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10.09.2016

Diagnosen

Vielleicht war es schon vorher da. Vielleicht hat es aber auch erst angefangen als ich in die Stadt gezogen bin. Es war einfach schwer dem Angebot zu widerstehen. An jeder Ecke gab es Ärzte und mit jedem von ihnen hatte ich etwas gemeinsam: Wir setzten uns mit den selben Diagnosen auseinander. Sie, weil es ihr Job war. Ich, weil ich sie mir selbst stellte.

Ich wusste dass ich Hypochonder war, aber genauso wusste ich dass mich die Hypochondrie nicht daran hinderte, wirklich krank zu werden. Also nahm ich ernst, was in mir vorging.  Trotz meiner vielen Hilferufe fiel es mir allerdings schwer die Untersuchungen ernst zu nehmen. Wenn ich irgendein Testergebnis mitbekam, das mich für gesund erklärte, hielt ich es schon am nächsten Tag nicht mehr für aussagekräftig. Über Nacht konnte sich schließlich alles ändern. Wenn die Ärzte mich einfach nur abtasteten oder abhorchten, fühlte ich mich kränker als vorher, weil sie mir gezeigt hatten wie viele marode Stellen es doch in mir geben konnte. Doch obwohl ich mich nach keinem Arztbesuch wirklich gesünder fühlte, saß ich doch fast jeden Morgen in einer Praxis. Das Gefühl etwas zu verpassen hatte ich dabei nicht. Vielleicht lernte ich sogar mehr als in den Vorlesungen die ich dafür schwänzte, denn meistens konnte ich in Ruhe lesen bis ich aufgerufen wurde.

Es waren immer andere Patienten in den Wartezimmern, aber eigentlich waren sie alle gleich. Meistens waren es Blaumacher (ich selbst zählte mich natürlich nicht dazu), Rentner, oder Kinder mit und ohne Eltern. Die Zusammensetzung des Wartezimmers überraschte mich selten. Aber an diesem Morgen wunderte mich etwas: Ein Mädchen das ich letzte Woche beim Neurologen gesehen hatte, saß mir jetzt gegenüber. Sie war etwas blass, aber vielleicht lag das auch einfach daran dass sie rothaarig war. Sie wirkte nicht krank, aber sie wirkte auch nicht wie eine Blaumacherin. Es schien als ob sie nicht auf den Arzt warten würde, sondern einfach darauf gewartet hätte, hier zu sitzen. Sie bemerkte anscheinend dass ich sie ansah, denn sie blickte von der Zeitschrift auf und musterte mich einen Moment. Jetzt war klar dass auch sie mich erkannt hatte. Zufall, dachte ich. Erstaunlich dass dir bis jetzt noch niemand anderes zweimal begegnet ist, fiel mir auf, dann vertiefte ich mich wieder in mein Buch.
Als sie ins Sprechzimmer verschwand, sah ich ihr nochmal kurz nach. Später, als ich die Praxis verließ, diesmal ohne Befund, nur mit einer Überweisung zum Kardiologen, hatte ich sie schon wieder vergessen.

Das nächste mal begegneten wir uns als ich von der Ambulanz wieder nach Hause ging. Ich war erleichtert dass sich der Verdacht auf Tuberkulose nicht bestätigt hatte, und hatte keine Eile bei rot über die Ampel zu kommen. Auf der anderen Straßenseite sah ich jemanden aus der Apotheke schlüpfen. Sie trug zwar jetzt eine Mütze, und ihre Strickjacke hatte sie bis zum Hals zugezogen, doch ich erkannte ihre roten Locken, die unter der Mütze hervorschauten, und ihren Gang, der so energisch schien, als würde sie nicht mehr damit rechnen, sich je wieder hinzusetzen. Ich sah dass sie zur Straßenbahn hastete. Jetzt war mir die Ampel egal. Ich eilte der einfahrenden Bahn hinterher, und schaffte es in die letzte Tür zu schlüpfen. Als wir losfuhren war ich erleichtert, dann fragte ich mich was ich hier machte. Ich war so schnell gelaufen dass ich mich setzen musste, aber alle Plätze waren belegt. Es gab nur die Stangen zum festhalten, aber die konnte ich nicht mit bloßen Händen berühren. Spätestens an der nächsten Kurve musste ich mich festhalten, das war klar, sonst würde ich auf irgendeinem Fahrgast und seinen Bazillen landen. Ich drängte mich an die Tür und lehnte mich an. Das Risiko dass sie sich während der Fahrt öffnen könnte, war geringer als das Risiko mir einen Virus einzufangen, überschlug ich. Die Bahn füllte sich an jeder Haltestelle mehr, und ich versuchte das Mädchen im Blick zu behalten. Aber im Gedränge verlor ich sie, und auch meinen Glauben dass ich hier heil heraus kommen würde, verlor ich bald. Ich kramte in meiner Tasche um den Kopf etwas gesenkt halten zu können und nicht direkt die Ausdünstungen der anderen einatmen zu müssen. Nach der nächsten Haltestelle schreckte mich etwas auf. Im Vorbeifahren sah ich dass sie ausgestiegen war und in Richtung Altstadt ging. Ich sank noch weiter zusammen und hielt die Luft an, bis sich die Tür wieder öffnete und ich endlich rausstürmen konnte.

Wenigstens wusste ich was mich die nächsten Tage erwartete. Wenn ich aus irgendeinem Grund in eine enge Menschenansammlung geriet, bedeutete das für mich: Meningitis. Das beunruhigte mich, gleichzeitig dachte ich aber dass ich einfach schnell beim Arzt sein musste wenn die Symptome da waren, und während der Inkubationszeit hatte ich erstmal Ruhe. In den nächsten Tagen wagte ich mich sogar mal wieder in Vorlesungen. Die Gewissheit an Meningitis erkrankt zu sein war so stark dass ich mich jetzt fast frei fühlte. Die Krankheit war weit genug weg um jetzt schon etwas anrichten zu können, aber schon deutlich genug um alle anderen möglichen Diagnosen zu verdrängen. Um keinen anderen anzustecken kauerte ich mich auf den Boden ins letzte Eck und schrieb fleißig mit. Dazwischen fragte ich mich, ob ich meine letzten Tage in Freiheit wirklich auf dem kalten Uniboden verbringen wollte. Das verneinte ich. Nach der Stunde ging ich nach draußen.
Kurz vor der Mensa kamen mir drei Mädchen entgegen. Dazwischen die rothaarige aus dem Wartezimmer. Ich erschrak. Sie bemerkte es, aber das schien sie nicht zu wundern. Irgendwie freute sie sich sogar und kam auf mich zu.
"Hey, ne Weile nicht gesehn." Sie lächelte, aber in ihren Augen sah ich wie fremd ich für sie war.
"Hey." Ich lächelte zurück.
"Geht doch schon mal vor..." sagte sie zu ihren Begleiterinnen. "...ich brauch noch'n Moment."
Die beiden nickten und gingen weiter. Sie drehte sich wieder zu mir.
"Wie war dein Name nochmal?"
Ich sagte es ihr.
"Ok, das war ein Notfall, weißt du. Ich konnte da unmöglich mit." flüsterte sie.
Wir gingen ein paar Meter. Ich öffnete die Glastür, dann waren wir draußen.
"...bist du krank?" fragte ich, als wir an der Straße entlanggingen.
"Ich weiß es nicht." sagte sie.
"Wenn du's nicht weißt, wissen's andere."
"Hat man dir nicht beigebracht dass es egal ist, was andere sagen?"
"Klar, aber wer sich's beibringen lässt hört doch auch auf andere, oder?"
Sie lächelte.
"Ich sag dir was: Ich sterbe."
"Woran denn?"
Sie überlegte.
"Kennst du das, wenn die Zeit und du irgendwie nicht mehr zusammenpassen?"
"Daran stirbt man doch nicht."
"...aber Leben kann man so auch nicht."
"Wie denn dann?"
"Sag's mir." Sie sah mir wieder in die Augen, nicht mehr so fremd wie vorhin, aber auch nicht so vertraut wie ich mir gewünscht hätte. An der Kreuzung verabschiedete sie sich knapp und bog in eine Seitenstraße ab.

