Blog

19.09.2018

Stadtflucht

Zur Kreativität

Jetzt bin ich im Norden.
Ganz im Norden und vermisse den Trubel. So ein Mist aber auch.
Dennoch befinde ich mich doch erst in dieser Lage, weil ich mich nach Stadtflucht gesehnt habe.
Und ich erkläre auch warum.


Eine Flaute sucht jeden einmal heim. Ob man sich jetzt als kreativ bezeichnen möchte, ist egal, anschaulicher wird es dadurch vielleicht, bestes Beispiel: Schreibblockade.
Eigentlich nicht schlimm - sagt einem doch jeder, dass das gar kein Problem ist so eine Blockade und jedem mal passiert.
Das passiert, muss man durch, nichts erzwingen, auf gar keinen Fall, einfach abwarten - Vielen Dank
Auffällig ist hierbei, dass sich hier genau die Leute zu Wort melden, die gerade nicht von eben jener Blockade betroffen sind und man selber würde diesen Rat auch nicht geben, wenn man mit einer Blockade zu ringen hat, denn sie bewirkt einen unangenehmen Zustand der Unsicherheit, der stresst und zum Grübeln zwingt.
Dieser Effekt wird dadurch verstärkt, dass die Stadt - in der man ja lebt, weil sie das fruchtbare Umfeld für die kreative Arbeit geben sollte -  einem konsequent den Spiegel vorhält und damit beleuchtet wie unproduktiv man gerade ist.

Es muss also gehandelt werden und so wird nach Erklärungen gesucht.
Schnell wird sich auf dieser Suche verlaufen, weil die Wege ja so vielfältig sind und gar kein Anfang bzw. Ansatzpunkt gefunden werden kann, und glaubt man diesen gefunden zu haben - neue Fragen -  wo soll das Ende sein, wann ist es in Ordnung mit der Suche aufzuhören bzw. Zu pausieren ?

In der Großstadt scheint alles möglich - alles ist laut und mehr oder weniger toxisch und suggeriert dem noch orientierungslosen Inspirationssuchenden, dass man nur DABEI war, wenn alles mitgemacht wurde.

Problem ist zunächst der romantisierte Selbstzerstörungsprozess, der in den Köpfen dieser Suchenden durch Literatur- Film- und Malereikonsumenten derartig romantisiert und verankert wurde.
 Das passierte durch Menschen wie Charles Bukowski, Lindenberg, Westernhagen,  Amy Winehouse, Jörg Fauser, Janis Joplin, Kurt Cobain, Dali und all die anderen Helden, Club 27, die amerikanischen Beat Autoren, hach ja - denen in Momenten totaler Langeweile und Selbsthinterfragung beim einsamen Sonntagsbreitsitzen gedacht wird.
So ein Leben - hach ja-  Kreative.

Interessant ist hierbei, dass Marius Müller Westernhagen dieses Spiel perfektioniert hat, indem er diese Rolle des Turbelenten, des verrauchten Typen lediglich auf seine medienpräsente Persönlichkeit projiziert hat, dafür darin aber energetischer auftreten konnte. Privat ein ziemlich gesund und diszipliniert lebender Herr.
Vielen Dank Herr Westernhagen, dass Sie Ihren Rundfunkbeitrag bereits zwei Tage im Voraus gezahlt haben.
Aber Gerne doch!  - Mit freundlichen Grüßen M.M Westernhagen.
Und doch singt er auf der Bühne dann über Johnny Walker und wilde Liebschaften. Ein Bild des Rausches, das Sehnsucht weckt, so müsste es klappen.

In einer Großstadt macht man sich das zu Nutze, natürlich lockt hier nicht nur der Genuss, sondern auch die Neugier.
Diese Neugier ist aber eine Form von Energie, die in ihrer Wirkung unberechenbar ist.
Um das zu erklären, muss das Prinzip des Abdriftens verstanden werden, am besten anhand eines Beispiels:

Der dekonstruktive Donnerstagsfehler
Man wacht auf und realisiert, dass der jeweilige Morgen eigentlich ein Freitagmorgen ist und eigentlich dachte man am Donnerstag noch, dass es an diesem Tag bereits Freitag wäre, weswegen der Donnerstag extra ruhig angegangen wurde, im Glauben daran , dass ein potenzieller Exzess, die gewählte situative Körperignoranz umgangen wurde, der durch das Annehmen, der irgendwann festgelegten Verhaltensregeln an Wochenenden, oft auf diesen Tag fällt.
Diesem Handlungsimpuls, diesen Tag auch brav zu nutzen wird in der Regel auch nachgegangen, da dem Wochenende ja, um sich vor sich selber nicht als Langweiler zu outen, gehuldigt werden muss.
Diesmal sollte es anders laufen - man wollte sich etwas beweisen und bewusst anders als gewöhnlich handeln, eine Herausforderung. Man sah sich siegreich.
Dann aber festzustellen, dass das Ganze noch vor einem liegt - da dem Wochenende ja, um sich vor sich selber nicht als Langweiler zu outen, gehuldigt werden muss denn SURPRISE - JETZT IST ERST FREITAG.
Demnach müsste das ganze Prozedere nochmal durchlaufen werden, um sich selbst wertzuschätzen und behaupten zu können man hätte sich tatsächlich in Verzicht geübt. Schlimm diese Zwänge.
ICH MUSS JETZT HIER RAUS.

Das schlimme daran ist, dass einer Großstadt ihre Millionen individuellen Bewohner ziemlich egal ist, besonders ihr privates Handeln, solange es nicht gänzlich gemeingefährlich ist. Sie macht was sie will, pulsiert vor sich hin und zeigt ihre Angebote, Ablenkung, Verdrängung - Stadtleben.
Das ist dann die einfachste Lösung - und mit einem gewissen Verlangen nach Vergnügen im Leib auch situativ absolut logisch -  genau in diesem Moment des Nicht-weiter-Wissens sich hereinzustürzen in den Rausch, in die Nacht, in den Konsum, die Ablenkung, die durch Kultur romantisierte Leichtigkeit, die sich wie Schwere anfühlen soll, hat sie doch diesen rauchigen und abgestanden und zugleich so süßen Geruch.
Einfach Bumm Bamm, Körpergefühl unterdrücken und raaaus. Scheiß. Egal.
Hauptsache was einfangen , Inspiration, Art - Of course English - Obviously -  is everywhere,lalala - es geht weiter.
Die Kreativität muss doch irgendwie zu stimulieren sein, ZEIG DICH!
 
Zu glauben diese Ablenkungen wirklich kreativ und produktiv nutzen zu können ist bei lediglich gelegentlichen Ausprobieren schon fast vermessen.
Es erfordert Langzeiterfahrungen, und vor allem eine Strategie. Bukowski würde einem ein Glas an - Jörg Fauser seine Zigarrette an den Kopf werfen.
Mit einem Glas Rotwein, bei dem man sich nicht sicher ist, ob man es gerade - dem Preis angemessen - zu schnell trinkt, seine Konzentration also primär darauf legt - und einem Notizbuch an einem Holztresen zu sitzen, schreibt noch lange keine authentischen oder - wenn schon nicht das- interessanten Texte, dem wird man sich auch zunehmend bewusst. Oft ist es dann einfacher, sich zu schwören in Zukunft  disziplinierter zu arbeiten, was man mit dem Aufschieben schon falsch angeht - oder eben: dauerhaft zynisch zu arbeiten.

