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20.02.2012

Entschieden zu einfach

Das ging ganz entschieden zu einfach.

War das Erste, was ich dachte, als ich aufwachte und sah, wer da neben mir liegt. Nicht, dass mir das täglich passiert, ganz im Gegenteil, die Chance, an einem Samstag- oder Sonntag morgen neben einer Frau aufzuwachen steht jedes Wochenende bei circa zehn Prozent, ich vermassle es meistens selbst, weil ich beim trinken stets den Punkt verpasse, an dem ich nicht mehr rede, sondern lalle, nicht mehr gehe sondern falle, nicht mehr flehe, sondern kralle, mich festkralle an sämtlichen Gelegenheiten. Blöderweise befinden sich zwischen „Ich trinke und werde witzig, geistreich, unterhaltsam“ und „Die muss ich mir eindeutig noch schönsaufen“ mindestens vier Halbe und noch ein paar Schnäpse.

Und jetzt liegt das Mädchen neben mir, das Mädchen, bei dem es mir immer immens Freude bereitete, es zu verarschen, mich über sie lustig zu machen und ihr Gemeinheiten an den Kopf zu werfen. Das waren noch Zeiten, als sie mich ansah und sich ihre Augen mit Tränen füllten, oder als sie ständig einen extrem umständlichen Umweg über den Pausenhof gehen musste, um mir nicht über den Weg zu laufen.

Doch auch sie wurde älter und ihr Verstand wuchs, ihre Brüste allerdings nicht, wie ich letzte Nacht feststellen durfte und sie lernte zu kontern, lernte, sich nicht mehr alles von mir gefallen zu lassen.

Nach einigen gescheiterten Beziehungen wurde mir auch irgendwann bewusst, dass ich nicht unbedingt der Typ war, vor dem die Ladies auf die Knie fallen, ich schraubte meine Ansprüche runter und war nicht mehr so wählerisch wie früher, was mir mit voranschreitendem Alter immer leichter fiel. Blöderweise hat das sich-schön- oder willig-saufen-müssen den Nachteil, dass ich langsam zum Alkoholiker werde. Sie nahm dagegen alles mit was ging und musste sich dazu nichtmal großartig anstrengen. Was wohl daran lag, dass sie keine vier Halbe und ein paar Schnäpse brauchte um witzig, geistreich und unterhaltsam zu sein. Zudem sieht sie ganz passabel aus.

Bullshit, machen wir uns nichts vor, sie war eine Frau und Frauen haben es, abgesehen davon, dass sie nicht an Hauswände pissen können, einfach leichter im Leben. Zumindest, was das Klarmachen angeht, das Leben ist schließlich keine „How I met your mother“-Folge.

Mittlerweile sind wir beide in einem Alter, in dem wir uns langsam wieder kindisch benehmen dürfen, weil wir eindeutig keine Kinder mehr sind. Ich verarsche sie immer noch gerne, wobei wir nach der Schule nie Kontakt gehalten haben – wozu auch? - aber gelegentlich kreuzen sich unsere Wege und wenn ich sie dann zufällig beim einkaufen oder in einer Kneipe treffe und sie mit den Worten: „Na, schläfst du immer noch mit jedem?“ begrüße und sie mit „Na, siehst du immer noch so scheiße aus?“ zurückschlägt, dann weiß ich, dass ich in ihr einen würdigen Gegner gefunden habe.

Doch ich hätte mir niemals erträumen lassen, eines Tages mit meinem Gegner zu vögeln.

Das ganze lief folgendermaßen ab:

Seit einigen Monaten habe ich eine vier-Zimmer-Wohnung in Schwabing, Dachterrasse, stuckverzierte Wände, ein echter Hopper im Wohnzimmer, okay, das war gelogen, dabei handelt es sich doch nur um einen Kunstdruck, aber wen juckt das schon, ich verdiene endlich mein eigenes Geld und kann mir sowas leisten. Die Wohnung, sowie die Behauptung im Besitz eines echten Hoppers zu sein. Schließlich habe ich nicht studiert, um mit fast dreißig immer noch in einer WG zu wohnen und mir mein Inventar von Ikea sponsern zu lassen, hätte ich das gewollt, wäre ich Sozialpädagoge geworden. Da man in München nicht allzu sehr an der Gegend hängt, in der man bisher gewohnt hat, ganz im Gegenteil, es fällt einem entschieden zu leicht, die alten Zelte abzubrechen um in neue Paläste zu ziehen, hat es auch in Schwabing nur einen Abend gedauert, um meine zukünftige, neue Stammkneipe zu finden.

