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02.03.2011

La Maison du Pain

Im Bus.
„Was hoerst du?“, fragte sie. Ich hoerte gerade Defleshed, eine fiese Death-/ThrashMetal Band und sie war mir eigentlich lieber als ihre Stimme, aber ihre großen feuchten Augen und der unschuldige Blick bewegten mich doch zu einer Antwort.
„Defleshed“, sagte ich schliesslich.
„D-Flashed?“, fragte sie mit einem Fragezeichen groeßer als ihr IQ. „Kenn ich nicht, was machen die denn?“, strahlte sie mich an.
„Also, D-Flashed, das sind zwei Hamburger Szene-DJ´s, die mixen verschiedene Elektrostile und raus kommt so eine funkige, groovige Soulmischung.“
„Echt? Das klingt ja cool, darf ich mal hoeren?“, gluckste sie und strahlte mich an wie ein Atomreaktor zu Hauptbetrieb.
Es brach mir fast ein bisschen das Herz weil sie so strahlte, aber ich gab ihr meine Ohrhoerer.
„Immer noch hell begeistert steckte sie sich die Stecker ins Ohr und es dauerte einige Sekunden bis ihr Laecheln zuerst einfror und dann erstarb.
„Das…klingt…komisch.“, sagte sie.
„Echt?, zeig mal“, sagte ich und nahm ihr die Hoerer aus der Hand.
„Ah, sorry, das sind Defleshed, das ist der Ausdruck dafuer wenn dir das Fleisch von den Knochen geschnitten oder gerissen wird und die machen fiesen Death-/ThrashMetal.“
„Ah, kannst du mir dann vielleicht das andere zeigen?“, fragte sie ein bisschen reservierter als vorher.
„Was?“, fragte ich verdutzt.
„Na diese DJ´s, die mit dem Flash.“
Innerlich stoehnte ich auf und sah gen Himmel.
„Ach so, du meinst D-Flashed“, ich holte kurz Luft und entschied mich fuer die Wahrheit. „Also die gibt´s nicht. Und wenn es sie gibt hab ich sie nicht und wenn du sie hast und sie mir gibst werde ich das Tape verlieren oder mit dem Auto aus Versehen viermal drueber fahren und die Truemmer sechs Fuss tief in einer Salzwueste vergraben. Ich hasse Funk und ich hasse Soul. Ich bin ein Metaller, ich mag es laut, schnell und aggressiv und ich find es toll wenn es noch Menschen gibt die Instrumente bedienen und nicht nur Maschinen. Hast du das verstanden?“
Sie sagte nichts.
Aus ihrem Blick sprach ein ich will einfach dass du mich lieb hast und dieser Blick haette mir mein boeses und fieses Metaller-Herz gebrochen wenn ich nicht weggesehen und an der Landstrasse Schwaene gezaehlt haette.

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31.01.2011

Romantik zu Opas Zeiten

Mein lieber Werner,

Paris ist eine tolle Stadt. Die Champs-Élysées, der Arc de Triomphe und freilich der Eiffelturm ? ich wünschte Du könntest hier sein und das alles selbst mit deinen eigenen Augen sehen. Und erst die französische Küche! Selbst in den kleinen Dingen sind sie uns doch in vielem voraus, so gibt es hier für uns nichts schöneres, als an einem sonnigen Morgen mit einem frischen Croissant und etwas Butter in einem Café am Ufer der Seine zu sitzen und dem Treiben auf der Straße zu zu sehen.Und erst die Frauen! Schönere hab ich in ganz Europa nicht gesehen. Keck sind die, das kann ich dir sagen! Frivol und aufgeweckt, nicht so kühl, wie bei uns auf den Straßen, aber auch nicht so tugendhaft. Ich habe mich dennoch verliebt, unglücklich leider, es zerreißt mir das Herz!

