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13.03.2012

31.12.2003

Dienstag, 7.38 Uhr.

Vor dem Schaufenster der Bäckerei fährt ein vollgestopfter Linienbus vorbei. Die Strasse ist bedeckt von Schneematsch. Ein paar Grundschüler ziehen mit schlurfenden Schuhen kreuz und quer über den Gehsteig ihre Bahnen. Zeit ist für sie offenbar noch sehr relativ. Sie bleiben vor dem Schaufenster stehen, blicken auf die Berliner mit Vanilleüberzug und rufen sich etwas zu. Einer von ihnen glotzt mich durch die Scheibe an. Ich glotze zurück. Drinnen ist es warm und der Strassenlärm gedämpft. Was es denn sein darf, fragt mich eine der zwei Verkäuferinnen, während ein Mann hinter mir lautstark seinen Kaffee schlürft. Philosophisch gesehen habe ich auf die Frage keine Antwort, praktisch gesprochen aber schon. Sie packt mir zwei Butterbrezeln ein und fragt, ob ich sonst noch einen Wunsch hätte. Irritiert blicke ich die junge Frau an. Wo ist der Zauberstaub in ihrer Hand? Leuchtet über ihrem Kopf wirklich ein Regenbogen in allen Farben? Bilde ich mir das nur ein, oder schwebt sie tatsächlich fünf Zentimenter über dem Boden? Eines steht jedenfalls fest: Sie lächelt mich freundlich an. Ob ich noch einen Wunsch habe? Ja, habe ich. Als erstes wünsche ich mir, dass ich fliegen kann wie im Traum. Einfach so, ohne Hilfsmittel, ohne Angst. Und ich möchte mich gern unsichtbar machen können. Ich wünsche mir nie mehr schlafen zu müssen, aber zu können, falls mir der Sinn danach steht. Das gleiche gilt fürs Essen und für das Sterben. Wenn ich will, kann ich zwar, wenn ich nicht will, muss ich aber nicht. Ein Bankkonto wünsche ich mir, dass sich auf wundersame Weise von selbst auffüllt. Egal welche Summe ich auch abhebe, der Kontostand gleicht sich von selbst wieder an als wäre nichts gewesen. Dann schäme ich mich für meinen Egoismus und wünsche mir, dass die Konflikte auf diesem Planeten endlich ein Ende haben. Die Empfindung ?Hass? wird ersatzlos aus dem menschlichen Emotionskatalog gestrichen. Sie hätten gern eine Portion Hass? Geschnitten oder am Stück? Ach, so, ne Moment, ?Hass? ist alle, den kriegen wir auch nicht mehr rein. Ich frage mich, ob ich mir Zufriedenheit für alle wünschen soll oder wird das auf Dauer zu langweilig? Jetzt, wo ich doch unsterblich bin. So ein offensichtlicher Gutmensch sein zu wollen ist irgendwie auch pubertär. Ich wünsche mir auf jeden Fall mehr menschliche Reife und natürlich würde ich es gut finden, wenn die junge Frau sich ihrer Schürze entledigte, sich langsam die Bluse aufknöpfte und mir ihren Körper in ihrer natürlichen Schönheit präsentiert. Ja, ich wollte sie nackt vor mir knien sehen, das wäre jetzt genau nach meinem Geschmack. Aber dann geht eine kleine Türe in meinem Kopf auf und da ist noch ein Wunsch, ganz hinten in der Abstellkammer des Gedächtnisses versteckt. Silvester 2003 auf 2004 waren ein Freund ich auf dem Weg zu einer Party etwas ausserhalb der Stadt. An einer Bankfiliale wollten wir noch Bargeld holen. Als wir in das angenehm beheitzte Innere der Filiale betraten sahen wir ein älteres Paar, das auf zwei Stühle vor der Heizung saß. Die beiden mussten um die sechzig Jahre alt sein. Der Mann trug einen dunkelblauen Mantel, Stoffhose und schwarze Schuhen. Seine Begleiterin hatte ein Kopftuch um die Haare gelegt, trug ebenfalls einen langen Mantel, dunkelgrau. Darunter schaute ein langer Rock und beige Strumpfhosen hervor. Die Füsse steckten in flachen Schuhen, die schon etwas abgetragen waren. Neben einem der Stühle stand eine gefüllte Plastiktüte mit dem Aufdruck eines grossen Supermarktes. Die beiden schauten auf den Boden, die Hände auf den Knien. Sie schwiegen. Mein Blick wanderte von dem einen zum anderen. Die beiden waren ganz offensichtlich keine Obdachlosen, die sich nur im inneren der Bank aufwärmen wollten. Der Fehler an diesem Bild war ihre Körperhaltung, ihr Schweigen. Ich konnte nicht glauben, dass sie nur auf jemanden warteten. So trug man auch keinen Streit zwischen Ehepartnern aus. Ich konnte mir auch nicht vorstellen, dass sie eine schlechte Nachricht verdauen mussten, die vor wenigen Minuten über das Mobiltelefon eingetroffen war. Diese beiden Menschen wirkten so verloren in Zeit und Raum, so fehl am Platz, dass es mir den Atem verschlug. So sehr ich die beiden auch anstarrte, ihre Augen hoben sich nicht. Die Mundwinkel des Mannes zuckten leicht hin und her. Aber das war das einzige an den beiden, dass sich bewegte. Ansonsten hätte man glauben können, es mit Wachsfiguren zu tun haben. Während mein Begleiter sein Geld abhob und in der Jackentasche verstaute, nahm meine Verwirrung noch zu. Die beiden waren von einer undurchdringlichen Wolke von Einsamkeit umgeben, die mir das Herz zerdrückte.