Zynismus, als oft wiederkehrendes Stilmittel, ist nicht selten ein Zeichen, dass es einem entweder ziemlich dreckig geht, oder man einfach keine andere Form findet, Interessantes zu erschaffen.
Irgendwann realisiert man das für sich selber  - das sind schon mal schlechte Bedingungen.
Also findet sich ein anderer Grund: Stadtflucht.

Ich wollte raus aus Berlin. Solche Sätze werden einem vom Umfeld irgendwann ebenso klischeemäßig aufgezwungen, wie zuvor der Drang Berlin doch endlich einmal zu besuchen.
Sich von der Großstadt, in der man lebt zeitweise zu distanzieren, hat immer eine Wirkung nach Außen.
Damit wird Abgeklärtheit und überhaupt existierende Identifikationsressourcen als Städter bewiesen, die aber abgelegt werden können - alle Achtung, so ein klarer Kopf.
Man will sich lösen vom Trubel, von der Hektik und vom Stress sowieso.

Das geht aber nicht alleine.
Also suchte ich mir erst Unterstützung um wirklich eine Art Verpflichtung einzugehen, wegzufahren. Ein Kollege, Freund und Begleiter musste her.
Wir beschlossen also weiter weg als nach Brandenburg an der Havel zu fahren. Und nur das Wegfahren reicht natürlich nicht aus.
Es muss einen Zweck haben -  dabei reicht die eigentlich schon festgelegte Intention - nämlich: das Loslösen vom Stadtleben, wenigstens für ein paar Tage - nicht aus und Arbeit wurde festgelegt. Schreiburlaub.

Und in meinen Berichten muss ich hin und wieder Rainald Goetz zitieren. Das ist das bisschen Freiheit, was ich mir als kleiner Sklave dieser Unterhaltungsindustrie herausnehme - was wollt ihr tun, hm ? Einen wütenden Kommentar schreiben? So jetzt habe ich mich genug in Rage geredet, also zum Zitat „n’ bisschen Heinrich Heine in the Air“ und wir wollen Nordluft, also bitte.

Man kauft sich die Flucht am Hauptbahnhof und legt dabei seine Berlinattitüde nicht ab und belästigt mit seinem Stadtgequatsche alle Anderen Brandenburger, Sachsen-Anhaltiner oder Mecklenburg Vorpommer (die Hamburger nehme ich hier raus) , die einfach in Ruhe nach Hause wollten. Die, die all das was wir sagten schon, wirklich abgeklärt und unbeschönigt wussten und eigentlich dachten, endlich wieder am Wochenende davon loszukommen und sich jetzt unsere Gespräche anhören mussten, indem wir diesen städtischen Alltagshorror ihnen noch ganz komprimiert hübsch in Worte verpackt auf den Heimweg gaben, vielen Dank auch.

Man ist ohnehin von Euphorie ergriffen, da man ja den Grund seiner vorherigen kreativen Flaute gefunden hat - die Stadt und durch seinen eingeladen Komplizen überhäuft man sich durch Argumente, warum das eigene Umfeld einen selbst behindert erfolgreich - oder zumindest produktiv zu sein. Herrlich.

Grund 1 - U-Bahn

Man erzählt sich viele kluge Sachen, warum einen die U-Bahnen so stören, dass ja alles irgendwie besser wäre wenn das ganze Herumgefahre nicht mehr einen so großen Anteil am alltäglichen Leben einnehmen würde.
Dabei bedenkt man aber natürlich nicht, wie groß die Stadt ist und , dass man ohne sie ziemlich aufgeschmissen wäre und sich wiederum darüber ärgern würde. Aber momentan raubt sie jeglichen Freiraum für Gedankengänge - zu voll, zu stickig, einfach zu viel. Schlimm.

Wir müssen unser Gespräch hier unterbrechen, Endstation, wir fahren gleich fort. Hallo Stralsund, City - keine Großstadt, Provinz, und doch irgendwie bekannt, hier lag das Potenzial doch mit Sicherheit auf der Straße.
Aussteigen, weiter. Einen Verlaufsplan hat man schon, nämlich sich in jenem provinziellen Ort gar keinen Plan zu machen, da dass ja schon sehr konservativ und Anfang allen Übels und Ende jeder Entstehung von Kreativität darstellen würde. Och, einfach mal wirken lassen, ne?
In seiner getimten Flucht - man hatte ja doch etwas in seiner Heimat ZU ERLEDIGEN -  hatte man natürlich kein Zeit zu verlieren.

Also Innenstadt - guter Plan:  Szenerien suchen - typisch Nordisch oder doch davon distanzieren? Wo ist ein Fischerboot oder wenigstens eine Hafenkneipe ? Egal, weiter -
Pommes mit Backfisch oder Backfisch mit Pommes was sollte hier die primäre Erwähnung bekommen ?  - Keine Ahnung - jedenfalls steht über allem das Totschlagargument : - LECKER -  in Kreideschrift.
Das lockt natürlich: Touristen, Bier Gemütlichkeitsgekicher  und aufgeschaukeltes Pöbeln, so kann natürlich nicht gearbeitet werden. Gedankenspaziergang, weiter.
Ich sage laut aus, dass die Stadt ganz schön leer ausschaut, dafür dass keine Ferien mehr sind und merke im gleichen Moment wie unsinnig dieses Urteil über eine Stadt wie Stralsund, die mindestens zu 70 Prozent von Tourismus lebt war.
Ich merke ich Stumpfe ab und  schweige für fünf Minuten aus lauter Schamgefühl. Rauchen.

Die Zeit rennt und noch kam kein revolutionärer Gedanke, kein kryptisches Gedankenknäuel, bei dem ich es mir zur Aufgabe machen wollte es auseinander zu falten und neu anzuordnen.
Also weiter, weiter, WEITER!

Unterwegs , Hauptsache schnell - das war was, alles aufnehmen, alles notieren, jeden Geruch, alles hat einen Sinn, alles muss aufgenommen werden, darin liegt die einzige Aufgabe, was fair
Mir fällt aber verdammt nochmal nichts ein, also führen wir wieder in betretenem Kaffeetassenrühren unsere Liste an Gründen auf.

Das Problem ist und bleibt die Inszenierung solcher Reisen, die gar nicht nötig ist, der aber dennoch so zwanghaft nachgegangen wird.
Eigentlich ist man selbst davon genervt, es gleicht einer Form der Zwanghaftigkeit
Man begibt sich eigentlich mit dieser Suche nach Orten, die durch verschiedene Beeinflussung von Außen und eigene Erwartungen, sowie vorgefertigte Bilder im Kopf - dem entsprechen, was so scheint, als würde es einen kreativen Zweck erfüllen. Oho, ein ruhiger Stadtpark - hier lassen sich Gedichte schreiben, wie soll ich eine echte Nachtgeschichte ohne einen Besuch in einer Hafenkneipe schreiben? Das muss alles vorher erledigt sein um wirklich hinter dem Werk zu stehen, ansonsten: Pfui, Simulant.