Ich saß noch vor meinem ersten Bier, da tippte sie mir auf die Schulter und sprach mich mit meinem Nachnamen an. Gott, es hat ewig gedauert, bis ich den Leuten abgewöhnt habe, mich mit meinem Nachnamen anzusprechen, aber die Leute von früher machen es natürlich immer noch.

Und so fingen wir an, uns zu unterhalten und tranken noch mehr Bier und verstanden uns so gut, dass wir die Schnäpse getrost weglassen konnten. Sie wohnte schon seit geraumer Zeit in Schwabing, allerdings warf ihr Job nicht so viel ab wie meiner, weshalb sie immer noch Mitbewohner hatte.

Mitbewohner. Bin ich froh, dass ich sowas losgeworden bin. Wobei, mein letzter Mitbewohner, bevor ich mir eine eigene Wohnung leisten konnte, verdient diese Bezeichnung gar nicht, da er von solch geringer Körpergröße war, dass ich ihn genauso gut in meinem Kleiderschrank hätte unterbringen können.

Dieses Mal trank ich genau so lange, wie ich trinke musste, um witzig, geistreich und unterhaltsam zu werden und ließ den Rest weg. Ich musste sie mir nicht schönsaufen. Sie war zwar nicht mein Typ, sie war auch nicht gerade Tyra Banks, aber wie ich bereits erwähnte, sah sie ganz passabel aus. Eigentlich hätten wir den Abend auch ausschließlich mit Apfelsaftschorle rumgekriegt; wir hätten uns trotzdem blendend unterhalten und sie wäre auch nüchtern mitgekommen.

Allerdings ist Apfelsaftschorle lange nicht so geil wie ein kühles Bier, wobei es doch eine nette Partyanekdote abgeben würde: „Ich hab mal eine Frau klargemacht, nachdem ich sie mit Apfelsaftschorle abgefüllt habe.“

Wir gingen zu mir, zu ihr ging nicht weil, „mein Mitbewohner schreibt gerade an seiner Bachelorarbeit.“

Wohngemeinschaften, wie dämlich, sag ich doch. Aber in einer Stadt wie München wohl unverzichtbar.

Sie war die erste Frau, die meine neue Wohnung sah und sie zeigte sich gänzlich unbeeindruckt von meiner geschmackvollen Einrichtung, was mich dann doch ein wenig enttäuschte. Das Einzige, was ihr gefiel, war mein Wäscheständer, den sie mit: „Gibts ja nicht, du trägst immer noch bunte Socken?“ kommentierte.

Jawohl und sollte sich mein Kleidungsstil im Laufe meines Lebens noch ändern, bis ich irgendwann in das Alter komme, in dem braune Cordhosen und Strickpullunder zu meinen Favoriten zählen werden, den rot-gelb geringelten Kniestrümpfen, sowie den babyblauen, mit pinken Totenköpfen verzierten Socken werde ich bis an mein Lebensende treu bleiben.

Und genau das war ihr jetzt aufgefallen. Erinnerung an mich, Wäscheständer das nächste Mal nicht unbedingt im Flur parken.

Sie war wohl doch etwas betrunkener als ich, jedenfalls ließ sie sich in mein Bett fallen und drehte mir den Rücken zu, was mich aber dennoch nicht daran hinderte, mich neben sie zu legen, ihr unters Shirt zu greifen und ihren Bauch zu streicheln. Es dauerte keine Minute, schon hatte sie sich wieder zu mir umgedreht. Ich küsste sie, bevor ich ins Bad musste und als ich wiederkam, lag sie schon fast komplett entblößt im Bett und empfing mich mit den Worten: „Das nächste Mal weniger Zunge.“

Der Rest ist vorstellbar, nur, ab und zu, während ich sie so ansah überkam mich der Gedanke, dass es Spaß gemacht hatte, sie all die Jahre zu verarschen und dass ich wohl niemals damit gerechnet hatte, mich irgendwann in dieser Situation wiederzufinden. Andererseits gibt es wohl kein schöneres Gefühl, als neben einer Frau einzuschlafen, egal wer sie einmal gewesen ist.

