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29.03.2011

Erik

Alle wussten dass Erik ein Junkie war. Trotzdem wollte niemand auf ihn verzichten. In seinen besseren Tagen war Erik Auswahlspieler gewesen. Ich hatte ihn eine ganze Weile nicht gesehen, und war erstaunt als er mich anrief und fragte, ob wir in unserem Team noch Platz für ihn hätten.
"Klar, bist du fit?" fragte ich.
"Für euch Pfeifen reicht's noch." sagte er mit seiner hohen, verwaschenen Stimme, die von Natur aus schon immer ein bisschen ironisch geklungen hatte.
Als er eine halbe Stunde vor Spielbeginn zu unserem Team stieß, sah er erstaunlich frisch aus. Für einen Moment sah ich wieder den Erik, der drei Spieler mit einer Körperdrehung stehenließ, der mit einem Pass die gesamte Abwehr aushebelte, und mehr rannte und kämpfte als jeder andere auf dem Feld.
Ohne ihn war unser Team höchstens durchschnittlich. Gabor mangelte es an Laufbereitschaft. Dogan mangelte es an Teamfähigkeit. Mir mangelte es an Konzentration, und Gerald, unserem Tormann, mangelte es definitiv an Fingerspitzengefühl. Erik mangelte es an nichts auf dem Fußballplatz. Hätte sein Leben auf dem Spielfeld stattgefunden, es wäre ein Spaziergang für ihn gewesen. Aber den Blick auf dieses Spielfeld hatte er schon seit einer Weile aus den Augen verloren, irgendwo zwischen Umkleidekabine und Bahnhofsklo.

Als Erik seinen Pulli auszog, sah ich seine entzündeten Adern, die vergeblich versuchten sich im sehnigen Fleisch seiner Oberarme zu verbergen. Seine Ausgezerrtheit erschreckte mich.
"Bist du sicher dass du spielen kannst?" hakte ich nach.
"Klar, solang's hier keine Dopingkontrollen gibt." grinste er, trabte zum Ball, und hob ihn sich mit der Hacke gefühlvoll über den Kopf.
Im ersten Spiel zeigte Erik was er drauf hatte. Ein paar mal war er zwar leicht ins torkeln geraten, und sein Atem rasselte manchmal etwas seltsam, aber er bereitete zwei Tore vor, und schoss eins selbst. Fast im Alleingang sicherte er uns den 3:1 Sieg.
Nach dem Match saßen wir im Gras, und sahen uns die nächste Partie an. Erik war blasser als vorhin. Ich sah wie sein Puls die verkrampfte Halsschlagader spannte.
"Du hast's echt nicht verlernt, Mann. Kein bisschen." ermutigte ich ihn.
"So was verlernt man doch nicht." keuchte er, und sah schweigend an seinen Armen herab, als ob dort die Überzeugung geschrieben stünde, die ihn selbst würde glauben lassen, was er gesagt hatte.

Kurz vor dem nächsten Spiel verschwand Erik auf der Toilette. Als ich mir irgendwann Sorgen machte, und an der Tür klopfte, kam er mit verklärtem, siegessicherem Blick aus der Kabine.
"Zeigen wir den Bauern was ein Doppelpass ist, Kai." Euphorisch klopfte er mir auf die Schultern und schlenderte breitbeinig voraus in Richtung Spielfeld. Durch die Gesäßtasche seiner weißen Sporthose schimmerte der Ruß des angekokelten Löffels. Die Spritze hatte er vermutlich weggeworfen, aber ich sah, dass sie ihm in jeder Bewegung steckte. Der Junge musste dringend auf Entzug. Ich hielt mich zurück ihm das jetzt zu sagen. Ich hoffte das Spiel würde ihm soviel Kraft geben, dass er es von selbst erkennen würde.
Bis zum Nachmittag hatten wir alle drei Partien gewonnen, und zogen souverän ins Halbfinale ein. Das erste Spiel war wieder eine One-Man-Show von Erik gewesen. Er schlüpfte, und tänzelte leichtfüßig am Gegner vorbei. Vor dem Tor drückte er so entschlossen ab, wie wenige Augenblicke zuvor vor seinen Adern. Erik wirkte aufgedreht und konzentriert, und verteidigte wie irrsinnig den Ball, als ob der ihm beantworten könnte, welche Art von Schuss sein Leben bestimmen sollte.
Im Lauf des dritten Spiels wurde Erik fahrig. Er spielte viele Fehlpässe, und wurde ein paar mal von einem gegnerischen Spieler überlaufen. Es reichte zum Sieg, aber nach dem Spiel kickte er frustriert den Ball auf die Tribüne.
"Habt ihr das gesehen? Der Scheiß Schiri sieht einfach weg wenn der Wichser mich foult."
Ich ahnte dass das vorhin im Klo sein letzter Stoff gewesen war.