Es ist also die gleiche Form von Flucht, wie noch zuvor in der Großstadt :  Ab in die U-Bahn - Überfordert, Überfragt, Überlesen - Orientierungslosigkeit - Dreieuroneunzigeinkauf, Bier mit aufs Zimmer, akut passende Musik mit einprägsamen Indie Zeilen aufdrehen, angenehme Berauschung, Bier hektisch aufmachen, Bier fällt hin , Plumps - und alles riecht nach Kindl - das ist  aber nicht schlimm, denn in der rauschigen Selbst-In-Szene Setzung ist das Kunst.
Es ist ein schmaler Grad.
Denn das einfach so liegen lassen - klebend und abgestanden riechend - ist dann wiederum ein Zeichen prolliger Egalität und dann wird sich geärgert, wahrscheinlich nie ein solcher Lebenskünstler  zu sein, der im verrauchten Milleu bestens klarkommt und daraus seine Inspiration sucht. Überfordert mit sich selbst und geschafft wurde auch nichts.
Schade. Das kommt dann alles auf einmal.

Den Momenten des Zur Ruhe Kommens, kann man sich gar nicht entziehen, denn das Angebot ist auf ausgesuchten Stadtfluchtsorten eben nicht gegeben, weswegen sich irgendwann zwangsweise mit sich selbst auseinandergesetzt werden muss.
Das ist oft sehr anstrengend und das Problem der konzentrierten Wahrnehmung.
Hierbei wird ja leider auch das Unangenehme, das was schief läuft, ebenso intern individuelle Unstimmigkeiten bemerkt, das möchte man nicht.
Also ist man unkonzentriert - sucht nach Erklärungen - ORTSWECHSEL BITTE.

Ich liege also ganz sauber und in angemessenem Zustand der Müdigkeit auf dem Holzbett. Mein Bauch ist von Tee aus selbstgesammelten Kräutern gewärmt, meine Füße sind schwer, denn Strandwanderungen sind durch das Nachgeben des sandigen Bodens immer ein wenig anstrengender für meine Sohlen.
Ich musste mich duschen, das Meersalzwasser machte meine Haare klebrig.
Von draußen hört man hin und wieder ein Auto vorbeifahren, ansonsten gar nichts, es weht frische Gartenluft zum Einschlafen, in Intervallen angenehm streichelnd.

Und ich merke wie sehr mir das alles fehlt.
Morgen fahre ich wieder in den Süden, das hält ja keiner aus.

