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22.02.2017

MENSCHHEIT? ABSCHALTEN! Diesmal: Mädchen in zerrissenen Jeans

Sie kommen dir entgegen, und du denkst, sie hätten gerade einen Stacheldrahtverhau überwunden, wären auf allen Vieren durch ein Scherbenmeer gerobbt oder minutenlang in einem Dornengestrüpp auf Schmetterlingsfang gegangen: Mädchen in Destroyed Denim (wie sie selbst es nennen würden), also in Jeans, die so wirken, als wären sie (also die Jeans, nicht deren Trägerinnen) just aus einer Maschine gefischt worden, die Altkleider zu Putzlumpen verarbeitet, dabei aber gerade erst im Laden erworben wurden. Und das nicht selten für einen dreistelligen Betrag. Seltsamerweise scheint den Trägerinnen gar nicht bewusst, wie sehr sie damit Menschen verhöhnen, die gern eine unbeschädigte Hose ihr Eigen nennen würden, sich aber keine leisten können. Vielmehr spazieren sie mit einem Lächeln herum, das so tut, als sei es völlig normal, etwas, das wärmen, schützen, bedecken soll, bereits während des Fertigungsprozesses zu zerstören.

Alle Jahre wieder kommt diese Mode über uns. Warum? Was ist die Botschaft? Seht her, ich mache jeden Blödsinn mit, bald schneide ich mir Löcher ins Portemonnaie, in die Autoreifen, in die Kopfhaut? Ich mag Klamotten, die aussehen, als hätten sie die Mauser? Kommet ihr Mücken, Schnaken und Bremsen, ich habe extra Einfallstore für euch geschaffen?

Apropos Tierwelt: Früher hat man, um Vögel von Feldern oder Obstplantagen fernzuhalten Holzkreuze aufgestellt, die man mit Hilfe abgelegter Plünnen wie Menschen hat wirken lassen. Heute würde man Mädchen in Destroyed Denim nehmen.

 

Entnommen aus dem Blog von Jan Off, Menschheit abschalten: » https://menschheit-abschalten.blog/

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01.11.2016

Aus dem Hineinsteigern aussteigen

Wir können halt auch nicht anders. Wie oft beschränkt sich unser Ungehorsam darauf, bei IKEA gegen die Pfeilrichtung zu laufen? Vorgegebene Wege sind schön, da ist schon mal jemand lang gelaufen, da stolpert man vermutlich nicht, da gibt es einen Winterdienst und gemeinhin weniger Schakale, als anzunehmen wäre. Zur Selbstverwirklichung rollen wir unsere Yogamatten gen Osten und essen statt Honig nur noch Agavendicksaft. Oder wir fotografieren Schnee durch ein Milchglasfenster und werden angesagte Künstler. Oder wir sind schon Kleinkünstler und regen uns vor Publikum künstlich über solche Leute auf. Wir gründen eine Selbsthilfegruppe für Pistazienallergiker und fühlen uns etwas weniger allein. Bis die ersten Menschen sesshaft wurden, waren wir alle laktoseintolerant. Erst die Entdeckung von Käse hat uns gegen Laktose sensibilisiert. Plötzlich vertrugen die ersten Leute Milch und die Freude war groß. Wenn nun immer mehr Menschen Unverträglichkeiten entwickeln oder glauben, Allergien zu haben – vielleicht ist das einfach Evolution. Die Natur ist schlau. Mag sein, dass sie schon weiß, dass die Bienen aussterben und jetzt bereitet sie uns schon mal darauf vor, auf Dinge wie Weizen, Obst und tierische Produkte zu verzichten. Liebe Veganer, selbst wenn ich Recht haben sollte, was unwahrscheinlich ist, muss man daraus keine Religion machen. Esst Euer (was auch immer ihr aus den jeweiligen esoterischen Gründen noch esst) und freut Euch still daran, der Evolution so weit voraus zu sein. Und lasst mich bitte genießen, dass meine Gene offenbar zu dumm sind und bald von der natürlichen Selektion betroffen.

Ich sterbe aus, gebt mir ein Schnitzel!

Aber mal im Ernst: Warum so hysterisch? Kinder werden von ihren Eltern nach Ayurvedamethode ernährt und rund um die Uhr überwacht. Ich bin als Kind noch rausgegangen, habe Mist gemacht und zum Sonnenuntergang war ich wieder daheim und keiner hat´s gemerkt. Keine Statusmeldung, keine Helikoptereltern. Ich bin auf Bäume geklettert, wenn ich Lust dazu hatte. Heute muss das etwas kosten und unter Aufsicht geschehen, heißt Erlebnispädagogik und muss irgendwie zwischen Reiten, Klavierunterricht und Theatergruppe untergebracht werden. Und bei den armen Kindern wachsen gar keine Bäume mehr im Viertel.

