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10.06.2016

Todesmomente

Vorwort

Ja, es gibt Zusammenhänge wie diese in diesem Text beschriebenen. Immer hängt irgendwas zusammen. Du bist reich, ich bin arm, das hängt zusammen. Weil ich arm bin bist du reich. Du Nike, ich Nikenäher und barfuß. Aber Marken zu nennen ist natürlich dumm. Klar machen wir alle mit, wir haben doch nicht Lust auf barfuß, sondern Lust auf Nike. Und immer haben wir noch diese Arroganz von Fairness zu sprechen, wenn wir einkaufen gehen, wird das Gewissen vermutlich gemutet, stillgelegt für den Moment des scheinbaren Glücks, wenn andere von ihrem Arbeitsplatz erschlagen werden. Und Du sagst: "Die und wir, wir und die haben doch schließlich alle was davon. Ich allein kann doch nichts tun." Ihr verzweifelten Rufer. Ich kann Euch nicht sagen, wie Euer Leben schön wird, aber wie man diesen einen winzigen Aspekt Fairness in den Handel bekommt, das steht unter anderem in diesem Buch: » DIE ZUKUNFT IST SCHÖN!!!

Todesmomente

Einzelne Schneeflocken in Lawinen fühlen sich ja auch nicht verantwortlich, wenn sie kleine Bergdörfer unter sich begraben. Der alleinstehende Regentropfen, der an einer Hochwasserkatastrophe beteiligt war, kann trotzdem jede Nacht gut schlafen, in seinem kleinen Regenwasserbett. Obwohl er einen Hund ertränkt hat. Unfreiwillig natürlich nur ...

 

... vier Euro neunundneunzig. Ein Tshirt. 10 Farben. Rot, gelb, orange, grün, mintgrün, blau, lila, grau, schwarz, weiß. Und da hängen sie gelassen an diesem Drehkreuz und sind verfügbar in S, M, L und XL. Verfügbarkeit ist was schönes, denkt sich die Verfügbarkeit und passiert vergnüglich und in allgemeiner Akzeptanz. Wie schön, denken da Linda und Patrick und drehen am Kreuz und freuen sich über V-Ausschnitte. V-Ausschnitte haben diese gewisse Laszivität und Linda und Patrick bedürfen eben jener Laszivität. Und sie drehen am Kreuz und suchen nach Coolness für vier Euro ...

 

... neunundneunzig Leute sitzen an diesen Nähtischen. 3 große gibt es jeweils 33 Leute sitzen dort nebeneinander und tackern mittels lauter Nähmaschinen den Saum vom V-Ausschnitten haltbar. Was Laszivität ist, weiß keiner dieser 99 Menschen. Sie nähen lediglich in einer Geschwindigkeit, dass man denkt, sie nähten um ihr Leben. Tun sie wahrscheinlich auch. Letzte Woche hat einer gesagt, in der Decke sei ein Riss und er hielte es für zu gefährlich unterhalb dieses Risses weiterzuarbeiten. Anderntags saß jemand anderes in diesem Betonklotz und säumte V- ...

 

... Ausschnitte aus den Leben von Linda und Patrick sind schnell erzählt. Beide studieren sie irgendwas und haben da eine Hoffnung auf eine Zukunft. Und solange man noch keine Zukunft hat, ist man eben arm und solange man arm ist, muss man Tshirts für vier Euro neunundneunzig kaufen. Die halten dann zwei Sommer und werden dann immer dünner, mit jeder Wäsche immer dünner. Der V-Ausschnitt wird immer ausgeleiherter und erst trägt man es auf einer Party, dann beim Schlafen und irgendwann, nachdem man damit den mit der WC-Ente schwer erreichbaren Klorand von alten, studentischen Kackresten gesäubert hat, verständnisvoll zum ...

 

... Müll liegt hier überall, rund um diese Fabrik und die neunundneunzig Leute nähen schnell, damit nicht auch sie zum Müll werde, der hier überall liegt. Wenn sie rausgehen, aus diesem staubigen Gebäude, dann steht da einer, der ihnen ein bisschen Geld für ihre Mühe gibt und lächelt. Der, der das Geld austeilt, bekommt auch ein bisschen Geld dafür, dass er aufpasst, dass die Nähprozesse nicht ins Stocken geraten. Deswegen lächelt er auch. Wenn mal einer stockt beim Nähen, dann stimmen am Ende die Zahlen der V-Aussschnitte nicht und die müssen stimmen täglich. Die Tshirts stinken nach Lösungsmittel und was man hier einatmet macht komische Haut und zuweilen Bluthusten. Außerdem staubt es ständig von oben, aufgrund sich auflösender Bau- ...

 

... Substanz soll es haben, dieses Leben, ja es soll eine gesunde Basis haben. Eine Basis, von der man planen kann. Kinder und Häuser zeugen und bauen. Da soll eine Plattform hergestellt werden, auf der man in dieser unruhigen Zeit noch entspannt erst vier, dann vielleicht ein paar mehr Füße stellen können soll. Dazu irgendwas aus Sicherheit. Und die Zeiten, ja die Zeiten sind so unruhig, dass es diese Plattformen kaum noch gibt, aber im Ozean der Unruhe, da schwimmen noch ein paar und wenn man mal mit seinen Füßen auf eine solche kommt, dann baut man Zäune und Selbstschußanlagen, denn jeder außerhalb dieser Plattform ist automatisch ein Neider und man weiß ja, was Neider heute so machen. Alles kaputt nämlich machen sie, die Neider, weil sie einem die Sicherheit neiden, die sie selbst gern hätten. Ja, da wollen Linda und Paul hin, aber bis man da ist, muss man hier einkaufen gehen, damit man irgendwie aussieht. Der absolut schaffbare Versuch auffällig unauffällig zu ...

