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Klassenfahrt

„Aua, Scheiße!“
„Was ist passiert?“
„Ich hab mir nen Nagel abgebrochen.“
„Und das tut so weh?“
„Natürlich, der ist eingerissen.“
„Blutet es?“
„Ich glaub schon.“
„Ich würd dir ja ein Pflaster holen…“, lächelte Boris.
Karin winkte ab.
„Schon gut, warte.“
Sie verließ den Raum, ging in der Küche ans Fenster und hielt ihren Zeigefinger ins Sonnenlicht.
„Von dem Nagel kann ich mich verabschieden“, rief sie zu ihrem Mann.
„Im Verbandkasten müsste noch so ein Jod-Zeug sein.“
„Bitte?“
„Im Verbandskasten“, rief Boris nun lauter. „Jod. Damit sich das nicht entzündet.“
„M-hm“, machte Karin und ging ins Bad, um sich den halb gebrochenen Fingernagel abzuschneiden.
Wieder in der Küche kramte sie in einem der Schränke nach dem Verbandkasten, konnte ihn aber nicht entdecken.
„Schatz, wo ist der Kasten?“, rief Karin mit der verletzten Fingerkuppe im Mund.
„Im Schrank.“
„Nein, da ist er nicht.“
„Da muss er aber sein.“
„Ist er nicht, Boris. Glaub es mir.“
Boris schwieg einige Sekunden.
„Ach nein“, rief er dann. „Ich hab gestern Abend noch eins von den Biene Maja Pflastern gebraucht für Clarissa. Kann sein, dass der Kasten noch bei ihr im Zimmer liegt.“
„Du hast mir gar nicht gesagt, dass sie sich verletzt hat.“
„Hat sie auch nicht. Sie konnte nur nicht schlafen, weil ein Mückenstich gejuckt hat. Ich hab ihr gesagt, dass er mit einem Pflaster nicht mehr juckt.“
„Bitte?“
„Eine Mücke! Hat sie gestochen.“
„Ach so. Wie süß von dir.“
Karin schob die Schublade zu und ging in das Zimmer ihrer Tochter, die heute Morgen mit ihrer Schulklasse eine einwöchige Klassenfahrt angetreten hatte.
Der Verbandskasten lag noch immer geöffnet auf einer ihrer Spielkisten.
Karin beugte sich hinab und nahm das Fläschchen mit der Tinktur.
„Du kannst den Kasten doch nicht einfach bei ihr im Zimmer stehen lassen“, rief sie ihrem Mann zu, während sie ihre kleine Wunde versorgte.
„Hab’s vergessen. Sorry“, rief der zurück.
„Da ist eine Schere drin, Boris. Wirklich.“
„Tut mir leid, Schatz. Ist ja nichts passiert.“
„Zum Glück“, murmelte Karin und betrachtete ihren Finger, den nun ebenfalls ein buntes Pflaster zierte.
„Wo bleibst du?“, rief ihr Mann.
„Ich komme ja schon“, antwortete Karin und ging zurück ins Schlafzimmer.
Boris hockte noch immer auf allen Vieren auf dem Bett. Im Halbdunkel des Schlafzimmers blitzten die metallenen Fußfesseln auf.
Karin setzte lächelnd ihre Offiziersmütze auf und nahm ihre Reitgerte, an deren griff sie sich vorhin verletzt hatte.
Boris grinste.
„Mein böses Pony kann es ja gar nicht mehr abwarten“, sagte Karin streng und versetzte ihrem Mann einen kräftigen Hieb.


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