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23.05.2011

Cookie in the box - Teil 5

In der Tat klang es wie ein Lachen aus tausend Kehlen, als würden der Himmel und das Meer und alles was dort vielleicht sonst noch war, mitlachen. "Morgen!,", prustete es, "ich finde diesen Witz so geil." als es wieder halbwegs ging, ergänzte es: "Weißt du Kleiner, ihr Menschen plant und macht und tut um eure "Zukunft" zu gestalten und vergesst dabei, dass es mehr als eine Unbekannte in der Gleichung gibt und eine von diesen Unbekannten seid ihr selbst. Oder, eh du wieder tausend Fragen stellst, dieser Fluss hier. Probier mal das Wasser. Keine Angst, ich schmeiss dich nicht rein."
Ich ging zur Reling, lehnte mich weit drüber und nahm etwas in die hohle Hand. Mein Fernsehgehirn rechnete mit einem gewaltigen, zahnbewährten Kiefer, der gleich aus der Tiefe auftauchen und mir die Hand und einen Teil Arm abbeißen würde, aber der weiße Hai war heute nicht im Programm. Ich brachte das Wasser bis hoch zu meinem Mund. Besonders einladend wirkte dieser Fluss ja nicht, pechschwarz, klebrig aussehende unruhige Wellen, dann dieses Schimmern. Trotzdem nahm ich einen Schluck.
OmfG. Wie konnte ich nur die ganze Zeit nicht bemerkt haben wie durstig ich war. Scheiß auf das Bier, dieses Wasser war so...so süß und erfrischend und...ich stürzte fast über den Bootsrand, um hastig mehr Wasser zu schöpfen. Ich hob die Hand auch gar nicht mehr zum Mund, sondern spritzte es in die ungefähre Richtung meines Kopfes, in meinen Mund, der weit offen stand und gierig jeden Tropfen zu fangen versuchte. Ich muss ausgesehen haben wie ein Wahnsinniger.
Ich weiß nicht, wie lange das Ding mir zugesehen hat, aber irgendwann spürte ich eine – überraschend starke – Hand an meinem Hosenbund, die mich zwar sanft, aber auch unabbringbar zurück auf das Deck zog.
"He, Kleiner, sachte, sachte. Du holst dir noch Schluckauf."
"Nein!", schrie ich, "lass mich, lass mich, ich will...burps." Ein gewaltiges Aufstoßen. Dann noch eins. Dann ließ es mich auch schon los. "So, jetzt kannst du."
Ich stürzte zurück zur Reling und kotzte alles aus, was ich gerade in mich reingefüllt hatte, inklusive dem Bier und einigen Keksresten.
Das Wasser, das in Schwällen durch meinen Mund zurückfloss, schmeckte bitter und salzig. Mein Oberkörper war ein einziger Krampf und bis er den letzten Tropfen ausgewrungen hatte, dachte ich mehrmals, dass ich nun wohl endlich sterben würde. Von wegen schönes Gefühl.
Irgendwann saß ich gekrümmt und mit dem Rücken die Bordwand gelehnt wieder im Boot. Das Ding kniete vor mir.
"Na, geht´s wieder?" Ich wollte nicken, aber ich hatte eigentlich keine Lust dazu. Die Kapuzengestalt reichte mir mein Bier und obwohl ich erst nicht wollte, trank ich doch einen Schluck und wundersamerweise half es. Gegen das Wasser schmeckte das bittere Gebräu beinahe süß.
"So, na siehste", sagte es und tätschelte mich in einem kläglichen Versuch, mütterlich zu wirken.
"Jetzt, wo wir uns beide ein bißchen besser kennen gelernt haben, kann ich dir ja den anderen Teil der Wahrheit erzählen." Den anderen Teil? Und warum jetzt? Ich war nicht sicher, wirklich schon wieder aufnahmefähig zu sein. Aber es erwartete keine Bestätigung oder Ablehnung.
"Weißt du", fing es an, "der Tod und ich – wir sind nur Halbschwestern." Keine wirklich hilfreiche Info. "Wir haben eine Mutter, aber das andere...naja, das wird jetzt zu kompliziert, jedenfalls, bin ich nur die halbe Zukunft." Was kommt jetzt? dachte ich. "Ich bin außerdem...die Versuchung." und ich hatte das Gefühl, dass es mich irgendwie schadenfroh aus seinem nicht-Gesicht angrinste. Aha, da war ich jemandem ja voll auf den Leim gegangen.
"Ansichtssache", ergänzte das Wesen meine Gedanken, "du hast letztendlich keine Chance, denn das Leben ist eine einzige Versuchung. Deswegen fahre ich hier auf dem Seelenstrom. Ich bin in dir, überall, du kommst nicht von mir weg, das gemeine an der Sache ist: Du weißt nicht, ob hinter der Versuchung was Gutes steckt..." Sie hatte sich vor mich gehockt und war ganz nahe an mich heran gerückt. Bei diesen Worten schlug sie die Kapuze zurück und dieses Mal verschwamm das Gesicht nicht. Ich hatte den Tod vor Augen. Das schöne Gesicht des Todes. In mir fingen alle Zellen an zu surren. Konnte ich sie anfassen? War ihre Berührung genauso tödlich wie die ihrer anscheinend doch Zwillingsschwester? Ich hob mühsam einen Arm um ihr Gesicht zu berühren, doch bevor es soweit kam, sagte sie: "...oder etwas anderes" und ihre Züge verfaulten in Sekundenschnelle vor meinen Augen und ein bleicher rothaariger Schädel mit Fetzen verwesten Fleisches darauf grinste mich hönisch und kno
 chig an. Aus dem Gebiss kam fauliger Atem, wobei ich nicht wusste, ob ich mich vielleicht selber roch. Das Gesicht hatte mich wohl schrecken sollen, aber dafür war ich zu ausgepumpt, im wahrsten Sinne des Wortes. Ein wenig enttäuscht schlug es die Kapuze wieder über seinen Schädel und entfernte sich von mir. Bevor es den Kopf vollkommen verhüllte, sah ich, dass wieder nichts zu sehen war, was auf ein Gesicht oder etwas ähnliches schließen ließ. Als es wieder stand, meinte es: "So, jetzt hast du den Durchblick. Kippe?"