Wir waren eindeutig keine Kinder mehr.

Und jetzt liegt sie immer noch in meinem Bett, während ich auf einem Stuhl daneben sitze und die erste Zigarette des Tages rauche, sie schläft noch und ein dünner Speichelfaden, rinnt ihr aus dem Mundwinkel und befeuchtet mein Kissen, aber das ist nicht schlimm, dann habe ich wenigstens noch etwas, womit ich sie aufziehen kann, wenn sie aufwacht.

Da öffnet sie die Augen, sieht mich an und das erste was sie sagt ist, „Scheiße mann!“ und mal wieder meinen Nachnamen. Damn it, in Zukunft muss ich ihr das abgewöhnen. Damn it, ich denke schon an die Zukunft. Nicht gut, aber auch nicht schlecht. Eigentlich ziemlich egal. Dann sagt sie etwas weit weniger ausgefallenes.

„Gibts bei dir Kaffee?“

„Nein. Ich trinke keinen Kaffee. Balzac trank fünfzig Tassen am Tag und er wurde nur einundfünfzig.“

„Ja, ganz toll, du Teilzeitliteraturwissenschaftler, mir reicht auch eine.“

Ich hätte sie rausschmeißen und den ganzen Tag im Bett bleiben können, meinetwegen wäre ich auch mit ihr den ganzen Tag im Bett geblieben, mir war nach allem, außer nach rausgehen, aber da hat sie sich schon angezogen und mich irgendwie gleich mit und schon stehen wir auf der Straße und peilen das nächste Café an. Sie kennt natürlich ein total niedliches, die haben immer frische Croissants und leckeren Kaffee.

Ja, niedlich trifft es tatsächlich, es sieht aus wie ein siebziger Jahre Wohnzimmer, also genau die Art von Location, auf die Frauen wie sie stehen. Es ist winzig, kein Stuhl passt zum anderen und die Wände sind in einem Mix aus hellrosa und schlammgrün gestrichen. Ich finds absolut geschmacklos, aber gut, wenn es die Frau befriedigt, werde ich mich nicht beschweren, hab ich letzte Nacht ja auch nicht.

Selig rührt sie in ihrem französischen Milchkaffee, der in einer Schale serviert wird und garantiert mehr Schaum als Kaffee enthält. Ich beiße in mein Croissant, sie hatte recht, es schmeckt wirklich fantastisch. Für einen Augenblick überkommt mich der Gedanke, dass das mit dem Kaffee nur ein Vorwand war, um mich aus der Wohnung zu locken. Um mich ein wenig vorzuführen. Frauen brauchen sowas ja, nachdem sie mit jemandem Sex hatten. Die anderen sollen das mal schön mitkriegen, wenn man einen multiplen Orgasmus hatte, steht einem ja auf die Stirn geschrieben. Zumindest hab ich das mal in einer dieser Männerzeitschriften gelesen, die einem einreden wollen, wie Frauen wirklich ticken. Wenn man diese Richtlinien tatsächlich befolgt, ist das Versagen vorprogrammiert. Wenn nicht dann auch. Ein Teufelskreis ist das, ein Patentrezept gibt’s wohl nicht. Ich verwerfe den Gedanken wieder. Natürlich würde sie das niemals tun. Sie fragt mich, warum ich früher immer so gemein zu ihr war. Ich antworte, dass sie sich da bloß nichts drauf einbilden soll, sie war da nicht die Einzige, die meine Bosheit zu spüren bekam. Daraufhin meint sie, dass ich mich doch wohl fühle, in der Rolle des Widerlings, des ewigen Bösewichts, der natürlich schon irgendwie einen guten Kern hat, aber den gerne im Verborgenen lässt. Zudem fühle ich mich einfach dazu berufen, den Menschen, die offensichtlich dümmer und lebensunfähiger sind als ich, das auch zu sagen und mich dabei so kompliziert auszudrücken, dass sie die Hälfte von dem, was ich sage, sowieso nicht verstehen. Wobei ich sie nicht für dumm und lebensunfähig halte, aber wenn man sich mit den Leuten auf geistiger Ebene duellieren möchte und ziemlich schnell merkt, dass sie unbewaffnet sind, dann wird das auch irgendwann langweilig.