 

... sein Lebenswerk hat das Gebäude wohl schon hinter sich. Früher war es eine Munitionsfabrik, seit über 20 Jahren ist hier aber Textilindustrie. Beton überlegt sich, sich von anderem Beton zu lösen und ja, da fällt die Decke herab und die Leute unterhalb dieses Lösungsprozesses, die nähen einfach weiter, bis dann auch die tragenden Wände nachgeben und das, was mal Statik war, einfach nicht mehr Statik sein will, sondern ausschließlich kaputt. Und so geht kaputt, was schon so lange wackelig war und begräbt die neunundneunzig Leute unter sich. Hier und da hört man wen jammern, ihm fehle ein Körperteil oder eine Aussicht auf Gerechtigkeit oder einfach mal jemand, der hilft und faire Preise für die Arbeit hier zahlt, damit man nicht andauernd Näherinnen und Näher unter Trümmerteilen hervorzerren muss. Aber auch dieses Mal zerrt man wieder und ein Kamerateam kommt kurz vorbei und dokumentiert die Katastrophe. Hinterweltlervolk ist nicht gut imstande stabiles Bauwerk zu errichten, sagt die Presse etwas später. Die, die überleben und nicht verstümmelt sind, werden nächste Woche in den nächsten baufälligen Komplex begleitet, wo sie dann weiternähen für eine billigere ...

 

... Weltanschauung haben doch alle. Und Linda und Patrick sind eigentlich kritische Menschen, die aber nur so weit denken dürfen, wie ihre Armut es ihnen gestattet. Aber sie haben ja auch ein Herz, zwischen all den konkreten Plänen und Wünschen. Daher sind sie auch 7 Sekunden lang entsetzt, als sie vor ihrem Computer sitzen und vor dem Abrufen ihrer Emails sehen, dass in einem Land, das Bangladesch heißt, eine Textilfabrik eingestürzt ist und es eine Menge Tote und Amputierte gab. Irgendjemand im Internet ruft auf einem sozialen Netzwerk zu einem Boykott diverser großer Textilketten auf. Einer Menge Leute gefällt das. Linda und Patrick packen ihre Tragetaschen aus. Darin sind ein paar Kinderfinger, ein paar Unterarme, ein paar halbierte Oberschenkel, Därme, Hoffnungen und ein paar Pfund Resthackmensch zu finden. Nein, nein, nein, der Autor übertreibt natürlich, er will ironisch überspitzen, eigentlich sind in der Tüte nur ein paar Tshirts für vier Euro neunundneunzig und eine neue Jeansjacke. Sonderangebote halt. Sieht aber cool aus. Das mit dem Konsum und dem, was da an Folgeschäden dranhängt, jeder weiß das, alle ...

 

 

... einzelnen Schneeflocken sagen zueinander, dass sie eigentlich dagegen sind, an dieser Lawine teilzunehmen, aber wenn mal wieder Lawinentag ist, dann ist man doch gern dabei. Ist ja sonst so wenig los. Alleinstehende Regentropfen wollen nicht Teil einer Flutkatastrophe sein, aber sie müssen sich dort sammeln, wo sie hingeregnet werden. Und verdammt nochmal einen Hund ertränken ...

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01.08.2011

Brudergeschichte Teil 3

Und ich weine wie ein Mann, nämlich gar nicht. Die Tiefschläge des Lebens zielen doch immer aufs Gemüt. Die zertrümmerte Befindlichkeit. Und dann ist da noch diese verdammte Familie. Diese Leute, die behaupten ihres und mein Blut sei dicker als Wasser und ich steh nur da und will das bewiesen sehen, aber zunächst mal mit deren Blut. Niemand sollte die Dicke von Wasser unterschätzen.


Ach, wäre ich doch wie mein Bruder. Der hat letztes Jahr diese Spanierin geheiratet, hat diese Arbeit in einer Bank. Früher ist er noch, weil er ein wenig komisch sprach und lief und war als Behinderter verlacht worden. Mit ausgestreckten Fingern haben sie auf ihn gezeigt und ich hab ihn verteidigt und jetzt ist sein Leben eines, das er komplett im Griff hat. Er hat ein Haus gebaut, selbstfinanziert. Ich frage mich, ob sein Leben cooler ist als meins. Ich bin oft einsam und hole mir via youporn.com einen runter, während er eine rassige Schönheit begatten darf. Trella ist eine wunderbare Frau, seine Frau. Ich weiß, dass ihre Liebe von einer Haltbarkeit ist, die an die Halbwertzeiten von Atombrennstäben gemahnt.


Unser Vater ist vor einem Jahr gestorben. Einfach so. Er saß so rum, in seinem Leben und plötzlich wollte das Herz nicht mehr. Er saß zuhause auf dem Sofa, vor ihm sagte der Fernseher irgendwelche Unwichtigkeiten und meine Mutter war im Bügelraum. So nannte sie das wirklich, Bügelraum. Das war ein Zimmer, in das sie sich gerne einschloss, um Kleidung zu bügeln. Und als sie zurückkam, fand sie den blau angelaufenen Vater vor, aus dem kein Atem mehr kam und der ab jetzt ein ganz ruhiger war. Als wir an seinem Grab standen, erinnerte ich mich an sein verschwörerisches Verhalten, damals, nach dem Achtelfinale 1990, als er als blutiger Schläger, bis zum Anschlag angefüllt mit Widersprüchen vor mir stand und seinen väterlichen Heldenstatus von mir und meinem Bruder bewundert wissen wollte. Wer sonst nichts hatte und konnte, mußte sich halt von seiner halbgaren Brut bewundern lassen. Dieser Satz fiel mir erst Jahre später ein, als mein Vater betrunken auf einem Familienfest mich und meinen Bruder verglich und unsere Lebensläufe analysierte. Mike kam dabei besser weg als ich, aber da war der Zeitpunkt schon längst überschritten, an dem mich sowas berühren konnte. Am Grab war ich dann aber doch traurig, wegen der vielen ungenutzten Möglichkeiten, vielleicht aus der Scheiße, die wir ausmachten, zwei Leben zu formen, die imstande waren, sich zu berühren. Schnittmengen gab es kaum und Oberflächlichkeiten tausendfach und so vergingen die Jahre und jetzt lag er hier, unter einem Deckel und ich fragte mich, ob er jetzt vielleicht lächelte. Irgendwie ist sein schmallippiger Mund vielleicht dazu imstande, das zu vollbringen. Meine Mutter weinte stumm und würdevoll. Seltsames Weinen, dieses stumme und würdevolle Weinen, es sieht kein Stück aus wie echtes Traurigsein.