Marie heißt sie, aber wenn sie ihren Namen sagt, so klingt es nicht, wie wenn eine Marie aus der Pfalz sich vorstellt oder eine aus dem Ruhrgebiet. Marie, das klingt hier mehr wie ein Gesang, wie süßes Vogelgezwitscher. Sie hat die schönsten Augen, die ich je gesehen habe, eine Haut weiß wie Schnee und einen Mund, so rot wie Blut, wie es im Märchen heißt.Und erst ihr Duft! Seiten-, nein, gar Bücherweise! könnte ich dir darüber schreiben, wie sie duftet, wie der leider noch ferne Frühling, wie ein Beet voller Rosen, wie ein Garten voll der schönsten Blumen , die Du je gesehen hast - ach, ich kann es dir gar nicht beschreiben.

Es war ihr Duft, der mich in sie verliebt gemacht hat, erst da war mir aufgefallen, wie hübsch sie auch war. Und ihre Stimme ? Marie, Marie, ich konnte es gar nicht oft genug hören.

Bei ihr fühlte ich mich ganz anders, bei ihr war es ganz anders, als bei den anderen zuvor. Ich spürte diese besondere Verbindung, von der immer alle reden, dieses Einssein, ich wollte sie für mich haben, nur noch mit ihr Zeit verbringen, in den Tag leben, sich nicht mehr um alles andere scheren.Dann hat Helmut ihr das Gesicht zertreten.

Dieser Helmut ist ein komischer Bursche. Als Divisionsführer muss er Autorität beweisen, aber ich glaube, es macht ihm Spaß. Vor ein paar Wochen hat er Josephine die Brüste abgeschnitten. Ach Josephine!, nein, ich schreibe jetzt nicht mehr von ihr, aber ich glaube, Werner hat es auf mich abgesehen. Als ihr Gesicht nur noch ein blutiger Matsch war, war auch meine Liebe zu ihr verschwunden. Das Gesicht einer Frau zählt doch mehr als andere zusammen, lass dir das gesagt sein! Aber ich verzage nicht! Vorgestern waren wir in einem der Dörfer in der Nähe und dort habe ich Madeleine kennen gelernt. Als Hans auf ihr war, spürte ich sowas wie einen Stich im Herzen, ich glaube, ich bin wieder verliebt! Ich muss nur aufpassen, dass Helmut das nicht spitz kriegt, dann führe ich meine Madeleine vielleicht schon nächstes Jahr heim nach Castrop und stelle sie Euch vor und wir können Weihnachten alle zusammen feiern.

Diese Jahr noch aus der Ferne, wünsche ich dir, mein Bruder, ein schönes und gesegnetes Weihnachtsfest und einen Guten Rutsch ins Jahr 41.Grüß die Mama und sag ihr, sie soll sich keine Sorgen machen! Dieser Krieg ist bald vorbei, noch drei, vielleicht sechs Monate, dann liegt ganz Europa dem Führer zu Füßen.

Dein dich liebender Bruder Fritz

Paris 1940

Heil H.