Sie meint, dass ich das nur mache, damit mir mein eigenes Leben nicht ganz so klein und unbedeutend vorkommt. Da mag sie sogar recht haben, aber ich fahre ziemlich gut damit.

Ihr Kaffee ist ausgetrunken, mein Croissant gegessen. Als die Bedienung kommt, lädt sie mich ein. Ich habe natürlich nichts dagegen, sage ihr aber, dass sie das nicht muss.

„Doch“, meint sie, „wir können nicht jahrzehntelang Gleichberechtigung fordern und uns dann nur das Beste, wie etwa gleiche Bezahlung bei gleicher Arbeit rauspicken. Die Emanzipation hat auch Nachteile.“

Wow, ich hab die Frau echt unterschätzt.

Wir verlassen das Café und müssen in unterschiedliche Richtungen. Sie fragt, ob wir uns mal wiedersehen. Ich antworte, wer weiß, man wird sehen, aber da wir jetzt im gleichen Viertel wohnen, läuft man sich ja früher oder später zwangsläufig sowieso irgendwann über den Weg. Sie quittiert meine umständliche Antwort, die sie nicht hören wollte, aber mit der sie wohl gerechnet hatte mit einem Augenverdrehen und einem lächeln.

Ich lächle zurück.

Camus hat mal gesagt, die meisten großen Taten, die meisten großen Gedanken haben einen belächelnswerten Anfang.

Und ich glaube, er hatte recht.

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19.10.2011

Die Nacht dreht sich um

Ich befürchte, ich bin zu spät dran.

Und die Schuhe, die ich trage, machen es auch nicht gerade leichter; mit Keilabsätzen durch ein regennasses München zu eilen, fördert das Zuspätkommen eher.

Andererseits, Lesungen fangen eh nie pünktlich an.

Das Mädchen und ich öffnen die Tür zum Ort des Geschehens, ein Plattenladen, genau die richtige Location für eine Lesung. Zumindest diese Art von Lesung.

Was ihre Musik- und Buchtipps betrifft, hat mich das Mädchen noch nie enttäuscht. Sie hatte bis jetzt einfach immer den richtigen Riecher für Dinge, die mir gefallen. So auch heute.

Das Buch, dessen Cover sämtliche Nackenhaare sämtlicher Buchhändler der Nation aufstellen lässt, denn es ist vorne weiß und hinten schwarz und da man Bücher normalerweise über- und nicht nebeneinander präsentiert, sieht jedes Exemplar nach einem Tag aus wie Sau, weil die schwarze Rückseite auf die weiße Vorderseite abfärbt. Und die Bücher kommen nichtmal verschweißt! Was hat sich der Verlag nur dabei gedacht?

Aber das tut jetzt nichts zur Sache, denn der Inhalt ist klasse, noch besser allerdings ist das Foto des Autors, welches die Titelei ziert. Noch so ein Grund, um heute hier zu sein. Hält das Bild auch, was es verspricht? Oder wurde da fleißig nachretuschiert?


Rechts vom Eingang stehen Bierbänke, in der Mitte führt ein schmaler Gang zur Bühne. Hinter der Bühne, die nicht viel höher als eine Treppenstufe ist, steht eine Leinwand, dahinter geht der Laden noch weiter. Wir setzen uns rechts vom Mittelgang in die dritte Reihe, der Laden ist voll. Und voll heißt in diesem Fall dreißig Leute. Typisch München, Geldstadt mit Herz, aber der litarerische Horizont reicht dann doch nur bis Vollidiot oder Sakrileg. Und Hamburg ist ja auch so weit weg.

