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12.04.2011

Cookie in the box

Wir betraten das kleine Café.
"Warum kommen wir hierher?", fragte ich ihn.
"Weil ich dir etwas über das Leben zeigen möchte. Schau, was siehst du?"
Ich sah mich in dem kleinen, aber gemütlich eingerichteten Raum mit der großen Fensterfront um.
Vier, vielleicht sechs Tische, wenn man die auf der Fensterbank dazu zählte, niedliche Farben, viel Rosa an den Wänden, Tische und Stühle in Weiß gehalten, die Stühle aus Holz, die Tische aus einer Art Fashion-Marmor. Gegenüber der Fensterfront die Theke, in den Auslagen Kuchen, Cookies und Brownies. Dahinter ein schmaler Durchgang und darüber eine Tafel, auf der in Kreide die Angebote und deren Preise standen. Ein kleines Spielzeugcafé, gemütlich, einladend, aber leer bis auf uns und zwei ältere Damen, die gemeinsam an einem Tisch saßen und sich ablickten, während beide in ihre Mobiltelefone mit anderen Leuten sprachen.
Die eine von ihnen hatte einen seltsamen englischen Akzent, mit etwas amerikanischem darin vielleicht, während die andere nach den ehemaligen Ostblockstaaten klang.
Ich konnte nichts erkennen was irgendeine besondere Bedeutung hatte, aber er hatte mir schon mehrfach gezeigt, dass die Dinge nicht waren, wie sie auf den ersten Blick schienen.
Wir setzten uns an den Tisch neben den der beiden Frauen.
Ich drehte mich zu ihm und fragte: "Wer sind die beiden älteren Damen?"
"Das sind Wächterinnen.", antwortete er.
"Was bewachen sie?"
"Dich."
"Wovor?"
In diesem Moment betrat eine Erscheinung den Gastraum.
Das heißt, zuerst war es eine ganz normale junge Frau, vom optischen her eine Studentin: nicht besonders eng anliegender dünner Wollpulli, eine Karottenjeans mit einem undefinierbaren Farbton irgendwo zwischen Grau und Schwarz und halbhohe hellbraune Lederstiefel.
Die Farbe ihrer Haare kam aus dem roten Paralleluniversum zu dem grauen der Jeans und ihre Bewegungen waren gemächlich, an der Grenze zur Behäbigkeit.
Sie kam zu uns an den Tisch und wandte mir ihr Gesicht zu.
Sie war schön, ihre roten Haare umrahmten eine elfenbeinglatte und -farbene Haut und ein ebenmäßiges Gesicht. Ich wollte etwas sagen wie: "Oh, Sie sind aber hübsch", aber ich konnte nicht mehr sprechen. Es war etwas in ihrem Gesicht, etwas, das die Zeit anhielt, etwas definitives, ein Bereich wie ein Ausgang aus der Zeit, wie wir sie kennen, ein Tor zur Ewigkeit. Es waren ihre Augen. Sie hatte eisgraue Augen. Das heißt, sie waren einfach nur grau, an der Grenze zur Farblosigkeit, ohne Ausstrahlung, ohne Bezug zum restlichen Gesicht, aber gleichzeitig waren sie Fleisch gewordene Kälte. In diesen Augen lebte ein anderes Wesen als in dem Körper, der sie trug und beim Anblick dieser Augen schien alles Leben aus mir zu weichen wie die Luft aus einem zerrissenen Ballon. Ich starb in diesem Moment. Dachte ich.
"Was möchten Sie bestellen?", holte ihre Stimme mich in die Gegenwart zurück. Das Gefühl der Leere verschwand. Ich vergaß den Satz mit dem hübsch sein und etwas Automatisches in mir bestellte Kaffee. Er nahm dasselbe. Sie ging zurück zur Theke. Ich saß für ein paar Sekunden reglos da, konzentrierte mich auf meinen Atem, dann drehte ich mich zu ihm, wollte ihn fragen, ob er das Gleiche gesehen, gespürt hatte, wie ich, als sie auf einmal zwischen uns stand und den Zucker auf den Tisch stellte. Wieder stoppte die Zeit. Die Spitzen ihrer Haare strichen über meine Schultern und auf einmal spielte mein Körper komplett verrückt. Es war, als rissen sich alle Nervenbahnen in mir darum, an diesen Punkt zu gelangen, als würde jemand mit einem riesigen Löffel einmal durch mich durch rühren und alles, was darin war, zu diesem Fleck schieben, wo ein Teil von ihr mich zart – gerade mal ein Hauch! - berührte. Als die Berührung vorüber war, verebbte das Gefühl genauso schnell wie es aufgebrandet war. Mein Blick wurde wieder klar, fiel auf ihn, der mir gegenüber saß. Er sah mich an, mit einem breiten Lächeln im Gesicht, einem wissenden Lächeln, wie ein Vater, der seinem Sohn seine erste Achterbahnfahrt geschenkt hat und genau wusste, dass dieser hellauf begeistert aus dem kleinen Wagen aussteigen würde, egal, wieviel Zweifel er vorher hatte. Er zwinkerte mir zu, drehte sich zu ihr um, sie war noch nicht mal einen Schritt weg, es konnten nur Sekundenbruchteile vergangen sein, was geschah hier Seltsames?, und rief: "Danke schön, Thana." Sie drehte sich mit einem für sie ungewöhnlichen Schwung zu ihm um, ihre Haare flogen in einem weiten Kreis durch die Luft, ihr Duft, was für ein unglaublicher Duft!, wehte zu mir und ich spürte, wie sich alle Haare meines Körpers aufstellten, wie dieser Duft durch mich hindurchging, alles, was an Gefühlen in mir war, auf maximale Energie hochfuhr und sie dann mit sich riss. Erneut saß ich, unfähig mich zu bewegen, willenlos da, ein Sack Fleisch, gestützt nur durch die Knochen in ihm und sein Eigengewicht und bekam noch einen letzten Blick aus diesen eisig-toten Augen.
"Gerne", sagte sie, schenkte erst mir und dann ihm ein Lächeln, drehte sich wieder um und ging hinter die Theke.
Als sie weg war, traute sich die Realität zurück in den Raum.
Ich spürte, wie mein Blut wieder zu fließen begann, wie sich Wärme von meiner Körpermitte in alle  Extremitäten verteilte, nahm wieder Geräusche wahr, den Verkehr vor dem Fenster, Gesprächsfetzen vorbeieilender Menschen, das Klappern der Teller und Tassen aus der Küche, die hinter dem schmalen Durchgang hinter der Theke zu sein schien.
"Und", grinste er, "wie findest du sie?"
Als Antwort entfuhr mir ein Keuchen. Dann: "Mein Gott, wer ist sie?"
Sein Gesichtsausdruck wurde ernst, er lehnte sich etwas zurück, strich mit Daumen und Zeigefinger an seinem Kinn entlang und drehte den Kopf kurz in Richtung Theke. Ich wagte nicht, hinterher zu sehen.
Er sah wieder zu mir, dieses Mal sehr tief in meine Augen.
"Sie ist der Tod.", sagte er.

 

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