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06.05.2011

Cookie in the box - Teil 4

Der Aufprall war ziemlich hart, nicht nur aufgrund des Wissens, was gerade geschah. In der Tat fühlte er sich holzhart an. Erdenholzhart. Hatte ich was falsch verstanden? Oder wollte mein Führer auch mal einen Witz mit mir machen, so als Rache für meine kläglichen Versuche? Diese Gedanken scheinen auf den ersten Blick sehr klar und strukturiert, aber die Reihenfolge nach dem Aufprall war ziemlich durcheinander und ein großer Teil meines Bewusstseins registrierte erst den kalten Schweiß auf meinem Oberkörper, die vielen Sterne, die um meinen Kopf kreisten und zwischen denen sich einzelne Buchstaben und Worte wie Satelliten zu den obigen Sätzen umeinander drehten und das durchdringende Knarren im Rhythmus, in dem der Boden schwankte, auf dem ich lag.
Unverkennbar – ein Schiff. Ich musste das eiskalte Wasser des Hafens verfehlt haben und statt dessen auf ein kleines Boot dort geknallt sein. Pech, passiert auch Profis. Bei dem Versuch mich zu bewegen empfand ich sofort sehr körperliche Schmerzen und auch die näher kommenden Schritte überraschten mich nicht, er hatte sicherlich das Klonk statt des Platsch gehört und war auch auf das Boot gekommen. Das erklärt vielleicht, warum ich mich nicht freute, als eine eindeutig weibliche Stimme die folgenden Worte sprach: "Na Kleiner, gut gelandet?"
Ich öffnete die Augen. Rot. Überall. Oh Mann, was war das jetzt wieder? Vor mir stand eine Figur, die ich viel eher mit meinem Bild vom Tod in Verbindung bringen würde, als die Bedienung im Café vorhin, hochgewachsen, schwarzer Umhang mit Kapuze von Kopf bis Fuß, kein Gesicht erkennbar, aber aus der Kapuze wehten meterlange rote Haare. Gott musste einen Fetisch haben.
Und Humor, denn das nächste, was sie/es sagte war: "Kaffee? Kekse? Du siehst scheiße aus und die Überfahrt wird vermutlich ein bißchen dauern. Ich hätte auch ein Bier an Bord."
Ja, klar, ein Bier, warum nicht? Ich setzte mich auf und sah mich um. Wie vermutet befand ich mich auf einem kleinen Boot. Ich saß auf der Fläche vor dem Führerhaus und die Kapuzengestalt stand zwischen der Bugspitze und mir. Hinter ihr leuchtete der Himmel. Das war bemerkenswert aus mehreren Gründen; zum einen war nicht mehr tintenschwarze Nacht, wie zum dem Zeitpunkt, an dem mein Führer mich über die Kante geschubst hatte. Gleichzeitig war der Himmel schwarzschwarz (im Gegensatz zu zum Beispiel blauschwarz) und trotzdem leuchtete er taghell. Wie ein...wie ein Negativbild, das man über das Original gelegt hatte.
"Hier", sagte es und hielt mir mein Bier hin. Wo hatte sie das denn jetzt her? Ich nahm es und trank einen Schluck, offen war es schon. Die Kapuzengestalt hatte ebenfalls ein Bier in der Hand und so tranken wir schweigend, sie/es stehend, ich nach wie vor auf den Planken sitzend. Irgendwann sagte sie/es "Tja" in die Stille. "Tja?", fragte ich.
"Tja, und sonst so?", führte sie/es das Gespräch fort. "Äh...", mehr fiel mir darauf nicht ein. Ich bin ein Fernsehkind, ich gebe es offen zu und Bücher lese ich auch gerne, auch wenn man im Mittelalter dem Lesen etwa dieselben Dinge nachsagte, wie heutzutage Fernsehen und Computerspielen, Verdummung, Verweichlichung und schlechtes Sperma. Dennoch erwartete ich aufrichtig etwas in der Art der Gespräche mit meinem Führer, ein Rätsel, eine Erklärung, einen Hinweis wo ich war und wo ich hinging oder was ich dafür tun musste und so weiter. "Tja"
klang so schrecklich profan. Eigentlich sogar noch schrecklicher, als wenn das Ding neben mir  mir gesagt hätte...ja, was eigentlich? Die Situation: Ich hatte den Tod getroffen und jemand, der mich ihm/ihr näher bringen wollte, hatte mich über die Kante einer Hafenmauer auf dieses Boot geschubst, das...ich stand langsam auf, um über die Reling schauen und bestimmen zu können wo ich war. Das Kapuzending nippte weiter an seinem/ihren Bier und versuchte so zu tun, als wäre es gar nicht da. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass es mich sehr genau beobachtete.
Das Boot trieb im Wasser. Ich konnte nicht sagen, ob es ein Fluss oder etwas größeres war, jedenfalls sah man nichts außer seltsam schimmerndem Wasser, vermutlich angestrahlt von diesem ebenfalls seltsam leuchtenden Himmel. Über dem Wasser lag teilweise schwarzer Nebel, aber kein dichter, es sah mehr aus wie Watte. Ich drehte mich instinktiv zur Führerkabine herum um zu sehen, wer oder was das Boot steuerte, aber in der Kabine war niemand. Die Tür stand offen und schwankte leicht, wenn das Boot von den Wellen hin und her geschaukelt wurde.
"Wohin fahren wir?", fragte ich das Ding. "Keine Ahnung", kam zurück. "Wo möchtest du denn hin?" Darauf wusste ich keine Antwort. "Siehste, ist doch eh egal", sagte sie/es und in der Stimme klang ein unüberhörbares Grinsen mit.
Auf meine nächste Frage brauchte die Antwort etwas länger. "Und wo sind wir?"
Eine Weile war es still. Dann sagte sie/es: "Sagt dir der Fluss Styx etwas?" Natürlich kannte ich den Styx, den Fluss über den der Fährmann die Toten ins Reich des Todes bringt. Unwillkürlich fühlte ich mit der Zunge in meinem Mund, ob man da irgendwo eine Münze hin gelegt hatte, damit ich den Fährmann bezahlen konnte, wie es in der Legende verlangt wird. "Ja, von dem hab ich gehört."