Spionageskandale interessieren uns kaum so wirklich, weil totale Überwachung für uns ganz normal ist. Das eigene soziale Netzwerk, hoppla, das soziale Umfeld, überwacht uns doch viel offensiver. Mir doch egal, ob die NSA weiß, dass ich fremdgehe. Viel schlimmer ist es doch, wenn die Nachbarin das mitbekommt. Anneliese Schuh weiß mehr über meinen Alltag als diese abstrakte Idee eines Geheimdienstes, weil ich meine Kondome immer noch bei Edeka um die Ecke kaufe. Man wird immer beobachtet und es wird immer mit Informationen spekuliert, also zum eigenen Vorteil herumgetratscht. Das ist nicht neu.

Wichtig ist, zu bemerken, dass man ständig das Ziel von aggressiven Werbestrategien ist. Charles Bukowski hat einmal gesagt: „The less I needed, the better I felt.“ In einer (westlichen) Welt, in der es von allem zu viel gibt, außer von der Liebe, da muss man sich schon ins Zeug legen, um seinen sinnlosen Kram an den Mann zu bringen. Der Werbeetat für Süßigkeiten ist um ein Wahnsinniges höher, als der für Obst und Gemüse. Weil man ungesundes Zeug, das keiner braucht, nun einmal bewerben muss. Ich stehe total auf diese Trash-Süßigkeiten, die einem mit viel Plastik, künstlichen Aromen und Null Nährwert aus den kassennahen Regalen entgegenschreien. Aber ich möchte nicht, dass Kinder das einfach so kaufen können. Genau wie Tabak oder Alkohol sollten auch Chips, Zuckerzeug und Softdrinks nur noch an Erwachsene verkauft werden. Dann aber auch Cannabis legalisieren und den Konsum sogenannter harter Drogen nicht unter Strafe stellen. Erwachsene Menschen zur Abwechslung mal so behandeln. Aber wer hört schon auf uns, die wir immer so gute Ideen zur Weltpolitik, zum Umgang mit Flüchtlingen und zur Kindererziehung haben?

Die Jugendlichen hören ja nur noch auf ihr Mobilfunktelefon, das diese Bezeichnung allerdings kaum noch verdient. In meinem Bekanntenkreis häufen sich die Meldungen, ich solle bitte keine SMS mehr schicken, damit käme ihr Handy nicht klar. Damit komme ich dann nicht klar. Sag mal, kommt ihr eigentlich noch klar? Wenn ihr in ein Café kommt, sofort Euer Telefon an die Steckdose klemmt (früher war das Diebstahl!) und dann beginnt, Fotos von Eurem blöden Gesicht zu machen. Wenn ihr Euch dann gegenseitig das Telefon unter die Nase haltet und Dinge sagt wie: „Guck ma, ist doch gut geworden. Ist das nicht gut geworden“ als würdet ihr nicht nebeneinander sitzen und Euch in echt in die Augen sehen können. Ich hasse das, wenn mir jemand von einem guten Witz erzählt, ich diesen dann aber selbst in winziger Schrift auf pinkem Untergrund vom Handydisplay ablesen soll. Wenn der Witz so gut war, warum erzählst Du ihn mir nicht? Erzähl mir doch mal was mit Handlung. Moment, da steigert sich jemand in was hinein. Bitte halten Sie das Karussell an, ich möchte aussteigen.



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10.09.2016

Diagnosen

Vielleicht war es schon vorher da. Vielleicht hat es aber auch erst angefangen als ich in die Stadt gezogen bin. Es war einfach schwer dem Angebot zu widerstehen. An jeder Ecke gab es Ärzte und mit jedem von ihnen hatte ich etwas gemeinsam: Wir setzten uns mit den selben Diagnosen auseinander. Sie, weil es ihr Job war. Ich, weil ich sie mir selbst stellte.