Erik hat gelernt nie aufzugeben, vielleicht fiel es ihm deshalb auch so schwer die Drogen aufzugeben. Als ich ihn kennenlernte war er gerade in die Landesauswahl berufen worden. Ich suchte nach einem guten Bericht für die Schülerzeitung und fragte ihn, ob er Lust auf ein Interview hätte. Er hatte, aber nur unter der Bedingung dass das Interview in einer Bar stattfinden würde. Nach dem dritten oder vierten Schnaps taute er etwas auf, und begann zu erzählen.
"Weißt du Kai, alle wollen nur immer dass du sie zum Klatschen bringst, aber manchmal kommt's mir so vor als ob mein Kopf zwischen ihren Händen steckt, und sie nur das klatschen auf meiner Haut hören wollen."
"Du meinst, sie treiben dich an?"
"Ich meine, sie brauchen jemanden den sie ins Licht stellen können wenn sie nen Sonnenbrand sehen wollen, und jemanden der für sie ins Gefrierfach steigt, wenn sie Bock auf ne Gänsehaut haben. Das Spiel ist ihnen doch Scheißegal."
"Glaub ich nicht. Es gibt doch genug Leute die sich für's Spiel interessieren."
"Klar, aber hast du die schon mal schreien hören?"
Ich weiß nicht ob Erik Ausreden suchte, weil er keinen Bock mehr auf Fußball hatte, oder ob er wirklich Angst vor dem Druck bekam, aber er stieg bald aus der Auswahl aus, und ich sah ihn eine ganze Weile nicht. Bis er mir irgendwann mit aufgerissenen Augen und bebenden Schultern am Bahnhof begegnete. Ich grüßte ihn, doch er erkannte mich nicht. Er sah nicht aus, als hätten Worte noch eine Bedeutung für ihn.

Im Halbfinale zeigte Erik die ersten Entzugserscheinungen. Seine Finger zitterten, seine Augen wurden hektisch. Ich merkte dass er mit den Gedanken abschweifte, aber trotz allem spürte ich, dass er uns nicht im Stich lassen wollte. Erik vergaß seine Sucht nicht, aber wenn er am Ball war, vergaß er nach was er süchtig war. Mit der Vehemenz eines Junkies jagte er dem Sieg hinterher, einem Sieg der genauso unerreichbar war, wie die lebenslange Erlösung nach einem einzigen Schuss.
Für's Finale reichte seine Schusskraft immerhin. In der Nachspielzeit schoss uns Erik mit seinem goldenen Tor ins Endspiel.
"Hoffentlich war das der einzige goldene Schuss in deinem Leben." sagte Dogan.
Erik grinste schwach. Das Spiel hatte ihm ziemlich zugesetzt. Er schwitzte, seine Haut schimmerte bläulich, seine Wangen fielen immer mehr ein. Ich sah die Gier in seinen Augen. Etwas trieb ihn weit fort von hier, aber ich sah dass er kämpfte und gewinnen wollte, als ahnte er, dass dieses beschissene Hobby-Turnier seine letzte Chance war dem Leben aus dem Abseits zu laufen.

Vor dem Finale spielten wir uns auf einem Seitenfeld warm. Erik konnte vor Krämpfen kaum noch laufen. Ständig fasste er sich an den Bauch. Seine Mimik verzog sich zu einer schmerzhaften Grimasse.
"Hey, du musst nicht spielen, Mann. Geh lieber zu nem Arzt." riet ich ihm.
"Das Spiel ist mein Arzt." giftete er, und drosch den Ball an Geralds verdutztem Blick vorbei gezielt in den Winkel.
Die Gegner erkannten schnell, dass gegen uns was zu holen war. Sie doppelten Erik, spielten die Pässe an Dogans schwachem rechten Fuß vorbei, und überlupften Gerald, der viel zu weit vorm Tor stand. Ich war ständig einen Schritt zu langsam. Erik hinkte fluchend und immer orientierungsloser über den Platz. Als er kotzte, unterbrach der Schiri kurz das Spiel, fragte ihn ob er weiterspielen könne, und liess den Ball wieder fallen, nachdem Erik mit verkniffenem Blick bejaht hatte. Aber es half alles nichts. Wir wurden vorgeführt, und verloren 4:0. Nach dem Schlusspfiff brachen wir geschlagen auf der Wiese zusammen, und pressten unseren ausgelaugten Atem leidend in den Himmel. Uns alle streckte der verlorene Nachmittag nieder. Erik lag länger als wir anderen. Der verlorene Nachmittag dauerte für ihn den Rest seines Lebens.


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