"Nun, auf dem sind wir nicht." Und dann brach sie/es in so wieherndes Lachen aus, dass sogar etwas Bier aus der Flasche schwappte. Was war denn das für ein Freak? Hatte mein Führer mich aufs falsche Boot geschubst? Das Ding kriegte sich kaum noch ein vor Lachen. Als es sich halbwegs beruhigt hatte, murmelte es: "Ich krieg mich kaum noch ein", zog eine Packung Zigaretten aus nirgendwo, stecke sich eine an und sie dann in das Dunkel unter der Kapuze. Ein Freak, definitiv. Sie/es hielt mir die Packung hin, aber ich lehnte ab. Ich wollte lieber Antworten oder am besten eine Fluchtmöglichkeit. "Sag mir, wo wir sind", beharrte ich. "Pfffff (Rauch) hier, auf dem Boot. Siehst du doch.", frotzelte sie/es zurück. "Und wo ist das Boot?" "Auf dem Fluss." Ah, ein Fluss, immerhin. "Und welcher Fluss ist das?" "Das verstehst du eh nicht." Genau die Antwort die man von mystischen Wesen hören möchte. Aber für solche Spielchen hatte ich mittlerweile genug Erfahrung.
"Probier`s doch mal."
Sie/es nahm noch einen Zug und zusammen mit dem Rauch kam aus ihrer/seiner Lunge: "Das ist ein Gedankenfluss. Dein Gedankenfluss, um genau zu sein, und gleichzeitig ist es dein Seelenfluss, denn Seelen und Gedanken sind ziemlich nah miteinander verwandt."
"Ich habe das Gefühl, ich verstehe das und verstehe es gleichzeitig nicht." und genau das tat ich. Anstatt mir Zeit, darüber nachzudenken zu geben, fuhr das Ding direkt fort und es klang, als wäre es von dem Gespräch schon gelangweilt.
"Stell´s dir mal so vor: Der Fluss sind die Gedanken, die Seele ist der Himmel und das Leuchten ist das Zeug, das beide miteinander verbindet. Die physischen Teile brauchst du, damit du mit den Begriffen irgendwas verbinden kannst, sonst wäre das für ein Menschenhirn zu abstrakt. Also hat der Gedankenfluss sozusagen beides erschaffen, denn Gedanken packen die Dinge in begreifbare Formen, während gleichzeitig die Seele alles erschaffen hat, weil es ohne Seele keine Gedanken gibt. Die Schlange beißt sich in den Schwanz. Klar soweit?" Glasklar. Das Ei das das Huhn legt.
"Und was machen wir hier, auf meinem Sellengedankenstrom?"
"Bier trinken. Rauchen. Das Leben genießen." Wieder ein Hinweis, ich lebte also noch.
"Und wer oder was bist du dann?"
Wieder ein Zug vor einer Antwort.
"Weißt du doch. Ich bin die Schwester von Thana."
"Eine der Schwestern, oder? Ihr seid drei."
"Ja, stimmt, da gibt´s noch eine. Hab ich verdrängt." Sie/es ließ die abgerauchte Kippe auf das Deck fallen und trat sie aus. Dann hatte sie/es direkt wieder die Schachtel in der Hand und steckte sich eine neue Zigarette an. Das Bier in der Umhanghand war auch so gut wie leer. Obwohl ich es offensichtlich mit einem völlig gestörten und abgewrackten Ding zu tun hatte, hatte die Erwähnung des Todes in mir einen Knopf gedrückt. Das Gesicht des Todes brannte auf meiner Netzhaut. Ich wollte sehen, was unter dieser Kapuze war und versuchte, irgendetwas in dem seltsamen Schimmer aus dem Himmel zu erkennen. Aber ohne Erfolg. Ich probierte es mit Taktik: "Und...seid ihr...Zwillingsschwestern?" Ich bekam unverkennbar einen Seitenblick der in jeden Flirt zwischen Sterblichen gepasst hätte. "Du meinst, ob ich so aussehe wie Thana?" Ich sagte nichts. "Keiner siehst so aus wie Thana, ich schon gar nicht. Willst du echt wissen, was ich bin, Kleiner?"
Ich nickte.
"Ich bin die Zukunft." und bei diesen Worten zog sie/es die Kapuze vom Kopf. Da war nichts. Kein Gesicht, keine Gesichtsfläche. Einfach nichts. Nichts mit Haaren. Oder genauer, nichts, was den Blick festhielt. Da war schon etwas, aber ich konnte es einfach nicht fixieren, als wollte es sich verbergen, entwischte es wie Fischöl.
"Wow", war meine erste Reaktion. "Immerhin erkenne ich keine Pickel oder Falten oder so." Es, ich bleibe jetzt bei es, ging auf den Witz nicht ein und zog die Kapuze wieder über den Kopf.
"Warum kann ich dein Gesicht nicht erkennen?" fragte ich.
"Ist doch logisch." Ein Zug. "Weil die Zukunft kein Gesicht hat. Weil keiner weiß wie sie aussehen wird. Oder ein anderer kluger Spruch. Die Zukunft ist das, was kommt. Es ist nicht da, daher kann es keine Form haben. Form hat nur die Gegenwart. Alles andere ist Spekulation."
"Ich hab einen Spruch der das Gegenteil sagt: Man kann sich seine Zukunft selbst gestalten. Also müsste ich dich so sehen können, wie ich will, oder?" Punkt für mich. Dachte ich.
"Weißt du, ich kannte mal einen Typen, der war so ein kleiner Schnuckel wie du. Der kam in einen Puff, suchte sich die hübscheste Nutte, ging mit ihr aufs Zimmer, zog sie aus, zog sich aus, spreizte ihre Beine, nahm sein Ding in die Hand um es reinzuschieben und in diesem Moment explodierte die chinesische Wäscherei nebenan. Schicksal. Sein Schwanz klebte an der Außenwand des nächsten Hauses, als die Feuerwehr die Reste aufsammelte, Hätte er bestimmt nicht gedacht und noch weniger so geplant. Deswegen ist das Quatsch mit der Zukunft gestalten. Manchmal klappt´s und manchmal klappt´s nicht, aber im Grunde ist es Glückssache. Alles ist Glückssache." Sagte es und nahm einen besonders tiefen Zug.
"Rauchst du deswegen?", konnte ich mir nicht verkneifen.
"Ach das", es blickte auf den Glimmstengel in seiner Hand, "das ist nicht wichtig. Ich höre bald auf."
"Wann denn?"
"Morgen." Und dann schmiss es sich förmlich weg vor Lachen.