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29.11.2010

Hammer of Justice

Angefangen hat alles mit dem Scheißdynamo. Mein Fahrrad ist über dreißig Jahre alt und hat so einen alten mechanischen Dynamo, den man an den Reifen klappen muss. Wenn es regnet dreht er durch und das Licht bleibt aus. Kann ich nix für. Scheißkonstruktion. Dafür bin ich schneller, weil das Scheißteil mich nicht bremst und ich habe Augen wie ein Lux, scheiß auf die Dunkelheit, ich bin schwärzer; leichte, schwarze Radjacke, schwarze Tights, schwarze Schuhe, schwarze Seele, get out of my way.
Scheiß Polizeikontrolle. Sie stehen regelmäßig an der Brücke und klugscheißen über Verkehrssicherheit. War bisher nie ein Problem, mein Scheißfahrrad ist scheißverkehrssicher, aber bisher haben sie mich nur am Tag angehalten. Scheißbullen.
„Guten Abend, würden Sie bitte absteigen, ihr Licht ist nicht an.“
„Doch ist es.“
„Halten Sie mich für blind. Ich sehe doch, dass es aus ist.“
„Sehen Sie mal nicht, hören sie mal lieber.“
Ich nehme das Vorderrad hoch und drehe den Reifen mit der Hand. Schwach aber deutlich hört man den Dynamo surren.
„Sehen Sie es jetzt?“
„Ja, aber es brennt nicht.“
„Kann ich ja nix für.“
„Damit können Sie bei Nacht aber nicht fahren!“
„Klar kann ich. Ist nicht mein Problem, wenn ihre Verkehrssicherheitsgeräte nicht funktionieren. Und ich hab das Scheißfahrrad als scheißverkehrssicher gekauft, also könnten Sie mich jetzt bitte durchlassen.“
„Mäßigen Sie mal ein bisschen ihre Sprache. Was ist denn das, da fehlen doch die Reflektoren.“
Ja, Scheiße, die Reflektoren. Hat der Arsch in der Werkstatt im Frühling geklaut, wahrscheinlich seine Art von Trinkgeld eintreiben. Oder es war irgendein Penner, der das Schloss nicht aufbekommen hat. Egal, jedenfalls ist es mir erst nach der Werkstatt aufgefallen und weg ist weg. Am Hinterrad sind noch zwei, ich hatte beschlossen, dass die reichen.
„Echt? Scheiße, die muss mir gerade einer geklaut haben. Als ich heute Morgen losgefahren bin, waren die noch dran, ich schwör´s.“ Ein sehr schiefer Blick.
„Was denn?!!? Ey, Mann, mein Fahrrad steht den ganzen Tag draußen, weißt Du wie oft da schon einer versucht hat, das Scheißschloss aufzubrechen. Sind halt weg, ist mir nicht aufgefallen, ich kauf neue. Kann ich jetzt weiter fahren, mir ist kalt!“
Es ist scheißkalt. Und es regnet. Und ich hab nur sehr dünne Sachen an. Schwarz, aber dünn. Ich brauche Bewegung. Aber ich hab wohl einmal zu oft Scheiße gesagt.
„Ich glaube nicht, dass sie heute noch damit irgendwohin fahren. Zeigen Sie mir bitte mal ihren Ausweis und ihren Führerschein, wenn Sie einen haben.“
„Ey Mann echt, das reicht jetzt ich erfriere hier und ich hab nichts gemacht, lassen Sie mich endlich durch.“
„Ihre Papiere bitte.“
„Lassen Sie mich durch! Fuck, Mann, ich erfrier hier, scheiß auf die Reflektoren, ich kaufe morgen neue, aber ich muss jetzt echt hier weg.“
„Sie kommen hier nicht eher weg, als bis wir hier fertig sind.“
„Falsch! Ich kenne meine Rechte, sie können mich nicht festhalten, wenn ich nichts gemacht habe. Ich fahr jetzt los. Ey Du Fotze, lass mein Fahrrad los.“ Seine Scheißkollegin krallt ihre Scheißhühnerklauen in meinen Gepäckträger und hält mich fest.
„Ey verdammt“, schreie ich mit schriller Stimme, „das reicht jetzt, zeigen Sie mir ihre Dienstausweise, ich lege Beschwerde gegen Sie ein. Ich kenne meine Rechte.“
„Wollen Sie sich richtigen Ärger einhandeln. Sie beruhigen sich jetzt bitte, oder wir müssen Sie auf die Wache mitnehmen.“