Seltsam, wie sich Menschen so entwickeln. Welche Wege Menschen beschreiten und was sie an Weggabelungen denken, das würde ich gerne mal wissen. Niemand hat mir jemals gezeigt, wie das geht, mit diesem entscheiden. Dieses Abwägen, dieses Bedenken, ich kann das nicht, das ist nicht meins. Mein Leben besteht eigentlich aus einer Anhäufung von Zufällen, zufälligen Begegnungen, zufällig an mein Ufer gespülte Menschen. Eine Kette aus Ereignissen, an denen ich zwar teilhabe, aber ich bin nicht der, der die Sache hier steuert, ich bin ein Sklave der Ereignisse und ich lasse sie einfach passieren.


Ich hab es nie geschafft, jemanden in meinem Leben zu behalten. Also wegen Liebe. Nur immer auf der Flucht waren die, die ich lieben wollte. So oft wurde ich so jämmerlich verlassen, weil ich nur eine beschissene Art zu lieben verstand, nämlich die, die in Selbstaufgabe mündet. Das ist natürlich viel zu viel für Leute, die mich jeden Tag um sich haben mögen. Das habe ich aber erst sehr spät erkannt. Und am Ende war ich dann der, der nicht mehr die Fähigkeit aufbringen konnte, andere in die Nähe meines Herzens zu lassen. Das hat mit Schmerz zu tun, zu erkennen, dass das nicht mehr geht, mit elendem Schmerz, der sich anfühlt wie Haut abziehen nach Verbrennungen. Sich Liebe wünschen und sich nicht verlieben können ist wie in Reichweite eines gefüllten Wasserglases zu verdursten, ist wie vorm gefüllten Teller verhungern, ist das Schlimmte überhaupt, dem man vor seinem Tod begegnen kann.


Erkenntnisse waren auch nie so mein Ding. Mein Ding war immer: Fehler machen und bloß nicht daraus lernen. Es waren einfach zu viele Fehler und sie überfielen mein Leben in zu schneller Folge. So wie jetzt, das hier ist auch ein Fehler ...


... da liegt sie und lacht, weil ich wieder diesen Krüppelwitz gemacht habe, den mit der Hand und sie lacht und nackt und frisch gefickt ist sie die schönste überhaupt. Sie ist ein bißchen dumm habe ich gemerkt, was sich aber keinesfalls zum Nachteil unserer Begegnungen auswirkt. Ihre Dummheit wird durch ihre Schönheit beiseite geschoben und wenn ich ihre Dummheit nicht mehr sehe, ist sie die geilste Frau der Welt. Oh, Trella, was machen wir hier? Wir leben, würde sie sagen, wenn sie jetzt was Kluges sagen könnte, aber sie schweigt und lächelt und ihre brauen kleinen Augen zwinkern, als ob sie eine viel zu schnelle Diashow im Kopf hätte.


Wir ficken noch einmal, ausgiebig. Ihr Körper ist wie eine Insel, auf der man den besten aller Wellnessurlaube haben kann. Und sie ist auf mir und ich sehe, wie sich die Natur hier auf der Insel in schöne Augenblicke verwandelt. Alles viel zu geil, um wirklich falsch zu sein, denke ich, kurz nachdem wir daliegen, wie ein zweiteiliges Besteckset und ich noch in ihr bin und sie ist um mich und wir Richtungslosen kennen keine Fehler. Zumindest keine, die wir selber machen.


"Ich kann das bald nicht mehr tun", sagt sie dann, nackt in meiner unaufgeräumten Küche und ich frag so: "Was?" "Mike bescheißen", sagt sie kurz und tut sich Süßstoff in den Kaffee. Sie guckt nachdenklich, aber ich weiß, dass sie auch so ist wie ich, so überhaupt ganz wenig reflektiert. Nach dem Ficken kommt ein bißchen Schmerz, weil sie später wieder in irgendein Leben zurückmuss, dass ihr Schuld suggeriert, aber dann sieht sie mich an, mit ihren schönen dunklen Augen und lächelt und sagt: "Wenn er es erfährt, er bringt uns beide um." Ich gehe zu ihr rüber, an die andere Seite des Tisches und küsse ihren schönen, vollen Mund und dann gleitet ihre Zunge in mich und meine in sie und ihre Kaffeetasse stellt sie auf den Tisch und ich ziehe sie hoch von ihrem Tisch und dann steht sie vor mir in ihrer kompletten Nacktheit und schiebe sie langsam Richtung Tisch. Sie setzt sich neben die Kaffeetasse und öffnet ihre Beine. Ihre Muschi ist wie eine Badeanstalt in den Sommerferien, feucht und fröhlich und ich gleite mit meinem Finger durch die sanfte Nässe und stecke ihr den Finger in den Mund. Sie leckt ihn gierig ab und dann zieht sie mich zu sich, wirft dabei unabsichtlich ihre halbvolle Kaffeetasse vom Tisch, die laut scheppernd auf meinem Fußboden zu einem groben Schwerbenhaufen wird. Kaffee fließt durch die Fliesenfugen. Irgendwo entsteht ein See und wir zelebrieren unsere Lust auf dem Küchentisch. Mir ist soviel egal, das fühlt sich gut an.

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15.07.2011

Brudergeschichte Teil 2

Die erste Chance des Spiels hat Pierre Littbarski, ein Fußballer, den ich über alles liebe, denn alle sagen, er sei klein und ich war auch immer überall der kleinste und deswegen ist Littbarski so ein Vorbild für mich, weil er sich als kleiner Mensch in der Welt der großen Menschen durchsetzen kann. Hinter mir brüllen 3 Idioten relativ asynchron "Lotta Matt-hähhhh-uuuus", nach drei Wiederholungen brüllt der ganze Saal "Looooothaaaar Maaa-thäääää-uuuus". Selbst mein jüngerer Bruder ist schon größer als ich.


