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Kurzdrama

Ein sonniger Vormittag auf dem Vorplatz der Hauptpost. Einige Tauben laufen gurrend umher, ein milder Wind weht, ein offensichtlich heroinabhängiger Mann versucht etwas Kleingeld zu erbetteln und ringt so den Passanten ein Schmunzeln ab, während sie versuchen, ihn zu ignorieren.

Jürgen und Wolfgang, zwei alte Freunde, treffen sich.


Jürgen: Wolfgang!


Wolfgang: Jürgen!


Jürgen: Wie geht’s denn?


Wolfgang: Gestern ging’s noch.


(beide lachen abstoßend hysterisch)


Wolfgang: Und selbst?


Jürgen: Muss.


Wolfgang: (deutet auf Pappröhre unter Jürgens Arm) Ist das denn?


Jürgen: Rohr. Gladbach-Poster. Bei Ebay verkauft. (deutet auf Pappröhre unter Wolfgangs Arm) Und du?


Wolfgang: Auch Rohr für Ebay. Onkelz-Fahne.


Jürgen: Teuer, ne? Porto und so.


Wolfgang: Nö, vier Euro. Geht als Päckchen.


Jürgen: Bei mir nicht mehr. (stolz) Sperrgut.


Wolfgang: Wie lang ist das denn?


Jürgen: 130 cm!


Wolfgang: Hm... Meins doch auch.


Jürgen: (lächelt milde) Glaub’ nicht.


Wolfgang: (blickt sich scheu um) Zeig’ mal.


(Jürgen und Wolfgang stellen ihre Pappröhren nebeneinander. Jürgens Rolle ist ungleich länger)


Wolfgang: Verflixt!


Jürgen: Na ja, darauf kommt’s ja nicht an.

Wolfgang: (völlig überzogen) Nee, klar. Weiß ich doch.


Jürgen: (klopft Wolfgang freundschaftlich auf die Schulter) Ich muss dann mal. Sperrgut abschicken. Päckchen sind Schalter 12.


(Wolfgang nickt und zwingt sich zu einem Lächeln, Jürgen verschwindet in der Postfiliale)


Wolfgang: Scheiß Ebay!


(Wolfgang wirft seine Pappröhre quer über die Straße und trifft eine junge Frau hart am Kopf. Sie stirbt zwei Wochen später an einer Gehirnblutung)

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Gangster

„Was geht, Alter“, fragte Dominik Kevin, der ihn mit Handschlag begrüßte und ihn das erste Mal seit zwei Wochen wieder umarmte.

„Alles klar, Bruder. Bei dir?“

Dominik nickte und spuckte wie beiläufig auf den Bürgersteig.

„Geht wieder, Mann.“

Kevin lächelte schief und zündete sich eine Zigarette an.

„Ey, musste ich mir alles neu kaufen“, sagte er dann und zeigte an sich herunter.

„Fett scheiße, Mann. Ich auch. Guck mal, die Schuhe.“

Kevin sah an Dominik herunter und nickte anerkennend als er das G-Star Logo auf der Kleidung erkannte.

„Fette Gear, Dicker. Sneaker auch neu?“

„Auf jeden, Mann. War doch alles weg, ey. Hat der bestimmt schon E-bay gemacht, Alter.“

„Scheiß drauf. Und jetzt? In die Stadt, bisschen chillen?“

„Ja, lass vorher zu Hasan, bisschen Weed kaufen.“

„Hast Kohle?“

„Ja, Mann“, antwortete Dominik. „Hab von mein Bruder was gekriegt.“

„Einfach so?“

„Klar.“

„Korrekt, Mann.“

„Der geht arbeiten, da krieg ich dann manchmal was.“

„Was macht der denn?“

„Irgendwas mit Nachtschicht. Kriegt der derb bezahlt, so die Nacht abhängen mit Kollegen so.“