10.09.2018

Zeit nehmen

Wir saßen also in der Bahn Richtung Norden, selbst ein Ausflug fühlt sich nach Arbeit an, provoziert durch das geschäftsmäßige Design der DB Sitze, der Kleidung des DB Personals absolut Allem.
Dichterreise, so stellen wir es mal hin.
Kollege Carl und ich auf dem Weg - aus dem Süden hinauf in den Norden. Weg von München, genug gesehen.
Um gleich wieder nach Berlin zu fahren, ist man jedoch zu kurz weg gewesen. Man muss sich ja immer rechtfertigen, vor allem vor sich selbst. Die Zeit als einfach so gegebene Ressource zu betrachten, GEDANKENLOS.
Andere stört das nicht, keinesfalls.
Da ist es egal, wenn man sagt “ich bin gestern noch in München gewesen, nur eine Nacht, heute wieder ICE nach Berlin, gleich ganz früh am Morgen”.
Bei mir schlich sich irgendwann jedoch die Selbstabwertung ins Gewissen- und wie so oft war dafür die U8 Richtung Berlin-Hermannstraße zu blamen, wie der Amerikaner sagt.
Die Botschaft, die sie mir, mittels einer betrunkenen Mitfahrerin, übermittelte schrieb ich als Gedicht nieder:
Ruf aus der U8
Ist schon traurig
Das unterhalten
Heute gar nicht mehr ist
Unterhalten sich alle mit ihren Handys
Völlig online
Is’
Schon geil
(Leiser werdend) völlig online
Eine Tugend aus dem Geblame gemacht , Blamen, GEblamed - verdeutscht, damit klingt es noch angenehmer - der Amerikaner kann vieles einfach ehrlicher, aus dem Bauch heraus sagen, es klingt hart, soll es auch, und wenn sich übernommen wird, kann die Einfachheit der Wörter dafür herangezogen werden.
Ich muss mir im Deutschen sehr viele Gedanken machen, wenn ich in mich gehe und meine Konflikte mit mir austragen will. Wieder die gleiche Situation wie diese, von keinem eingeforderte Rechtfertigung für die sofortige Rückreise aus München nach Berlin. Das was Zeit wirklich bedeutet wird mir gar nicht bewusst, so glaube ich, weil ich die Zeit als pur existierende Tatsache, als zu erstrebendes Gut gar nicht wahrnehme, da wir aus irgendeinem Grund darauf bedacht sind uns immer zu beschäftigen, Zeit haben also eine Art Selbstkonfrontation wird: WIESO HAST DU JETZT ZEIT. Und stetig wird an der Prophylaxe gegen die Langeweile verübt. Freizeit als Alltagssünde. Alles gibt sich unschuldig und doch wird einem von überall suggeriert ein situativ fauler Hampelmann zu sein , allein schon durch: Stehcafés, Expressbestellungen, To Go Becher, immer mehr Arbeitsflächen in Cafés, auf die Hand Esser und in der U-Bahn Arbeiter und alle scheinen dabei nur ganz kurz von ihrer Arbeit abzulassen, einen Selbst ins Visier zu nehmen und kritisch zu begutachten.
So will man aber eigentlich doch nicht sein. Es ist und bleibt ein Tanz auf dem Zwiespalt.
Also Rechtfertigung, jetzt hat man eine Stadt schon so schnelllebig konsumiert, da kann nicht gleich zurückgekehrt werden. Obwohl man in München nur eine Nacht geweilt hatte, reichte mir alles aus - die Hektik, der ich Hektik entgegengesetzte (da ich ja felsenfest zuvor beschlossen hatte nur bis zum frühen Morgen zu bleiben, folglich jede Unternehmung mit dieser Endlichkeit in Verbindung stand), In meiner gründlicheren Überlegung ist das Wort blamen aber gar nicht gut genug um den ganzen Ballast abzuwälzen der meinen Kopf so schwer macht - also sage ich es ganz offen heraus: Ich BESCHULDIGE die U Bahn Linie 8 in Berlin und ihre derartige Penetranz, von der man sich als halbwegs interessierter Bürger nicht einfach so distanzieren kann, folglich immer zuhören muss, also ärgere ich mich nur halbwegs darüber ein scharfes Wort wie BESCHULDIGEN gewählt zu haben , denn über so etwas nachzudenken erfordert nicht nur sehr viel Zeit, sondern auch viel Energie und hat zur Folge, dass ich jetzt mit Kollege Carl, den ich mit ins Boot holen wollte um nicht ganz so allein zu sein, auf der Fahrt vom südlichen Großstadtflair in das nördlichste Großstadtflair (das Argument vom Trubel weg zu kommen, ist damit also genauso hinfällig) Hamburg fahre.
Kollege Carl und ich … Na gut bevor ich weiter erzähle, muss ich die Wahrheit sagen und berichten, dass ich das vorhin nur halb ernst gemeint habe, dass ich nicht allein sein wollte, beim Reisen meine ich.
Kollege Carl, ist daher ein Kollege, da wir gemeinsam an einem Projekt schreiben sollen - worum es sich bei diesem handelt, sei dahin gestellt, wichtig ist dabei, zum Verständnis, dass obwohl wir beide in ein und derselben Stadt leben, besonders gut darin sind unsere Zeit zu verplanen. Deswegen ist es auch unsere Arbeitsweise geworden, dass jeder für sich an Teilen des gemeinsamen Projekts, Texts - was auch immer - schreibt und den anderen fortwährend vor vollendete Tatsachen stellt, damit für Verwirrung und zeitaufwändige Nachbesprechungen sorgt.
Das sollte sich also ändern und aus der Tatsache heraus, dass wir in München waren schien es nur logisch nicht direkt nach Berlin zu fahren.
Kollege Carl stieg in Berlin Südkreuz dazu. Ich war allein in München. Ich habe deswegen Kollege Carl halb gezwungen mitzukommen.
Ich gebe zu: Ich wollte wirklich nach Hamburg, und nicht direkt nach Berlin, ich sehe es ja ein, aber manchmal musst du egoistisch sein, das habe ich neulich auf einem dieser YOGI Tee Etikette gesehen, so oder so ähnlich, wahrscheinlich anders formuliert.
Kollege Carl und ich, um hier mal fortzufahren, saßen also mit unserer Zeit im Zug und schieben die Müdigkeit vor unsere Skripts. Dabei schauen aus dem Fenster auf unsere Sitznachbarn, bei denen wir einen Moment der Verbundenheit spüren, das merke ich, denn ebenso interessiert wie ich schaut Kollege Carl dem Geschehen zu, ebenfalls Autoren, vielleicht Redakteure, sie sehen geschäftsmännisch aus , tragen also die Tarnfarben , wir haben sie jedoch bemerkt können also folglich nicht anders als zuzuhören. Die Personen , sie haben ziemlich deutsche Namen, die mir aber nicht mehr einfallen, da sie für mich zuvor Michelle und Raphael hießen, weiß nicht woher diese Assoziationen kommen, das passiert einfach also nenne ich sie in diesem Erinnerungsbericht einfach D und A und steige auch schon voll ein in das Gespräch:
Nicht viel , sagte D, viel gelesen und geschrieben, wollte aber eigentlich was schaffen, morgen treffe ich mich mit Helena, das ist nicht gut, weil Helena will mit mir ein Buch besprechen, was ich noch gar nicht gelesen habe. Viel lieber hätte ich mich mit K getroffen, aber K hat gesagt, sie könne mich in der nächsten Zeit nicht sehen, aber Helena, Helena hat im gleichen Moment als K mir das geschrieben hat gesagt, dass sie, wann immer ich möchte Zeit habe – Und da fängt das doch schon mal an. Das ist ganz aus dem Ruder gelaufen. Alles ist verrückt, es sollte lieber anders herum sein, lieber sollte K mich sehen können wann ich möchte und nicht Helena. Aber das ist nicht gut Helena morgen zu treffen, weil ich das Buch nicht gelesen habe und über was anderes kann ich mit Helena auch nicht reden, weil Helena immer eine gewisse Grundangepisstheit im Gesicht hat, was in diesem Falle, wenn wir uns sehen sollten und ich das Buch nicht gelesen habe, wegen dem wir uns treffen sollten, was sie mir aufgetragen hatte, weil sie mir diesen Auftrag gegeben hatte, gute Gage sollte es dafür geben und wenn ich dieses Buch nicht gelesen habe, dann hätte diese Grundangepisstheit mal einen Sinn und dann hätte es gar keinen Grund gegeben mich darüber aufzuregen auch nicht wenn ich allein wäre, weil ich würde mich ja nicht allein aufregen über Helena, wenn Helena vor mir sitzen würde, weil das würde ja gar nichts bringen- ich kann mich ja nicht nur wegen ihrer Mimik über sie aufregen- so eng stehen wir uns nicht- und selbst wenn- wenn man sich über die Mimik eines anderen aufregt kann man nicht erwarten, dass das Verstanden wird, weil man eigentlich ein ziemlicher Arsch war in diesem Moment, weil eigentlich geht es ja keinen etwas an wie irgend jemand guckt, das ist doch die Freiheit die man noch hat – zu gucken wie man möchte, dann können die anderen Leute einfach weggucken oder sich damit arrangieren. So siehts mal aus. Jetzt steht dieses Buch vor mir , ja steht wirklich, nicht liegend sondern stehend , richtig mahnend . K hat keine Zeit, ich aber, ich hätte Zeit dieses Buch zu lesen, womit ich eine ganz ganz schlechte Ausgangssitutation für die Beziehung mit diesem Buch haben werde, weil ich jetzt nur mit ihm Zeit verbringen kann, weil K das nicht möchte, demnach ist es ganz nett von dem Buch für mich da zu sein, doch wird es immer mit K in Verbindung stehen – und so kann ich auch nicht arbeiten. Ich hab Helena geschrieben, dass ich krank bin. Helena glaubte mir nicht. Wir treffen uns um 12 , morgen, vielleicht bleibt bis dahin noch ein bisschen Zeit das Buch zu lesen und mal sehen was K sich bis dahin so überlegt hat.
Das hatte D ihm heute morgen noch gesagt, kurz nach dem, im ICE nur ein oder zwei Mal sich ergebenden, Aufstehen und Kaffee holen, in dem A für ein paar Minuten offenkundig Ruhe genoss, A hatte extra einen Zug später nehmen müssen, für D, das war anhand seines Fahrkartentickets abzulesen - da stand nämlich 7:18 Uhr , und doch stieg ich von München mit eben jenem A in den Zug, der 8:18 Uhr nach Hamburg Altona fuhr.
Dann schunkelte D, durch das unbarmherzige Ruckeln des Abteils unschön balancierend mit zwei großen weißen DB Kaffeebechern - Gefahr laufend ein paar braune Flecken auf seinem BOSS Hemd zu verschütten, immer noch grübelnd – ließ einen ja nicht los das Ganze - denn so ein Typ der mal eben alles von sich ablud um es dann abzuhaken, um von etwas ganz anderem zu erzählen, schien er mir nicht zu sein. A bemerkte das D ziemlich tief in dieser Thematik steckte, offensichtlich, denn er begann mit den Augen zu zucken, das tat er sowieso schon die ganze Zeit über während er D zuhörte.
Und doch sah er offensichtlich das, sich für ihn öffnende Fenster und wusste, dass es jetzt an der Zeit war schnell zu handeln, denn D schwieg.
A hatte fast unbemerkt den Kulturteil des Tagesspiegels aus seiner Ledertasche gezogen.
Wirklich nur den Kulturteil, eine Ausgabe vom Freitag, obwohl schon Montag war.
Demnach wusste er offensichtlich über sein Lesetempo Bescheid und hatte sich WIRKLICH vorbereitet und alle anderen Ressorts liegen gelassen um sich in seiner selbst gewählten Zwischenzeit nur eben jenen Kommentar von Dr. Peter von Becker durchzulesen, es gab sogar eine Großaufnahme, die ich aber nicht erkannte, weil ich merkte wie unachtsam A las, da er mich bei meiner Spionage durch das Spiegelbild des riesigen ICE Fensters beobachtete.
Dann aber las er doch und unterstrich dies sogar damit, indem er mit seinem Finger über die Zeilen fuhr.
D war jetzt an der Hälfte seines Kaffees angekommen, bei dem es sich um einen Latte Macchiato oder mindestens einen Cappuccino handeln musste (das sieht man ja immer nicht durch diese Einheitsbecher mit ihren Einheitsgrößen in ihrem Einheitsdesign), denn er brauchte nur ungefähr drei Minuten um die Hälfte zu trinken( ich weiß es daher, da er ganz laut und mit starrem leicht selbst vergessenen Blick zum Kaffeebecher “Oh, schon halb leer” sagte) , und bei der Temperatur eines normalen Kaffees ist es fast unmöglich diesen in weniger als zehn Minuten zu trinken, also ein Heißgetränk mit viel Milch, A hatte noch gar nichts getrunken und fuhr mit seinem Finger weiter über die Zeilen der Freitagsausgabe des Kulturteils des Tagesspiegels, bis er auffuhr, da D ihn, während er weiter auf seinen Kaffee schaute fragte, - hast du kur Zeit?
Klar!, sagte A.
Und ich flüsterte Kollege Carl ein nicht hörbares “Tut mir leid” zu.