„Zeigen Sie mir ihre Ausweise, oder ich schreie hier die ganze Gegend zusammen.“
Seine Hand tastet sich in Richtung der Handschellen, die hinten an seinem Gürtel sind. Kenn ich, den Griff, hab ich schon tausend Mal gesehen. Ich werde ganz ruhig.
„Ok“, sage ich, „Ich rufe jetzt die Polizei.
„Äh, was wollen Sie bitte?“
Ich achte nicht auf ihn und tippe schon. 112. Die Zentrale geht dran.
„Hallo, mein Name ist Soundso, ich werde hier von zwei Personen widerrechtlich festgehalten, die sich als Polizisten ausgeben und sich weigern, mir ihre Dienstausweise zu zeigen. Ich stehe an der Brücke … bitten kommen Sie schnell.
Ich hab schnell geredet. Schneller als der Scheißbulle das verarbeiten konnte. Er keucht entsetzt und versucht mir das Handy zu entwenden. Dabei fällt es runter. Ich schreie ihm hinterher. „Hilfe, ich werde angegriffen!“
Das war vor Gericht der Todesstoß für die Verteidigung. Zähneknirschend gibt das Gericht mir Recht. Ein unabhängiger Gutachter (ein Freund meines Vaters, aber das weiß hier keiner) und Besitzer eines Fahrradladens hat mein Fahrrad als Verkehrssicher nach den Regeln der Straßenverkehrsordnung bestätigt. Die beiden Scheißbullen werden wegen Nötigung und Anmaßung im Dienst mit Disziplinarstrafen belegt. Der Staatsanwalt hat versucht, mit mir eine außergerichtliche Einigung zu erreichen, aber Scheiße!, ich kenne meine Rechte, soll doch jeder wissen, was für verkackte Schweine unsere angeblichen Freunde und Helfer sind. Und mittlerweile weiß es jeder. Die Scheißpresse hat sich drauf gestürzt wie Scheißfliegen auf einen gewaltigen Scheißhaufen. „Rechtssystem schlägt sich selbst“ und so. Mir alles scheißegal.
Nach der Verlesung des Urteils dreht sich das blasse Gesicht des Polizeichefs zu mir und sagt: „Na, herzlichen Glückwunsch, Fräulein (sarkastisch), aber seien Sie sich bewusst, dass Sie von uns in Zukunft mit keinerlei Unterstützung mehr rechnen werden können.“
Oha. Ist der bescheuert? Ich bitte das Gericht einen Moment zu warten und berate mit meinem Anwalt. Schließlich sage ich zum Richter: „Euer Ehren, haben Sie gehört, was der Polizeichef eben zu mir gesagt hat?“ Natürlich hat er, er hat es ja durch den halben Saal geschrien.
„Ich möchte den Polizeichef anzeigen weil er mir gedroht hat und wegen vorsätzlicher unterlassener Hilfeleistung.“ Im Saal bricht ein Tumult los, sogar der Richter wird noch blasser. Vielleicht haben ihn auch die ganzen Kamerablitze ausgebleicht. Die Presse ist außer sich, die Staatsorgane auch. Aber was kann ich dafür, ich spiele nur ihr Scheißspiel mit ihren eigenen Scheißregeln. Scheiße, ich kenne meine Rechte!
Der Polizeichef musste gehen und die Politiker überlegen eine Neustrukturierung und Disziplinierung der Polizei, angefangen bei Lohnkürzungen. Das war heute morgen. Jetzt ist es Nacht und ich bekomme Besuch von vier schwarz gekleideten Gestalten. Sie bewegen sich extrem geschmeidig und man sieht, dass sie wissen, was sie tun. Wahrscheinlich GSG9 oder sonst irgendeine Sondereinheit. Ich kann sie durch das Infrarotzielgerät sehr gut erkennen. Außerdem sehe ich, was sie nicht sehen, nämlich die acht Männer die in den Schatten und Nischen auf sie warten. Ich hab durch die Sache jetzt viele neue Freunde, die auch wissen, was sie tun. Wahrscheinlich auch GSG9er, Ex natürlich, Polizeifreaks, etc. Ist mir egal. Die hocken alle in meinem Haus, ich gegenüber auf der anderen Straßenseite. Schießtraining hatte ich heute auch und der kalte Stahl in meiner Hand fühlt sich gut an. Hungrig. Scheiße, Mann, ich kenne meine Rechte.