In der Luft ist eine Anspannung zu schmecken, die man ansonsten selten zu spüren bekommt. Es ist ein Montag, mitten im Sommer, mein Bruder und ich stehen in einer Kneipe, in der es nach Rauch riecht und schmeckt. Stimmengemurmel, zwischendurch laute Schreie von Männer aller Altersklassen, ein Fernsehkommentator, der immer auf Ballhöhe ist. Unser Vater steht zwischen uns und ich spüre, wie er wackelt, ja, der ganze Vater ist so voller Gefühl gesaugt, wie er sonst kaum ist. Ein Emotionsschwamm, der Vater und er guckt auf den zuckenden Bildschirm, der uns einlullt. Wir starren alle drei den selben Fernsehapparat an, für dessen Anblick wir unsere Köpfe sehr strecken müssen.


Eine Flanke kommt, Rudi Völler geht zum Ball, Hans van Breukkelen, der holländische Torwart kommt aus dem Kasten und Völler, der in mir aufgrund seiner Gesichts- und Kopfbehaarung immer schon Unbehagen auslöste, prallt ein wenig mit ihm zusammen. Das Lokal eskaliert laut vor sich hin. Plötzlich spuckt Frank Rijkaard Rudi Völler in die Locken. Einen schönen durchsichtigen Flatschen. Denn konnte man wunderbar in Zeitlupe durch die Luft zirkulieren sehen. Wie ein besoffener Käfer, so flog der Brocken Spucke ins Völlerhaar. Voll rein, ins Gelocke. Völler regt sich auf, Rijkaard geht vorbei, beide sehen rot. Die Empörung im Lokal ist eine der lautesten Empörungen, die ich jemals gehört habe. Da schreien Leute einen Apparat oder einander an und sie glauben, dass diese Schreie bis nach Italien zu hören sind. Mein Vater springt wild, er atmet, er trinkt einen Schluck Bier und schreit etwas, was ich nicht verstehen kann. Mein Bruder ist genauso aufgeregt. Ich spüre nur diese unendliche Spannung in der Luft, die man fast knistern hören kann. Ich fühle mich wie ein trockenes Stück Holz, das ins Feuer geworfen wird. Die Männer hier in der Kneipe, und es sind wirklich nur Männer diskutieren lauthals und hollandverfeindet über die Aktion des Spuckers und mir fällt ein, dass ich auch schon immer in Rudi Völlers Haare spucken wollte. "Rijkaard, du Lama, Rijkaard in den Zoo", brüllt mein Vater, inspiriert von jemandem, der das leise neben ihm sagte und plötzlich tönt auch aus dieser Idee ein Sprechchor empor: "Rijkaard, du Lama, Rijkaard in den Zoo!!!", das ganze wird begleitet von affenartigen "uh uh uh"-Rufen, sobald der holländische Spieler ins Bild kommt.


Mein Bruder hält die Hand hoch, die, die er sich mal aus nichtbehinderter Unbedarftheit abgesägt hat und die aufgrund der Schnelligkeit meines Vaters und seines Autos wieder an seinen Arm verweilt und brüllt auch irgendwas hollandfeindliches. Alle brüllen das hier irgendwie und die Stimmung macht mir Angst. Hinter mir fangen zwei Typen an, sich fast zu kloppen, weil der eine meint, dass der andere meinte, der Völler hätte auch die rote Karte verdient. Seit ich die Frisur von Rudi Völler gesehen habe, will ich da schon reinspucken. Diese wallende, sich kräusende Matte, die wie ein zerfetztes und hässlich entstelltes, weil überfahrenes Tier aussieht, das man dem Völler an seinen Hinterkopf genäht hat. Ich habe Angst, dass die Leute hier bemerken, dass ich auch gespuckt hätte bei Gelegenheit. Die Aufruhr wird immer größer. Die Aufreger immer feindlicher und immer deutscher.


Ein unbeholfener, menschlicher Baum namens Guido Buchwald hat eine riesen Torchance und sie zeigen anschließend sehr lange das ernste Gesicht von Franz Beckenbauer hinter einer seltsam großen Brille. Die Brille des Beckenbauers verleiht seinem Gesicht etwas sehr stumpfsinniges. Brillen machen aus vielen Menschen klug aussehende Geschöpfe, dieser Beckenbauer sieht aus wie der Versuch mit zwei großen, fast runden Gläsern sein Gesicht vor der Umwelt abzuschirmen. Er sah immer aus wie ein brutaler krediteverweigernder Sparkassenangestellter mit schlechter Laune und Gewalttoleranz. Vor ihm hatte ich fast so viel Angst, wie ich Rudi Völler doof fand.


Das Spiel eskaliert noch ein paar Mal, dann schießen Jürgen Klinsmann und Andy Brehme jeweils ein Tor und der Saal gerät in eine festliche Freibierstimmung. Irgendwas zwischen Schützenfest und den Bildern, die ich im letzten Jahr von Leuten, die durch die Berliner Mauer gelaufen sind, ist los und man schunkelt und singt Fuballsongs und deutsche Volkslieder. Zweimal verliere ich meinen Vater im Gedrängel, weil entweder er oder ich zur Toilette müssen. Mein Bruder steht da und läßt sich von diesem Wahnsinn treiben. Er schreit, er tobt, er wütet, bei beiden Toren liegt er in den Armen meines Vaters und ich stehe wie ein unsachverständiger Nichtfußballer daneben. Mein Vater ist mittlerweile sehr betrunken, ich bemerke es, als er mit jemandem spricht, der neben ihm steht und kaum mehr ein paar Buchstaben als Wort aneinanderreihen kann. Mein Bruder hüpft auf und ab und brüllt: "Deutschland wird Weltmeister." Mein Vater unterhält sich mit irgendwem und ich kann sehen, dass beiden Männern die klare Sprache aufgrund von akuter Besoffenheit fehlt. Irgendjemand greift meinem Bruder in den Nacken und zieht in an sich ran und starrt ihn fast eine Minute lang an, bevor er zu irgendeinem anderen sagt: "Ganz dem Vatta sein Gesicht, wa?"