28.08.2018

Warum wir das JETZT Gedicht brauchen

 

Ich bin auf einer Lesung , meiner eigenen Lesung, Lesen aus einem Gedichtband, so die simple Beschreibung, der Titel ist hierbei unwichtig.
Das Publikum, was mich nicht kannte, ist selektiert voreingenommen und beschreibt das Gereime im Radio folgendermaßen: das sei alles Pop, also gar nicht ihr Ding und auf die Gegenfrage was die gegenwärtige Kunst für sie bedeuten würde, sagten sie:

 

Dichten sei ihre Aufgabe nicht, nicht mal zum Vergnügen das sei zu… naja, Ende, Bravo.

Meine Generation, die von Medien und hippen Campus Magazinen mit diesem massiv einschüchternden Wort beschrieben wird, versinkt in der Deprivation - wählt die Distanzierung von den eigenen Möglichkeiten - oh nein!

Dem muss ich etwas entgegensetzen, es zumindest versuchen, also beginne ich meine Lesung mit einer ungefragten Antrittsrede, um Dinge zu klären - These Kids aren’t alright - und das ist auch gut so.

Ich beginne.

Kommt ein junger Mensch alleine nach Berlin, gewillt dort zu leben, ist das mehr als ein Sprung ins kalte Wasser. Ein heranreifender Mensch, dessen Körper die Aufgabe hat Reize und Wahrnehmungen aufzunehmen, bekommt hier, Berlintypisch, gleich mal eine doppelte Portion, von allem etwas und dabei immer zu viel - Überdosis, unsauberes Besteck, aber das gehört dazu, es verbietet einem ja keiner etwas.
Der Stadt ist es egal ob einem die U8 einfach zu anstrengend ist und man emotional nicht ständig stabil genug für Alltagshorrorshow oder sie eben als zugehörig ansehen kann.

Das muss man mit sich selbst aus machen

Und da fängt es an. Da man alles mit sich selbst ausmachen muss, hat man ja auch in diesem Wirrwarr aus Eindrücken gar keine Zeit überhaupt einzuschätzen wo man gerade steht - darum : Dokumentieren!

Kotzgeruch aus den Fenstern, wo ein lachender befriedigter Mann in Unterhose Kaffee trinkt

Lachende Fratzen mit hängenden Lidern

Wünschen mir ein schönes Wochenende

Es ist Mittwoch

Oder ein typischer Gang auf meiner Strasse , Richtung U8.

Festgehalten als Gedicht. Wieso? Auftrag, Projekt, … waaaas gar nichts davon? Naja, du ja, du Autor, mach das mal. Ich? Dafür bleibt keine Zeit, Arbeit, Bahn, ne? Dichten hat so etwas Einnehmendes, zu Intensives, und auf so Popgewäsch kein Bock, das ist dann ja gar nicht richtig, nichts Halbes und nichts Ganzes.

Vergessen, vergessen, toxische Glaubenssätze sind das! - selbst zusammengebastelt aus Bruchstücken von Erfahrungsberichten der mittelalten gebeutelten Gesellschaft, Werbung und einsamen Gedanken.
Einzig und allein die gegenwärtigen Augenblicke konsumieren, Gedicht hin oder her, eignet sich aber grandios, denn der Vorteil dieser Form steckt schon im Namen : es ist verdichtet. Komprimiert, eine Momentaufnahme - hier einmal alles, bitte sehr, kannst du dir auch später ansehen.

Warum ist so etwas notwendig? Ohne irgendwem Kunst oder die Beschäftigung damit, aufzudrücken, darum geht es hier gar nicht, das sollte an dieser Stelle klar geworden sein, wenn nicht , es geht um die Abwehr der Antihaltung oder vielleicht sogar die Furcht vor der - zunächst stattfindenden - Einnahme, Wahrnehmung des Gegenwärtigen und der Bezeichnung dessen als Kunst und der Akzeptanz des eigenen kulturellen Schaffens, egal ob als Gast, Dichter, Hörer, oder Produzent.

Der körperliche Wandel im Jugendalter bringt große Veränderungsprozesse des Gehirns mit sich.

Die wachsende Fähigkeit zur Metakognition in Kombination mit den rapiden körperlichen und psychischen Veränderungsprozessen führt zu einem verstärkten Nachdenken über die eigene Person, es kann bzw. kommt hier auch zur übertriebenen Vorstellung der eigenen Wichtigkeit. Gleichzeitig entwickelt sich auch die Fähigkeiten zur Wahrnehmung von Idealen und Visionen.

Diese Worte wehren sich auch gegen das Labeln und Pauschalisieren eines Begriffes, hier Pop . Pop ist prollig, Klassiker sind hip. Beides falsch, beides kann wunderschön sein, darf aber nicht diskriminiert und abgestempelt werden. Ein einfacherer Zugang zum sofortigen Kunstschaffen unserer Mitmenschen, egal über welches Maß an Begabung sie verfügen (falls es die überhaupt geben kann - don’t cry, work) kann geschaffen werden, indem die sogenannten Merkmale von Pop alle vergessen werden, damit eine allgemeine beinahe Angst davor gar nicht aufkommen kann, dabei schließe ich eines aber aus: Die Kunst liegt im Jetzt.

Dichtung ist ja überall, der Situation angepasst so kann folgende Beobachtung in der U- Bahn auch festgehalten als traurig, oder wie ich finde extrem lustig angesehen werden

“Ich freu mich wie ein Schneekönig

Das ist das erste mal das was ich gewonnen habe, früher habe ich alles gleich immer verkokst oder versoffen

Jetzt mach ich alles auf einmal

Ha!