Natürlich fängt die Lesung nicht pünktlich an. Das Publikum passt größtenteils zum Buch; Mädchen mit langen Haaren, deren röhrenjeansbedeckte Beine in Schuhen mit Keilabsätzen verschwinden (Ja, ich gebe es zu, ich jage auch jedem Trend hinterher und behaupte dann, ich sei so wahnsinnig individuell, weil natürlich alles Second-Hand oder Flohmarktware ist) und der nerdbebrillte Mann mit Hipsterhaarschnitt und Karohemd hinter mir liest Peter Handke. Ich glaube, hier könnte es mir gefallen.

Und dann geht das Licht aus.


Erst mal ein Film. Hamburg wie es früher einmal war. Oder wie man es sich vorstellt, wenn man noch nie da war. Die Kamera kämpft sich durch einen Tanzabend, die Menschen sind nicht mehr ganz so jung, teilweise unfassbar hässlich und werden im Laufe des Films immer besoffener. Krönender Abschluss ist ein alter Mann, der im Stehen einschläft, sich dann wieder aufrichtet, ein paar Schritte geht, wieder einknickt.

Als der Film endet, geht der Autor an mir vorbei zur Bühne.

Bevor er anfängt zu lesen, zückt er eine Pistole, so eine, wie sie wohl jeder sechsjährige zu Hause hat, der im Fasching als Cowboy geht, und schießt in die Luft.

Es knallt, aber es passt, denn auf der ersten Seite wird ein Papierkorb in Brand gesteckt.

Dann fängt er an und bereits nach den ersten fünf Sätzen, stelle ich mir vor, wie er nackt aussieht (sehr gut), wie groß sein Penis ist (enorm groß) und ob sein Körper irgendwelche Mängel in Form von Leberflecken, Narben etc. aufweist (Natürlich nicht. Er ist perfekt).

Okay, das war gelogen. Das übersteigt meine Vorstellungskraft dann doch nach fünf Sätzen, ich stelle mir lediglich vor, wie er küsst. So wie er aussieht, hat er noch das gelernt, was Männer heutzutage nur noch in Filmen machen, nämlich das Gesicht ihrer Partnerin in beide Hände nehmen, ihr tief in die Augen blicken und sich ihr dann langsam, ganz langsam zum finalen Kuss zu nähern.

Grundgütiger.

Die Mädchen in den Sechzigern hatten die Beatles.

Die Mädchen in den Neunzigern hatten die Backstreet Boys.

Die Mädchen heute haben Tokio Hotel.

Und da ich bei den Beatles noch nichtmal ein Gedanke war, mich die Backstreet Boys noch nie interessiert haben und ich heute eindeutig schon zu alt für den Scheiß bin, jetzt das.

Ich habe Tino Hanekamp.


Der erste Teil der Lesung plätschert so dahin, der Protagonist liest Marc Aurel, deshalb fragt Tino wer Marc Aurel war.

„Ein römischer Kaiser“, denke ich, schweige aber, denn das Gelächter meiner Klassenkameraden bei einer falschen Antwort, habe ich seit der zweiten Klasse im Ohr und deshalb sage ich gar nichts mehr, wenn ich mich mit mehr als zwei Leuten, die meine Antwort hören können, in einem Raum befinde, auch wenn die Antwort richtig ist.

Kinder können so grausam sein.

„Rom“, kommt stattdessen irgendwo aus den hinteren Reihen.

Ja genau, Rom. Ist auch ne Antwort.

Tino verliest sich, für jeden Verleser gibt’s Schnaps. Sagt er. Dann Pause.

Nach der Pause geht tatsächlich Schnaps rum. In einem Pappbecher, den man bekommt, wenn man sich beim Bäcker einen Espresso to go holt. Als ich das letzte Mal Schnaps ohne Beimischung von Fruchtsäften, Energydrinks oder Brausepulver getrunken habe, stand das World Trade Center noch. Verdammt lang her, das alles.

Das Zeug brennt mir in der Kehle und schmeckt wie etwas, das sich normalerweise in Fläschchen befindet, dessen Totenkopf mit gekreuzten Knochen-Aufdruck signalisiert, dass man besser die Finger davon lässt.

Ist der Würgreiz erstmal verflogen, setzt eine angenehme Wärme in der Körpermitte ein, die sich langsam ausbreitet.

