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09.02.2011

Kuchenkind

Da meine Tochter sehr gerne Kuchen ist, mache ich einen kleinen Umweg an der Bäckerei vorbei, um dort Donauwellen zu kaufen. Mirko, der auf dem Beifahrersitz neben mir sitzt und mit einem Kugelschreiber winzige Löcher in die Armaturen piekst, ist darüber nicht sehr glücklich, denn er hat es sehr eilig; er will umgehend in den Puff. „Du hast jetzt zwölf Jahre gewartet, da machen diese fünf Minuten auch keinen Hehl aus der Sache, schieb dir mal nicht so ein Auto!“, sage ich ihm und mir fällt ist sofort klar, dass der Satz nicht wirklich Sinn macht. Er ist mir so rausgerutscht, denn ehrlich gesagt bin ich ziemlich nervös. Eigentlich wollte ich Worte wie Hehl und Autoschieberei tunlichst vermeiden, immerhin ist Mirko nicht zuletzt deswegen im Gefängnis gelandet. Immerhin habe ich kein Wort über das Töten von Menschen verloren. „Du wirst bestimmt einen Mordsspaß im Puff haben, die fünf Minuten bringen dich nicht um“, sage ich. Mist. Die Frequenz, mit der Mirko Löcher piekst, wird höher, aber ich will mich nicht darüber beschweren, denn schließlich hab ich den Wagen damals zu einem wirklich guten Kurs bekommen.
Es war mir klar, dass Mirko mich bitten würde, ihn aus dem Gefängnis abzuholen, schon seit dem Tag, als er damals eingebuchtet wurde, und wirklich darüber gefreut hatte ich mich nie. Wenigstens riecht er nicht so streng, wie ich mir das all die Jahre vorgestellt hatte. Ich dachte, wenn jemand aus dem Knast kommt, dann stinkt der nach Metallgitter und Knackisamen. Anscheinend hat er vor dem Verlassen noch geduscht, ich meine nämlich, einen Hauch Duschgel in der Luft zu erahnen.
Dass Mirko meine Tochter und ihre Vorliebe für Küchen scheissegal ist, kann ich verstehen, schließlich ist sie erst acht und Mirko hatte noch nicht das Vergnügen, sie kennen zu lernen. Wenn man die kleine Mindy aber erst mal kennt, dann fährt man jeden Umweg für sie. Es ist zum Beispiel Routine, dass ich sie und ihre Schultasche mit den Hasen drauf jeden Morgen zur Schule bringe und sie mittags wieder abhole, auch wenn die Grundschule gerade mal eben kurz die Straße runter ist. Noch vorher trage ich sie immer aus dem Bett und setzte sie an den Küchentisch, wo ich ihr den Morgenkaffee in ihrem Lieblings- Arielle-Becher serviere. Wenn Resi mal anruft, dann kritisiert sie das meistens, aber Mindy liebt es und da wir jetzt einmal damit angefangen haben, machen wir auch damit weiter. Kinder brauchen Struktur, eine klare Linie und das zieh ich durch, wofür ich mich selbst oft lobe. Aber egal welche Worte ich dafür wähle, ich treffe nie das, was ich wirklich empfinde.
Endlich sind wir an der Bäckerei angekommen und ich gehe auf einen Sprung rein. Für den Fall, dass Mirko auch etwas möchte, bestelle ich drei Stücke Donauwelle und eine Laugenbrezel, die ich wegwerfen werde. Seit dem Ende mit Resi werfe ich immer eine Laugenbrezel weg, nur um der Welt zu zeigen, dass ich mit Bayern abgeschlossen habe. Da ich sonst immer nur zwei Stücke Kuchen oder Torte kaufe, schaut mich die Bäckersfrau sehr strafend an. Sie ist ein bisschen wie Mindy, auch sie braucht ihre Routine. Dass ich hier etwas mehr haben will als sonst, passt ihr nicht in den Kram.