Bam bam bam

Das ganze Jahr war so beschissen

Jetzt ist da so viel Punk Rock

So viel Shit

Verdammt!

Ja !

Und dann stieg er aus und schmiss mir seine Zeitung auf den Schoß.

An der Wand des Lokals, in dem die erste Lesung meines Gedichtbandes statt finden soll “Döner, Hanf, RZK”, was auch immer das bedeuten mag. Später erfuhr ich, dass sich der Schlagzeuger einer kiezbekannten Punkband mit diesen Worten dort verewigt hatte.

Die Musik begleitet einen, mit jeder Zeile aus jedem Genre, so reichte bei mir ein Song von The Cure, Bob Dylan , Rio Reiser, Judith Holofernes, Olli Schulz oder eben ein paar Verse von Hesse, Rilke, Brinkmann, Fauser, aber auch Goethe, aus als Entscheidungshilfe, ob das richtig ist sei an dieser Stelle egal.

Trotzdem schreckt einer zurück vor Gedichten, ein viel zu grosses Wort, Autoren , verkalkten und schnörkelhaften Versen, mit labyrintartige Interpretationen vorbehalten.
Das ist schade.
Zurück zu den Visionen und wie wir uns alle durch Dichtung retten können

Es gibt einem zum Beispiel die Fähigkeit in komplett andere Rollen zu schlüpfen, wie es ein Text neulich getan hat, mit dem ich mir die auch heute anwesende Verlegerin zu mir gedacht habe, da sie sehr weit von mir entfernt lebt, aber nur ein paar Zeilen und ZACK , da herrlich, hier ein Erlebnisbericht, der den Blick auf die jugendliche Entwicklung und deren Betrachtung des eben beschriebenen schildert, dazu also folgender Text:

Die Szenerie ist klar, Villa in Rom - ich bin betagte Autorin, , Aron ist selbstverständlich auch eingeladen, weil na klar - das Porträt über ihn von urbanite Magdeburg blieb nicht folgenlos , ich will hier nicht sein, es grämt mich - meine Knochen, die mir den schweren Spiegel vorhalten wozu das Fleisch bald nicht mehr in der Lage sein wird.

Das da unten muss Aron sein
Er ist so jung, jugendlich und so ... nervig

So viel zu Miriam , der Text wird nun erzählt von Luigi, der nur als Kellner arbeiten muss, da er als Redner nicht wirklich viel Bewirken kann, jedoch als Autor, das konnte er jedoch noch nie zu beweis stellen, da er seine Texte ja nie verbal vorstellen konnte weswegen er allgemein und vor allem vom Institut in Rom, welche ihn herrenmenschengleich aufgrund seiner Einschränkung als Dienerkraft beschäftigten.

Jedoch - durch eine atemberaubende Umpolung seiner Wahrnehmung die wahrscheinlich durch dauerhafte Verstummung entstanden ist kann er jedoch beim Besehen einer sich unbeobachtet fühlenden Person in deren Gedanken eindringen und aus deren Perspektive schreiben, um sich jedoch nichts anmerken zu lassen, lässt er die ganzen Geschichten auktorial erzählen und wiederholt penetrant Nebensätze wie “dachte er” und so weiter, seine Geschichten verschenkt er meistens, denn Luigi hat zudem einmal sehr viel Schuld auf sich geladen indem er John Gotti verraten hat, also gibt er seine Geschichten Autoren, die gerade einen Schub brauchen, so schrieb Luigi bereits Herr Lehman, Rave und Feuchtgebiete , so viel zu Luigi , Autor dieses Textes, ein anderer Klischeename wurde nicht gefunden, der Text wurde schnell als Überbrückung beim Warten auf Bier geschrieben.

Jedenfalls geht es weiter mit Miriam:
Ich frag mich was das soll, dieses Klacken da auf dem Hof, das war Aron , das mussten Aron sein, wieso sind die eigentlich hier, die können doch nicht ihren Tag so verplempern.

Da bemerkte sie, dass es bereits 17:35 war und er bisher 1,5 h Stunden damit verbracht hatte ihre Apartmentküche in penibler Akkuratesse zu säubern, zumindest dachte sie das, sie malte sich das vorher als Projekt aus, die Unordnung im Umfeld als Ursache allen Übels – so hatte sie sich das überlegt und so machte es auch Sinn- wenn die Küche aufgeräumt war- kann die Planung beginnen und sowieso dachte sie daran, was dieses eine Mädchen neulich auf einer Galaveranstaltung gesagt hatte - musste Schulsprecherin oder beste Absolventin ihres Jahrgangs oder so keine Ahnung alles auf Italienisch - aber das Zitat stammte von Oscar Wilde - mit ziemlicher Sicherheit - keine Ahnung, das war Englisch , jedenfalls sagte sie frei übersetzt nämlich, dass nicht die Spitze des Berges das Entscheidende war sondern die Versuche darauf zu kommen oder so ähnlich.

Jedenfalls war der Fakt, dass sie das Ganze auf die Küche bezog nicht etwa albern, sondern einfach nur richtig angewandt, wie sie fand, zuvor hatte sie sich ein wenig albern gefühlt eine Art Stolz, in der Art und Weise wie sie seine Raumarrangierung plante, zu spüren. Aber man fand nun mal nicht immer einen Berg, schon gar nicht in Mainz, wo sie herkam , da musste eine Küche, ein Balkon oder ein verdammter Busch Basilikum ran.

Und dann wieder dieses Klacken. Was sollte das?, fragte sie sich, was bringt es diesem Bub diesem Kind, das Holz das dritte Mal auf den Boden zu werfen. Das hatte auch nichts mit der Schönheit der kindlichen Begeisterung zu tun, das war einfach Quatsch, dieses KIND war bereits 21 - das muss gar nicht beschönigt werden, so etwas zeugt von Problemen oder zumindest akuter Langeweile, so ein schweres Stück Holz immer wieder aufzuheben und auf den Boden krachen zu lassen, und anscheinend fand dieses Kind, auch noch Gefallen daran, stelle sich mal einer vor wie das aussehen würde wenn es weiter altert und dieses Verhalten nicht ablegt. Das war eine interessante Beobachtung! Das Ablegen seltsamer Verhaltensweisen im Alter. Hatte das was mit Weisheit zu tun?

Und funktioniert das bei allen und ist es dann beruhigend, dass man sich sicher sein kann , dass diese seltsame und leicht psychopathisch wirkende Marotte nur vorübergehend ist - weil das Feld lässt sich ja ausdehnen.

Irgendwann wird das Kind genauso sexuell verunsichert sein wie all die anderen, irgendwann so für ein Jahr oder ein halbes oder zumindest ein paar Wochen das Vertrauen in sich und vielleicht in das ganze Leben verlieren und sich schlau machen wie man sich möglichst schmerzfrei umbringt und dann darüber nachdenken, dass es eigentlich egal ist wenn man sich wirklich umbringen will ob es weh tut oder nicht, weil man dann ja eh tot ist, also wozu der Aufwand und dann kommt ein Anruf, dass nächste Woche Opa Geburtstag hätte und dass man da dringend erscheinen muss, dann verfliegt der Gedanke anhand von Terminen und alles ist erstmal schnell vergessen.