Ich wusste dass ich Hypochonder war, aber genauso wusste ich dass mich die Hypochondrie nicht daran hinderte, wirklich krank zu werden. Also nahm ich ernst, was in mir vorging.  Trotz meiner vielen Hilferufe fiel es mir allerdings schwer die Untersuchungen ernst zu nehmen. Wenn ich irgendein Testergebnis mitbekam, das mich für gesund erklärte, hielt ich es schon am nächsten Tag nicht mehr für aussagekräftig. Über Nacht konnte sich schließlich alles ändern. Wenn die Ärzte mich einfach nur abtasteten oder abhorchten, fühlte ich mich kränker als vorher, weil sie mir gezeigt hatten wie viele marode Stellen es doch in mir geben konnte. Doch obwohl ich mich nach keinem Arztbesuch wirklich gesünder fühlte, saß ich doch fast jeden Morgen in einer Praxis. Das Gefühl etwas zu verpassen hatte ich dabei nicht. Vielleicht lernte ich sogar mehr als in den Vorlesungen die ich dafür schwänzte, denn meistens konnte ich in Ruhe lesen bis ich aufgerufen wurde.

Es waren immer andere Patienten in den Wartezimmern, aber eigentlich waren sie alle gleich. Meistens waren es Blaumacher (ich selbst zählte mich natürlich nicht dazu), Rentner, oder Kinder mit und ohne Eltern. Die Zusammensetzung des Wartezimmers überraschte mich selten. Aber an diesem Morgen wunderte mich etwas: Ein Mädchen das ich letzte Woche beim Neurologen gesehen hatte, saß mir jetzt gegenüber. Sie war etwas blass, aber vielleicht lag das auch einfach daran dass sie rothaarig war. Sie wirkte nicht krank, aber sie wirkte auch nicht wie eine Blaumacherin. Es schien als ob sie nicht auf den Arzt warten würde, sondern einfach darauf gewartet hätte, hier zu sitzen. Sie bemerkte anscheinend dass ich sie ansah, denn sie blickte von der Zeitschrift auf und musterte mich einen Moment. Jetzt war klar dass auch sie mich erkannt hatte. Zufall, dachte ich. Erstaunlich dass dir bis jetzt noch niemand anderes zweimal begegnet ist, fiel mir auf, dann vertiefte ich mich wieder in mein Buch.
Als sie ins Sprechzimmer verschwand, sah ich ihr nochmal kurz nach. Später, als ich die Praxis verließ, diesmal ohne Befund, nur mit einer Überweisung zum Kardiologen, hatte ich sie schon wieder vergessen.

Das nächste mal begegneten wir uns als ich von der Ambulanz wieder nach Hause ging. Ich war erleichtert dass sich der Verdacht auf Tuberkulose nicht bestätigt hatte, und hatte keine Eile bei rot über die Ampel zu kommen. Auf der anderen Straßenseite sah ich jemanden aus der Apotheke schlüpfen. Sie trug zwar jetzt eine Mütze, und ihre Strickjacke hatte sie bis zum Hals zugezogen, doch ich erkannte ihre roten Locken, die unter der Mütze hervorschauten, und ihren Gang, der so energisch schien, als würde sie nicht mehr damit rechnen, sich je wieder hinzusetzen. Ich sah dass sie zur Straßenbahn hastete. Jetzt war mir die Ampel egal. Ich eilte der einfahrenden Bahn hinterher, und schaffte es in die letzte Tür zu schlüpfen. Als wir losfuhren war ich erleichtert, dann fragte ich mich was ich hier machte. Ich war so schnell gelaufen dass ich mich setzen musste, aber alle Plätze waren belegt. Es gab nur die Stangen zum festhalten, aber die konnte ich nicht mit bloßen Händen berühren. Spätestens an der nächsten Kurve musste ich mich festhalten, das war klar, sonst würde ich auf irgendeinem Fahrgast und seinen Bazillen landen. Ich drängte mich an die Tür und lehnte mich an. Das Risiko dass sie sich während der Fahrt öffnen könnte, war geringer als das Risiko mir einen Virus einzufangen, überschlug ich. Die Bahn füllte sich an jeder Haltestelle mehr, und ich versuchte das Mädchen im Blick zu behalten. Aber im Gedränge verlor ich sie, und auch meinen Glauben dass ich hier heil heraus kommen würde, verlor ich bald. Ich kramte in meiner Tasche um den Kopf etwas gesenkt halten zu können und nicht direkt die Ausdünstungen der anderen einatmen zu müssen. Nach der nächsten Haltestelle schreckte mich etwas auf. Im Vorbeifahren sah ich dass sie ausgestiegen war und in Richtung Altstadt ging. Ich sank noch weiter zusammen und hielt die Luft an, bis sich die Tür wieder öffnete und ich endlich rausstürmen konnte.