Die Meningitis kam nicht. Dafür beunruhigten mich ein paar Tage später meine Lymphknoten. Ich spürte einen Schmerz wenn ich sie fest eindrückte. Ob der Schmerz nur davon kam, weil ich drückte, konnte ich nicht mehr einschätzen. Ich ging zu einem Internisten den ich noch nicht kannte. Das Wartezimmer war fast leer. Die Dame vor mir wurde gerade aufgerufen, als eine neue Patientin hereinkam. Es überraschte mich mehr als ich vermutet hatte, als sich die rothaarige mir gegenüber in den Stuhl sinken ließ. Sie tat, als würde sie mich nicht kennen, was ja streng genommen auch stimmte, aber sie saß nur da, etwas angespannt, ein bisschen mürrisch und sah aus dem Fenster. Ich wollte sie etwas fragen, etwas aus ihr hervorlocken, aber als ich mich aufraffte wurde ich aufgerufen. Es war das erste mal dass ich daran dachte dem Arzt abzusagen weil mir gerade etwas wichtigeres dazwischen gekommen war, doch wie mechanisch stand ich auf und ging ins Besprechungszimmer. Nach der Untersuchung schaute ich, mit der Gewissheit gesunde Lymphknoten zu haben, nochmal ins Wartezimmer. Sie war weg. Zufrieden aber etwas unruhig verließ ich die Praxis.

"Was hat er gesagt?" Die Stimme erwischte mich als ich aus der Haustür trat. Sie saß auf einer der Treppen, lehnte am Geländer und sah zu mir hoch.
"Nichts."
"...dacht ich mir." Sie stand auf. Wir gingen nebeneinander die Treppen herunter und steuerten weiter Richtung U-Bahn.
"Wieso hockst du eigentlich dauernd bei Ärzten?" fragte sie.
"Könnt ich dich genauso fragen."
"...dann tu's halt."
"Wieso hockst du dauernd bei Ärzten?"
"Ich brauch ein Ergebnis." sagte sie leise.
"Welches Ergebnis?"
"Musst du nicht immer auf deine Ergebnisse schauen?"
"Welche meinst du?"
"Naja, in der Schule, in der Uni, im Sport, vor deinen Eltern, vor der Gesellschaft."
"...um zu funktionieren, meinst du?"
"Ja, also ich komm mir vor als würd ich nur funktionieren wenn ich gute Ergebnisse abliefere."
"Was sagt der Arzt dazu?"
"Der liefert mir meine Ergebnisse."
"Seltsamer Kreislauf."
"Meinst du, das ist normal?"
"Denke schon. Solange es dir damit gut geht."
"Ja, ich denke das tut es." Vor uns war die U-Bahn Station. Wir gingen gemeinsam runter, und warteten ein paar Minuten schweigend, bis sie sagte dass sie ganz in der Nähe wohnt.

"Auf was wartest du?" fragte sie, als wir uns auf ihrem Zimmerboden gegenübersaßen.
"Darauf dass es vorbeigehen kann."
"Was soll denn vorbeigehen?"
"Naja, irgendwie denk ich, ich könnte erst anfangen zu leben wenn ich bereit bin, jeden Moment zu sterben."
"Du bist ja theathralisch."
"...eher gehemmt."
"Was hemmt dich denn?"
"...dass ich nicht so lebe wie ich leben will."
"Wundert mich nicht dass du ständig zum Arzt rennst."
Ich sah sie fragend an.
"Naja,  wenn du erst leben kannst wenn du bereit bist zu sterben, dann ist's ja klar was du dir vom Arzt erhoffst: Dein Todesurteil."
"hm"
Schweigen.
"Weißt du, eigentlich will ich mich nur mal von außen sehen."
"Wieso von außen?"
"Weil ich mir dann selbst nicht mehr im Weg bin."
"Dann solltest du mal aus dir raus gehen....Impulsiver sein."
"Ich bin impulsiv."
Sie lächelte. "Wenn's um deine Diagnosen geht, vielleicht."
"...Was ist mit dir? Warum brauchst du immer deine Ergebnisse von anderen?"
"Ich brauche sie nicht....Ich glaube nur an sie."
"Sonst glaubst du an nichts?"
"Willst du hören dass ich an die Liebe glaube?"
"Ich weiß dass du das nicht tust."
"Bist du dir da so sicher wie bei deinen Diagnosen?"
"Ich glaube dass sie dir Angst macht."
"Warum?"
"Weil sie kein Ergebnis ist."
Sie lächelte mir schräg zu. "...und du erklärst mir sicher gleich was sie ist."
"Wie soll ich dir etwas erklären das ich nicht kenne?"
Schweigen.
"Erfinde was." forderte sie mich auf.
"Was?"
"Erfinde, was du dir unter Liebe vorstellst."
Schweigen.
"Schwierig, hm?"
Schweigen.
"Wieso hast du deinen Tod so klar vor Augen, aber nicht deine Liebe?"
"Ich hab sie vor Augen."
"...aber?"
"...ich versteh meine Augen manchmal nicht"
"Was sehen deine Augen wenn du mich ansiehst?" fragte sie.
Ich musste eine Weile nachdenken, bis ich begriff dass sie wirklich meine Augen meinte. Es klang fremd wie sie das aussprach, aber was ich damit sah, war plötzlich ein Teil von mir.
"Ich seh mich von außen."
Schweigen.
"Kalt da draußen, hm?"
"Lass uns rein gehen."
"Es gibt kein drinnen mehr."
"Keine Ergebnisse."
"Keine Diagnosen."
Sie merkte dass ich zu einer Frage ansetzte und hob den Zeigefinger an ihre Lippen. Ich nickte. Sie stand auf und löschte das Licht. Als sie sich wieder setzte, war sie so nah, dass ich ihren Atem auf meiner Haut spürte. Ganz weit drinnen.