„Mirko ist aus dem Knast, vielleicht will der auch ein Stück“, sage ich ihr leise und deute durch die Fensterscheibe auf mein Auto, woraufhin sie sich beruhigt und mir einen kostenlosen Berliner in meine Tüte steckt. „Für Mirko“, sagt sie, aber mir ist direkt klar, dass ich diesen Berliner nicht an Mirko weitergeben werde. Wieso muss man immer erst ins Gefängnis kommen um gut behandelt zu werden? Ich hole
immerhin Mirko gerade ab und sagt da jemand danke? Nein. Ich verlasse die Bäckerei und schlage die Tür hart zu, damit die Frau mal merkt, was ich von ihr halte, nämlich gar nicht mal so viel. Den Weg rüber auf die andere Straßenseite zum Auto laufe ich seitwärts, damit weder Mirko noch Bäckerin sehen können, wie ich den Berliner aus der Tüte nehme und ihn mir in die Hosentasche stecke.
Wieder im Auto nickt mir Mirko grimmig zu. Seine Punkte auf der Armatur sind in der Form eines Anarchie-A’s angeordnet, jetzt piekst er einen Kreis drum herum. „Vielleicht hättest du damals ein Kunststudium anfangen sollen“, sage ich und meine damit, eine Ausbildung zum Maler, weil er ja gerade mal die dritte Klasse mit Ach und Krach geschafft hat. Dann schweigen wird bis wir an Susis Schenkelspreize ankommen. Mit einem fragenden Blick reicht mir Mirko einen Zettel auf dem er fragt, ob ich mitkomme.
Ich kenne den Puff. Du gehst rein, gehst raus, dir fehlt Geld, Sperma und du musst zum Hautarzt. „Ne, ist nicht so meins“, sage ich und Mirko nickt. Dann schreibt er etwas Neues auf den Zettel: „In einer Stunde holst du mich ab. Sonst ficke ich dich tot“. Scheinbar ist Mirko im Knast zu einem wirklich harten Hund geworden. Mit dieser Aussage jedenfalls hat er seinen Anspruch auf ein Stück Donauwelle verwirkt. Nachdem er ausgestiegen ist, werfe ich ihm die Brezel hinterher, dann fahre ich nach Hause. Bis Mindy Schulfrei hat, sind noch drei Stunden Zeit. Ich verfrachte die Donauwellen der Frische wegen im Kühlschrank und öffne das Gefrierfach, wo in einer Tüte noch immer die Zunge von Mirko liegt. Ich frage mich, wo der Junge schreiben gelernt hat, dann setze ich mich auf den Sessel im Wohnzimmer und hole den Berliner aus meiner Tasche. Er ist ein wenig eingedrückt und aus dem Rand läuft etwas von der Erdbeermarmelade, der Zuckerguss macht meine Hände klebrig. „Wer fickt hier wen tot?“, frage ich ihn laut, als ich meinen Penis in ihm versenke. Es ist eine rhetorische Frage, also erwarte ich keine Antwort. Während der kleine Berliner keucht, bleibe ich ziemlich ruhig und brauche etwa zwanzig Minuten, bis er neu gefüllt wird.Dann lege ich ihn in eine Plastiktüte und reinige mich im Bad.
Theoretisch ist jetzt noch Zeit, Mirko abzuholen. Kurz denke ich darüber nach, es zu tun, löse dann aber lieber ein Sudoku und beklebe dann ich meine Haustür und die Fenster mit einer Fototapete, die aussieht, wie eine massive Steinwand. Sollte Mirko vorbeikommen, dann wird er keinen Eingang finden. Als ich gerade damit fertig bin, höre ich den Berliner brüllen, dass er schwanger ist. Ein grinsen erfüllt mein Gesicht. Mindy wird sich über das süße Geschwisterchen freuen.