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27.04.2011

Cookie in the box - Teil 3

Die kalte Nachtluft versuchte vergeblich, die Gedanken in meinem Kopf zu klären. Nachdem wir das Café verlassen hatten, waren wir den ganzen Nachmittag hindurch gelaufen und ich hatte versucht, die richtigen Fragen auf seine Antworten zu finden. Mein allererste, keine Frage, mehr eine vehement vorgebrachte Feststellung, dass das Leben an sich doch vernünftiger war als der Tod, hatte er zuerst mit einem Blick bedacht, als sei dieser Einwand nicht mal einer Antwort würdig.

"Leben ist Zerstörung", hatte er sich schließlich doch herabgelassen. "Jedes Lebewesen verbraucht; Nahrungsmittel, Luft, Wasser, ihr zertrampelt den weichen Boden dieser Welt, planiert ihn, um auf dem Asphalt mir euren Benzinmotoren auch noch die entferntesten Pflanzen dieses Planeten qualvoll zu vernichten. Alles was ihr baut, erfindet, züchtet, tut ihr, um euch selbst zu erhöhen und wehe, es möchte jemand auf eure Stufe kommen. Ihr seid wie hungrige Löwen in ihrem Revier, die jeden angreifen, der sich darein wagt. Ich muss dir die ganzen Kriege, Kreuzzüge, den Fanatismus, die Blindheit, Ignoranz und Brutalität deiner Welt nicht vor Augen halten, aber letztendlich seid ihr auch aus keinem anderen Grund so gemacht worden, daher erfüllt ihr bloß eure Aufgabe, aber ohne den Tod gäbe es diese Welt nicht mehr und euch somit auch nicht, also ist der Tod letztendlich das Beste, was euch passieren konnte."

Ich schwieg eine Weile; weniger aus Betroffenheit, denn dass die Welt am Arsch war, war nun keine wirklich neue Information, eher weil mein Gehirn versuchte, etwas aufzugreifen das er gesagt hatte, aber ich kam erst mal nicht darauf, was es gewesen war. Dann doch. Im Grunde waren es zwei Sachen, deswegen hatte es etwas gedauert.

"Wir haben eine positive Bilanz."

"Wie meinen?"

"Wir schaffen mehr als wir zerstören."

Er drehte sich zu mir. Ich hatte seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Hastig sprach ich weiter.

"Es stimmt, wir verbrauchen, aber wir pflanzen auch, reinigen, bauen wieder auf. Und wir haben die Menschheit immerhin von Adam und Eva auf etwa sieben aktuelle Milliarden gebracht und zumindest theoretisch gäbe es genug Essen für alle. Das ist ein beeindruckendes Wachstum, oder?" Stolz grinste ich ihn an.

Er dagegen guckte, als hätte ich komplett den Verstand verloren. Dann schüttelte er resigniert den Kopf. "Menschen!", er spie es fast aus. Dann sah es so aus, als wollte er noch etwas hinzufügen, aber er überlegte es sich wohl anders und sein Gesicht wurde wieder weich. "Wusstest du, dass das in etwa der Gedankengang einer Motte ist, kurz bevor sie in der Flamme verbrennt?" "Motten können denken? Ich dachte immer, Tiere hätten nur Instinkte, wenn überhaupt, und Motten sind gerade mal kleine Insekten." "Ich kann dir sagen: Von außen betrachtet wirken Menschen genauso. Aber egal, schließlich seid ihr dafür hier."

Das hatte gesessen, aber ich hatte keine Zeit, darüber zu grübeln; der zweite Punkt war soeben wieder da, aufgetaucht aus seinem Satz, den er so ähnlich eben schon einmal gesagt hatte.

"Was meinst du damit? Dafür sind wir da? Kennst du die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens?"