Es war fast schon wieder morgen als ich ging. Ein Tag wie jeder andere, mit Ärzten, Ergebnissen und einem Leben das irgendwie an mir vorbeilief. Es war komisch, aber je mehr ich dran dachte, desto klarer wurde mir, dass ich morgen trotzdem noch der gleiche sein konnte. Erst hatte ich Angst, dann musste ich lachen weil ich merkte wie klein doch der Teil ist, den die Diagnosen mir nehmen können.

 

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10.08.2011

Yvonne

Welcher Tag war noch?
Der Typ an meiner Hand nennt einen Straßennamen. Ich kenne die Straße, bei der Stadt bin ich nicht so sicher.
Die Hand des Jungen fühlt sich an wie feuchtes Moos. Er erzählt etwas, doch seine Stimme erzeugt kein Geräusch.
Irgendwann stolpere ich in ein Zimmer, bleibe auf einer Matratze liegen und fühle den Stoff von meiner Haut gleiten.
Ich drehe mich auf den Bauch und fülle die Wasserpfeife, die neben dem Bett steht, mit Dope. Während ich den Topf rauche dringt der Typ von hinten in mich ein.
Er ist zu schnell, verdammt, er ist viel zu schnell.
Ich greife nach der Pfeife, zerbreche sie an der Wand, und zieh dem Typen eine Scherbe über die Brust. Er sackt zusammen. Ich stoße den Penner von mir, und trete ihm ein paarmal fest in die Eier.
Brechreiz überkommt mich. Ich renne aus der Wohnung, kotze ins Treppenhaus und taumle in irgendeine Straße, torkle immer weiter durch betonumwölkte Nacht.
Obwohl ich nackt bin, spüre ich keine Kälte,
ich fühle dass ich renne, doch spüre keine Hast.
Bald sehe ich Bäume.
Leiser Gesang sickert durch die Äste. Kerzenlicht drängt zögernd durch die Dunkelheit. Ein Name wird ausgerufen. Ich kenne den Namen. Er ist alt. Er ist dunkel.
Auf einer Lichtung rammt ein Typ in schwarzer Kutte ein Messer in den Hals einer Ziege. Zwei vermummte Gestalten kauern dahinter und berühren mit der Stirn den Boden.
Ich falle dem Typen mit dem Messer entgegen. Er fängt mich auf, und streicht mit seinen kalten Fingerspitzen über meine Brust. Ich fühle mehrere Hände an meiner Haut ziehen, spüre Fingernägel, schmecke Gestank. Ich stolpere über den zuckenden Kadaver, und greife im Fallen nach dem Messer dass am Boden liegt.
Ich lecke das Blut von der Klinge, streichle währenddessen das noch warme Fell der Ziege. Die Typen in schwarz nähern sich langsam, kriechen auf dem Boden, lüstern grinsend, das Tier und mich begehrend.
Der gierigste von ihnen bekommt das Messer in den Sack. Dann laufe ich weiter und weiter durch baumbeatmeten Nebel.
Irgendwo ist ein Felsen, dahinter das Meer. Auf einem Steg sitzt ein Angler. Er flüstert mir zu, ohne mich anzusehen. Das Schlucken schmerzt. In meiner Speiseröhre steckt ein Haken. Ich schmecke Blut, fühle einen Widerstand mich immer näher an das Wasser ziehen. Ich kämpfe, doch verliere Meter um Meter. Das Wasser umspült meine Knie, der Angler flüstert immer lauter, die Luft in meiner Brust wird knapp. Ich schlage um mich, prügle in die Wellen, doch schmecke nur Salz und Erstickung.
Ich wache auf als der Pfleger meine Hand- und Fußfesseln straffer zieht.

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29.03.2011

Erik

Alle wussten dass Erik ein Junkie war. Trotzdem wollte niemand auf ihn verzichten. In seinen besseren Tagen war Erik Auswahlspieler gewesen. Ich hatte ihn eine ganze Weile nicht gesehen, und war erstaunt als er mich anrief und fragte, ob wir in unserem Team noch Platz für ihn hätten.
"Klar, bist du fit?" fragte ich.
"Für euch Pfeifen reicht's noch." sagte er mit seiner hohen, verwaschenen Stimme, die von Natur aus schon immer ein bisschen ironisch geklungen hatte.
Als er eine halbe Stunde vor Spielbeginn zu unserem Team stieß, sah er erstaunlich frisch aus. Für einen Moment sah ich wieder den Erik, der drei Spieler mit einer Körperdrehung stehenließ, der mit einem Pass die gesamte Abwehr aushebelte, und mehr rannte und kämpfte als jeder andere auf dem Feld.
Ohne ihn war unser Team höchstens durchschnittlich. Gabor mangelte es an Laufbereitschaft. Dogan mangelte es an Teamfähigkeit. Mir mangelte es an Konzentration, und Gerald, unserem Tormann, mangelte es definitiv an Fingerspitzengefühl. Erik mangelte es an nichts auf dem Fußballplatz. Hätte sein Leben auf dem Spielfeld stattgefunden, es wäre ein Spaziergang für ihn gewesen. Aber den Blick auf dieses Spielfeld hatte er schon seit einer Weile aus den Augen verloren, irgendwo zwischen Umkleidekabine und Bahnhofsklo.

Als Erik seinen Pulli auszog, sah ich seine entzündeten Adern, die vergeblich versuchten sich im sehnigen Fleisch seiner Oberarme zu verbergen. Seine Ausgezerrtheit erschreckte mich.
"Bist du sicher dass du spielen kannst?" hakte ich nach.
"Klar, solang's hier keine Dopingkontrollen gibt." grinste er, trabte zum Ball, und hob ihn sich mit der Hacke gefühlvoll über den Kopf.
Im ersten Spiel zeigte Erik was er drauf hatte. Ein paar mal war er zwar leicht ins torkeln geraten, und sein Atem rasselte manchmal etwas seltsam, aber er bereitete zwei Tore vor, und schoss eins selbst. Fast im Alleingang sicherte er uns den 3:1 Sieg.
Nach dem Match saßen wir im Gras, und sahen uns die nächste Partie an. Erik war blasser als vorhin. Ich sah wie sein Puls die verkrampfte Halsschlagader spannte.
"Du hast's echt nicht verlernt, Mann. Kein bisschen." ermutigte ich ihn.
"So was verlernt man doch nicht." keuchte er, und sah schweigend an seinen Armen herab, als ob dort die Überzeugung geschrieben stünde, die ihn selbst würde glauben lassen, was er gesagt hatte.