?Lass uns abhauen?, hatte mein Begleiter gesagt und die Türe aufgerissen. Wir verliessen das Gebäude, hatten ein festen Ziel. Wir wollten uns zum Jahresende die Birne zudröhnen. Am besten koksgeschwängert in den Armen des anderen Geschlechts in das kommende Jahr feiern. Wenige Meter später wandt ich noch einmal den Kopf. Die beiden sassen immer noch da. Unbewegt. Ihre Körper von hinten betrachtet wirkten wie Ausstellungsstücke in einem Museum. ?Hast du das gesehen?? fragte ich. ?Nö, was denn??, wollte mein Kumpane wissen.

Während sich vor meinen Augen das fragende Gesicht der Bäckereiverkäuferin manifestierte und ich mich fragte, wie lange ich wohl geistig abwesend hier schon gestanden sein mochte, wurde mir klar, dass es sich bei der Sache mit dem Silvesterabend um einen echten Herzenswunsch handelte. Ich wünschte mir zu wissen, wer diese beiden Menschen gewesen waren. Was sie dort in der Bank am Silversterabend machten und was aus ihnen geworden war. Ich wünschte mir zu wissen, ob es den beiden gut ging.

Dienstag morgen 7.43 Uhr. Ich eile in Richtung Strassenbahnhaltestelle. Es ist kalt hier draussen auf der Strasse. Es ist kalt hier drin bei mir.

