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15.04.2011

Cookie in the box - Teil 2

"Der Tod?", krächzte ich. "Du meinst, sie ist irgendwann mein Tod oder was soll das bedeuten?"

"Nein, das heißt, bestimmt ist sie irgendwann auch dein Tod. Aber sie ist jedermanns Tod. Sie ist der Tod, der Leibhaftige, der Sensenmann. Lass dich nicht täuschen von dem was du siehst, sie ist der Tod in allen Facetten, die du dir vorstellen kannst – und mehr."

"Aber...", ich rang um Worte. Das ergab keinen Sinn. Warum tauchte der Tod in einer körperlichen Gestalt auf, noch dazu in der einer jungen Frau? Und warum servierte der Tod Getränke in einem Café? Das schien mir erst mal die beste Frage zu sein und ich stellte sie ihm, nachdem der Tod unseren Kaffee gebracht und ich mich darauf konzentriert hatte, ihn/sie weder anzusehen noch in irgendeiner Form zu berühren. Selbst die Luft hatte ich angehalten.

"Weil hier die beiden alten Damen sind.", fing er wieder an. Sein Blick zeigte kurz auf den Tisch hinter mir und ich drehte mich verstohlen um. Die beiden Damen saßen nach wie vor gegenüber. Ein etwas entfernterer Beobachter hätte meinen können, sie seien in ein angeregtes Gespräch vertieft, man musste nahe an ihnen sitzen um zu hören, dass sie jetzt in verschiedenen Sprachen sprachen und nur wenn man genau hinsah, erkannte man die kleinen schwarzen Handys in ihren Händen die sonst gewirkt hätten, als würden sie ihre Köpfe darin stützen.

"Wer sind die beiden?", fragte ich ihn.

"Wächter, wie gesagt. Du kannst sie dir buchstäblich als Anstandsdamen vorstellen.", sagte er und ein Grinsen, das sich nicht zurückhalten ließ, breitete sich langsam auf seinem Gesicht aus. Er sah aus wie ein Schuljunge, der etwas anzügliches sagen und seine eigene Begeisterung darüber zurück halten wollte.

Er beute sich vor und sprach jetzt ganz leise.

"Weißt du, was passiert, wenn du stirbst?

Ich schüttelte den Kopf.

"Sie küsst dich."

Mir stellten sich die Nackenhaare auf. "Welche von beiden?", fragte ich.

Er schloss kurz die Augen, weil ihm klar war, dass es ein Witz sein sollte. Natürlich wusste ich, dass er die junge Frau meinte.

Er blickte mich wieder an. "Also stell dir vor, du sitzt hier, alleine, es ist niemand sonst im Raum. Du siehst dir die Auslagen an, bekommst Hunger auf etwas Süßes, es duftet verführerisch nach Kaffee und dann kommt sie", eine unmerkliche Bewegung seines Kopfes in Richtung Theke, "und sie legt dir eine Hand auf die Schulter und fragt dich was du möchtest und alles, was du in dem Moment möchtest, ist, dass diese Berührung nie wieder endet, und dann siehst du ihr Gesicht; wenn sie dich berührt, sind ihre Augen nicht mehr grausam kalt, sondern unermesslich schön, du versinkst in diesen Augen, sie füllen die Welt an, du merkst gar nicht, wie eure Gesichter sich nähern und plötzlich küsst ihr euch und es ist der ekstatischste Augenblick deines ganzen Lebens – und der letzte." Er lehnte sich zurück und nahm einen Schluck Kaffee. "Ahhh, das ist mal leckerer Kaffee. Ich frage mich, wie die das hin kriegen. Hast du deinen schon probiert? Es ist der leckerste Kaffee der

Welt, das kann ich dir sagen und glaub mir, ich bin schon so ziemlich überall gewesen."

Ein selbstständiger Gedanke in mir erwog die Möglichkeit, dass der Tod den besten Kaffee machte, weil dieser in seiner Natur schwarz und bitter war, aber mir war nicht nach Wortspielen zumute. Ich wollte verstehen, und bisher führte alles, was er mir sagte oder zeigte, nur dazu, dass ich noch weniger das Gefühl hatte, zu verstehen, als vorher. Ich wollte verstehen und gleichzeitig war das nur ein kleiner Teil von mir. Der andere, viel größere Teil, wollte nochmal den Tod berühren.


Er sah wie immer die Fragezeichen in meinen Augen. Wahrscheinlich war mein ganzes Gesicht nur ein großes Fragezeichen. Ich wartete. Er nahm seelenruhig noch einen Schluck Kaffee – ich hatte meinen bisher nicht angerührt. Nicht der Moment, sich kulinarisch zu vergnügen.