Plötzlich kommt Bewegung, Geschwindigkeit und noch mehr Ekel in den Abend. Mein Bruder und ich werden mitgezogen von meinem Vater, jeder an einer Hand verlassen wir die stickige Kneipe und wir werden auf die Rückbank seines Autos gedrückt. Dieser Vorgang geht so unglaublich schnell, ich hätte sie von meinem doch stark alkoholisierten Vater kaum erwartet. Vorne setzt sich der dicke Freund meines Vaters hin, der mit dem er eben noch so verschwörerisch dahergeredet hat und mein Vater selbst klemmt sich hinters Steuer. Wir fahren los. Der dicke Beifahrer nimmt seinen Deutschlandschal ab und kurbelt die Seitenscheibe runter und läßt den Schal im Wind flattern, dazu singt er: "Schalalala schalalalalalalala schalalalalalalala schalalalalalalala, schalalala ..." Mein Vater furzt. Es stinkt. Mein Vater lacht. Ich sehe nicht, wo wir hinfahren. Mittlerweile scheint auch mein Bruder Angst zu haben. "Papa, wo fahren wir hin?", fragt er, ängstlich in den Sitz gepresst. Mein Vater antwortet nicht, blickt sturr geradeaus. Hinter uns und vor uns fahren ebenfalls Autos, die hupen und aus denen Fußballgesänge ertönen.


Vor uns ist es plötzlich hell, sehr hell, eine Reihe parkende Autos steht vor uns, darin und darauf befinden sich Leute. Die Scheinwerferkegel der Autos erfassen uns Ankömmlinge. Auch in dieser Luft hier draußen liegt wie in der Kneipenatmosphäre von vorhin etwas nicht kalkulierbares. Die Leute auf und in den Autos sind laut, sie brüllen alle irgendeinen Sprachchor. Alle tragen Hollandtrikots, zwei, die ich sehen kann tragen zusätzlich abgesägte Tischbeine. Mein Vater bringt den Wagen zu stehen und schaut sich hektisch um, während sein dicker Freund bereits mit einem Satz den Wagen verlassen hat. Jetzt weiß ich auch, wo wir sind, wir sind an der Grenze, der Grenze zu Holland und an der des guten Geschmacks ohnehin.


Seinen besoffenen Vater niederländische Fußballhools verprügeln zu sehen ist nicht unbedingt das, was man ich wünscht, wenn man mit seinem Vater unterwegs ist. Ich sehe Fäuste, Blut, sogar Tränen, ja, ich sehe Männer weinen. Mein Vater weint nicht, mir fällt ein, dass ich ihn noch nie habe weinen sehen. Ich empfinde es nicht als Heldentat, als er einen ohnehin schon komplett blutübersudelten Typen, den er im Schwitzkasten hat mit dem Kopf auf die Motorhaube unseres Autos schlägt, als wolle er seinen verängstigen Söhnen zeigen: "Seht her, euer Vater kann euch zwar nicht wirklich täglich die eingeforderte Dosis Liebe zuteil werden lassen, aber immerhin kann er das hier ... bääm, bääm, bääm ..." Kopf geht auf und der Vater lächelt. Der Typ mit dem Gesichtsblut rutscht ohne jedliche Anzeichen von Körperspannung die Motorhaube herab, ganz so als wäre er tot. Und wahrscheinlich will unser Vater, dass wir lachen, wie wir bei Bud Spencer Filmen lachen und mein Bruder und ich sitzen auf dem Rücksitz und zwischen uns sitzt die Angst und scheißt sich in die Hose. Und wir lachen ein bißchen, wegen der Angst, weil die alles mit uns machen kann, die Angst. Dann sehe ich, wie jemand meinem Vater von hinten mit einem hölzernen Tischbein mit Schwung in die Kniekehlen haut, sodass mein Vater zu Boden geht. Das sind schlimme Sekunden. Wir sehen das Tischbein, es ist voller Blut, der Typ der es bedient ist schemenhaft erkennbar, unser Vater gar nicht mehr. Es dauert zwei Minuten, unendliche 120 Sekunden, bis ich meinen Vater sehe, wie er sich langsam an der Motorhaube hochzieht und vor dem Wagen zum Stehen kommt. Sein Hemd ist blutverschmiert und zerrissen.


Die Schlachtreihen lichten sich. Die Sache ist trotzdem ernst. Ich sehe einige Leute, die liegengeblieben sind. Der dicke Freund meines Vaters humpelt zu einem anderen Auto und steigt dort ein. Im Scheinwerferlicht sah sein Gesicht aus , als hätte man ihm einen Pürierstab dort hineingehalten. Irgendwann sitzt auch mein Vater wieder im Auto und ohne, dass mein Bruder oder ich etwas gesagt hätten, beginnt er zu reden, sein Tonfall hat fast den einer Entschuldigung. "Es mußte sein, die können doch nicht einfach so unseren Rudi anspucken", sagt mein Vater, als wir Richtung unserer Mietwohnung fahren. "Ja, stimmt", sagt mein Bruder, wahrscheinlich aus Dummheit oder Angst heraus. Ich hätte Rudi auch angespuckt, will ich sagen, ich hätte ihm auch in die Mähne gerotzt. Aber die Angst verbietet es mir, die Angst vor meinem rassistischen Vater, den ich in dieser Nacht, das erste Mal kennengelernt habe. Wenn man das Bild, welches der Vater einmal war gegen den Splitter der Realtiät eintauschen könnte, der in dieser Nacht durch unsere rasenden wahrnehmungsbeschleunigten Kinderköpfe ging, ich hätte es sofort getan. Das Bild von zuvor, gegen das zerstörte Bild von jetzt. "Ja, diese verdammten Holländer", sage ich dann in unüberzeugtem Leiseton. Es tritt ein Gefühlsgemisch in mich, halb Scham, halb Angst. "Eurer Mutter sagt ihr bitte, dass wir noch schön den Sieg in der Kneipe gefeiert haben, ok?". Mein Bruder und ich nicken synchron, als mein Vater, sich noch im Wagen sitzend, das blutige Hemd vom Körper abstreift und in eine Plastiktüte packt, die er aus dem Handschuhfach gezogen hat. Er ist perfekt vorbereitet.