„Ganze Nacht?“

„Ja, Mann. Voll asi, aber der spielt da nur Karten und so.“

„Fett. Will ich auch bezahlt kriegen. Poker und so.“

„Musst du Poker aber erst mal können.“

„Poker ich vielleicht voll gut, du Spast? Internet.“

„Und gewinnst du da auch?“

„Klar, Mann. Voll oft. Ist aber kein richtiges Geld da.“

„Schwul, Mann. Das ist kein Poker. Pokern macht man um Geld. Echt, du Opfer.“

Kevin stieß Dominik ein Stück von sich weg. Der verzog schmerzverzerrt das Gesicht und begann zu humpeln. Seine G-Unit Mütze fiel ihm dabei auf den Bürgersteig. Sofort stützte Kevin seinen Freund.

„Sorry, Alter. Hab ich voll vergessen, dein Bein.“

„Geht schon“, lachte Dominik gequält und legte sein Basecap zurück auf seinen Kopf.

„Aber ist jetzt nicht die Naht aufgegangen?“, erkundigte sich Kevin.

„Kümmer dich um dich selbst, ey“, sagte Dominik und deutete mit dem Finger auf den faustgroßen Bluterguss im Gesicht seines Freundes.

„Was denn? Hab ich Bock, dass du hier rumblutest, oder was?“

„Verpiss dich, Alter“, lachte Dominik.

Kevin wechselte das Thema.

„Ey, lass erst nach Hasan gehen und dann zu mir. Bisschen rappen. Ich hab jetzt fetten Battle-Text am Start.“

„Echt jetzt? Wann hast den geschrieben?“

„Krankenhaus, Mann. Durfte ja nicht aufstehen.“

„Lass mal hören“, bat Dominik.

Kevin nestelte umständlich ein Stück Papier aus seiner Hosentasche und faltete es auf.

„Okay, Anfang hab ich noch nicht, aber Rest geht so: Und dann fick ich dich in’n Arsch, du gottverdamter Spast, und mir ist es scheißegal, komm ich dafür in den Knast. Weißt du, was du bist, du mieser kleiner Venkster, du bist nur ein Opfer, Mann, und ich ein motherfuckin’ Gangster.“

„Der Rhyme ist echt fett, Mann“, lobte Dominik seinen Freund.

„Ist nur die Hook so. Ist mir echt im Krankenhaus eingefallen.“

„Fett scheiße“, sagte Dominik plötzlich und sah an sich herunter.

Unter seiner Trainingshose zeichnete sich ein immer größer werdender Blutfleck ab.

„Wusst ich doch“, sagte Kevin. „Ist deine Naht aufgegangen.“

„Fuck. Lass später zu Hasan. Ich fahr erst mal zum Arzt.“

„Klar, Mann“, sagte Kevin und stützte seinen Freund. „Scheiß Arschloch von Hooligan, Alter.“

„Ja, Mann. Voll behindert. Läuft der einfach mit ner Luftpumpe Amok so.“

„Echt, Mann. Wenn ich den nächstemal seh, töte ich den. Ich schwör.“

„Ich töte den auch. Hat voll keinen Respekt gehabt.“

„Kein Respekt.“

 

Christoph Strasser veröffentlicht im November 2011 beim Unsichtbar Verlag sein Buch Semesterferien » [mehr infos]