Bevor Tino mit seinem Buch weitermacht, liest er erstmal Kontaktanzeigen vor. Bei einer besonders derben, bei der der Suchende seine Vorlieben was Analpenetration und Fisting angeht, offen kundtut, weist Tino auf die jüngste Besucherin, die jemals auf einer seiner Lesungen war, hin. Sollte sie da nicht besser weghören, vielleicht kann sie ja schon gewisse Zusammenhänge herstellen?

Das kleine Mädchen ist höchstens drei, ich habe sie vorhin gar nicht bemerkt, sie hat große blaue Augen und sitzt in einem Kinderwagen.

Applaus für Maja.


Tino liest weiter, der nächste Verleser kommt.

„Du hast doch gesagt für jeden Verleser gibt’s Schnaps.“ ruft ein Mädchen Richtung Bühne.

„Was? Nein, das hast du falsch verstanden. Nicht für alle hier.“

„Aber du hast doch gesagt...“ versucht es das Mädchen weiter.

„Glaub nicht alles, was man dir erzählt. Aber die haben gesagt, ich werde glücklich“, redet Tino mit Singsangstimme weiter. „Genau wie in der Werbung.“

Das Mädchen schweigt. Vorerst. Weiter im Text.

Selig lächelnd kann ich meinen Blick nicht von ihm abwenden, die Wirkung des Schnapses tut sein Übriges, ich schwebe, getragen von seinen Worten. Seine Stimme ist wie Milch und Honig, der nordische Dialekt ist so angenehm, er untermalt die ganze Handlung zusätzlich. Als die Personen im Buch Leonard Cohen hören, erklingt genau das Lied, ich schließe für einen Moment die Augen, das ist alles viel zu...

„Wer das nicht schön findet, der ist schon tot.“ sagt Tino.

Genau. Das ist alles viel zu schön.

Ich bin weder verheiratet, noch habe ich Kinder, kann also nicht behaupten, den viel zitierten schönsten Tag oder schönsten Moment im Leben schonmal erlebt zu haben, aber es sieht ganz danach aus, als ob es dieser Abend werden könnte.

Gerade bin ich dabei, mich in Tino Hanekamp zu verlieben, er bringt mein Herz auf eine Art und Weise zum schmelzen, sowas können nur Männer auf Bühnen. Und er ganz besonders.

Vielleicht verliebe ich mich auch nicht in ihn, sondern in Oskar, seinen Protagonisten, dessen gebrochenes Herz ich am liebsten kitten möchte. Schließlich verliebt man sich ja auch nicht in Johnny Depp, sondern in den schönen, sonderbaren Sam, den er darstellt. Oder für alle, die „Benny und Joon“ nicht gesehen haben, man verliebt sich nicht in den Schauspieler, sondern in die Rolle.

Und in diesem Fall ist das Oskar, verkörpert von einem Mann, der in Wirklichkeit noch viel schöner ist, als auf dem Foto, auf dem er eine Kippe zwischen den Lippen und eine Banane in der Jackentasche hat. Im Vorfeld habe ich mir noch gedacht, ich bring ihm eine mit, oder noch besser, einen Apfel, den ich ihm dann mit den Worten „Banane war aus“, überreichen werde, wenn er mein Buch signiert, weil ich ja so total selbstbewusst und witzig und so bin.

Bullshit.

Ich bin nur ein Mädchen, das den Verstand verliert, bei schönen Männern, bei schönen Männern, die Bücher schreiben, bei schönen Männern die Bücher schreiben und Tino Hanekamp heißen.

Mit jedem Wort, jedem Satz den er liest, nähert sich der Abend dem Ende zu und zur Abwechslung beobachte ich das Mädchen, das in der ersten Reihe sitzt, mit ihrer schönen Sixties-Frisur, den rot angemalten Lippen und dem Kleid, das mit lauter Schuhen bedruckt ist. Im Gegensatz zu mir ist ihr Outfit wirklich individuell und nicht so möchtegern wie ich. Sie könnte Oskar aus den Klauen des Liebeskummers befreien, nicht ich. Ich bin nur das Mädchen aus der dritten Reihe, das dabei zusieht und sich denkt: „Könnte ich doch, würde ich, sollte ich nicht lieber...?“