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25.10.2010

Säugetiere wärmen sich gegenseitig

Ich bin ganz normal und habe keine Probleme, denn ich verstehe alles, was um mich herum passiert. Straßenlaternen zum Beispiel. Es sind große Masten aus Metall, die über lange Strecken aufgereiht sind und unterirdisch mit Strom versorgt werden. Oben in ihnen befindet sich eine Glühbirne, die Zeitweise leuchtet, denn sie haben innen drin eine Zeitschaltuhr. Sie werden aufgestellt, damit wir Menschen nachts einen Parkplatz finden und die Prostituierten keine Angst im Dunkeln haben müssen. Das verstehe ich alles, das ist sehr gut, das ist praktisch. Alles ist logisch, aufgereiht und sinnvoll, so essen wir Dinge, um sie zu verdauen um Energie zu haben um Dinge zu tun, damit wir wieder Dinge kaufen können, um sie zu essen. Nervös macht mich nur die Schimpansenfrau. Ich wohne hier in dieser Straße mit den vierzehn Straßenlaternen seit sechs Monaten, das ist ein halbes Jahr immerhin, und komme auch gut mit den Nachbarn aus. Zum Beispiel mit der Familie Walter, bei der es sich um die Familie handelt, die in dem Haus lebt, welches das erste Haus ist, welches ich passiere, wenn ich mein Haus durch die Vordertür verlasse und nach rechts laufe. Familie Walter ist eine gute Familie, sie machen Grillfeste für die Nachbarschaft, brachten mir Brot und Salz als ich einzog und alle Familienmitglieder haben dieselbe Augenfarbe. Es gibt zwei Söhne, Marc und Sven, die ich „die Burschen“ nenne und sie spielen Fußball im Garten und fragen höflich, wenn der Ball in meinem Garten landet. Es mag viele Gründe geben, immer ein scharfes Messer neben der Haustür liegen zu haben, aber die Jungs sind keiner davon. Sie sind nett, ihre durchtrainierten Waden glitzern im Sonnenlicht und aus ihnen wird etwas werden. Aber verlasse ich mein Haus und gehe ich noch weiter nach rechts, dann ist dort das Haus der Schimpansenfrau. Sie wohnte hier angeblich schon vor der Wende und auch damals schon mit ihren zwölf Schimpansen zusammen und sie macht mich nervös, so nervös, dass mein rechtes Auge anfängt zu zucken, sobald über sie nachdenke. Fest steht, dass ich niemals in das Haus direkt neben ihrem Haus gezogen wäre und fest steht auch, dass Familie Walter allein deshalb schon einen Platz in meinem Herzen hat, weil ihr Haus einen antischimpansischen Schutzwall zwischen dem Haus der Schimpansenfrau und meinem Haus darstellt. Folglich ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass ich, als mich die Familie Walter fragte, ob ich mich, während ihres Urlaubs, um ihre Pflanzen kümmern könnte, bejahte. Zu meiner Zuneigung kam noch die Angst, die ich davor hatte, dass Familie Walter eventuell wegzöge, wenn sie aus dem Urlaub nach Hause kämen und die Blumen wären vertrocknet. Der Verlust von Blumen kann eine sehr schmerzvolle Erfahrung sein und sich untrennbar an den Ort des Erlebens haften. Ich selbst habe es einst mit einer Tulpe erlebt, deren versterben meinen letzten Umzug veranlasste. So also betrat ich in den letzten drei Tagen, also seit der Abreise der Familie Walter, täglich um zehn Uhr das Haus und kümmerte mich für mehrere Stunden um die Blumen, goss sie, sprach mit ihnen und wischte ihnen den Staub von den Blättern. Was ich allerdings nicht verhindern konnte, waren die Blicke, die ich aus des Hauses Fenster in Richtung der Fenster des Hauses der Schimpansenfrau fast zwanghaft werfen musste. Und jedes Mal erblickte ich entweder die Schimpansenfrau in Persona oder mindestens einen ihrer Affen. Ich hielt die Blicke so lange aus, bis mein linkes Auge zu sehr rebellierte und ich mich, vor einem epileptischen Schock rettend, einfach auf den Boden setzte, bis Farbe in mein Gesicht zurückgekehrt war. Ich sah die Schimpansenfrau, wie sie einen kleinen Affen mit einer Flasche fütterte, sah sie, wie sie einem größeren Schimpansen den Rücken kraulte, sah sie, wie sie mit ihnen redete. Sie nennt die Schimpansen „ihre Kinder“ und das Fernsehen war schon öfters bei ihr.