Kurz vor dem nächsten Spiel verschwand Erik auf der Toilette. Als ich mir irgendwann Sorgen machte, und an der Tür klopfte, kam er mit verklärtem, siegessicherem Blick aus der Kabine.
"Zeigen wir den Bauern was ein Doppelpass ist, Kai." Euphorisch klopfte er mir auf die Schultern und schlenderte breitbeinig voraus in Richtung Spielfeld. Durch die Gesäßtasche seiner weißen Sporthose schimmerte der Ruß des angekokelten Löffels. Die Spritze hatte er vermutlich weggeworfen, aber ich sah, dass sie ihm in jeder Bewegung steckte. Der Junge musste dringend auf Entzug. Ich hielt mich zurück ihm das jetzt zu sagen. Ich hoffte das Spiel würde ihm soviel Kraft geben, dass er es von selbst erkennen würde.
Bis zum Nachmittag hatten wir alle drei Partien gewonnen, und zogen souverän ins Halbfinale ein. Das erste Spiel war wieder eine One-Man-Show von Erik gewesen. Er schlüpfte, und tänzelte leichtfüßig am Gegner vorbei. Vor dem Tor drückte er so entschlossen ab, wie wenige Augenblicke zuvor vor seinen Adern. Erik wirkte aufgedreht und konzentriert, und verteidigte wie irrsinnig den Ball, als ob der ihm beantworten könnte, welche Art von Schuss sein Leben bestimmen sollte.
Im Lauf des dritten Spiels wurde Erik fahrig. Er spielte viele Fehlpässe, und wurde ein paar mal von einem gegnerischen Spieler überlaufen. Es reichte zum Sieg, aber nach dem Spiel kickte er frustriert den Ball auf die Tribüne.
"Habt ihr das gesehen? Der Scheiß Schiri sieht einfach weg wenn der Wichser mich foult."
Ich ahnte dass das vorhin im Klo sein letzter Stoff gewesen war.

Erik hat gelernt nie aufzugeben, vielleicht fiel es ihm deshalb auch so schwer die Drogen aufzugeben. Als ich ihn kennenlernte war er gerade in die Landesauswahl berufen worden. Ich suchte nach einem guten Bericht für die Schülerzeitung und fragte ihn, ob er Lust auf ein Interview hätte. Er hatte, aber nur unter der Bedingung dass das Interview in einer Bar stattfinden würde. Nach dem dritten oder vierten Schnaps taute er etwas auf, und begann zu erzählen.
"Weißt du Kai, alle wollen nur immer dass du sie zum Klatschen bringst, aber manchmal kommt's mir so vor als ob mein Kopf zwischen ihren Händen steckt, und sie nur das klatschen auf meiner Haut hören wollen."
"Du meinst, sie treiben dich an?"
"Ich meine, sie brauchen jemanden den sie ins Licht stellen können wenn sie nen Sonnenbrand sehen wollen, und jemanden der für sie ins Gefrierfach steigt, wenn sie Bock auf ne Gänsehaut haben. Das Spiel ist ihnen doch Scheißegal."
"Glaub ich nicht. Es gibt doch genug Leute die sich für's Spiel interessieren."
"Klar, aber hast du die schon mal schreien hören?"
Ich weiß nicht ob Erik Ausreden suchte, weil er keinen Bock mehr auf Fußball hatte, oder ob er wirklich Angst vor dem Druck bekam, aber er stieg bald aus der Auswahl aus, und ich sah ihn eine ganze Weile nicht. Bis er mir irgendwann mit aufgerissenen Augen und bebenden Schultern am Bahnhof begegnete. Ich grüßte ihn, doch er erkannte mich nicht. Er sah nicht aus, als hätten Worte noch eine Bedeutung für ihn.

Im Halbfinale zeigte Erik die ersten Entzugserscheinungen. Seine Finger zitterten, seine Augen wurden hektisch. Ich merkte dass er mit den Gedanken abschweifte, aber trotz allem spürte ich, dass er uns nicht im Stich lassen wollte. Erik vergaß seine Sucht nicht, aber wenn er am Ball war, vergaß er nach was er süchtig war. Mit der Vehemenz eines Junkies jagte er dem Sieg hinterher, einem Sieg der genauso unerreichbar war, wie die lebenslange Erlösung nach einem einzigen Schuss.
Für's Finale reichte seine Schusskraft immerhin. In der Nachspielzeit schoss uns Erik mit seinem goldenen Tor ins Endspiel.
"Hoffentlich war das der einzige goldene Schuss in deinem Leben." sagte Dogan.
Erik grinste schwach. Das Spiel hatte ihm ziemlich zugesetzt. Er schwitzte, seine Haut schimmerte bläulich, seine Wangen fielen immer mehr ein. Ich sah die Gier in seinen Augen. Etwas trieb ihn weit fort von hier, aber ich sah dass er kämpfte und gewinnen wollte, als ahnte er, dass dieses beschissene Hobby-Turnier seine letzte Chance war dem Leben aus dem Abseits zu laufen.

Vor dem Finale spielten wir uns auf einem Seitenfeld warm. Erik konnte vor Krämpfen kaum noch laufen. Ständig fasste er sich an den Bauch. Seine Mimik verzog sich zu einer schmerzhaften Grimasse.
"Hey, du musst nicht spielen, Mann. Geh lieber zu nem Arzt." riet ich ihm.
"Das Spiel ist mein Arzt." giftete er, und drosch den Ball an Geralds verdutztem Blick vorbei gezielt in den Winkel.
Die Gegner erkannten schnell, dass gegen uns was zu holen war. Sie doppelten Erik, spielten die Pässe an Dogans schwachem rechten Fuß vorbei, und überlupften Gerald, der viel zu weit vorm Tor stand. Ich war ständig einen Schritt zu langsam. Erik hinkte fluchend und immer orientierungsloser über den Platz. Als er kotzte, unterbrach der Schiri kurz das Spiel, fragte ihn ob er weiterspielen könne, und liess den Ball wieder fallen, nachdem Erik mit verkniffenem Blick bejaht hatte. Aber es half alles nichts. Wir wurden vorgeführt, und verloren 4:0. Nach dem Schlusspfiff brachen wir geschlagen auf der Wiese zusammen, und pressten unseren ausgelaugten Atem leidend in den Himmel. Uns alle streckte der verlorene Nachmittag nieder. Erik lag länger als wir anderen. Der verlorene Nachmittag dauerte für ihn den Rest seines Lebens.