Wenigstens wusste ich was mich die nächsten Tage erwartete. Wenn ich aus irgendeinem Grund in eine enge Menschenansammlung geriet, bedeutete das für mich: Meningitis. Das beunruhigte mich, gleichzeitig dachte ich aber dass ich einfach schnell beim Arzt sein musste wenn die Symptome da waren, und während der Inkubationszeit hatte ich erstmal Ruhe. In den nächsten Tagen wagte ich mich sogar mal wieder in Vorlesungen. Die Gewissheit an Meningitis erkrankt zu sein war so stark dass ich mich jetzt fast frei fühlte. Die Krankheit war weit genug weg um jetzt schon etwas anrichten zu können, aber schon deutlich genug um alle anderen möglichen Diagnosen zu verdrängen. Um keinen anderen anzustecken kauerte ich mich auf den Boden ins letzte Eck und schrieb fleißig mit. Dazwischen fragte ich mich, ob ich meine letzten Tage in Freiheit wirklich auf dem kalten Uniboden verbringen wollte. Das verneinte ich. Nach der Stunde ging ich nach draußen.
Kurz vor der Mensa kamen mir drei Mädchen entgegen. Dazwischen die rothaarige aus dem Wartezimmer. Ich erschrak. Sie bemerkte es, aber das schien sie nicht zu wundern. Irgendwie freute sie sich sogar und kam auf mich zu.
"Hey, ne Weile nicht gesehn." Sie lächelte, aber in ihren Augen sah ich wie fremd ich für sie war.
"Hey." Ich lächelte zurück.
"Geht doch schon mal vor..." sagte sie zu ihren Begleiterinnen. "...ich brauch noch'n Moment."
Die beiden nickten und gingen weiter. Sie drehte sich wieder zu mir.
"Wie war dein Name nochmal?"
Ich sagte es ihr.
"Ok, das war ein Notfall, weißt du. Ich konnte da unmöglich mit." flüsterte sie.
Wir gingen ein paar Meter. Ich öffnete die Glastür, dann waren wir draußen.
"...bist du krank?" fragte ich, als wir an der Straße entlanggingen.
"Ich weiß es nicht." sagte sie.
"Wenn du's nicht weißt, wissen's andere."
"Hat man dir nicht beigebracht dass es egal ist, was andere sagen?"
"Klar, aber wer sich's beibringen lässt hört doch auch auf andere, oder?"
Sie lächelte.
"Ich sag dir was: Ich sterbe."
"Woran denn?"
Sie überlegte.
"Kennst du das, wenn die Zeit und du irgendwie nicht mehr zusammenpassen?"
"Daran stirbt man doch nicht."
"...aber Leben kann man so auch nicht."
"Wie denn dann?"
"Sag's mir." Sie sah mir wieder in die Augen, nicht mehr so fremd wie vorhin, aber auch nicht so vertraut wie ich mir gewünscht hätte. An der Kreuzung verabschiedete sie sich knapp und bog in eine Seitenstraße ab.

Die Meningitis kam nicht. Dafür beunruhigten mich ein paar Tage später meine Lymphknoten. Ich spürte einen Schmerz wenn ich sie fest eindrückte. Ob der Schmerz nur davon kam, weil ich drückte, konnte ich nicht mehr einschätzen. Ich ging zu einem Internisten den ich noch nicht kannte. Das Wartezimmer war fast leer. Die Dame vor mir wurde gerade aufgerufen, als eine neue Patientin hereinkam. Es überraschte mich mehr als ich vermutet hatte, als sich die rothaarige mir gegenüber in den Stuhl sinken ließ. Sie tat, als würde sie mich nicht kennen, was ja streng genommen auch stimmte, aber sie saß nur da, etwas angespannt, ein bisschen mürrisch und sah aus dem Fenster. Ich wollte sie etwas fragen, etwas aus ihr hervorlocken, aber als ich mich aufraffte wurde ich aufgerufen. Es war das erste mal dass ich daran dachte dem Arzt abzusagen weil mir gerade etwas wichtigeres dazwischen gekommen war, doch wie mechanisch stand ich auf und ging ins Besprechungszimmer. Nach der Untersuchung schaute ich, mit der Gewissheit gesunde Lymphknoten zu haben, nochmal ins Wartezimmer. Sie war weg. Zufrieden aber etwas unruhig verließ ich die Praxis.