Die Lesung ist vorbei, der Autor verlässt die Bühne, muss wieder an mir vorbei, geht in den hinteren Teil des Ladens. Aber er kommt nochmal und ich werde doch noch mutig, frage ihn, ob er mein Buch signiert und ob ich ein Foto mit ihm machen darf. Denn alles was nicht abgelichtet wird, ist nie gewesen, steht ja auch im Buch. Auf Konzerten lasse ich meine Kamera zuhause, ich mache keinen Hehl daraus, dass ich die Zeit, in der ich lebe, verachte, früher schwenkten noch alle Feuerzeuge, heute Iphones und Digitalkameras, zum kotzen ist das, aber jetzt heute, hier, ist das etwas anderes, das muss ich tatsächlich festhalten, sonst ist es wirklich nie gewesen.

Jetzt bin ich doch froh über die Schuhe, Tino überragt mich jetzt schon um mindestens einen Kopf, ohne den Keilabsatz wäre ich noch kleiner. Ich bedanke mich, er lächelt mich an.

Mein Herz schmilzt.

Der Abend ist vorbei.





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07.10.2010

Zigarettenbeziehungen – Beziehungszigaretten

Zwei Dinge braucht der Mensch um unbeschadet sein Dasein zu fristen und (einigermaßen) glücklich durchs Leben zu kommen. Zum einen: Liebe. Eh klar. Es gibt wohl nichts, das mit dem Gefühl vergleichbar ist, zu lieben und wieder geliebt zu werden. Und zum anderen: Die Sucht. Man kann natürlich auch süchtig nach Liebe sein, dann schlägt man gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Mal ehrlich; im Grunde ist jeder nach irgendwas süchtig. Es müssen ja nicht immer gleich Drogen sein. Süchtig nach Schokolade, süchtig nach dem Adrenalinkick bei (Extrem-) Sportarten, süchtig nach der Lieblingsserie im Fernsehen. Hier widme ich mich aber einer sehr banalen, wenn auch häufig auftretenden Sucht: Der Nikotinsucht. Als ich das letzte Mal eine rauchte, fiel mir auf, wie nah die Liebe bzw. Beziehungen und Zigaretten doch beieinander liegen. Zumindest weisen sie einige Gemeinsamkeiten auf.

Erstmal, die Zigarette an sich. Sie ist wie eine Beziehung. Am Anfang entfacht das Feuer, das aufglühen der Leidenschaft. Und wenn man einmal eine hatte, kann man nicht mehr aufhören. Aber jede Beziehung ist so verschieden, wie jede Zigarettenmarke. Es gibt die Beziehungen, die schwierig sind, an denen man arbeiten muss, bis sie schließlich perfekt werden (Selbstgedrehte Zigaretten). Es gibt die, die lange dauern, fast eine Fernbeziehung sind (Marlboro 100) und die, die eher leicht und „dünn“ sind (Eve 120). Es gibt Menschen, die immer auf den gleichen Typ bei ihrer Partnerwahl zurückgreifen, also einen gewissen Standard haben, genau wie es auch Standard-Kippen gibt (Gauloises, Marlboro). Dann muss man sich auch immer auf den neuen Partner einstellen, auf seine Eigenarten, seine Macken, was manchmal unbeschwert (Light-Zigaretten) und manchmal auch ziemlich „hart“ sein kann (Schwarzer Krauser). Es gibt Menschen, mit denen man sich auseinander setzen muss, obwohl man sie eigentlich widerlich findet (Menthol-Zigaretten) und Menschen, bei denen man einfach nur das pure, reine Glück spürt und sich so frei fühlt, wie der Marlboro-Cowboy (Reval ohne Filter). Dann gibt es Beziehungen, die man nur führt, um einen gewissen Geltungsdrang zu stillen (Davidoff) und Beziehungen, die man nur nimmt, weil sie billig hergehen (Tawa oder einfach eine Kippe vom Boden aufheben und nochmal anzünden). Manche lässt man auch einfach ausgehen, weil man nicht mehr kann oder nicht mehr will und vielleicht besteht noch die Chance, dass man das Feuer nochmal entfacht, oder man drückt sie einfach aus, im ewigen Aschenbecher des Lebens.

Besonderer Dank geht an Flo und Jules, die diesen wunderbaren Gedankengang weitergesponnen haben.

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