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17.01.2011

Onkel Kohn

Erst spät lernte ich Onkel Kohn kennen. Als ich neben ihn ins Auto stieg, war er nur ein dicklicher, seltsam grinsender Verwandter der mich ein paar Tage zum Zelten abholte. Meine Eltern hatten ihn beauftragt mir etwas Perspektive beizubringen. In der Schule stand's schlecht um mich. Freunde hatte ich keine, und meine Aussenaktivität beschränkte sich auf den Gang zum nächsten Kippenautomaten. Es wunderte mich, dass meine Eltern ausgerechnet Onkel Kohn zu meiner Rettung auserkoren hatten. Er schrieb Bücher, das heisst, er übersetzte sie, wenn ihn jemand lies. Für meine Eltern eine fast schon anarchistische Verweigerung des geregelten Lebens. Anscheinend hatte sie meine Selbstaufgabe doch mehr beeindruckt als erwartet.

Wir fuhren eine Weile schweigend durch die öde Gegend bis Onkel Kohn an einer Tankstelle hielt.
"Was willst du trinken?" fragte er.
"Benzin."
"Gibt's das auch im Six-Pack? Wenn nicht hol ich uns ein paar Bier." Er lächelte.
"Ok, dann nimm ein paar mehr." sagte ich erleichtert, und begann ihn schon cool zu finden, änderte meine Meinung jedoch gleich wieder, als ich sah, dass er die Flaschen im Kofferraum verstaute.
 
Am Rand eines Waldstücks parkte er den Wagen. Es regnete. Er stieg aus, und ich hörte ihn mehrmals laut durchatmen.
"Herrlich. Diese Luft. Diese Ruhe. Das muss man auf sich einwirken lassen."
Ich hörte es aufs Autodach prasseln. Von der geöffneten Tür ging's kalt rein. Die Luft nervte mich schon jetzt, und von Ruhe war weit und breit keine Spur. Am liebsten wäre ich auf die Fahrerseite gerutscht, und hätte mich irgendwohin verpisst, doch ich überwand mich, und stieg aus. Onkel Kohn stand am Kofferraum und holte unsere Rucksäcke raus. Genervt schwang ich mir meinen um, und schnappte mir das Zelt. Die Teile waren viel zu schwer. Die Gegend frostig und trostlos, und wir gingen dieser Tristesse, beladen wie Idioten, auch noch freiwillig entgegen.

Zwei Stunden lang wankten wir durch Matsch und Moos, vorbei an trüb dahinplätschernden Bächen und verlockend trockenen Felsvorsprüngen. Meine Klamotten spannten sich bald nasskalt über meine Haut. Meine Chucks fühlten sich an, als wären sie in Stempelkissen getaucht. Doch Onkel Kohn schien es nicht eilig zu haben ins trockene zu kommen. Mit ruhigen Schritten führte er uns zu einer abgelegenen Stelle nahe des Flusses, an der wir unser Zelt aufschlugen. Als wir unsere Isomatten ausbreiteten, war es bereits dunkel. Ein Ende des Regens war nicht abzusehen. Ich wollte mich nur noch in den warmen Schlafsack verkriechen, mir das ein oder andere Bier genehmigen und diesen Irrsinn so benebelt wie möglich über mich ergehen lassen. Aber daraus wurde nichts.
"Jetzt noch eine Runde schwimmen, dann haben wir uns unser Bier wirklich verdient." frohlockte Onkel Kohn.
"Du willst bei der Kälte ins Wasser? Es regnet! Wir sind doch schon naß genug."
"Das Wasser ist wunderbar warm wenn's regnet. Wirst schon sehen." Er zog sich nackt aus, und stapfte vor's Zelt.
"Was ist? Du verpasst was." Lächelnd lugte er durchs Zeltfenster. Was hatte ich mir da nur eingebrockt? Perspektive hin oder her, aber nackt in der Kälte herumzuzappeln, war ganz sicher nicht zukunftsträchtig. Andererseits würde ich noch lange genug in diesem engen Scheisszelt herumliegen. Nasskalte Luft oder die dumpfe Trockenheit durchweichter Socken. Wohin ich auch blickte, es wurde nicht besser, es half alles nichts. Ich zog mich aus, sprang aus dem Zelt, stürzte an Onkel Kohn vorbei und machte eine Arschbombe in den Fluss. Er hatte Recht gehabt. Der Fluß stieß mich nicht ab. Das Wasser war warm, die Strömung mild. Die Bäume rauschten ruhig. Der ganze Wald schien sich vor diesem Ort zu verneigen. Wer war nur auf die Idee gekommen, soviel Freiheit an so einem lahmen Fleckchen abzulegen?

Ich schlief gut. Als ich aufwachte, regnete es nicht mehr. Ich hatte einen Mordshunger. Jetzt eine ordentliche Portion Rührei mit Speck, und ich würde auch dem trübsten Tag versöhnlich entgegensehen. Ich sah Onkel Kohn vor dem Zelt herumhantieren, und steckte meinen Kopf nach draussen.
"Was gibt's zu essen?"
"Fisch." Er lächelte. Die Angelruten an denen er rumzupfte, irritierten mich.
"Sag mir bitte, dass wir den Fisch bereits besitzen."
"Klar besitzen wir ihn. Er weiß es nur noch nicht." Grinsend reichte er mir die Angel. Ich nahm sie widerwillig. Ich sah mich um. Es gab keine Beeren, kein Obst, nur Gras und Wurzeln auf denen ich hätte rumkauen können. Die Angel widerte mich an. Ich fühlte mich ihr ausgeliefert. Mit hängendem Kopf trottete ich hinter meinem Onkel zu einem Steinplateau. Wir setzten uns, und warfen die Schnüre ins Wasser. Nie hatte ich so sehr auf ein Zucken meiner Hände gewartet, wie jetzt.
Es wurde ein spätes Frühstück. Irgendwann am Nachmittag hatten wir drei Forellen. Mein Magen knurrte. Onkel Kohn nahm die Fische aus, und stopfte sie mit Kräutern und Gewürzen voll. Ich kramte den kleinen Gasgrill aus der Tasche und machte ihn warm. Als das Fleisch brutzelte, wurde ich plötzlich betrunken. Irgendwas im Essen überwältigte mich. Ich fühlte mich auf einmal ganz klein und lebendig. Wie konnte mich stumpf vor sich hin garender Fisch nur so tief berühren? Das war mir alles zu hoch hier draussen.
"..und, wär das ein Leben für dich, so wie hier?" fragte Onkel Kohn, wie wenn er meine Gedanken gelesen hätte.
"Naja, hier ist's auch nicht besser oder schlechter als anderswo."
"Ich glaub ja, es ist anderswo besser, aber hier muss man das niemandem beweisen."
"Wieso muss man überhaupt immer allen, irgendwas beweisen?"
"Vielleicht weil sonst alle irgendwann denken dass es hier nicht besser, oder schlechter ist als anderswo." Er lächelte. Ich hatte das Gefühl mich verteidigen zu müssen.
"..aber wenn das alle denken, weiß man ja eh dass es Mist ist."
Er nickte anerkennend. "Nette Lebenseinstellung." Er köpfte ein Bier, reichte es mir, und machte sich selbst noch eins auf. Ich trank, und wartete auf den Moment an dem er mir zu nahe kommen würde, auf den Augenblick an dem er fragen würde: "Na, wie läuft's mit den Frauen?" oder "..und, schon Zukunftspläne?" Doch Onkel Kohn trank ruhig sein Bier, sah zufrieden in die Dämmerung, und schien mit dem Schweigen sehr einverstanden zu sein. Erleichtert hakte ich die Gesprächspflicht für heute ab, und merkte, dass ich eigentlich viel zu aufgewühlt dafür war.