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21.03.2011

Immer wieder Sonntags

„Warum eigentlich nicht?“, dachte sich Christian Göbel. Von seinem Fenster aus schaute er in die wärmende Sonne eines Sonntagnachmittags im Mai. Der Frühling weckte eine längst verloren geglaubte Lebensfreue in ihm. Er fühlte sich krafvoll und tatendurstig. Spring über deinen Angstschatten, du kleines Häschen. „Ja, warum eigentlich nicht?“ Christian zog sich komplett aus und rannte das Treppenhaus hinunter. „Juhu!“, schrie er und fühlte sich seltsam lebendig, nahm seine eigene Freiheit etwas erstaunt zur Kenntnis. Nackt wie er war hielt er auf den Stadtpark zu. Er wollte weichen Rasen unter seinen Füßen spüren und sich als Teil der Natur begreifen. Als er den Eingang erreicht hatte, hob er im Vorüberhasten einen großen Stock auf und nahm ihn quer zwischen die Zähne. Mit wedelndem Schwanz hielt er auf die nächstbesten Spaziergänger zu. Es handelte sich um ein älteres Ehepaar. Die Frau ging zwei Schritt zur Seite und wich ihm aus. Schützend hielt sie die Arme vor sich ausgetreckt. „Ich tu dir nix!“ rief Christian zwischen den Zähnen hervor. „Ich will nur spielen.“ Aber die Frau schien irgendwie nicht überzeugt. Ihr Mann war einfach stehen geblieben und schaute Christian entgeistern an. Um seine guten Absichten zu demonstrieren sprang Christian immer wieder an dem Mann hoch und begann diesen mit seiner Zunge im Gesicht abzulecken. Der Mann versuchte sich wegzudrehen. Christian ließ den Stock vor die Füße des Mannes fallen und rannte zehn Meter in die Wiese hinein. „Komm, wirf mir den Stock! Wirf mir den Stock! Wirf mir den Stock! Ich will den Stock!“ Voll brennender Ungeduld rannte Christian im Kreis, warf seine Arme hoch in die Luft und brüllte: „Jetzt wirf doch den Stock, du Penner! Ich will spielen.“ Doch der Mann reagierte nicht, die Frau war schon weitergelaufen. Ihre Schritte waren schneller geworden. Als sich ein Fahrradfahrer näherte rannte Christian neben ihm her und rief „Hey! Hey, du, psssst, hey! Hey, komm verpiß dich, hey, hey.” Der Radfahrer sah zu, dass er Land gewann. Dann plötzlich kam ein anderer nackter Mann über die Wiese gesprungen und versuchte seinen Arsch zu beschnuppern. Das war ja wohl echt das allerletzte. Missverständnisse mussten sofort an Ort und Stelle ausgeräumt werden. Christian ohrfeigte den anderen, tänzelte um ihn herum und versenkte schließlich einen Treffer direkt auf die Nase. Dem anderen rann augenblicklich Blut über das Gesicht. Laut heulend und winselnd lief er zurück zu seinem Frauchen. „Herrgott, gehört der Scheißtyp zu ihnen?“ rief die Frau dem älteren Ehepaar zu, doch dieses verneinte Lautstark. „Das die Leute ihre durchgeknallten Typen nie an die Leine nehmen können.“ Christian war enttäuscht. Warum wollte keiner mit ihm spielen? Er kackte auf die Wiese, streckte allen die Zunge raus und ging nach Hause.

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14.12.2010

Eigentlich hätten wir glücklich werden können

Eigentlich hätten wir glücklich werden können. Oder immerhin Freunde. Zumindest die nächsten drei Jahre. Danach tauchen erfahrungsmäß die ersten ernsthaften Probleme auf. Und sagen wir mal so, an mir lag es nicht. Ich hätte dich benutzt, du hättest mir gedient. Jeden Tag. Mindestens zweimal. Man sagt, du schluckst ganz ordentlich, bitte, dass werden wir sehen. Am Geld solls jedenfalls nicht scheitern.

Dein Typ wünscht mir viel Spaß und winkt uns hinterher. In spätestens einer halben Stunde soll ich mit dir zurück sein. Bevors losgeht lasse ich meine Hände über dich gleiten, fühlt sich griffig und startklar an. Dann packe ich zu und steige auf. Es fängt auch alles gut an, du gehst hervorragend mit, aber dann kommt dieser komische Geruch von dir, gleich darauf dieser seltsame Laut und ich weiß irgendwas stimmt nicht. War das zu hart für den Anfang? Ich schaue an uns runter. Was ist das denn? So was habe ich ja noch nie gesehen! Ich verliere die Konzentration und das ist der Anfang vom Ende. Du entgleitest mir, du tust mir weh! Komisch, war das gerade mein Bein, das an uns vorübergeflogen ist? Nein, es war der Arm! Ich hab das Stück Holz auf der Straße einfach nicht kommen sehen. Ende einer Probefahrt mit dem Motorrad. Ich werde mich beschweren.

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