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27.04.2011

Cookie in the box - Teil 3

Die kalte Nachtluft versuchte vergeblich, die Gedanken in meinem Kopf zu klären. Nachdem wir das Café verlassen hatten, waren wir den ganzen Nachmittag hindurch gelaufen und ich hatte versucht, die richtigen Fragen auf seine Antworten zu finden. Mein allererste, keine Frage, mehr eine vehement vorgebrachte Feststellung, dass das Leben an sich doch vernünftiger war als der Tod, hatte er zuerst mit einem Blick bedacht, als sei dieser Einwand nicht mal einer Antwort würdig.

"Leben ist Zerstörung", hatte er sich schließlich doch herabgelassen. "Jedes Lebewesen verbraucht; Nahrungsmittel, Luft, Wasser, ihr zertrampelt den weichen Boden dieser Welt, planiert ihn, um auf dem Asphalt mir euren Benzinmotoren auch noch die entferntesten Pflanzen dieses Planeten qualvoll zu vernichten. Alles was ihr baut, erfindet, züchtet, tut ihr, um euch selbst zu erhöhen und wehe, es möchte jemand auf eure Stufe kommen. Ihr seid wie hungrige Löwen in ihrem Revier, die jeden angreifen, der sich darein wagt. Ich muss dir die ganzen Kriege, Kreuzzüge, den Fanatismus, die Blindheit, Ignoranz und Brutalität deiner Welt nicht vor Augen halten, aber letztendlich seid ihr auch aus keinem anderen Grund so gemacht worden, daher erfüllt ihr bloß eure Aufgabe, aber ohne den Tod gäbe es diese Welt nicht mehr und euch somit auch nicht, also ist der Tod letztendlich das Beste, was euch passieren konnte."

Ich schwieg eine Weile; weniger aus Betroffenheit, denn dass die Welt am Arsch war, war nun keine wirklich neue Information, eher weil mein Gehirn versuchte, etwas aufzugreifen das er gesagt hatte, aber ich kam erst mal nicht darauf, was es gewesen war. Dann doch. Im Grunde waren es zwei Sachen, deswegen hatte es etwas gedauert.

"Wir haben eine positive Bilanz."

"Wie meinen?"

"Wir schaffen mehr als wir zerstören."

Er drehte sich zu mir. Ich hatte seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Hastig sprach ich weiter.

"Es stimmt, wir verbrauchen, aber wir pflanzen auch, reinigen, bauen wieder auf. Und wir haben die Menschheit immerhin von Adam und Eva auf etwa sieben aktuelle Milliarden gebracht und zumindest theoretisch gäbe es genug Essen für alle. Das ist ein beeindruckendes Wachstum, oder?" Stolz grinste ich ihn an.

Er dagegen guckte, als hätte ich komplett den Verstand verloren. Dann schüttelte er resigniert den Kopf. "Menschen!", er spie es fast aus. Dann sah es so aus, als wollte er noch etwas hinzufügen, aber er überlegte es sich wohl anders und sein Gesicht wurde wieder weich. "Wusstest du, dass das in etwa der Gedankengang einer Motte ist, kurz bevor sie in der Flamme verbrennt?" "Motten können denken? Ich dachte immer, Tiere hätten nur Instinkte, wenn überhaupt, und Motten sind gerade mal kleine Insekten." "Ich kann dir sagen: Von außen betrachtet wirken Menschen genauso. Aber egal, schließlich seid ihr dafür hier."

Das hatte gesessen, aber ich hatte keine Zeit, darüber zu grübeln; der zweite Punkt war soeben wieder da, aufgetaucht aus seinem Satz, den er so ähnlich eben schon einmal gesagt hatte.

"Was meinst du damit? Dafür sind wir da? Kennst du die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens?"

"Natürlich. Du auch."

"Echt?"

"Ja." Er sah wieder einmal zu mir. "Du hast sie eben kennen gelernt." Und als es bei mir im Kopf nicht Klick zu machen schien: "Sie hat dir Kaffee serviert."

Er schlenderte weiter, ich blieb stehen. Es war mittlerweile schon ziemlich dunkel, über die Dämmerung hinaus und wir waren in einem Teil der Stadt, den ich noch nie gesehen hatte. Die Erwähnung des Todes und das Dunkel um mich herum ließen mich frösteln.

"Weißt du eigentlich noch, wo wir sind?", fragte ich ihn, aber im selben Moment kam ich mir dämlich vor. Er wusste immer alles. Dumme Frage.