"Natürlich. Du auch."

"Echt?"

"Ja." Er sah wieder einmal zu mir. "Du hast sie eben kennen gelernt." Und als es bei mir im Kopf nicht Klick zu machen schien: "Sie hat dir Kaffee serviert."

Er schlenderte weiter, ich blieb stehen. Es war mittlerweile schon ziemlich dunkel, über die Dämmerung hinaus und wir waren in einem Teil der Stadt, den ich noch nie gesehen hatte. Die Erwähnung des Todes und das Dunkel um mich herum ließen mich frösteln.

"Weißt du eigentlich noch, wo wir sind?", fragte ich ihn, aber im selben Moment kam ich mir dämlich vor. Er wusste immer alles. Dumme Frage.

"Wir sind schon richtig, keine Sorge, wir haben noch einen Termin." Dann blieb er stehen und sah mich offen an. "Vertrau mir."

Was blieb mir anderes übrig? Ich schloss zu ihm auf und stellte meine Frage nach dem Tod als Sinn des Lebens.

"Der Tod lehrt dich, dass nichts auf dieser Welt Bestand hat. Er zeigt es dir jeden Tag, jedes Leben, immer und immer wieder, bis du es irgendwann kapierst."

"Aha, und dann?"

"Dann hast du verstanden, dass das Leben nicht das Wahre sein kann und suchst etwas anderes, etwas über den Tod hinaus. Aber das geht nur, wenn du den Blick von deinem kümmerlichen Dasein hier wendest und endlich anfängst zu begreifen, dass du hier nur zur Schule gehst. Das echte Leben, Existenz in reiner Form, die kommt danach."

"Und wie ist die so?"

Er grinste schadenfroh. "Dafür sind Worte zu klein. Wenn du es erlebst, wirst du es wissen."

"Und wie mache ich das mit dem 'den Blick wenden?'".

"Wie gesagt, der Tod nimmt dich bei der Hand, bis du irgendwann laufen kannst, wie ein kleines Kind. Immer und immer wieder."

Der Tod. Bei dem Bild mit der Hand, musste ich an ihren Körper denken. An diese helle, elfenbeinglatte Haut. An die filigranen Formen ihrer Finger, an die perfekten und doch so unklassischen Proportionen. Eine neue Frage keimte in mir auf und ich rang nicht lange mit der Überlegung, ob ich sie stellen konnte oder nicht. Heute war so ein absurder Tag gewesen, da kam es darauf auch nicht mehr an.

"Der Tod, also diese Frau..." "Ja?" "Existiert sie wirklich? Also ich meine: Ist das eine 'erfundene' Inkarnation des Todes oder hat er jemanden besetzt oder...ach, ich meine, gibt es diese Frau und könnte ich sie berühren ohne gleich jedes Mal in Lebensgefahr zu kommen?"

Er lächelte und hmte in sich hinein.

"Leben ist trotz allem etwas wundervolles", sagte er schließlich, hob den Kopf, drehte sich zu mir und fuhr fort: "Diese starke Kraft irdischen Lebens im Menschen hat mich immer fasziniert. Ich kann dir erzählen, dass der einzige Grund für dein Leben ist, zu leiden und zu sterben und trotzdem kannst du an nichts anderes denken, als an den Körper einer Frau. Die Konstruktion des Weiblichen ist meiner Meinung nach die genialste Idee, die die schöpferische Kraft je hatte, der stärkste Gegenspieler der Vernunft. Kein Wunder, dass ihr Eva und ihresgleichen alles Sündige eurer Welt anlastet. Und trotzdem beißt ihr mit Freuden immer wieder in den selben Apfel. Wenn ihr den Tod genauso lieben würdet, wäre die Welt schon eine ganzen Schritt weiter. Apropos. Wir sind da."

Abrupt blieb er stehen. Ich blickte mich um. Es war dunkel und fast nichts zu erkennen. Ich hörte das Plätschern von Wasser und in der Ferne einen Zug vorbei fahren.

"Wo sind wir?"

"Am Osthafen. Oder dem, was früher einmal der Osthafen gewesen ist." Ich erinnerte mich. Die Stadt hatte die Anlagen nach dem Bau des neuen Westhafens geschlossen und an große Unternehmen verkauft. Bei Nacht erkannte man nichts als große, dunkle Schatten von Gebäuden, bei Tag konnte man die beginnenden Bauarbeiten erkennen und irgendwann einmal würden hier Einkaufszentren, Kinos, Parkplätze und viele andere Dinge stehen, von denen es eigentlich schon genug auf der Welt gibt. Trotzdem begriff ich ich nicht, was wir da wollten. Er hatte von einer Verabredung gesprochen, aber es war weit und breit ? so weit man eben sehen konnte ? niemand zu sehen. Wir standen am Kai, vielleicht einen halben Meter von der Kante entfernt, hinter der der dunkle, um diese Jahreszeit eiskalte und von Tauwassermassen reißende Fluss floss und das Gelände hinter uns wirkte vollkommen verlassen. Tot.

"Und wen treffen wir hier?"

Wieder dieser Blick. Etwas Väterliches lag darin, Wissen. "Nicht wir. Du."

Etwas in mir zog sich zusammen und ich spürte, wie die Kälte in mir hochkroch.

"Ich hab euch einander vorgestellt, aber miteinander ausgehen müsst ihr alleine."

Ich...aber, was ? er unterbrach mich bevor ich überhaupt etwas sagen konnte.