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Klassenfahrt

„Aua, Scheiße!“
„Was ist passiert?“
„Ich hab mir nen Nagel abgebrochen.“
„Und das tut so weh?“
„Natürlich, der ist eingerissen.“
„Blutet es?“
„Ich glaub schon.“
„Ich würd dir ja ein Pflaster holen…“, lächelte Boris.
Karin winkte ab.
„Schon gut, warte.“
Sie verließ den Raum, ging in der Küche ans Fenster und hielt ihren Zeigefinger ins Sonnenlicht.
„Von dem Nagel kann ich mich verabschieden“, rief sie zu ihrem Mann.
„Im Verbandkasten müsste noch so ein Jod-Zeug sein.“
„Bitte?“
„Im Verbandskasten“, rief Boris nun lauter. „Jod. Damit sich das nicht entzündet.“
„M-hm“, machte Karin und ging ins Bad, um sich den halb gebrochenen Fingernagel abzuschneiden.
Wieder in der Küche kramte sie in einem der Schränke nach dem Verbandkasten, konnte ihn aber nicht entdecken.
„Schatz, wo ist der Kasten?“, rief Karin mit der verletzten Fingerkuppe im Mund.
„Im Schrank.“
„Nein, da ist er nicht.“
„Da muss er aber sein.“
„Ist er nicht, Boris. Glaub es mir.“
Boris schwieg einige Sekunden.
„Ach nein“, rief er dann. „Ich hab gestern Abend noch eins von den Biene Maja Pflastern gebraucht für Clarissa. Kann sein, dass der Kasten noch bei ihr im Zimmer liegt.“
„Du hast mir gar nicht gesagt, dass sie sich verletzt hat.“
„Hat sie auch nicht. Sie konnte nur nicht schlafen, weil ein Mückenstich gejuckt hat. Ich hab ihr gesagt, dass er mit einem Pflaster nicht mehr juckt.“
„Bitte?“
„Eine Mücke! Hat sie gestochen.“
„Ach so. Wie süß von dir.“
Karin schob die Schublade zu und ging in das Zimmer ihrer Tochter, die heute Morgen mit ihrer Schulklasse eine einwöchige Klassenfahrt angetreten hatte.
Der Verbandskasten lag noch immer geöffnet auf einer ihrer Spielkisten.
Karin beugte sich hinab und nahm das Fläschchen mit der Tinktur.
„Du kannst den Kasten doch nicht einfach bei ihr im Zimmer stehen lassen“, rief sie ihrem Mann zu, während sie ihre kleine Wunde versorgte.
„Hab’s vergessen. Sorry“, rief der zurück.
„Da ist eine Schere drin, Boris. Wirklich.“
„Tut mir leid, Schatz. Ist ja nichts passiert.“
„Zum Glück“, murmelte Karin und betrachtete ihren Finger, den nun ebenfalls ein buntes Pflaster zierte.
„Wo bleibst du?“, rief ihr Mann.
„Ich komme ja schon“, antwortete Karin und ging zurück ins Schlafzimmer.
Boris hockte noch immer auf allen Vieren auf dem Bett. Im Halbdunkel des Schlafzimmers blitzten die metallenen Fußfesseln auf.
Karin setzte lächelnd ihre Offiziersmütze auf und nahm ihre Reitgerte, an deren griff sie sich vorhin verletzt hatte.
Boris grinste.
„Mein böses Pony kann es ja gar nicht mehr abwarten“, sagte Karin streng und versetzte ihrem Mann einen kräftigen Hieb.