Leise und verschwörerisch ziehen wir im Hausflur unsere Schuhe aus. Mein Vater lächelt, trotz offener Wunden und leicht angeschrägter Nase. Für ihn ist es das Lächeln eines Siegers, für mich das Lächeln eines Lügners. Mein Vater gibt uns die Hand, meinem Bruder und mir, als wären wir Geschäftspartner, die gerade einen wichtigen Vertrag geschlossen haben. Sein Händedruck ist sehr warm und sehr fest. Mein Vater. Morgen wird er zur Arbeit müssen. Der Körper meines Vaters ist ein faschistischer Schmutzwall. Ich frage mich noch vor dem Schlafengehen, wie es zusammenpasst, das mein Vater die Holländer so sehr hasst, wir aber jedes verdammte Jahr an irgendeinem holländischen Nordseestrand mit der Familie Zelturlaub machen. Ich kann es mir nicht beantworten und falle in einen anonymen Schlaf.

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04.07.2011

Brudergeschichte Teil 1

Ein volksmusikalischer Sender läuft. Falsche Fröhlichkeit wird in die gute Stube geschleudert. Die gute Stube heißt wirklich so, alle hier nennen sie so. Es gibt hier keine schlechte Stube, zumindest keine, die ich kenne. Ich bin im Haus meiner Großeltern.


Es ist Sonntag, Oma hat Apfelkuchen gebacken. Apfelkuchen, wie nur sie ihn backen kann, die Äpfel oben eingeschnitten, goldbraun gebacken, der Boden zerbricht von selbst, wenn man ihn auch nur leicht mit der Gabel berührt. Ich berühre den Boden mit der Gabel und er zerbricht. Ich bin glücklich.


Die Erwachsenen trinken Kaffee aus der Kanne mit den orangenen Blümchen und der bunte Schaumgummiabtropfer verhindert das Oma beim Ausgießen kleckert. Sie kleckert nämlich genauso wie ich, ich darf nie Kaffee ausgießen. Bei Oma hat alles Würde. Ihre von Kaffee und Kuchenresten beschmierte Schürze, die sie den ganzen Sonntag nicht ablegen wird, strahlt so viel Würde aus, wie sonst gar nichts auf der Welt imstande ist, Würde auszustrahlen. Das Wort "Würde" hab ich auch zum ersten Mal im Zusammenhang mit meiner Oma gehört und ich verbinde es seitdem immer mit ihr, mit ihrem schleppenden Gang in leicht gebückter Haltung und ihrer beschmierten Schürze. Ja, so sieht dann wohl Würde aus. Ich weiß nicht mehr, wer dieses Wort ins Spiel brachte, aber irgendwann war es da und meine würdevolle Oma schenkte Kaffee aus.


Opa und mein Vater streiten wieder. Das ist meistens sehr laut. Meistens geht es um Arbeit, Garten, Politik, alles Dinge von denen ich nichts verstehe. Die Zeiten werden kommen, denke ich, an denen ich mich auch über solche Themen wie Arbeit, Garten und Politik streiten werde, aber vorerst ist das Zeitalter aktuell, in dem ich mittels kleiner Stücke Apfelkuchen ein Glück in mir herzustellen vermag, welches die Umwelt ausblendet. Ich sitze am Tisch, man gibt mir meinen Apfelkuchen, der zerbricht, wenn man ihn anrührt, ich bin glücklich. Das Glück hier an diesem Tisch, mit diesem Stück Kuchen, hier bei Oma und Opa ist so eindeutig, dass ich alles um mich vergessen kann.


Nachdem der Kaffeetisch abgeräumt ist, trinken mein Opa, Onkel Werner, Onkel Walter, Onkel Bernhard und Onkel Hartmut Bier und werden wieder laut. Sie spielen Karten, Doppelkopf. Meine Oma bringt eilig Bierflaschen an den Tisch, um sich dann wieder an einen anderen Tisch im großen Wohnzimmer zu setzen, an dem die leiseren Frauen ihren Platz eingenommen haben, die Wein trinken und so tun, als hätten sie Geheimnisse vor den Männern. Sie tuscheln und gucken mysteriös durchs Wohnzimmer. Ab und zu kichert meine Mutter oder eine der Tanten, aber schnell halten sie dabei die Hand vor den Mund. Dabei wirken sie wie unbeholfene Schulmädchen. Der einzigen Frau, der es noch gelingt, Würde aufrecht zu erhalten, ist in der Tat meine Oma, die manchmal resolut aufspringt, in den Voratsraum huscht, als wäre sie ein flinkes Mäuschen, dort Bierflaschen aportiert, als wäre sie eine befehlsdevote Hündin und diese mittels eines geflochtenen Korbes an den Tisch der kartenspielenden, lauten Männer bringt, um leere Flaschen gegen volle einzutauschen. Für die Männer passiert das, was meine Oma da macht nebenbei.


Dabei spielen sie Doppelkopf, ein Spiel, das ich nie verstehen werde, glaube ich und ich höre sie "Re", "Contra", "Fuchs" und "Dulle" durcheinanderbrüllen und sehe sie, die diese Rufe mit männlichen Gesten zementieren.