"Ich weiß wie du dich fühlst. Aber du wolltest Antworten haben und glaub mir, du wirst sie bekommen. Mehr und anders als die meisten anderen Menschen. Ein letztes Mal: Vertrau mir. Und wenn du... drüben bist, grüß mir die beiden Schwestern vom Tod. Sie sind übrigens auch rothaarig." Er zwinkerte. Er zwinkerte! Sagt mir, dass ich gleich sterben werde und zwinkert mir dann zu wie der Kumpel, wenn er einen in der Disco ins Gespräch mit der schönsten Frau der Welt gebracht hat und sich dezent verabschiedet. Mein letzter Gedanke war: Was es gibt noch zwei von der Sorte, wer sind die dann?

Obwohl, das stimmt nicht. Mein letzter Gedanke war: Scheiße, ich will nicht sterben!

Als hätte er meine Gedanken gelesen, sagte er: "Doch, das möchtest du. Mehr als alles andere auf der Welt."

Dann schubste er mich.

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15.04.2011

Cookie in the box - Teil 2

"Der Tod?", krächzte ich. "Du meinst, sie ist irgendwann mein Tod oder was soll das bedeuten?"

"Nein, das heißt, bestimmt ist sie irgendwann auch dein Tod. Aber sie ist jedermanns Tod. Sie ist der Tod, der Leibhaftige, der Sensenmann. Lass dich nicht täuschen von dem was du siehst, sie ist der Tod in allen Facetten, die du dir vorstellen kannst – und mehr."

"Aber...", ich rang um Worte. Das ergab keinen Sinn. Warum tauchte der Tod in einer körperlichen Gestalt auf, noch dazu in der einer jungen Frau? Und warum servierte der Tod Getränke in einem Café? Das schien mir erst mal die beste Frage zu sein und ich stellte sie ihm, nachdem der Tod unseren Kaffee gebracht und ich mich darauf konzentriert hatte, ihn/sie weder anzusehen noch in irgendeiner Form zu berühren. Selbst die Luft hatte ich angehalten.

"Weil hier die beiden alten Damen sind.", fing er wieder an. Sein Blick zeigte kurz auf den Tisch hinter mir und ich drehte mich verstohlen um. Die beiden Damen saßen nach wie vor gegenüber. Ein etwas entfernterer Beobachter hätte meinen können, sie seien in ein angeregtes Gespräch vertieft, man musste nahe an ihnen sitzen um zu hören, dass sie jetzt in verschiedenen Sprachen sprachen und nur wenn man genau hinsah, erkannte man die kleinen schwarzen Handys in ihren Händen die sonst gewirkt hätten, als würden sie ihre Köpfe darin stützen.

"Wer sind die beiden?", fragte ich ihn.

"Wächter, wie gesagt. Du kannst sie dir buchstäblich als Anstandsdamen vorstellen.", sagte er und ein Grinsen, das sich nicht zurückhalten ließ, breitete sich langsam auf seinem Gesicht aus. Er sah aus wie ein Schuljunge, der etwas anzügliches sagen und seine eigene Begeisterung darüber zurück halten wollte.

Er beute sich vor und sprach jetzt ganz leise.

"Weißt du, was passiert, wenn du stirbst?

Ich schüttelte den Kopf.

"Sie küsst dich."

Mir stellten sich die Nackenhaare auf. "Welche von beiden?", fragte ich.

Er schloss kurz die Augen, weil ihm klar war, dass es ein Witz sein sollte. Natürlich wusste ich, dass er die junge Frau meinte.

Er blickte mich wieder an. "Also stell dir vor, du sitzt hier, alleine, es ist niemand sonst im Raum. Du siehst dir die Auslagen an, bekommst Hunger auf etwas Süßes, es duftet verführerisch nach Kaffee und dann kommt sie", eine unmerkliche Bewegung seines Kopfes in Richtung Theke, "und sie legt dir eine Hand auf die Schulter und fragt dich was du möchtest und alles, was du in dem Moment möchtest, ist, dass diese Berührung nie wieder endet, und dann siehst du ihr Gesicht; wenn sie dich berührt, sind ihre Augen nicht mehr grausam kalt, sondern unermesslich schön, du versinkst in diesen Augen, sie füllen die Welt an, du merkst gar nicht, wie eure Gesichter sich nähern und plötzlich küsst ihr euch und es ist der ekstatischste Augenblick deines ganzen Lebens – und der letzte." Er lehnte sich zurück und nahm einen Schluck Kaffee. "Ahhh, das ist mal leckerer Kaffee. Ich frage mich, wie die das hin kriegen. Hast du deinen schon probiert? Es ist der leckerste Kaffee der

Welt, das kann ich dir sagen und glaub mir, ich bin schon so ziemlich überall gewesen."

Ein selbstständiger Gedanke in mir erwog die Möglichkeit, dass der Tod den besten Kaffee machte, weil dieser in seiner Natur schwarz und bitter war, aber mir war nicht nach Wortspielen zumute. Ich wollte verstehen, und bisher führte alles, was er mir sagte oder zeigte, nur dazu, dass ich noch weniger das Gefühl hatte, zu verstehen, als vorher. Ich wollte verstehen und gleichzeitig war das nur ein kleiner Teil von mir. Der andere, viel größere Teil, wollte nochmal den Tod berühren.


Er sah wie immer die Fragezeichen in meinen Augen. Wahrscheinlich war mein ganzes Gesicht nur ein großes Fragezeichen. Ich wartete. Er nahm seelenruhig noch einen Schluck Kaffee – ich hatte meinen bisher nicht angerührt. Nicht der Moment, sich kulinarisch zu vergnügen.

"Du solltest ihn wirklich mal probieren", sagte er, ohne mich anzusehen. Dann seufzte er, stellte seine Tasse ab und wandte sich wieder mir zu.

Er sah mich an. "Weißt du, dass du da sitzt wie die Kuh beim kacken?"

