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22.10.2012

Eigenarten

In der Nacht des 14. Dezembers, lange nachdem die Uhr Herrn K.s Gäste mit zwölf gedämpften Schlägen gedrängt hatte, die Gelächtergläser auszutrinken und die letzten überschwänglichen Worte aufzutischen, fand sich der Gastgeber gesellschaftssatt hinterlassen mit seiner Frau noch immer im selben Raum, in dem die perfekte Welt der abendlichen Erzählungen penetrant schweigend im Raum schwebte.

Herrn Ks Frau, deren Lippen vom Anstandslächeln ganz vertrocknet und nur vom Wein noch etwas farbig waren, saß still, während sie ab und zu behutsam den Kopf schüttelte, als müsse sie die Nickbewegung ausgleichen, die sie den Gästen während des Abendessens ausgiebig vorgeführt hatte. Dazu tippte sie, wie es ihre Eigenart war, mit der Fingerkuppe lautlos auf den restebedeckten Tisch, der K. ekelte, wenn er sie ansah und das Trommeln ihrer Finger auf dem Holz vernahm.

?Es ist spät geworden? sagte schließlich die Frau verloren in den Raum, in dem ihr niemand mehr zuhörte oder versuchte, das Gesagte zu übertrumpfen. ?Es ist wirklich spät.? Da sah er in ihrem Gesicht, wie die Unzufriedenheit ihr mehr Falten ins Gesicht legte, als er ertragen konnte und wandte sich ab, indem er nach draußen horchte, wo der Dezemberschnee unaufhaltsam alle gefallenen Worte unter sich begrub.

Jetzt sah auch sie hinaus auf den Schnee und streifte dabei mit ihrem Blick die Schaufel, die draußen an der Dachrinne lehnte. Wie der Wind sich gegen das Fenster presste, als ob er hereinwollte, herein in die behagliche Stube, wo sie alle die Bäuche gehalten hatten, so voll waren sie gewesen, so satt! Wo ihre Leiber so gefüllt gewesen waren, als wären sie jeden Moment zerplatzt, zerborsten und dennoch waren ihre ausgeschleckten Hüllen steif auf den Stühlen sitzen geblieben mit erhobenen Häuptern und Nasen, die bis an die Decke ragten.

Nun sah auch er die Schaufel draußen an der Dachrinne lehnen und sie merkte, dass er seinen Blick auf diese gerichtet hielt. ?Vielleicht sollte jemand den Schnee schnippen?, murmelte sie dann, ohne zu K. aufzusehen. ?Wahrscheinlich haben die anderen schon geschippt und da sollte man?? fügte sie rasch hinzu und tippte weiter mit den Fingerkuppen gegen das Holz, das seine Bräune unter verschütteten Träumen eingebüßt hatte.

?Vielleicht sollte man?? blies sie noch einmal atemlos über den gästeleeren Tisch, auf den sie eintippte und wippte mit dem Kopf, wie es ihre Eigenart war. ?Vielleicht??

Noch lange nachdem die Uhr zwölf Mal gedämpft geschlagen, das Gelächter der Gäste im Raum verstummt und die gefallenen Worte unter dem Schnee dieser perfekten Welt des 14. Dezembers begraben wurden, schippte Herr K. unaufhaltsam den blutroten Schnee mit der Schaufel, die draußen vor dem Fenster an der Dachrinne gelehnt war und tippte behutsam, als ob es seine Eigenart wäre, mit den eiskalten Fingerkuppen auf den bräunlichen Holzstiel.

 


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