Danach rufen alle meinen kleinen Bruder. Mike, Mike, Mike!!! Der wird eigentlich auch jeden Sonntag gerufen. Mike! Mike! Mike! In der Schule meinte eine Klassenkamerad von mir letztens mein Bruder sei behindert und ob meine Mutter auch gesunde Kinder hätte. Wir rufen wieder. Mike. Mike Mike!!! Ich hab dem Klassenkameraden gezeigt, was es bedeutet, Dreck zu fressen. Mein Bruder ist nicht behindert, sondern nur etwas langsam und leicht verbogen und er schielt, sogar auf beiden Augen, und häufig ist er sehr unachtsam mit den Dingen, die er berührt. Auch spricht er nicht unbedingt sehr deutlich, eigentlich kaum und alles, was er mitzuteilen hat, schreit er. Wir suchen ihn und rufen ihn. Mike, Mike, Mike. Keine Antwort, kein Mike. Das ist kein gutes Zeichen. Meistens, wenn er nicht antwortet, blutet er, hat irgendwelche Fremdkörper im Leib stecken und es folgen meist Arztbesuch und Ärger. Dann kommt er doch. Er saß auf dem Trittbrett von Omas guter Singer-Nähmaschine im Nebenraum und studierte die Mechanik eben jener. Was wohl mal aus ihm werden wird?


Etwas später kommen noch sogenannte Kameraden von Opa und der hört dann mit dem Kartenspielen auf und wechselt vom Biertrinken zum Wacholdertrinken. Die Kameraden tun das auch, Wacholdertrinken und so sitzen sie rum und trinken den Wacholder und werden auch wieder laut, während ich mir vorstelle, dass unter diesem Tisch eine Tiefgarage ist, in der ich meinen Jeep geparkt habe, weil ich eine afrikanische Giraffe zum Zoo begleiten soll. Die Kameraden aber erzählen so laut vom Krieg, dass ich mich nicht auf die Plastikgiraffe konzentrieren kann und stattdessen von den Erzählungen oberhalb der Tischplatte maßlos fasziniert bin, die in ehrwürdiger Kameradentreue von blutigen Schlachten erzählen. Irgendwann, aber noch nicht jetzt, werde ich es ihnen danken können, denn sie haben dadurch aus mir einen Pazifisten gemacht.


Bevor wir nach Hause fahren wollen, suchen wir wieder alle meinen Bruder Mike und rufen ihn erneut. Er ist nicht da. Er antwortet nicht, die Panik und Angst wächst, die Suche wird hektischer. Mike! Mike! Mike!!! Nichts. Draußen ist Licht im Schuppen. Es ist der Schuppen mit dem Holz. Der Schuppen mit dem Holz, der Axt und der Kreissäge.


Mein Vater betritt den Schuppen als erster und als er herauskommt hat er Mike auf dem Arm. Mike wimmert, winselt wie ein krankes Tier. Ich kann nicht sehen, was ihm fehlt, aber als ich auch einen Blick in den Schuppen werfe, sehe ich, dass es seine Hand sein muß, denn die liegt da noch. Mein Vater gibt den Mike auf die Rücksitz. Irgendjemand hebt die Hand von Mike auf, die kleine Hand und wickelt sie in ein Trockentuch ein. Mein Vater wirft die Hand auf den Beifahrersitz und braust los. Viele Tanten schnattern ein vielstimmiges "ogodogodogodogod" durch den laue Sommernacht und einer von Opas Kameraden kotzt, wo er steht und meint, sowas hätte er im Krieg nicht gesehen. Oma kam zu mir, in ihrer gutriechenden, würdevollen Schürze und umarmte mich, ich, der da stand, die Augen auf eine Kreissäge gerichtet, die meinen Bruder angegriffen hatte. Ich hasste das Gerät und Opa geht hin zu der Säge und sieht den Stecker raus. Er schüttelt nur mit dem Kopf und steht mit beiden Füßen im Blut meines Bruders, das er beim weiteren ziellosen Herumirren durch den Schuppen in alle Ecken verteilt. Zäh klebt er an ihm, der rote Saft, haftet sich wie eine nicht loszuwerdende Schuld an seine Schuhsohlen und markiert seinen kleinen, verzweifelten Aktionsradius.


Ich hab dann da in der Nacht geschlafen, zwischen Oma und Opa in der schönen blauweißkarierten Bettwäsche und mit der Bombenwärmflasche am Fuß. Die explodiert nich mehr aber ich hab mir vorgestellt wie Bomben explodieren. Opa hat immer davon erzählt, wie Bomben explodieren. Oma hat Bomben gebaut im Krieg. Früher. Auch sie hat viel davon erzählt. Ich kann fast die ganze Nacht nicht schlafen, weil ich an meinen Bruder denke und an Bomben. Irgendwann bin ich aber doch erschöpft und ich höre wie mein Opa schnarcht, als wolle er sich damit entschuldigen. Dieses Altmännernasengeräusch kommt aus ihm raus, wie altes Brackwasser aus dem Putzeimer meiner Mutter, das sie in die Toilette gießt, nachdem sie die Toilettenschüssel glänzend weiß geputzt hat.

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15.02.2011

Frank und der Dreck

Zum ersten Mal kommen Frank Fragen in den Kopf: Macht es wirklich Sinn in einer Welt herumzureisen, die zu über 90 % aus Dreck besteht? Wer hat die Welt so gemacht und warum kümmert sich keiner darum, sie mal aufzuräumen? Dieser Ort hier sieht aus, als wäre Gott prokrastinationsgeschädigt und würde sich hier, am Hauptbedarfspunkt seiner Wirksamkeit, einfach nicht mehr blicken lassen wollen.


Frank war verwirrt und er hatte Durst, nirgends gibt es Wasser, was er für trinkbar erachtete, also versuchte er einfach so einzuschlafen. Draußen hörte er Ziegen brüllen, eine Frau schrie, als ob sie unlängst vergewaltigt worden oder auf offener Straße Außerirdischen begegnet wäre. Die Sprache hier machte Frank nervös. Essen kaufte er, in dem er auf Dinge deutete, die Typen auf kleinen Blechschalen am Straßenrand vor sich hin grillten. Aber Frank hatte jetzt seit zwei Tagen nichts gegessen, denn als er vor einigen Tagen etwas aß, was aussah wie ein überfahrenes, frittiertes Eichhörnchen, seitdem war ihm übel und ab und an entfuhr ihm blutiger Durchfall. Ohgodohgodohgod, dachte er dann und legte sich in irgendeine feuchte Ecke und wartete auf irgendeine Erkenntnis oder Rettung oder Heilung oder Liebe oder sonst was. Aber nix kam, nie kam was weil: hier war nix. Absolut gar nichts, außer dem Dreck, der alles, was hätte sein können überlagerte.