"Was hat er gesagt?" Die Stimme erwischte mich als ich aus der Haustür trat. Sie saß auf einer der Treppen, lehnte am Geländer und sah zu mir hoch.
"Nichts."
"...dacht ich mir." Sie stand auf. Wir gingen nebeneinander die Treppen herunter und steuerten weiter Richtung U-Bahn.
"Wieso hockst du eigentlich dauernd bei Ärzten?" fragte sie.
"Könnt ich dich genauso fragen."
"...dann tu's halt."
"Wieso hockst du dauernd bei Ärzten?"
"Ich brauch ein Ergebnis." sagte sie leise.
"Welches Ergebnis?"
"Musst du nicht immer auf deine Ergebnisse schauen?"
"Welche meinst du?"
"Naja, in der Schule, in der Uni, im Sport, vor deinen Eltern, vor der Gesellschaft."
"...um zu funktionieren, meinst du?"
"Ja, also ich komm mir vor als würd ich nur funktionieren wenn ich gute Ergebnisse abliefere."
"Was sagt der Arzt dazu?"
"Der liefert mir meine Ergebnisse."
"Seltsamer Kreislauf."
"Meinst du, das ist normal?"
"Denke schon. Solange es dir damit gut geht."
"Ja, ich denke das tut es." Vor uns war die U-Bahn Station. Wir gingen gemeinsam runter, und warteten ein paar Minuten schweigend, bis sie sagte dass sie ganz in der Nähe wohnt.

"Auf was wartest du?" fragte sie, als wir uns auf ihrem Zimmerboden gegenübersaßen.
"Darauf dass es vorbeigehen kann."
"Was soll denn vorbeigehen?"
"Naja, irgendwie denk ich, ich könnte erst anfangen zu leben wenn ich bereit bin, jeden Moment zu sterben."
"Du bist ja theathralisch."
"...eher gehemmt."
"Was hemmt dich denn?"
"...dass ich nicht so lebe wie ich leben will."
"Wundert mich nicht dass du ständig zum Arzt rennst."
Ich sah sie fragend an.
"Naja,  wenn du erst leben kannst wenn du bereit bist zu sterben, dann ist's ja klar was du dir vom Arzt erhoffst: Dein Todesurteil."
"hm"
Schweigen.
"Weißt du, eigentlich will ich mich nur mal von außen sehen."
"Wieso von außen?"
"Weil ich mir dann selbst nicht mehr im Weg bin."
"Dann solltest du mal aus dir raus gehen....Impulsiver sein."
"Ich bin impulsiv."
Sie lächelte. "Wenn's um deine Diagnosen geht, vielleicht."
"...Was ist mit dir? Warum brauchst du immer deine Ergebnisse von anderen?"
"Ich brauche sie nicht....Ich glaube nur an sie."
"Sonst glaubst du an nichts?"
"Willst du hören dass ich an die Liebe glaube?"
"Ich weiß dass du das nicht tust."
"Bist du dir da so sicher wie bei deinen Diagnosen?"
"Ich glaube dass sie dir Angst macht."
"Warum?"
"Weil sie kein Ergebnis ist."
Sie lächelte mir schräg zu. "...und du erklärst mir sicher gleich was sie ist."
"Wie soll ich dir etwas erklären das ich nicht kenne?"
Schweigen.
"Erfinde was." forderte sie mich auf.
"Was?"
"Erfinde, was du dir unter Liebe vorstellst."
Schweigen.
"Schwierig, hm?"
Schweigen.
"Wieso hast du deinen Tod so klar vor Augen, aber nicht deine Liebe?"
"Ich hab sie vor Augen."
"...aber?"
"...ich versteh meine Augen manchmal nicht"
"Was sehen deine Augen wenn du mich ansiehst?" fragte sie.
Ich musste eine Weile nachdenken, bis ich begriff dass sie wirklich meine Augen meinte. Es klang fremd wie sie das aussprach, aber was ich damit sah, war plötzlich ein Teil von mir.
"Ich seh mich von außen."
Schweigen.
"Kalt da draußen, hm?"
"Lass uns rein gehen."
"Es gibt kein drinnen mehr."
"Keine Ergebnisse."
"Keine Diagnosen."
Sie merkte dass ich zu einer Frage ansetzte und hob den Zeigefinger an ihre Lippen. Ich nickte. Sie stand auf und löschte das Licht. Als sie sich wieder setzte, war sie so nah, dass ich ihren Atem auf meiner Haut spürte. Ganz weit drinnen.

Es war fast schon wieder morgen als ich ging. Ein Tag wie jeder andere, mit Ärzten, Ergebnissen und einem Leben das irgendwie an mir vorbeilief. Es war komisch, aber je mehr ich dran dachte, desto klarer wurde mir, dass ich morgen trotzdem noch der gleiche sein konnte. Erst hatte ich Angst, dann musste ich lachen weil ich merkte wie klein doch der Teil ist, den die Diagnosen mir nehmen können.

 

Ihr wollt mehr von Dominik Steiner lesen?