Ich hatte nie einer Kuh beim kacken zugesehen, bzw, soweit ich mich erinnerte, fielen ihnen die Klumpen einfach aus dem Hintern, während sie vorne unbeeindruckt weiter kauten, aber er hatte recht, meine vorgeneigte und mit den Ellenbogen auf dem Tisch aufgestützte Haltung hatte etwas von jemandem, der verzweifelt drückt. Ich versuchte mich zu entspannen, wagte aber nicht, mich zurück zu lehnen, aus Angst, etwas zu verpassen.

"Keine Angst, sie tut dir nichts, zumindest hier nicht."

"Woher weißt du, dass ich nicht gerne hätte, dass sie mir was tut."

Entgegen meiner Erwartung grinste er breit. "Sehr gut, ich sehe langsam beginnst du zu verstehen, das ist genau, was ich dir zeigen wollte."

Mein erneuter Fragezeichenblick muss ihn vom Gegenteil überzeugt haben.

Er holte tief Luft und fing noch einmal neu an.

"Der Tod ist nicht das, wofür die meisten Leute ihn halten; und damit meine ich nicht die Tatsache, dass er hier Kaffee und Kekse verkauft. Überleg mal: was verbindest oder verbandest du mit dem Gedanken Tod, bevor du wusstest, dass sie rote Haare hat?"

Ich musste nicht lange überlegen. Trauer, Verlust, kalte Erde, regnerische Begräbnisse. Leichen.

"Horror, Schrecken, Schmerz?", ergänzte er.

Ich nickte. "Das absolute Grauen, die eisige Kälte, die Unwiderbringlichkeit, das...", ich wusste worauf er hinaus wollte und nickte wieder.

"Was du in ihren Augen gesehen hast, ist der Tod, wie wir ihn sehen. Buchstäblich der Tod vor Augen, der ganze Schrecken der Menschen vor diesem einen Gedanken und natürlich der Anblick des Todes selbst, zerfetzte Unfallopfer, Kriegsleichen und die Scherben ihrer Familien, die sie hinterlassen. Aber das alles ist der Tod von außen. Das sterben selbst ist...", er machte ein Pause, "...der absolute Wahnsinn."

"So, wie als sie mich berührt hat?"

"So ähnlich. Besser. Stärker."

Noch stärker?

"Was du gefühlt hast, als sie dich berührt hat, war nur ein Hauch von Tod, letztendlich dasselbe, das du spürst, wenn du eine Grenzerfahrung erlebst, Bungee-Jumping, Fallschirmspringen, alle diese Sachen.

"Was? Ich dachte, das sei Adrenalin. Was hat der Tod mit Bungee-Jumping zu tun?"

"Ach, Fliegen ist nichts für Menschen. Ihr habt – wir haben keine Flügel. Wenn du lange fällst, steht sie neben dir und streichelt dich. Es ist sowas wie eine Begrüßung. Wenn du zu lange fällst, wird aus der Begrüßung ein Kuss."

"Aber der Fallschirm oder das Gummiseil verhindern das."

"Richtig."

"Also sind Gummiseil und Fallschirm die beiden alten Damen die hier sitzen!?"

Er sah mich ein wenig vorwurfsvoll an wegen meines flapsigen Tones.

"Sehr pragmatisch ausgedrückt, aber dennoch nicht ganz falsch."

Stille. Ich wartete, was er noch sagen würde. Oft ließ er mich raten, bis ich schwarz wurde. Heute schien er aber aus irgendeinem Grund nicht bereit, damit Zeit zu verschwenden.

"Es sind Vernunft und Gewissen."

"Was?", ich hatte kurz vom Tod geträumt.

"Die beiden alten Damen. Es sind deine Vernunft und dein Gewissen. Vernunft und Gewissen jedes Menschen."

Ich schaute zu ihnen und auf den Tisch zwischen ihnen. "Trinken sie deswegen nur Tee?"

Wieder ein strafender Blick. "Sie trinken gar nicht. Sie arbeiten. Sie passen auf, dass du und ihre Tochter, der Tod, euch nicht zu nahe kommt."

"Ihre Tochter?!" Langsam wurde es wirklich verwirrend.

"Natürlich. Oder kennst du etwas vernünftigeres als den Tod? Zahlen bitte!

