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02.11.2018

Wenn ich etwas gebe, gilt: Deutsche Bettler first! (alle anderen könnten ja bandenmäßig organisiert sein)

Es ist doch so: Bekommst du von einem dicken Typen aufs Maul, denkst du instinktiv das fette Schwein. Poliert dir jemand das Fressbrett, der so aussieht, als ob seine Eltern oder Großeltern aus der Türkei stammen könnten, klopft mit hoher Wahrscheinlichkeit ein scheiß Kanake an die Pforten deines Bewusstseins. Niemals würde dein Gehirn Begriffe wie Jüngling mit Adipositas oder impulsgesteuerter Jugendlicher mit Migrationshintergrund ausspucken.
Was Kanake bedeutet, weißt du nicht. Aber es klingt abfällig. Das genügt. (Viele Beleidigungen werden ja eher instinktiv verstanden, Bastard etwa.)
Bei Türken zu Hause warst du schon. Während einer Reise an die Schwarzmeerküste. Dass sie dich dort in ihre Wohnstuben eingeladen haben, erschien dir selbstverständlich. Südländische Gastfreundschaft eben.
Du selbst hast noch nie Fremde in deine Hütte gelassen – calvinistische Zurückhaltung, auch German Angst genannt – maximal Bekannte von Bekannten (natürlich alles Leute mit Bezug zu deinem Kulturkreis).
Aber Türken und andere Gastarbeiterkinder, wie das damals hieß, gehörten ja auch schon in der Schule nie richtig dazu. Schweigsame, zurückhaltende Gestalten, die oft seltsam angezogen waren und manchmal seltsam rochen. Höchstens beim Fußball auf dem Pausenhof erfuhren sie eine gewisse Wertschätzung. Natürlich nur, wenn sie kicken konnten.
Später, in der Punkszene, hattest du so gut wie nur noch mit Kartoffeln zu tun, nicht selten Kinder aus den besseren Vororten. Ein kurzes Zwischenspiel mit deiner Band im Übungsraum des türkischen Jugendzentrums. Wie hieß das gleich noch? Selam? Salam? Egal, es klang in jedem Fall fremd, war wohl auch nicht so wichtig. Geredet hast du dort eh nur mit den deutschen Sozialarbeitern. Die Jugendlichen, mit denen du und deine Freunde euch die Lautsprecheranlage teilen mussten, waren zu weit weg von deiner Lebenswirklichkeit. Allein schon diese seltsamen Instrumente – dickbauchige Lauten oder Gitarren mit langen Hälsen, die unzweideutig nach Folklore und damit gänzlich uncool aussahen.
Mitte der 80er, bei den ersten Demos, auch wieder nur Bleichgesichter. Irgendwann tauchten die Kurden auf. Aber die blieben lieber unter sich (zumindest hast du dir das eingebildet), trugen merkwürdige Fahnen, auf denen sich ein dicker Typ mit buschigem Schnauzbart präsentierte. Ohnehin die Demos: Der schwarze Block war irgendwann nicht mehr wegzudenken, je nach Anlass beinahe omnipräsent. Aber Schwarze waren da so gut wie nie zu sehen. Mit denen hattest du in anderen Zusammenhängen zu tun. Da war dieser Überfall nachts in Manhattan. Sieben oder acht Typen („Today is my birthday!“), bei denen du deine gesamte Barschaft abliefern musstest. Oder dieses Trio am Münchner Hauptbahnhof, das dir und deinem Kumpel erst Gras angeboten und dann versucht hat, dein Handy zu stehlen.
Apropos: Beim Drogenkauf bist du danach noch zweimal abgezogen worden. Einmal gab es Waschpulver statt Kokain. Beim zweiten Mal war gleich gar nichts im Stanniolkügelchen. Aber ups, da fällt dir gerade ein: Die Verkäufer, respektive Abzocker waren ja in beiden Fällen Weißbrote. Kein Grund für dich in Nachdenklichkeit zu verfallen. Stereotype, strukturelle Gewalt, wirtschaftliche Ungleichheit, Fluchtursachen, Residenzpflicht für Asylbewerber – das alles ist doch reichlich kompliziert, ja, regelrecht verwirrend. Und gute Laune macht es auch nicht.
Lieber zu dieser Kundgebung gegen Nazis und Rassisten. Das ist ’ne klare Angelegenheit. Aber vorher noch schnell einen kiffen. Roten Libanesen. Oder Schwarzen Afghanen vielleicht. Der ballert immer so schön.
(Geschrieben im Sommer 2018 anlässlich der Veranstaltung „Rock against Racism“ in Bayreuth.)


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