Dann entweder hier im Blog, oder eins seiner Bücher: shop.unsichtbar-verlag.de/advanced_search_result.php

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20.07.2016

Die Zunge allein spaltet das Holz nicht – eine Macht-Probe

(geschrieben anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Veranstaltungsreihe „Macht Worte!“)

Wenn vor dem Ostseedorf Hohwacht eine Hundertmillionen-Euro-Yacht in deines Schädels Mitte kracht,

während an einer Amsterdamer Gracht ein Staatsanwalt in voller Tracht über Folterwitze lacht.

Wenn das unsachgemäße Verladen schwerkontaminierter Fracht eine tödliche Epidemie entfacht,

sich zeitgleich ein Prälat in Ordenspracht sacht über Knabenfleisch hermacht.

Wenn eine mörderische Panzerschlacht in dunkler Nacht dein Heim heimsucht, obwohl dasselbe überdacht,

während dein Landlord, weil angeblich der Lichtschacht neu gemacht, aufgebracht schreit, er wolle das Achtfache an Pacht.

Dann wird es Zeit für „Macht Worte!“

Machtworte?

Wenn denn mal einer Worte machen würde. Wenn denn mal einer Worte erfinden würde, oder finden von mir aus. Worte, die wirklich was machen würden, was ausmachen würden, den Unterschied zwischen Stillstand und Bewegungsstarre beispielsweise.

Stattdessen immer nur Gesprächstherapie – nicht enden wollendes hohles Gelaber, öffentliche Sprechstunden für verkappte Narren von Irren mit Narrenkappen. Lesungen etwa oder Poetry Slams oder noch schlimmer: Standup Comedy.

Merkt euch, Sportsfreunde: Wordsport ist Wortmord! Denn natürlich setzen auch die Wortakrobaten ihre wohlgesetzten Worte hauptsächlich für das eigene Wohl ein, wollen gestreichelt, wollen an der Zitze namens Publikum gesäugt und großgepäppelt werden.

Geht also besser nachhause und macht den Fernseher an. Vielleicht läuft „Wörthersee“. Mit Roy Black. Der müsste mal ’nen Machtwort sprechen. „Macht Schluss mit dem ewigen Aneinanderreihen von Worthülsen, macht euch endlich frei von der Sprache!“, könnte dasselbe lauten.

Aber machen wir uns nichts vor. Nützen würde auch das nichts. Denn natürlich würde irgendwer davon eine Aufnahme machen und ins Netz stellen, wo Roys sprachmächtiger Beweis seiner Weisheit dann munter die Runde machte.

Dabei gibt’s nun wahrlich schon genug Worte im world wide web. Und im Akkord werden weitere eingespeist. Kein Wunder, denn Worte machen selten Schwierigkeiten. Werden selbst von Machtapparaten kaum noch gefürchtet. Links rein, rechts raus – eine Haltbarkeitsdauer wie ein Becher Dickmilch auf dem Sauna-Ofen.

Worte, diese nichtsnutzigen Abfallprodukte des Denkprozesses. Wenn sie wenigstens Trost brächten oder Linderung. Aber du liegst da mit Schmerzen und Sorgen und Angst vor Atemnot oder Atemnot vor Angst, und die machen nichts die Worte, machen einfach nichts. Glotzen dich nur an wie Kühe, die für einen kurzen Moment das Grasen unterbrochen haben, weil der Kleintransporter des Abdeckers an der Weide vorbeifährt.

Ist doch ohnehin schon alles aufgeschrieben, steht doch alles da: du sollst nicht töten, Kapitalismus abschaffen und so weiter und so fort.

Alle Macht den Worten? Dass ich nicht lache. Macht lieber Lose auf, ihr Machtlosen. Vielleicht habt ihr Glück und gewinnt eine Axt. Die könnt ihr dann einem Wortschmied schenken, der damit in den Wald gehen und Bäume fällen, also endlich Holz machen kann (wie die Forstarbeiter sagen).

Vielleicht wird er sich währenddessen seiner Ohnmacht bewusst, macht endlich Ernst und verpasst der Sprache eine Schönheits-OP, von der sie sich nicht mehr erholt, also nie wieder aufwacht. Oder er geht mal so richtig ans Eingemachte, steckt sich den Stiel der Axt ins Gehirn und rührt kräftig um. Womit er letztlich alles richtig gemacht hätte.

Denn erst, wenn der letzte Literat verstummt, der letzte Blogger versteinert, der letzte Poetry Slammer in Depressionen verfallen ist, wird die Erkenntnis reifen,

dass wir, all jenen, die an gut bewachten Orten

gern Kohle, Macht und Einfluss horten

die Suppen und Torten am besten versalzen,

wenn wir endlich damit beginnen,

uns in ungemachten Worten zu wälzen.