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Düsseldorf

Werner streckte sich und stieg bedächtig aus dem ICE, der gerade im Bahnhof Halt gemacht hatte.
Auf dem Weg in die Bahnhofshalle warf er die Tüte mit den Brötchen in eine Mülltonne. Seine Frau hatte es sicher gut gemeint, aber nach der zweistündigen Fahrt war dieses Teig und Wurst gewordene Hausfrauenidyll für ihn nicht mehr genießbar.
Werner kannte das Hotel, in dem er die Nacht verbringen sollte. Schon einige Male war er in die Stadt gekommen, um angehenden Teamleitern den letzten Schliff zu geben, was die Personalführung anging. Ein stressiger Job, und Werner war nicht immer glücklich, wenn man ihn hierhin schickte, um sich mit Jungakademikern herumzuschlagen.
In der Halle angekommen, wuchtete er seinen Rollkoffer in ein Schließfach. Den Schlüssel ließ er in seine Sakkotasche fallen.
Er verließ das Gebäude durch einen Seiteneingang und zündete sich draußen eine Zigarette an. Es war bereits kurz nach zehn Uhr abends, und auch wenn es bereits dunkel war, herrschte noch reges Treiben auf dem kleinen Vorplatz.
Werner steuerte auf einen Imbiss zu, um sich wie gewohnt mit ein wenig Cola und Burgern einzudecken. Nur eines seiner kleinen Rituale, wenn er in der Stadt war. Als er den Laden wieder verließ, sah Werner einen Jungen, der nicht älter als vierzehn oder fünfzehn Jahre sein konnte, vor einer kleinen Mauer hocken. Der Junge saß im Schneidersitz auf dem Boden und fror offenbar. Werner ging zu ihm herüber.
„Was treibst du noch um die Uhrzeit hier?“, fragte er freundlich.
„Nix. Rumsitzen.“, antwortete der Junge.
„Wo sind denn deine Eltern?“, fragte Werner.
Der Junge zuckte nur mit den Schultern und rieb sich die Finger, unter deren heruntergekauten Nägeln sich schwarzer Schmutz gesammelt hatte, wie Werner erkennen konnte.
„Warum gehst du nicht rein, wenn dir kalt ist?“
„Mir ist nicht kalt. Außerdem will ich nicht von den Bullen wieder raus geschleift werden.“
„Verstehe“, sagte Werner und ging neben dem Jungen in die Hocke.
Er sah, wie der Blick des Kleinen kurz die Papiertüte streifte, auf der sich schon die ersten Fettflecken abzeichneten.
Werner musste lachen.
„Hast du vielleicht Hunger?“
Der Junge schüttelte nur den Kopf.
„Dann halt nicht“, sagte Werner, nahm einen der Burger aus der Tüte, wickelte ihn aus dem Papier und biss ein Stück ab.
„Der ist aber echt lecker“, sagte er dann, so gut sein voller Mund es zuließ.
Der Junge sah ein wenig auf.
„Wenn schon, dann eine davon.“
Er deutete auf die Zigarettenschachtel, die ein wenig aus Werners Hemdtasche ragte.
Werner schluckte den Rest des Burgers herunter.
„Von mir aus, sind ja deine Lungen“, sagte er dann und reichte ihm die Schachtel.
„Eben. Ist meine Lunge“, sagte der Junge und zündete sich eine Zigarette an.
Werner steckte die Schachtel wieder ein.
„Wie alt bist du überhaupt?“, fragte Werner.
„Dreizehn. Alt genug zum Rauchen.“
Werner nickte und nahm sich einen weiteren Burger aus seiner Tüte.
„Frag ich dich, wie alt du bist?“, ergänzte der Kleine.
Werner wickelte seinen zweiten Burger aus.
„Kannst du ruhig. Ich bin fast vierzig Jahre älter als du.“
Dann hielt er ihm die Tüte entgegen.
„Ganz sicher nicht? Da ist nur noch einer…“, sagte er.
Der Junge zog noch einmal kräftig an seiner Zigarette und griff schließlich in die Tüte.
Werner lächelte ihn freundlich an.
„Na bitte. Du musst doch was essen, wenn du schon alleine hier rum sitzt.“
Er warf die leere Tüte vor sich auf den Boden, und der Junge kaute hastig seinen Burger, ohne die Zigarette aus der Hand zu legen. Sekunden später war der Burger verschwunden, und der Junge zog ein letztes Mal an seiner Zigarette.
„Wie heißt du?“, fragte Werner.
„Justin“, antwortete der Junge.
„Okay, Justin. Ich bin der Klaus“, sagte Werner. „Ich geb dir zwanzig.“
„Aber vorher“, sagte Justin.
Werner schüttelte den Kopf.
„Nachher“, sagte er bestimmt.
Werner stand auf, und Justin folgte ihm auf die Toilette.

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