Er wollte doch was lernen über die Menschen und jetzt saß er hier in irgendeinem pakistanischen Kaff und sah sich die Leute an, die alle krank aussahen, so richtig gefährlich krank, dass man sie nicht anfassen mochte. Es stank nach Pisse, Kotze und dem, was Leute fallen ließen. Und nach fallengelassenen Leuten. Frank fühlte sich krank und lag auf dem Bett des beschissensten Hotelzimmers der Welt und war verwirrt von dem, was dieses Hotelzimmer ausmachte. Dunkel, feucht, muffig. Es roch ähnlich wie innerhalb des Kühlschranks in seiner alten Studenten-WG damals, den er und seine Mitbewohner aufgrund des Erwerbs eines neuen Kühlschranks vom Stromnetz nahmen und vergaßen, die Nahrung herauszunehmen. Nach zwei Monaten haben sie dann die Tür geöffnet und das was da raus kam, war vergleichbar mit dem Gestank, der hier überall war.


Frank war Schriftsteller und auf der Suche nach neuer geistiger Beweglichkeit. Die hat er hier irgendwo vermutet, hier in Indien oder Pakistan, irgendeine Art von Spiritualität, irgendwo mußte doch das stecken, was die Welt zusammenhielt, vielleicht unter diesem ganzen Dreck. Frank hatte schon ein paar Tage gesucht, aber noch nichts gefunden außer Verwirrung, Krankheit, Lautstärke und Nutten. Gestern hat er mit einer Prostituierten geschlafen, weil er dachte, vielleicht würde sich nach schnellem Bezahlkoitus mit einem dieser kaputten Menschen irgendeine neue Erkenntnis einstellen. Aber da kam nichts, außer ein sich schnell ausbreitender roter Pockenbefall, der nässte und juckte. Ob es hier wohl einen Urologen gab? Und wie der wohl zu finden war? Nach dem Geschlechtsverkehr mit der übelriechenden, schmutzigen, dürren Fremden fühlte er sich schlecht, denn er wußte ja, dass er hier als weißer Europäer in einer Machtposition war, die klar machte, wer hier fickte und wer gefickt wurde. Zu wissen, was richtig ist und dann das Falsche tun, das ist wirklich verwerflich, wußte Frank und er schämte sich seiner Diskrepanz zwischen Wissen und Verhalten.


In einer Ecke stand sein Koffer, ein großes Ding, darin Hemden, Socken, Duschgel, Hosen und Unterwäsche. Der Koffer war sehr stabil. Frank war schon viel mit ihm gereist. China, Amerika, Sachsen-Anhalt, Australien. Und jetzt war er eben hier. Ein pakistanisches Kaff, das nach Resten von Leben roch. Und er dachte damals, Sachsen-Anhalt wäre schlimm.


Wenn Frank aus einem kleinen Loch, das sie hier Fenster nannten, aber wirklich nur ein Loch war, auf die Straße guckte, sah er Leute, die so klein, dünn und krumm sind, dass man meint, sie würden in ihrer winzigen, krummen Dünnheit kaum mehr einen Schritt gehen können, weil kaum noch Leben in ihnen ist. Und alle stanken aus ihren Gesichtern. Besonders der Typ, der ihm hier das Zimmer vermietet hatte, roch uncharmant nach Unkenntnis von Klopapierbenutzung und Ermangelung an Duschgel. Frank sah sich die Straße an. Die war aufgerissen und es machte den Eindruck, als wäre unlängst ein Krieg passiert und die Stadt würde sich gerade ein wenig davon erholen wollen. Die Straße sah aus wie eine offene Wunde, die unheilbar bakteriell verseucht war. Alles, was sie hier besitzen ist Ruin.


Bei seinen Spaziergängen hat Frank Häuser gesehen, denen Wände, Decken oder beides fehlte, manche waren einfach nur ein Pappkarton oder eine Folie. Nackte Babies und alte Menschen lagen auf der Straße. Ratten fickten überall. Und der Dreck, der hier überall lag, der war so kollosal und allgegenwärtig. Es war nicht diese Staubschicht, über die sich Frank zuhause aufgeregt hätte, wenn Olga, seine fleischige und fleissige polnische Reinigungskraft mal wieder vergessen hatte, mit so einem Staubhaftungstuch über seinen Schreibtisch zu wedeln, nein, dieser Dreck hier hatte eine ganz andere Qualität, er war ein eigenes Lebewesen, dass aus Essensresten und Exkrementen (was ja teilweise hier identisch war), Ratten, Restmenschen, Rost und Schimmel bestand.


Frank fragte sich, was die Menschen, die hier lebten eigentlich am Leben hielt, Hygiene, Freizeitmöglichkeiten und kulinarische Qualität konnten es kaum sein, also mußte es irgendwas anderes geben, dachte er und hielt genau dieses Wissen für das Geheimnis, welches er herausfinden mochte. Dahinter konnte sich doch nur sowas wie der Sinn des Lebens versteckt halten. Große Gedanken werden machmal auch ganz unten gedacht, wußte Frank. Unter diesem Dreck, irgendwo in diesem schmutzigen Menschengewühl mußte doch das sein, was er suchte. Er schloss die Augen und fiel in einen unruhigen Schlaf.


Da war so ein kleines Geräusch irgendwo, das ihn kurz wach machte. An seiner Tür, die eigentlich keine Tür war, sondern eher ein Vorhang ging jemand schnell vorbei. Frank blinzelte in die Dunkelheit, dann hörte er Atemzüge, die direkt neben ihm waren und dann fühlte er, wie sich ein rostiges Messer in seine Eingeweide bohrte. Er war auch ein bißchen froh, dass ihn endlich jemand von dieser dreckigen Welt entfernte ...

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