Word!

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10.06.2016

Todesmomente

Vorwort

Ja, es gibt Zusammenhänge wie diese in diesem Text beschriebenen. Immer hängt irgendwas zusammen. Du bist reich, ich bin arm, das hängt zusammen. Weil ich arm bin bist du reich. Du Nike, ich Nikenäher und barfuß. Aber Marken zu nennen ist natürlich dumm. Klar machen wir alle mit, wir haben doch nicht Lust auf barfuß, sondern Lust auf Nike. Und immer haben wir noch diese Arroganz von Fairness zu sprechen, wenn wir einkaufen gehen, wird das Gewissen vermutlich gemutet, stillgelegt für den Moment des scheinbaren Glücks, wenn andere von ihrem Arbeitsplatz erschlagen werden. Und Du sagst: "Die und wir, wir und die haben doch schließlich alle was davon. Ich allein kann doch nichts tun." Ihr verzweifelten Rufer. Ich kann Euch nicht sagen, wie Euer Leben schön wird, aber wie man diesen einen winzigen Aspekt Fairness in den Handel bekommt, das steht unter anderem in diesem Buch: » DIE ZUKUNFT IST SCHÖN!!!

Todesmomente

Einzelne Schneeflocken in Lawinen fühlen sich ja auch nicht verantwortlich, wenn sie kleine Bergdörfer unter sich begraben. Der alleinstehende Regentropfen, der an einer Hochwasserkatastrophe beteiligt war, kann trotzdem jede Nacht gut schlafen, in seinem kleinen Regenwasserbett. Obwohl er einen Hund ertränkt hat. Unfreiwillig natürlich nur ...

 

... vier Euro neunundneunzig. Ein Tshirt. 10 Farben. Rot, gelb, orange, grün, mintgrün, blau, lila, grau, schwarz, weiß. Und da hängen sie gelassen an diesem Drehkreuz und sind verfügbar in S, M, L und XL. Verfügbarkeit ist was schönes, denkt sich die Verfügbarkeit und passiert vergnüglich und in allgemeiner Akzeptanz. Wie schön, denken da Linda und Patrick und drehen am Kreuz und freuen sich über V-Ausschnitte. V-Ausschnitte haben diese gewisse Laszivität und Linda und Patrick bedürfen eben jener Laszivität. Und sie drehen am Kreuz und suchen nach Coolness für vier Euro ...

 

... neunundneunzig Leute sitzen an diesen Nähtischen. 3 große gibt es jeweils 33 Leute sitzen dort nebeneinander und tackern mittels lauter Nähmaschinen den Saum vom V-Ausschnitten haltbar. Was Laszivität ist, weiß keiner dieser 99 Menschen. Sie nähen lediglich in einer Geschwindigkeit, dass man denkt, sie nähten um ihr Leben. Tun sie wahrscheinlich auch. Letzte Woche hat einer gesagt, in der Decke sei ein Riss und er hielte es für zu gefährlich unterhalb dieses Risses weiterzuarbeiten. Anderntags saß jemand anderes in diesem Betonklotz und säumte V- ...

 

... Ausschnitte aus den Leben von Linda und Patrick sind schnell erzählt. Beide studieren sie irgendwas und haben da eine Hoffnung auf eine Zukunft. Und solange man noch keine Zukunft hat, ist man eben arm und solange man arm ist, muss man Tshirts für vier Euro neunundneunzig kaufen. Die halten dann zwei Sommer und werden dann immer dünner, mit jeder Wäsche immer dünner. Der V-Ausschnitt wird immer ausgeleiherter und erst trägt man es auf einer Party, dann beim Schlafen und irgendwann, nachdem man damit den mit der WC-Ente schwer erreichbaren Klorand von alten, studentischen Kackresten gesäubert hat, verständnisvoll zum ...

 

... Müll liegt hier überall, rund um diese Fabrik und die neunundneunzig Leute nähen schnell, damit nicht auch sie zum Müll werde, der hier überall liegt. Wenn sie rausgehen, aus diesem staubigen Gebäude, dann steht da einer, der ihnen ein bisschen Geld für ihre Mühe gibt und lächelt. Der, der das Geld austeilt, bekommt auch ein bisschen Geld dafür, dass er aufpasst, dass die Nähprozesse nicht ins Stocken geraten. Deswegen lächelt er auch. Wenn mal einer stockt beim Nähen, dann stimmen am Ende die Zahlen der V-Aussschnitte nicht und die müssen stimmen täglich. Die Tshirts stinken nach Lösungsmittel und was man hier einatmet macht komische Haut und zuweilen Bluthusten. Außerdem staubt es ständig von oben, aufgrund sich auflösender Bau- ...