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12.04.2011

Cookie in the box

Wir betraten das kleine Café.
"Warum kommen wir hierher?", fragte ich ihn.
"Weil ich dir etwas über das Leben zeigen möchte. Schau, was siehst du?"
Ich sah mich in dem kleinen, aber gemütlich eingerichteten Raum mit der großen Fensterfront um.
Vier, vielleicht sechs Tische, wenn man die auf der Fensterbank dazu zählte, niedliche Farben, viel Rosa an den Wänden, Tische und Stühle in Weiß gehalten, die Stühle aus Holz, die Tische aus einer Art Fashion-Marmor. Gegenüber der Fensterfront die Theke, in den Auslagen Kuchen, Cookies und Brownies. Dahinter ein schmaler Durchgang und darüber eine Tafel, auf der in Kreide die Angebote und deren Preise standen. Ein kleines Spielzeugcafé, gemütlich, einladend, aber leer bis auf uns und zwei ältere Damen, die gemeinsam an einem Tisch saßen und sich ablickten, während beide in ihre Mobiltelefone mit anderen Leuten sprachen.
Die eine von ihnen hatte einen seltsamen englischen Akzent, mit etwas amerikanischem darin vielleicht, während die andere nach den ehemaligen Ostblockstaaten klang.
Ich konnte nichts erkennen was irgendeine besondere Bedeutung hatte, aber er hatte mir schon mehrfach gezeigt, dass die Dinge nicht waren, wie sie auf den ersten Blick schienen.
Wir setzten uns an den Tisch neben den der beiden Frauen.
Ich drehte mich zu ihm und fragte: "Wer sind die beiden älteren Damen?"
"Das sind Wächterinnen.", antwortete er.
"Was bewachen sie?"
"Dich."
"Wovor?"
In diesem Moment betrat eine Erscheinung den Gastraum.
Das heißt, zuerst war es eine ganz normale junge Frau, vom optischen her eine Studentin: nicht besonders eng anliegender dünner Wollpulli, eine Karottenjeans mit einem undefinierbaren Farbton irgendwo zwischen Grau und Schwarz und halbhohe hellbraune Lederstiefel.
Die Farbe ihrer Haare kam aus dem roten Paralleluniversum zu dem grauen der Jeans und ihre Bewegungen waren gemächlich, an der Grenze zur Behäbigkeit.
Sie kam zu uns an den Tisch und wandte mir ihr Gesicht zu.
Sie war schön, ihre roten Haare umrahmten eine elfenbeinglatte und -farbene Haut und ein ebenmäßiges Gesicht. Ich wollte etwas sagen wie: "Oh, Sie sind aber hübsch", aber ich konnte nicht mehr sprechen. Es war etwas in ihrem Gesicht, etwas, das die Zeit anhielt, etwas definitives, ein Bereich wie ein Ausgang aus der Zeit, wie wir sie kennen, ein Tor zur Ewigkeit. Es waren ihre Augen. Sie hatte eisgraue Augen. Das heißt, sie waren einfach nur grau, an der Grenze zur Farblosigkeit, ohne Ausstrahlung, ohne Bezug zum restlichen Gesicht, aber gleichzeitig waren sie Fleisch gewordene Kälte. In diesen Augen lebte ein anderes Wesen als in dem Körper, der sie trug und beim Anblick dieser Augen schien alles Leben aus mir zu weichen wie die Luft aus einem zerrissenen Ballon. Ich starb in diesem Moment. Dachte ich.
"Was möchten Sie bestellen?", holte ihre Stimme mich in die Gegenwart zurück. Das Gefühl der Leere verschwand. Ich vergaß den Satz mit dem hübsch sein und etwas Automatisches in mir bestellte Kaffee. Er nahm dasselbe. Sie ging zurück zur Theke. Ich saß für ein paar Sekunden reglos da, konzentrierte mich auf meinen Atem, dann drehte ich mich zu ihm, wollte ihn fragen, ob er das Gleiche gesehen, gespürt hatte, wie ich, als sie auf einmal zwischen uns stand und den Zucker auf den Tisch stellte. Wieder stoppte die Zeit. Die Spitzen ihrer Haare strichen über meine Schultern und auf einmal spielte mein Körper komplett verrückt. Es war, als rissen sich alle Nervenbahnen in mir darum, an diesen Punkt zu gelangen, als würde jemand mit einem riesigen Löffel einmal durch mich durch rühren und alles, was darin war, zu diesem Fleck schieben, wo ein Teil von ihr mich zart – gerade mal ein Hauch! - berührte. Als die Berührung vorüber war, verebbte das Gefühl genauso schnell wie es aufgebrandet war. Mein Blick wurde wieder klar, fiel auf ihn, der mir gegenüber saß. Er sah mich an, mit einem breiten Lächeln im Gesicht, einem wissenden Lächeln, wie ein Vater, der seinem Sohn seine erste Achterbahnfahrt geschenkt hat und genau wusste, dass dieser hellauf begeistert aus dem kleinen Wagen aussteigen würde, egal, wieviel Zweifel er vorher hatte. Er zwinkerte mir zu, drehte sich zu ihr um, sie war noch nicht mal einen Schritt weg, es konnten nur Sekundenbruchteile vergangen sein, was geschah hier Seltsames?, und rief: "Danke schön, Thana." Sie drehte sich mit einem für sie ungewöhnlichen Schwung zu ihm um, ihre Haare flogen in einem weiten Kreis durch die Luft, ihr Duft, was für ein unglaublicher Duft!, wehte zu mir und ich spürte, wie sich alle Haare meines Körpers aufstellten, wie dieser Duft durch mich hindurchging, alles, was an Gefühlen in mir war, auf maximale Energie hochfuhr und sie dann mit sich riss. Erneut saß ich, unfähig mich zu bewegen, willenlos da, ein Sack Fleisch, gestützt nur durch die Knochen in ihm und sein Eigengewicht und bekam noch einen letzten Blick aus diesen eisig-toten Augen.
"Gerne", sagte sie, schenkte erst mir und dann ihm ein Lächeln, drehte sich wieder um und ging hinter die Theke.
Als sie weg war, traute sich die Realität zurück in den Raum.
Ich spürte, wie mein Blut wieder zu fließen begann, wie sich Wärme von meiner Körpermitte in alle  Extremitäten verteilte, nahm wieder Geräusche wahr, den Verkehr vor dem Fenster, Gesprächsfetzen vorbeieilender Menschen, das Klappern der Teller und Tassen aus der Küche, die hinter dem schmalen Durchgang hinter der Theke zu sein schien.
"Und", grinste er, "wie findest du sie?"
Als Antwort entfuhr mir ein Keuchen. Dann: "Mein Gott, wer ist sie?"
Sein Gesichtsausdruck wurde ernst, er lehnte sich etwas zurück, strich mit Daumen und Zeigefinger an seinem Kinn entlang und drehte den Kopf kurz in Richtung Theke. Ich wagte nicht, hinterher zu sehen.
Er sah wieder zu mir, dieses Mal sehr tief in meine Augen.
"Sie ist der Tod.", sagte er.

 

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