Und wie an den drei vorausgegangen Tagen sitze ich auch jetzt vor dem Fenster auf dem Boden und versuche mich zu beruhigen. Ich versuche an Dinge zu denken, die ich verstehe, an Straßenlaternen, an die Familie Walter, die in einem Auto sitzt und der Sonne im Süden entgegenfährt und an die Temperatur von Grillkohle, wenn sie glüht. Wie kann eine Frau mit Schimpansen zusammenwohnen? Warum wird man zu einer gottverdammten Schimpansenfrau? Ich suche Rat in der Logik, stelle Prämissen auf, versuche Konklusionen, doch alles, was ich mir zurecht denke ist schwach und funktioniert nicht. Es gibt keine logischen Voraussetzungen, aus denen folgt, dass man mit zwölf Schimpansen zusammenwohnt. Zornig stehe ich auf und öffne das Fenster. „Uga uga!“, brülle ich in Richtung des Schimpansenfrauenhauses. Die Schimpansenfrau, deren riesige Brüste so beschaffen sind, dass sie sich die eigenen Ohren damit zuhalten kann, scheint genau das gerade zu tun, denn sie reagiert nicht auf meine Rufe. Ich sammle also Energie um kräftiger zu schreien, setze wieder an, dieses Mal lauter: „Uga, Uga!!“ Erneut keine Reaktion von ihr, nur mein Auge, das zuckt. Vom Fenster aus erreiche ich den Blitzableiter, der außen am Haus angebracht ist und klettere an diesem herunter. Dann laufe ich so tief geduckt durch den Garten der Walters bis zur Straße, dass meine Hände über den Boden schleifen. Uga, denke ich, als ich vor der Schimpansenfraus Haustür stehe und die Klingel betätige. Keine Sekunde später öffnet mir ein Schimpanse die Tür. Er schaut mich an und kratzt sich den Kopf, dann bittet er mich mit einer freundlichen Geste herein und deutet mit seiner Pfote in Richtung des Wohnzimmers, wo ich Platz nehme. Drei der Menschenaffen sitzen dort gesittet an einem Tisch und Trinken eine dampfende Flüssigkeit aus Porzellantassen. „Ihr verdammte Affenbande“, murmle ich und will gerade das  Haus wieder verlassen, als einer der Schimpansen am Tisch mich zu sich winkt. Weil bereits ein sehr großer Affe hinter mir steht und den Rückweg versperrt, gehorche ich laufe auf ihn zu. „Uga!“, sage ich, und dann nochmal „uga“. Als ich vier Schritte gelaufen bin, springt aus einem Schrank die Schimpansenfrau, nur mit einem stählernen Keuschheitsgürtel und einem fliederfarbenen Latex-BH bekleidet. Sie ist aus der Nähe um einiges hässlicher als aus der Ferne, denke ich, und dass ich sie wirklich hasse. Sie indes pfeift einmal sehr laut, wobei sie ihre Finger zur Hilfe nimmt, und verschafft sich dadurch die Aufmerksamkeit ihrer Mitbewohner, welche sie nutzt, um ihnen zu befehlen, sich in den Keller zu verpissen. Die Affen gehorchen und verschwinden demütig gebeugt. Als Stille ist, legt die Schimpansenfrau eine Schallplatte von Rio Reiser auf ein antikes Grammophon und beginnt im Takt von Junimond auf mich zu zu schunkeln. „Du kleiner Affenmensch, es ist schön, dass du dich endlich hierher verirrt hast!“, säuselt sie. Mir wird schlecht und ich sehe merkwürdige Farben. „Hast du den Schlüssel im Haus der Walters gefunden und bringst ihn mir?“, fragt sie und deutet auf ihren Gürtel aus Stahl. Alles bleibt Still und kein Sturm kommt auf, wenn ich dich sehe, krawehlt Rio, als ich ihre Frage verneine. Dann schickt sie mich zu den anderen in den Keller, ich gehorche. Seit Stunden passiert nichts. Andere Schimpansen kraulen mir die Haare und beruhigen mich mit ihren Lauten. Dieser Keller ist nicht schlechter als andere Keller. Es ist Stroh ausgelegt, der zum Schlafen einlädt und Säugetiere wärmen sich gegenseitig. Endlich ist wieder alles so, wie es damals war, bevor die ganze Sache anfing, kompliziert zu werden, vor der Kahlrasur und der Krabbelgruppe. Zeit, die Sprache wieder zu verlernen.

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