"Du solltest ihn wirklich mal probieren", sagte er, ohne mich anzusehen. Dann seufzte er, stellte seine Tasse ab und wandte sich wieder mir zu.

Er sah mich an. "Weißt du, dass du da sitzt wie die Kuh beim kacken?"

Ich hatte nie einer Kuh beim kacken zugesehen, bzw, soweit ich mich erinnerte, fielen ihnen die Klumpen einfach aus dem Hintern, während sie vorne unbeeindruckt weiter kauten, aber er hatte recht, meine vorgeneigte und mit den Ellenbogen auf dem Tisch aufgestützte Haltung hatte etwas von jemandem, der verzweifelt drückt. Ich versuchte mich zu entspannen, wagte aber nicht, mich zurück zu lehnen, aus Angst, etwas zu verpassen.

"Keine Angst, sie tut dir nichts, zumindest hier nicht."

"Woher weißt du, dass ich nicht gerne hätte, dass sie mir was tut."

Entgegen meiner Erwartung grinste er breit. "Sehr gut, ich sehe langsam beginnst du zu verstehen, das ist genau, was ich dir zeigen wollte."

Mein erneuter Fragezeichenblick muss ihn vom Gegenteil überzeugt haben.

Er holte tief Luft und fing noch einmal neu an.

"Der Tod ist nicht das, wofür die meisten Leute ihn halten; und damit meine ich nicht die Tatsache, dass er hier Kaffee und Kekse verkauft. Überleg mal: was verbindest oder verbandest du mit dem Gedanken Tod, bevor du wusstest, dass sie rote Haare hat?"

Ich musste nicht lange überlegen. Trauer, Verlust, kalte Erde, regnerische Begräbnisse. Leichen.

"Horror, Schrecken, Schmerz?", ergänzte er.

Ich nickte. "Das absolute Grauen, die eisige Kälte, die Unwiderbringlichkeit, das...", ich wusste worauf er hinaus wollte und nickte wieder.

"Was du in ihren Augen gesehen hast, ist der Tod, wie wir ihn sehen. Buchstäblich der Tod vor Augen, der ganze Schrecken der Menschen vor diesem einen Gedanken und natürlich der Anblick des Todes selbst, zerfetzte Unfallopfer, Kriegsleichen und die Scherben ihrer Familien, die sie hinterlassen. Aber das alles ist der Tod von außen. Das sterben selbst ist...", er machte ein Pause, "...der absolute Wahnsinn."

"So, wie als sie mich berührt hat?"

"So ähnlich. Besser. Stärker."

Noch stärker?

"Was du gefühlt hast, als sie dich berührt hat, war nur ein Hauch von Tod, letztendlich dasselbe, das du spürst, wenn du eine Grenzerfahrung erlebst, Bungee-Jumping, Fallschirmspringen, alle diese Sachen.

"Was? Ich dachte, das sei Adrenalin. Was hat der Tod mit Bungee-Jumping zu tun?"

"Ach, Fliegen ist nichts für Menschen. Ihr habt – wir haben keine Flügel. Wenn du lange fällst, steht sie neben dir und streichelt dich. Es ist sowas wie eine Begrüßung. Wenn du zu lange fällst, wird aus der Begrüßung ein Kuss."

"Aber der Fallschirm oder das Gummiseil verhindern das."

"Richtig."

"Also sind Gummiseil und Fallschirm die beiden alten Damen die hier sitzen!?"

Er sah mich ein wenig vorwurfsvoll an wegen meines flapsigen Tones.

"Sehr pragmatisch ausgedrückt, aber dennoch nicht ganz falsch."

Stille. Ich wartete, was er noch sagen würde. Oft ließ er mich raten, bis ich schwarz wurde. Heute schien er aber aus irgendeinem Grund nicht bereit, damit Zeit zu verschwenden.

"Es sind Vernunft und Gewissen."

"Was?", ich hatte kurz vom Tod geträumt.

"Die beiden alten Damen. Es sind deine Vernunft und dein Gewissen. Vernunft und Gewissen jedes Menschen."

Ich schaute zu ihnen und auf den Tisch zwischen ihnen. "Trinken sie deswegen nur Tee?"

Wieder ein strafender Blick. "Sie trinken gar nicht. Sie arbeiten. Sie passen auf, dass du und ihre Tochter, der Tod, euch nicht zu nahe kommt."

"Ihre Tochter?!" Langsam wurde es wirklich verwirrend.

"Natürlich. Oder kennst du etwas vernünftigeres als den Tod? Zahlen bitte!


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