschütteln , da die Informationen eh schneller und zahlreicher als Atemzüge konsumiert werden.
Dieses Festhalten kann so einfach wie möglich sein , manche denken das ist dann nicht richtig, ABER GENAU DAS IST FALSCH, vermeintliche Kritiker, tun die Aneinanderreihung, Aufzählung Beschreibung von Gegenwärtigem gehässig als POP ab, POP, MAINSTREAM, UNBRAUCHBAR.

Es brauch den Pop, er ist nicht vermeidbar, konserviert das Gegenwärtige und verschwindet dann auch wieder, weil neue Eindrücke kommen - das ist ja das schöne.

Was Überdauern soll ist individuell zu entscheiden, demnach ist der Klassiker etwas Persönliches. Für die Entwicklung und das Erleben und Auskosten der verfügbaren Möglichkeiten dieses begrenzten Lebens brauch es aber Angebot, Austausch, Auf und Ableben von Hits, Impressionen - Your choice - take it all! - Rausch, selbstgewählt.

Das ist das schöne am Pop: ein Jetzt-Stück vom Augenblick, vom Leben wird völlig stückchenweise und ohne Erwartungen präsentiert. Was dann gewählt wird - Geschmacksache, oder eben Verzicht, selber Schuld. Völlig frei, herrlich.

Wer diese Art von Pop verteufelt, mag das Leben nicht.

Wenn sich eine junge Person, also verunsichert in dieser Welt bewegt kann eine simple Darstellung einer gegenwärtigen Situation, vielleicht nur durch die bloße Schilderung, wenigstens die Möglichkeit einer Hilfe zur späteren Erklärung geben. Wann ? Am Morgen, in ein paar Jahren oder man hat es anderweitig erkannt, dann verfliegt es wieder und wird ersetzt, alles macht weiter. (Brinkmann, hach)
Das Einfache, Gegenwärtige ALS UNBRAUCHBAR UND AUSTAUSCHBAR abzustempeln ist nicht nur halb stumpf und halb falsch, es bringt noch mehr unnötige Verunsicherung. Halb Stumpf und Halb Falsch, da es offenkundig austauschbar ist, aber nur so kann es funktionieren - bleibe der Gegenwärtige Zustand erhalten würde das Stagnation, Langeweile bedeuten. Und das bedeutet ja im heutigen Zeitalter die Alltagssünde

Deswegen geben wir uns dem Rausch, dem Austausch, des Feiern der Vergänglichkeit hin: indem weiter produziert, konsumiert und eingefangen wird.

Die Art und Weise, wie das abläuft, ob mit Stimme, Pinsel , Stift, als Bild, Lied oder Gedicht ist ebenso egal wie vielfältig. Man kann also genau so gut von Präventivmaßnahmen gegen das Vergessen des Ists Zustandes annehmen - für sich selbst, für andere, für Geld und/oder als Selbsttherapie, Charles Bukowski Nostalgisch “Ich fotografiere die ganze Scheiße um mich herum, das ist meine Kunst”, alles geht und alles ist erlaubt.

Das geschaffene Repertoire kann dann immer noch aus selektiert und als Klassiker verwendet werden.

Ob jetzt alles Geschriebene und Dokumentierte als Literatur und eigene Dichtung angesehen wird ist jedem selbst überlassen, gesagt sei nur eins: Es ist sicher möglich und vielleicht sogar notwendig.

Oder um es mit Rainald Goetz Worten zu sagen: “geil, geil, geil, geil, geil, geil.”

(aus “Rave”).

Das kann so stehen gelassen werden, weitermachen.


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