Beruhigend, aber auf der anderen Seite auch beunruhigend diese Konformität und bis dahin wäre noch ganz schön viel Zeit und dann soll es lieber sich damit zufrieden geben sein Stück Holz auf den Boden zu werfen, wenigstens hatte es damit was zu tun.

So erdachte ich mir ein Zusammentreffen mit einer weit von mir entfernt lebenden Personen und hab mich einfach in meinen Gedanken in ihre Nähe begeben, mit Worten, zack. Und hört der aufmerksame Leser bzw. Zuhörer nicht die Ironie raus, eine gewisse Selbstkritik ? Die Inszenesetzung des eigenen Charakters in die Geschichte, jedoch als solchen, der eigentlich am herumblödeln und als am wenigsten vorteilhaft bzw am wenigsten qualifiziert für den Fortbestand einer gut konstruierten Geschichte scheint?

Die Antwort ist ja, aber auch das ist eine Flucht.

Die Entwicklung ist ja nun einmal die Voraussetzung und ich rede die ganze Zeit von jungen Menschen, was aber nur anschaulicher ist: in ihrer Entwicklung stehen sie vor Entscheidungsprozessen, wo das rationale Denken meist noch nicht konsequent eingesetzt werden kann.
Das sind ja erst einmal scheiß Bedingungen. Sich dem aber hinzugeben, sich treiben zu lassen konsequent - von seiner Wahrnehmung. Das gilt es dann zu verwenden - in Sprache oder überhaupt in der Dokumentation: Das beispielsweise diese Blume zwischen Kotze und Spritzen dort so verloren, aber auch stolz dasteht - oder ganz Pragmatisches, dass die U-Bahn aussieht als würde sie überquellen und man Angst Verspürt, dass man sich die Blicke von MitbürgerInnen nicht erklären kann , ob sie sich auch angezogen fühlen oder eher werten, dieses Festhalten, all das ist Dichtung, verdichtete Eindrücke, komprimiert, vielleicht nur zum abschütteln , da die Informationen eh schneller und zahlreicher als Atemzüge konsumiert werden.
Dieses Festhalten kann so einfach wie möglich sein , manche denken das ist dann nicht richtig, ABER GENAU DAS IST FALSCH, vermeintliche Kritiker, tun die Aneinanderreihung, Aufzählung Beschreibung von Gegenwärtigem gehässig als POP ab, POP, MAINSTREAM, UNBRAUCHBAR.

Es brauch den Pop, er ist nicht vermeidbar, konserviert das Gegenwärtige und verschwindet dann auch wieder, weil neue Eindrücke kommen - das ist ja das schöne.

Was Überdauern soll ist individuell zu entscheiden, demnach ist der Klassiker etwas Persönliches. Für die Entwicklung und das Erleben und Auskosten der verfügbaren Möglichkeiten dieses begrenzten Lebens brauch es aber Angebot, Austausch, Auf und Ableben von Hits, Impressionen - Your choice - take it all! - Rausch, selbstgewählt.

Das ist das schöne am Pop: ein Jetzt-Stück vom Augenblick, vom Leben wird völlig stückchenweise und ohne Erwartungen präsentiert. Was dann gewählt wird - Geschmacksache, oder eben Verzicht, selber Schuld. Völlig frei, herrlich.

Wer diese Art von Pop verteufelt, mag das Leben nicht.

Wenn sich eine junge Person, also verunsichert in dieser Welt bewegt kann eine simple Darstellung einer gegenwärtigen Situation, vielleicht nur durch die bloße Schilderung, wenigstens die Möglichkeit einer Hilfe zur späteren Erklärung geben. Wann ? Am Morgen, in ein paar Jahren oder man hat es anderweitig erkannt, dann verfliegt es wieder und wird ersetzt, alles macht weiter. (Brinkmann, hach)
Das Einfache, Gegenwärtige ALS UNBRAUCHBAR UND AUSTAUSCHBAR abzustempeln ist nicht nur halb stumpf und halb falsch, es bringt noch mehr unnötige Verunsicherung. Halb Stumpf und Halb Falsch, da es offenkundig austauschbar ist, aber nur so kann es funktionieren - bleibe der Gegenwärtige Zustand erhalten würde das Stagnation, Langeweile bedeuten. Und das bedeutet ja im heutigen Zeitalter die Alltagssünde

Deswegen geben wir uns dem Rausch, dem Austausch, des Feiern der Vergänglichkeit hin: indem weiter produziert, konsumiert und eingefangen wird.

Die Art und Weise, wie das abläuft, ob mit Stimme, Pinsel , Stift, als Bild, Lied oder Gedicht ist ebenso egal wie vielfältig. Man kann also genau so gut von Präventivmaßnahmen gegen das Vergessen des Ists Zustandes annehmen - für sich selbst, für andere, für Geld und/oder als Selbsttherapie, Charles Bukowski Nostalgisch “Ich fotografiere die ganze Scheiße um mich herum, das ist meine Kunst”, alles geht und alles ist erlaubt.

Das geschaffene Repertoire kann dann immer noch aus selektiert und als Klassiker verwendet werden.

Ob jetzt alles Geschriebene und Dokumentierte als Literatur und eigene Dichtung angesehen wird ist jedem selbst überlassen, gesagt sei nur eins: Es ist sicher möglich und vielleicht sogar notwendig.

Oder um es mit Rainald Goetz Worten zu sagen: “geil, geil, geil, geil, geil, geil.”

(aus “Rave”).

Das kann so stehen gelassen werden, weitermachen.

22.02.2017

MENSCHHEIT? ABSCHALTEN! Diesmal: Mädchen in zerrissenen Jeans

Sie kommen dir entgegen, und du denkst, sie hätten gerade einen Stacheldrahtverhau überwunden, wären auf allen Vieren durch ein Scherbenmeer gerobbt oder minutenlang in einem Dornengestrüpp auf Schmetterlingsfang gegangen: Mädchen in Destroyed Denim (wie sie selbst es nennen würden), also in Jeans, die so wirken, als wären sie (also die Jeans, nicht deren Trägerinnen) just aus einer Maschine gefischt worden, die Altkleider zu Putzlumpen verarbeitet, dabei aber gerade erst im Laden erworben wurden. Und das nicht selten für einen dreistelligen Betrag. Seltsamerweise scheint den Trägerinnen gar nicht bewusst, wie sehr sie damit Menschen verhöhnen, die gern eine unbeschädigte Hose ihr Eigen nennen würden, sich aber keine leisten können. Vielmehr spazieren sie mit einem Lächeln herum, das so tut, als sei es völlig normal, etwas, das wärmen, schützen, bedecken soll, bereits während des Fertigungsprozesses zu zerstören.