Nachts konnte ich nicht schlafen. Onkel Kohn schnarchte. Die Socken stanken. Das Bier war längst alle, und ich hatte nicht mal mehr Kippen. Worte wie Lebenseinstellung machten mich Irre. Wieso gab's sowas überhaupt? Ich wünschte mir, ein Tier zu sein. Tiere vertrauten ihren Instinkten. Tiere zweifelten nicht. Tiere irrten sich nicht. Tiere waren sich nicht zu fein, an Ort und Stelle zu pissen. Ich musste zu diesem Zweck an den Waldrand. Die Luft war mild und erfrischend. Ich bekam Lust mich zu besaufen. Ich hatte ganz in der Nähe Licht gesehen. Dort musste ein Dorf sein. Sicher konnte ich mir in der Wirtschaft ein paar Flaschen zum mitnehmen holen. Instinkt. Ich spürte ihn selten. Doch diesmal umso lauter. Gierig strich ich durch den Wald, vage dem in der Nacht flackernden Licht folgend, das Befreiung versprach. Ich hörte, und sah nichts, bis sich neben mir etwas hastig bewegte. Ich schreckte zurück. Es raschelte. Ich tastete nach meinem Feuerzeug, und machte Licht. Er war zu schwach um zurückzuzucken. Wahrscheinlich steckte er schon seit Tagen in der Falle. Ich hatte noch nie einen Fuchs gesehen. Er war wunderschön. Ich setzte mich neben ihn, und legte vorsichtig meine Hand auf sein Fell. Es war weich und dicht. Ich streichelte ihn. Er hob und senkte mühsam den Kopf. Sein Atem klang kraftlos. Ich spürte an seiner Haut, wie sein Herz raste. Ich sprang auf und rüttelte an der Kette der Falle. Vergeblich. Ich suchte mir einen robusten Ast, und schlug damit auf die Kette ein. Wenn ich sie nur lang genug bearbeitete, würden die rostigen Ösen schon mürbe werden. Doch es half nichts. Ich bekam einen Krampf im Arm und war zu schwach um weiter drauf los zu dreschen. Ich hörte dass das Rascheln schwächer geworden war. Etwas rasselndes war jetzt in seinem Atem. Er musste dringend etwas essen. Ich stolperte zum Waldrand, und suchte die Sträucher nach Beeren ab. Als ich merkte, dass ich mir die Arme vergeblich blutig kratzte, trottete ich geschlagen zurück zu meinem Freund. Er sah mir in die Augen als ich mich neben ihn setzte. Es schien, als wollte er mir sagen dass er längst wusste, dass meine Bemühungen vergeblich waren. Es schien, als wollte er mich trösten. Für meine Unwissenheit. Dafür, dass ich nichts vom Leben verstand. Ich rückte näher an ihn heran. Er atmete jetzt ganz ruhig. Wir sahen uns an, bis seine Pupillen am Morgen ihre Richtung verloren und langsam auseinanderklafften. Ich fühlte nach seinem Herzschlag, aber sein Körper war schon kalt. Ich grub meine Hände in die laubbedeckte Erde und deckte ihn damit zu. Dann stand ich auf und ging zurück. Seltsam leer. Seltsam aufmerksam. Etwas im Blick, das mich anlockte. Als ich am Fluss ankam, fühlte ich diese Wärme. Ich liess mich fallen, klatschte ins Wasser, und spürte wie mich der Fluss stromabwärts in Richtung des Zelts trieb. Es hatte abgekühlt, doch ich fror nicht. Das Wasser war angenehm warm. Ich vertraute ihm. Ich wusste, irgendwo auf diesem Weg war ein Leben das auf mich wartete, und wenn ich die Augen weit genug offen hielt, konnte ich es nicht verfehlen.

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19.10.2010

Melek

Verliebt war ich in Melek seit sie mich ins Wasser geworfen hatte. Bis dahin hatten wir uns nicht wirklich gekannt. Sie war mir zwar vorher schon ein paarmal aufgefallen, und manchmal hatte ich den Eindruck unsere Blicke hätten sich gestreift, aber gesprochen hatten wir nie. Unsere erste Berührung war der kleine Schubser den sie mir gab, als ich neben ihr über die Kanalbrücke schlurfte. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich klatschte ins Wasser, und als ich verwundert wieder auftauchte, sah ich dieses fremde Mädchen in die Hocke gebeugt über mir sitzen und mich breit angrinsen. „Na warte, du..“ Ich kraulte zum Kanalrand, sprang aus dem Wasser und sah sie lossprinten. Sie rannte an der rechten Liegewiese am Kanal entlang, ich hastete ihr auf der linken nach. Es gab nur zwei Brücken die zur rechten Seite führten. Über eine musste sie früher oder später gehen. Ich setzte mich ins Gras und wartete. Sie schlich sich an die vordere Brücke heran. Wir musterten uns. Ich blieb sitzen. Sie verharrte eine Weile, dann rannte sie los. Ich wuchtete mich hoch, und sprintete ihr hinterher. Wir schlängelten uns vorbei an krebsroter Cellulite und sonnenverwöhnten Bierwampen, trampelten über Handtücher und verwischten den Rauchern im Vorbeihuschen ihre kühle Wolkendecke. Sie war schnell, aber ich holte auf. Nach ein paar hundert Metern hatte ich sie. Ich stellte ihr ein Bein. Sie stolperte, und riss mich mit. Ich landete auf dem Arsch, und schürfte mir die Schenkel am vertrockneten Gras auf. Sie drehte eine Pirhouette, und platschte ins Wasser. Ich kugelte hinterher. Unter Wasser bekam ich einen Fuß von ihr zu fassen. Ich versuchte sie an mich heranzuziehen. Sie schlug aus, und traf mich an der Brust. Ich keuchte. Jetzt reichte es mir. Ich sprang ihr entgegen, nahm sie in den Schwitzkasten, hebelte ihr die Beine aus und tauchte sie ordentlich. Nach ein paar Sekunden liess ich sie wieder los. Sie tauchte langsam auf, und sah mich unschuldig an. „Hast du auch nen Namen, oder hat man dir stattdessen ein paar Reflexe zuviel gegeben?“ fragte ich. „Melek.“ sagte sie lächelnd, sah mir kurz in die Augen und verschwand dann unter Wasser um mir die Beine wegzuziehen.