 

... Substanz soll es haben, dieses Leben, ja es soll eine gesunde Basis haben. Eine Basis, von der man planen kann. Kinder und Häuser zeugen und bauen. Da soll eine Plattform hergestellt werden, auf der man in dieser unruhigen Zeit noch entspannt erst vier, dann vielleicht ein paar mehr Füße stellen können soll. Dazu irgendwas aus Sicherheit. Und die Zeiten, ja die Zeiten sind so unruhig, dass es diese Plattformen kaum noch gibt, aber im Ozean der Unruhe, da schwimmen noch ein paar und wenn man mal mit seinen Füßen auf eine solche kommt, dann baut man Zäune und Selbstschußanlagen, denn jeder außerhalb dieser Plattform ist automatisch ein Neider und man weiß ja, was Neider heute so machen. Alles kaputt nämlich machen sie, die Neider, weil sie einem die Sicherheit neiden, die sie selbst gern hätten. Ja, da wollen Linda und Paul hin, aber bis man da ist, muss man hier einkaufen gehen, damit man irgendwie aussieht. Der absolut schaffbare Versuch auffällig unauffällig zu ...

 

... sein Lebenswerk hat das Gebäude wohl schon hinter sich. Früher war es eine Munitionsfabrik, seit über 20 Jahren ist hier aber Textilindustrie. Beton überlegt sich, sich von anderem Beton zu lösen und ja, da fällt die Decke herab und die Leute unterhalb dieses Lösungsprozesses, die nähen einfach weiter, bis dann auch die tragenden Wände nachgeben und das, was mal Statik war, einfach nicht mehr Statik sein will, sondern ausschließlich kaputt. Und so geht kaputt, was schon so lange wackelig war und begräbt die neunundneunzig Leute unter sich. Hier und da hört man wen jammern, ihm fehle ein Körperteil oder eine Aussicht auf Gerechtigkeit oder einfach mal jemand, der hilft und faire Preise für die Arbeit hier zahlt, damit man nicht andauernd Näherinnen und Näher unter Trümmerteilen hervorzerren muss. Aber auch dieses Mal zerrt man wieder und ein Kamerateam kommt kurz vorbei und dokumentiert die Katastrophe. Hinterweltlervolk ist nicht gut imstande stabiles Bauwerk zu errichten, sagt die Presse etwas später. Die, die überleben und nicht verstümmelt sind, werden nächste Woche in den nächsten baufälligen Komplex begleitet, wo sie dann weiternähen für eine billigere ...

 

... Weltanschauung haben doch alle. Und Linda und Patrick sind eigentlich kritische Menschen, die aber nur so weit denken dürfen, wie ihre Armut es ihnen gestattet. Aber sie haben ja auch ein Herz, zwischen all den konkreten Plänen und Wünschen. Daher sind sie auch 7 Sekunden lang entsetzt, als sie vor ihrem Computer sitzen und vor dem Abrufen ihrer Emails sehen, dass in einem Land, das Bangladesch heißt, eine Textilfabrik eingestürzt ist und es eine Menge Tote und Amputierte gab. Irgendjemand im Internet ruft auf einem sozialen Netzwerk zu einem Boykott diverser großer Textilketten auf. Einer Menge Leute gefällt das. Linda und Patrick packen ihre Tragetaschen aus. Darin sind ein paar Kinderfinger, ein paar Unterarme, ein paar halbierte Oberschenkel, Därme, Hoffnungen und ein paar Pfund Resthackmensch zu finden. Nein, nein, nein, der Autor übertreibt natürlich, er will ironisch überspitzen, eigentlich sind in der Tüte nur ein paar Tshirts für vier Euro neunundneunzig und eine neue Jeansjacke. Sonderangebote halt. Sieht aber cool aus. Das mit dem Konsum und dem, was da an Folgeschäden dranhängt, jeder weiß das, alle ...

 

 

... einzelnen Schneeflocken sagen zueinander, dass sie eigentlich dagegen sind, an dieser Lawine teilzunehmen, aber wenn mal wieder Lawinentag ist, dann ist man doch gern dabei. Ist ja sonst so wenig los. Alleinstehende Regentropfen wollen nicht Teil einer Flutkatastrophe sein, aber sie müssen sich dort sammeln, wo sie hingeregnet werden. Und verdammt nochmal einen Hund ertränken ...

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