Alle Jahre wieder kommt diese Mode über uns. Warum? Was ist die Botschaft? Seht her, ich mache jeden Blödsinn mit, bald schneide ich mir Löcher ins Portemonnaie, in die Autoreifen, in die Kopfhaut? Ich mag Klamotten, die aussehen, als hätten sie die Mauser? Kommet ihr Mücken, Schnaken und Bremsen, ich habe extra Einfallstore für euch geschaffen?

Apropos Tierwelt: Früher hat man, um Vögel von Feldern oder Obstplantagen fernzuhalten Holzkreuze aufgestellt, die man mit Hilfe abgelegter Plünnen wie Menschen hat wirken lassen. Heute würde man Mädchen in Destroyed Denim nehmen.

 

Entnommen aus dem Blog von Jan Off, Menschheit abschalten: » https://menschheit-abschalten.blog/

Permalink Kommentare 0
Aufrufe: 864
01.11.2016

Aus dem Hineinsteigern aussteigen

Wir können halt auch nicht anders. Wie oft beschränkt sich unser Ungehorsam darauf, bei IKEA gegen die Pfeilrichtung zu laufen? Vorgegebene Wege sind schön, da ist schon mal jemand lang gelaufen, da stolpert man vermutlich nicht, da gibt es einen Winterdienst und gemeinhin weniger Schakale, als anzunehmen wäre. Zur Selbstverwirklichung rollen wir unsere Yogamatten gen Osten und essen statt Honig nur noch Agavendicksaft. Oder wir fotografieren Schnee durch ein Milchglasfenster und werden angesagte Künstler. Oder wir sind schon Kleinkünstler und regen uns vor Publikum künstlich über solche Leute auf. Wir gründen eine Selbsthilfegruppe für Pistazienallergiker und fühlen uns etwas weniger allein. Bis die ersten Menschen sesshaft wurden, waren wir alle laktoseintolerant. Erst die Entdeckung von Käse hat uns gegen Laktose sensibilisiert. Plötzlich vertrugen die ersten Leute Milch und die Freude war groß. Wenn nun immer mehr Menschen Unverträglichkeiten entwickeln oder glauben, Allergien zu haben – vielleicht ist das einfach Evolution. Die Natur ist schlau. Mag sein, dass sie schon weiß, dass die Bienen aussterben und jetzt bereitet sie uns schon mal darauf vor, auf Dinge wie Weizen, Obst und tierische Produkte zu verzichten. Liebe Veganer, selbst wenn ich Recht haben sollte, was unwahrscheinlich ist, muss man daraus keine Religion machen. Esst Euer (was auch immer ihr aus den jeweiligen esoterischen Gründen noch esst) und freut Euch still daran, der Evolution so weit voraus zu sein. Und lasst mich bitte genießen, dass meine Gene offenbar zu dumm sind und bald von der natürlichen Selektion betroffen.

Ich sterbe aus, gebt mir ein Schnitzel!

Aber mal im Ernst: Warum so hysterisch? Kinder werden von ihren Eltern nach Ayurvedamethode ernährt und rund um die Uhr überwacht. Ich bin als Kind noch rausgegangen, habe Mist gemacht und zum Sonnenuntergang war ich wieder daheim und keiner hat´s gemerkt. Keine Statusmeldung, keine Helikoptereltern. Ich bin auf Bäume geklettert, wenn ich Lust dazu hatte. Heute muss das etwas kosten und unter Aufsicht geschehen, heißt Erlebnispädagogik und muss irgendwie zwischen Reiten, Klavierunterricht und Theatergruppe untergebracht werden. Und bei den armen Kindern wachsen gar keine Bäume mehr im Viertel.

Spionageskandale interessieren uns kaum so wirklich, weil totale Überwachung für uns ganz normal ist. Das eigene soziale Netzwerk, hoppla, das soziale Umfeld, überwacht uns doch viel offensiver. Mir doch egal, ob die NSA weiß, dass ich fremdgehe. Viel schlimmer ist es doch, wenn die Nachbarin das mitbekommt. Anneliese Schuh weiß mehr über meinen Alltag als diese abstrakte Idee eines Geheimdienstes, weil ich meine Kondome immer noch bei Edeka um die Ecke kaufe. Man wird immer beobachtet und es wird immer mit Informationen spekuliert, also zum eigenen Vorteil herumgetratscht. Das ist nicht neu.

Wichtig ist, zu bemerken, dass man ständig das Ziel von aggressiven Werbestrategien ist. Charles Bukowski hat einmal gesagt: „The less I needed, the better I felt.“ In einer (westlichen) Welt, in der es von allem zu viel gibt, außer von der Liebe, da muss man sich schon ins Zeug legen, um seinen sinnlosen Kram an den Mann zu bringen. Der Werbeetat für Süßigkeiten ist um ein Wahnsinniges höher, als der für Obst und Gemüse. Weil man ungesundes Zeug, das keiner braucht, nun einmal bewerben muss. Ich stehe total auf diese Trash-Süßigkeiten, die einem mit viel Plastik, künstlichen Aromen und Null Nährwert aus den kassennahen Regalen entgegenschreien. Aber ich möchte nicht, dass Kinder das einfach so kaufen können. Genau wie Tabak oder Alkohol sollten auch Chips, Zuckerzeug und Softdrinks nur noch an Erwachsene verkauft werden. Dann aber auch Cannabis legalisieren und den Konsum sogenannter harter Drogen nicht unter Strafe stellen. Erwachsene Menschen zur Abwechslung mal so behandeln. Aber wer hört schon auf uns, die wir immer so gute Ideen zur Weltpolitik, zum Umgang mit Flüchtlingen und zur Kindererziehung haben?

Die Jugendlichen hören ja nur noch auf ihr Mobilfunktelefon, das diese Bezeichnung allerdings kaum noch verdient. In meinem Bekanntenkreis häufen sich die Meldungen, ich solle bitte keine SMS mehr schicken, damit käme ihr Handy nicht klar. Damit komme ich dann nicht klar. Sag mal, kommt ihr eigentlich noch klar? Wenn ihr in ein Café kommt, sofort Euer Telefon an die Steckdose klemmt (früher war das Diebstahl!) und dann beginnt, Fotos von Eurem blöden Gesicht zu machen. Wenn ihr Euch dann gegenseitig das Telefon unter die Nase haltet und Dinge sagt wie: „Guck ma, ist doch gut geworden. Ist das nicht gut geworden“ als würdet ihr nicht nebeneinander sitzen und Euch in echt in die Augen sehen können. Ich hasse das, wenn mir jemand von einem guten Witz erzählt, ich diesen dann aber selbst in winziger Schrift auf pinkem Untergrund vom Handydisplay ablesen soll. Wenn der Witz so gut war, warum erzählst Du ihn mir nicht? Erzähl mir doch mal was mit Handlung. Moment, da steigert sich jemand in was hinein. Bitte halten Sie das Karussell an, ich möchte aussteigen.



Permalink Kommentare 0
Aufrufe: 2794
< Ältere << Älteste Neuste >> Neuere >
YouTubeNewsletterSoundCloud

Meist gelesene Posts

Dirk Bernemann
3714 mal gelesen
Dirk Bernemann
3380 mal gelesen
Lisa Neumann
2794 mal gelesen
Stefan Kalbers
2632 mal gelesen