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08.11.2010

Beggarsland

Es ist für Fremde immer eine seltsame Erfahrung, diese Stadt zu betreten. Auf dem Weg vom Haupttor zu dem großen Platz mit dem Zwillingsminarett lauern sie ihnen auf, klammern sich an ihre Mäntel und Röcke und recken ihnen flehende Hände und Geschwüre statt Gesichtern entgegen.
„Herr, Herr, beim Propheten und seinen Jüngern, eine milde Gabe, bitte, erinnert euch an die Pflicht, Almosen zu geben, Herr.“ Die Fremden stoßen sie zur Seite, angewidert von ihrem fauligen Atem und den tiefen eiternden Wunden an ihren Armen und Händen. Sie bedecken ihre Gesichter mit Tüchern und weichen von den Häusern, den Türen und den Vordächern in die Mitte zusammen, rücken Rücken an Rücken und suchen den Weg auf den rettenden Platz in der Mitte der Stadt.
Doch sie folgen ihnen. Auf ihren Stümpfen kriechen sie den Gehenden hinterher und verdoppeln ihre Rufe: „Herr, Herr, so haltet ein, erinnert euch eurer Pflicht, Herr, doppelter Segen ist gewiss dem jenigen der gibt. Herr, so wartet doch, ein Heller für euer Heil, ein Heller für euer Heil, gebt doch.“
Die Menge zieht sich noch mehr zusammen. Eilige Schritte, hastiges Stolpern und gedämpfte Rufe derjenigen, die fallen. Eine kopflose Herde wie ein blindes Tier. Hinter ihnen die zerfallende Meute, der Odem der Verwesung und in den Gesichtern die Zeichen der Zersetzung. Die Einäugigen heften ihre Blicke an ihre Beute wie Fliegen ihre Rüssel in tote Haut. Stöhnend recken sie ihre fauligen Finger und treiben die Verfolgung unbarmherzig voran. Ihre Fetzen fetzen über den steinigen Untergrund, ihre Knie stoßen sich blau und grün und wessen Stümpfe auf einem Wagen ruhen, der schabt sie sich blutig am Holz im Wahnsinn der Verfolgung.
Der Platz, nicht mehr weit, liegt in friedlichem Licht und ungewahr des stummen Kampfes der zwei sich nahenden Gruppen.
Nur ganz leise hört man die eiligen Schrittte, dahinter das dumpfe Schaben und hastigen Atem. Schließlich die ersten, es sind die Fremden, ihre Füße haben sie schneller getragen als die Bettler ihre Stümpfe. Erleichtertes Aufatmen als auch der letzte den Schatten entkommt und den lichten Raum betritt. Die verfaulende Meute bleibt im Schatten der Gasse zurück und murmelt leise Verwünschungen. Flüche der Verdammten. Die Fremden atmen auf im kühlen Schatten des Minaretts. Das Gemurre und der leise Fluch des Pesthauchs der Verfolger verblassen in den Geräuschen der Stadt und ziehen sich an den Rand der Wahrnehmung zurück wie Insektenbeine hinter Steinen verschwinden.
Gerettet. Eine heile Welt eine Frage der Wahrnehmung und des Glücks, einen Schritt schneller gewesen zu sein als das Elend.
„Herr, eine milde Gabe.“ Die Fremden erstarren als die Stimme erklingt. Langsam löst sich ein Schatten aus dem Schatten hinter ihnen. Eine Hand tastet sich vorsichtig vor ins Sonnenlicht, geöffnet, mit der Handfläche nach oben, nichts anderes balancierend als eine stumme Bitte. Es folgt der Arm, das Sakko, ein furchterregendes Gesicht und schließlich der andere Arm – mit dem Aktenkoffer.
Erleichtertes Aufatmen.
Sagt einer: „Puh, ich dachte schon, sie wollten Geld von uns.“
Der neue legt den Kopf ein wenig zur Seite.
„Ja, natürlich, was dachten denn Sie?“
Unsicheres Schweigen, Scharren mit den Füßen. „Aber…sie tragen doch einen Anzug.“
„Ja selbstverständlich. Ich arbeite bei der Deutschen Bank“, sagt es und zeigt mit einem Nicken auf die Zwillingstürme hinter ihm.
„Sie sind Bettler? Und bei der Deutschen Bank?“
Ein Lachen das das Eis bricht.
„Sehen Sie mal, ob sie das Geld mir hier geben, einem anderen Bettler oder in eine Filiale von uns bringen ist letztendlich egal. Weg ist es doch so oder so.“
„Und was machen Sie dann hier auf der Straße?“
„Oh das…ein kluger Plan unserer Führungskräfte, von denen ich zufälligerweise einer bin.“ Mühsam vorgeschobene Bescheidenheit lässt ihn auf seine Nägel blicken. Als Applaus ausbleibt sammelt er sich und erinnert sich der Kunden jenseits der unsichtbaren Schalterlinie.