Ich sah sie jetzt jeden Tag am Kanal. Wir sprachen selten, doch ich merkte dass sie sich in Sichtweite von mir hinlegte. Sie war immer allein. Wieso war sie nicht wie alle anderen hübschen Mädchen mit Jungscliquen unterwegs? Vielleicht kannte sie hier niemanden? Wenn, dann schien ihr das nichts auszumachen. Sie lag stundenlang rum, kritzelte irgendwas in ein Notizbuch, oder lag nur da und sah in den blauen Himmel. Ab und zu sah sie auch zu mir. Es schien als würde sie lächeln, doch auf die Entfernung konnte ich das nicht wirklich einschätzen, und sah bald weg. Ich ging ein paar Bahnen schwimmen. Als ich zurückkam war sie verschwunden.
Für heute hatte ich auch genug. Ich packte meine Sachen, holte mein Skateboard aus dem Schließfach und rollte in Richtung Innenstadt. In einer kleinen Seitenstraße holte ich sie ein. Ich gab ein bisschen Gas, sprang neben ihr auf den Gehsteig, und liess das Deck von der Kante flippen. Mit einer 180 Grad Drehung brachte ich das Board zum stehen, nahm es in die Hand und ging ihr entgegen.
„Wie oft hat’s dich auf die Schnauze gehauen bis du das konntest?“ fragte sie.
„Viel zu oft.“
Sie nickte, und strich sich eine Strähne aus der Stirn.
„Wirfst du eigentlich alle die du nicht kennst ins Wasser?“
„Nur wenn’s mich stört dass ich sie nicht kenne.“ Sie sah mich lächelnd an. Mir wurde heiss.

Am nächsten Tag legte ich mich zu ihr. Ich gab ihr ein Eis aus und wir schleckten es auf den Tischtennisplatten bei den Umkleidekabinen. Als wir uns die Kugeln grad schön schmecken liessen, krabbelte eine dicke Spinne an unseren Füßen vorbei. Melek steckte ihre Waffel ins Tischtennisnetz, bückte sich und schnappte sich das Vieh. Sie zwinkerte mir zu. „Komm such dir auch eine.“ Ich legte die Waffel auf die Platte, und sah mich auf der Wiese um. Ich musste nicht lange suchen, bis ich ein wohlgenährtes Prachtexemplar eines Stinkkäfers fand. Melek war beeindruckt. Wir legten uns auf die Lauer. Als sie das Zeichen gab schlich ich hinter ihr her und schloss mich mit ihr in einer der Kabinen ein. Wir hörten Geräusche nebenan. Melek stellte sich auf das Sitzbrett und lugte in die Nachbarkabine. Sie hielt mir die Hand entgegen. Ich gab ihr den Stinkkäfer. Sie visierte einen Moment die Stelle an, dann liess sie die Viecher herabrieseln. „Hilfe! Iiieeeeh, Hilfe!“ Noch als sie sich wieder bückte ertönte der Schrei, markerschütternd und herrlich schrill. Die Tür knallte, nackte Füsse trappelten. Ich öffnete die Kabine, und sah eine halbbekleidete ältere Dame davonstürmen. Melek krümmte sich vor Lachen. Ich lag bald auch am Boden und bekam Magenschmerzen vom überreizten Zwerchfell.
„Hey, lass uns mal auf die Sonnenterrasse. Da könnt gleich jemand kommen.“ keuchte sie mit tränenden Augen. Das liess ich mir nicht zweimal sagen.
Wir legten uns aufs heisse Pflaster der Terasse. Ich fühlte mich großartig und unangreifbar.
„Hier oben ist zwar kein Kanal, aber ich glaub ich werf dich trotzdem ins kalte Wasser.“
„Probier’s.“ lächelte sie.
Ich drehte mich zu ihr und strich ihr durch die Locken. Ihr Blick wurde weich. Ihre Lider senkten sich langsam. Ich küsste ihre Oberlippe. Sie drückte mich fest an sich. Ihre Küsse schmeckten wie weiches Wachs. Ihre Bewegungen tanzten mit meinen verstecktesten Geistern. Die Zeit war ein Zelt das dem Sturm ihres Schulterzuckens nicht lange standhielt.

Melek wollte unbedingt Skaten lernen. Ich war ein guter Trainer, und sie lernte schnell. Sie stürzte sich gerade in die Halfpipe als ein Auto neben dem Park anhielt. Ein Mann stieg aus. Er sah uns seltsam an. Als Melek ihn bemerkte erstarrte sie. Der Mann ging einen Schritt auf den Hügel am Skatepark zu, und sagte Dinge auf persisch. Es klang nicht nett. Melek verschränkte die Arme und sah ihn eindringlich an. „Du kannst mich nicht einsperren!“ Der Mann wurde rot, und begann wild zu gestikulieren. Seine Stimme klang hoch, ihr Nachdruck war beängstigend. „Ich hab dir schonmal gesagt. Ich bin alt genug, selbst auf mich aufzupassen.“ schrie Melek. Ihr Vater sah jetzt zu mir. Er behielt mich eine Weile im Auge, sah dann zu seiner Tochter, und sein verachtender Gesichtsausdruck benötigte keine Worte mehr um sich einzuschürfen. Zornig ging er zu seinem Wagen, startete ihn und brauste davon. Melek sank zu Boden und begann zu schluchzen. Ich setzte mich neben sie und nahm sie in den Arm.
„Dieses Arschloch. Dieser verdammte Wichser. Wieso begreift er nicht dass ich ein eigenes Leben habe?“
Sie sah mich fragend an. Ihre Augen waren so klar. Ich wusste nicht was ich sagen sollte.