„Wissen Sie, wir haben outgesourct. Eines Tages wurde die Menge an potentiellen Konkurrenten um Ihr Geld hier in den Straßen erdrückend groß. Sie lauerten an jeder Ecke, blockierten die Eingänge zu Geschäften und Bankfilialen und dabei machten sie einen unglaublichen Umsatz. Millionen von Menschen, die diese Stadt jeden Tag durchqueren, vollkommene Befreiung von der Steuer, wissen Sie, was das für einen Reingewinn bedeutet?“ Seine Augen fangen an zu leuchten. „Da dachten wir: „Penner sein – das muss der Renner sein“ und haben unsere gesamte Belegschaft mit Ausnahme der Informatik, die lebt sowieso im Keller, an die frische Luft verfrachtet und unsere Büroräume an den Staat, Abteilung Asylantenlager vermietet. Die werden richtig dick subventioniert,  meckern nicht, wenn auf dem Klingelschild weiter unser Name steht und wir können direkt beim Kunden arbeiten. Ist ja auch gesünder, von wegen Sauerstoff, Licht und so, Stiftung Warentest hat jedenfalls angedeutet, dass e
in Preis als Mitarbeiterfreundlichster Arbeitsplatz im Bereich Elektrosmog ansteht, das ist natürlich eine große – wie sagt man? – Ehre für uns.  Aber genug von ungelegten Eiern, schließlich sind wir ja hier um Geschäfte zu machen. Ich biete Ihnen heute etwas ganz besonderes an: Zwei statt einem, na wie klingt das?“
Eine vorsichtige Frage: „Zwei statt einem was?
Professionelle Geduld: „Na, Sie geben mir heute zwei statt einem Euro. Ist ein Superdeal, kann ich Ihnen sozusagen als Insider verraten.“ Zwinker.
„Aber…was kriegen wir dafür?“
„Ein gutes Gewissen!?“ witzelt einer verzweifelt.
„Ein was?“ Das erste Mal wirkt der Anzug ratlos
„Ach so, hab ich von gehört, wenn es uns nichts kostet können sie soviel davon haben wie Sie möchten. Ihr Glückstag heute sozusagen.“ Ein breites Grinsen über der aufgehaltenen Hand.
„Eine Frage.“
Leichte Ungeduld umwölkt den Zenit über der Krawatte.
„Bitte.“
„Was ist denn dann mit den Pen…mit den echten Obdachlosen?“
Aus dem Grinsen schälen sich scharfe Zähne. „Feindliche Übernahme. Das war kein Problem, schließlich haben wir größeres Kapital gebunden. Hat uns ein Lächeln gekostet. Die Leute arbeiten jetzt alle für uns oder müssen nicht mehr arbeiten.“
Der letzte Satz schwebt zwischen der zunehmend ratlosen Menge aus der nun ein anderer nach den verschorften Horden vor dem Eingang des Platzes fragt.
„Ach die. Ausländische Investoren. Societé Générale, die hatten ein bißchen Pech in der letzten Zeit. Aber wie Sie sehen, ist Frischluftarbeit nun gängige Praxis.“ Ein Piepen seines I-Phones unterbricht ihn.
„Oh, entschuldigen Sie vielmals, ich würde Sie jetzt doch bitten, ihre Kontobewegungen umgehend zu tätigen, ich muss in Kürze zu einem Meeting.“
„Zu einem…Meeting? Draußen?“
„Ja, selbstverständlich, ich war gerade auf dem Weg dorthin. Sie haben großes Glück, mich überhaupt getroffen zu haben. Wir treffen uns dreimal am Tag auf dem Crackhurengelände vorm Hauptbahnhof. Gleich kommt ein ganzer Zug Schweizer Touristen, das sind erstklassige Geschäftspartner. Zwischendrin stehen wir an den Reisebushaltestellen und machen Geschäfte mit den Asiaten. Das Geschäft boomt, kann ich Ihnen sagen, falls Sie also mal ein neues Arbeitsfeld suchen…“
Er lässt den letzten Satz kurz wirken und: „Wenn Sie jetzt so freundlich wären, Zeit ist Geld“, sagt er und geht mit aufgehaltener Hand durch die Menge.
Die Fremden erkennen die Unausweichlichkeit ihrer Lage. Verhalten klingen erst einzelne, dann immer mehr Münzen in der geldgewohnten Handfläche.
„Besten Dank, die Deutsche Bank wünscht Ihnen einen schönen Aufenthalt in Frankfurt am Main.“, trällert der Mann mit dem Aktenkoffer, den er kurz darauf benutzt um sich einen Weg durch die zersetzte Belegschaft der französischen Bank zu prügeln.
Die Fremden bleiben verloren in der Mitte des Platzes zurück und der Schatten der Zwillingstürme des Deutschen Kredit- und Bankenwesens liegt erdrückend auf ihren Häuptern.
Zum Glück kommt bald ein Angestellter der Commerzbank und reißt sie mit einem unschlagbaren Angebot aus ihrer Lethargie.
Penner sein – das muss der Renner sein.