Die nächsten Tage war sie nicht beim Schwimmen. Ich wusste nicht wo genau sie wohnte, aber ich kannte den Stadtteil. Ich hinterlegte bei der Pförtnerin des Freibads meine Adresse für den Fall dass sie doch noch kam. Dann skatete ich wie ein Irrer durch die Straßen ihres Bezirks, doch ich sah sie nicht. Alles sah gleich aus. Die Häuser, die Autos, die Menschen. Wie sollte man hier jemanden finden? Frustriert fuhr ich nach Hause. Ich hatte nur ihren Namen. Melek. Süße, süße Melek. Keine Telefonnumer. Keinen Nachnamen. Nur ihr wundervolles Lächeln, und den Geschmack ihrer Küsse so tief in Erinnerung dass jedes Aufbäumen der Realität wie ein fader Traum sofort wieder verpuffte. Ich wälzte mich im Bett, und starrte aus dem Fenster. Die Nacht war viel zu heiß. Die Stadt viel zu laut. Wenn ich sie nur hören könnte.
Ich schlief nicht, doch ich träumte. Ich lag in einer U-Boot Koje, und Schüße dröhnten an die Wände. Die Kugeln drangen nicht ein weil sie zu schwach waren. Ich wusste das, aber keiner sonst. Alle schrien, doch ich wusste, es würde nicht aufhören. Es würde nie aufhören. Ich schreckte auf. An der Balkontür stand Melek. Sie klopfte. War ich wach? Sie schnitt eine Grimasse. Ich stürzte zur Balkontür, öffnete sie und drückte sie so fest ich konnte.
„Die Pförtnerin?“
Sie nickte.
„Ich geh nicht mehr zurück. Ich geh da nicht mehr hin.“ sagte sie kalt.
„Hat er dich geschlagen?“
„Nein, das nicht. Er hat mich in meinem Zimmer eingesperrt, und ist dann in die Arbeit als ob nichts gewesen wäre.“
„Wie bist du rausgekommen?“
„Ich hab’n Stuhl durch’s Fenster geworfen. Dann bin ich auf den Balkon im ersten geklettert, und von dort gesprungen.“
Ich strich ihr ein paar Glassplitter aus den Haaren.
„Jetzt bist du erstmal in Sicherheit. Scheiß drauf was morgen ist.“
„Ja, du hast recht.“ Sie lächelte. „Hey, Schön dich zu sehen.“
Sie umklammerte meine Hüfte, und drückte mir einen Kuss auf die Stirn. Wir liessen uns fallen. Da wo vorher ein Dröhnen und Lärmen war, ertönte bald, leise und ganz vertraut, der unfehlbare Gleichklang zweier im Dunkeln tanzender.

Am nächsten Morgen gingen wir früh raus. Wir irrten durch die Stadt. Die Stadt war groß, aber nicht groß genug wenn man unsere Wege kannte. Hinter jeder Straßenecke vermutete ich die Inquisition. In jedem Schaufenster spiegelte sich der unbarmherzige Griff von Meleks Vater. Gerade war Jahrmarkt. Da konnte man sicher gut in der Menge untergehen. Wir schlenderten vorbei an den Buden. Es roch nach Bier und gebrannten Mandeln, ein Hauch von Aggression und Euphorie schwelte über den Festplatz. Doch niemand nahm von uns Notiz. Das beruhigte mich ein wenig. Vor dem Crazy Twister blieb ich stehen.
„Hey, Lust da mitzufahren?“
„Langweilig“ grinste Melek. „Das hier sieht eher interessant aus.“ Sie zeigte auf den Satans Looping.
„OK?!“ Ich bekam weiche Knie wenn ich dran dachte da mitzufahren, aber die Fahrt würde uns auf andere Gedanken bringen. Ich kaufte zwei Tickets, und wir machten es uns in den gepolsterten Sitzen bequem. Als sich die Sicherheitsbügel schlossen tippte Melek mich an. Sie deutete mit dem Kopf zum Kassenhäuschen. Ich sah ihn sofort. Er hatte uns scheinbar noch nicht entdeckt. Während der ganzen Fahrt starrte ich nach unten. Ich sah dass er sich nicht wegbewegte, dann sah ich den Himmel und drehte mich vorbei an den Ständen und Zelten, bevor es mich wieder in Richtung Wolken drückte, und ich der Schwerkraft erneut entgegenfiel. Nach der Fahrt war ich schwach auf den Beinen, doch ich musste mich zusammenreissen. Wir schlichen uns uns vom Fahrgeschäft, und drängten uns durch die Menge. Ich sah ihn an einer Losbude stehen. Wie war er so schnell dahin gekommen? Melek sah ihn auch. Wir verharrten eine Sekunde. Er machte einen Schritt auf uns zu. Wir begannen zu laufen. „Da rein!“ Melek zog mich in die Geisterbahn. Wir huschten vorbei am Kassenhäuschen, sprangen über die Wagen und rannten zu Fuß in den engen Tunnel. Fuck war das dunkel. Irgendwo zwischen kichernden Hexen und dem dumpfen Charme von Frankenstein flimmerte ein rettendes Stroboskop. Wir kauerten uns auf den Boden. Ich hielt Melek fest.
„Ich will nicht dass er dich mir wegnimmt.“ Sie drückte ihren Kopf an meine Schulter. Ich strich ihr durch die Locken.
„So schnell lass ich dich nicht los.“
Ich spürte einen Kuss auf der Wange. Ihre Hände schlossen sich um meine Brust. Diese Atemzüge gehörten uns.
Irgendwann weckte uns ein Getrampel und Geschrei. Taschenlampenlichter zuckten. Menschliche Stimmen drangen bedrohlich durchs heilsame Dunkel. Wenn es doch nur Frankenstein wäre, oder die Hexe, oder einer dieser Mutanten, aber es war der Geisterbahnbetreiber mit zwei Bullen im Schlepptau. Sie führten uns ab. Draussen übergaben sie Melek ihrem Vater. Ich sollte zum Verhör mitkommen. Die Bullen schwafelten irgendwas von Hausfriedensbruch und Diebstahl. Als sie mich zu ihrem Wagen schoben, drehte ich mich nochmal um. Ich sah wie Meleks Vater sie fortzog. Unsere Blicke trafen sich einen unendlichen Moment, dann riss sie sich los, lief einen Schritt, und wurde doch gleich wieder von einem stählernem Griff ausgebremst. Die Bullen zeigten keine Reaktion. Ich sah noch wie Melek ihrem Vater ins Gesicht spuckte, und sich schließlich mit gesenktem Kopf seinem Willen fügte, dann schob mich der Bulle in den Wagen und knallte die Tür zu.

Einen Monat später erreichte mich ein Brief. Melek war zu ihrer Cousine nach Antwerpen geflohen. Sie schrieb es gehe ihr gut. Sie könne in Antwerpen bleiben, und dort zur Schule gehen, studieren, leben. Ihr Vater hat eine Suchmeldung rausgegeben. Aber er wird nicht erfahren wo sie steckt. Ihre Cousine ist, genau wie sie, auch geflohen. Es wird schwer sein, sie zu finden. Es wird schwer sein dich zu finden. Süße, süße Melek. Nicht nur für die vor denen du geflohen bist. Ich steckte den Brief in die Tasche und wiederholte wieder und wieder die letzten Worte. In Liebe.

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