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12.10.2010

Ein Mann

Ein Mann sitzt auf einem Stuhl.

Ein Mann sitzt auf einem Stuhl an einem Tisch.

Ein Mann sitzt auf einem Stuhl an einem Tisch in einem Raum mit einem Fenster.

Ein Mann sitzt in einem Raum mit einem Fenster zu Straße. Vor dem Fenster fangen die Farben an zu verblassen.

Ein Mann sitzt vor den Farben ohne sich ablenken zu lassen. Ein Mann den die Farben vor allem anderen hassen.

Ein Mann sitzt in einem Raum auf einem Stuhl.

Ein Mann sitzt auf einem Stuhl bei Tag und bei Nacht. Ein einsamer Mann wacht. Er sitzt auf seinem Stuhl ob es stürmt oder schneit, als warte er auf etwas, das ihn befreit.

Ein Mann sitzt an einem Tisch, umgeben von weiß. Ein Mann der als einziger weiß wie er heißt. Ein Mann wie ein Fleck in einem Raum ohne Dreck. Ein Mann wie er geht niemals weg. Ein Mann ist der Fixpunkt in einem Raum voller weiß. Ein Mann mit einer schwarzen Seele, wie es heißt. Ein Mann der in sich aufsaugt, was der Raum ihm entbehrt. Ein Mann der keinen Eintritt in seine Schwärze gewährt.

Ein Mann von dem die Menschen nur flüsternd erzählen, sitzt in einem Raum auf metallenen Stehlen. Ein Mann in einem Universum aus Kunst und aus Blut, er sitzt in seinem Raum, das ist alles, was er tut.

Ein Mann sitzt in der Mitte wie ein Haufen aus Dreck. Ein Mann in seiner eigenen Welt nur ein Fleck. Ein Mann den nachts Dämonen jagen, Dämonen die sich in das weiß nicht wagen.

Ein Mann verdammt auf einem Stuhl zu bleiben und langsam am Leben vorüber zu treiben.

Ein Mann der einst zuviel begehrte und dem das Leben zuwenig gewährte. Ein Mann unter tausend, ein Mann ohne Ziel. Ein Mann der einst etwas zu tief fiel.

Ein Stuhl ein Tisch, ein Raum ohne Farbe, ein schwarzer Fleck wie eine klaffende Narbe. Die Endstation Leben, gefangen im Nichts, die Schwärze der Mitte, das Ende des Lichts.

Ein Raum in einem Traum ohne Sinn ohne Ziel, ein Mann ohne Leben ohne Anteil am Spiel. Ein Mann der schon tot ist, aber es noch nicht weiß, bis der Tod ihn gnädig der Erde entreißt.

Ein Mann der langsam verwest und verweicht. Ein Mann dem die Zeit die Farbe ausbleicht. Ein Mann war einst ein schwarzer Fleck, im Tod bleibt von ihm nur weißer Dreck.

Ein Mann sitzt in einem Raum ohne Licht. Aus dem Fenster sieht er nicht.

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