"Wir sind schon richtig, keine Sorge, wir haben noch einen Termin." Dann blieb er stehen und sah mich offen an. "Vertrau mir."

Was blieb mir anderes übrig? Ich schloss zu ihm auf und stellte meine Frage nach dem Tod als Sinn des Lebens.

"Der Tod lehrt dich, dass nichts auf dieser Welt Bestand hat. Er zeigt es dir jeden Tag, jedes Leben, immer und immer wieder, bis du es irgendwann kapierst."

"Aha, und dann?"

"Dann hast du verstanden, dass das Leben nicht das Wahre sein kann und suchst etwas anderes, etwas über den Tod hinaus. Aber das geht nur, wenn du den Blick von deinem kümmerlichen Dasein hier wendest und endlich anfängst zu begreifen, dass du hier nur zur Schule gehst. Das echte Leben, Existenz in reiner Form, die kommt danach."

"Und wie ist die so?"

Er grinste schadenfroh. "Dafür sind Worte zu klein. Wenn du es erlebst, wirst du es wissen."

"Und wie mache ich das mit dem 'den Blick wenden?'".

"Wie gesagt, der Tod nimmt dich bei der Hand, bis du irgendwann laufen kannst, wie ein kleines Kind. Immer und immer wieder."

Der Tod. Bei dem Bild mit der Hand, musste ich an ihren Körper denken. An diese helle, elfenbeinglatte Haut. An die filigranen Formen ihrer Finger, an die perfekten und doch so unklassischen Proportionen. Eine neue Frage keimte in mir auf und ich rang nicht lange mit der Überlegung, ob ich sie stellen konnte oder nicht. Heute war so ein absurder Tag gewesen, da kam es darauf auch nicht mehr an.

"Der Tod, also diese Frau..." "Ja?" "Existiert sie wirklich? Also ich meine: Ist das eine 'erfundene' Inkarnation des Todes oder hat er jemanden besetzt oder...ach, ich meine, gibt es diese Frau und könnte ich sie berühren ohne gleich jedes Mal in Lebensgefahr zu kommen?"

Er lächelte und hmte in sich hinein.

"Leben ist trotz allem etwas wundervolles", sagte er schließlich, hob den Kopf, drehte sich zu mir und fuhr fort: "Diese starke Kraft irdischen Lebens im Menschen hat mich immer fasziniert. Ich kann dir erzählen, dass der einzige Grund für dein Leben ist, zu leiden und zu sterben und trotzdem kannst du an nichts anderes denken, als an den Körper einer Frau. Die Konstruktion des Weiblichen ist meiner Meinung nach die genialste Idee, die die schöpferische Kraft je hatte, der stärkste Gegenspieler der Vernunft. Kein Wunder, dass ihr Eva und ihresgleichen alles Sündige eurer Welt anlastet. Und trotzdem beißt ihr mit Freuden immer wieder in den selben Apfel. Wenn ihr den Tod genauso lieben würdet, wäre die Welt schon eine ganzen Schritt weiter. Apropos. Wir sind da."

Abrupt blieb er stehen. Ich blickte mich um. Es war dunkel und fast nichts zu erkennen. Ich hörte das Plätschern von Wasser und in der Ferne einen Zug vorbei fahren.

"Wo sind wir?"

"Am Osthafen. Oder dem, was früher einmal der Osthafen gewesen ist." Ich erinnerte mich. Die Stadt hatte die Anlagen nach dem Bau des neuen Westhafens geschlossen und an große Unternehmen verkauft. Bei Nacht erkannte man nichts als große, dunkle Schatten von Gebäuden, bei Tag konnte man die beginnenden Bauarbeiten erkennen und irgendwann einmal würden hier Einkaufszentren, Kinos, Parkplätze und viele andere Dinge stehen, von denen es eigentlich schon genug auf der Welt gibt. Trotzdem begriff ich ich nicht, was wir da wollten. Er hatte von einer Verabredung gesprochen, aber es war weit und breit ? so weit man eben sehen konnte ? niemand zu sehen. Wir standen am Kai, vielleicht einen halben Meter von der Kante entfernt, hinter der der dunkle, um diese Jahreszeit eiskalte und von Tauwassermassen reißende Fluss floss und das Gelände hinter uns wirkte vollkommen verlassen. Tot.

"Und wen treffen wir hier?"

Wieder dieser Blick. Etwas Väterliches lag darin, Wissen. "Nicht wir. Du."

Etwas in mir zog sich zusammen und ich spürte, wie die Kälte in mir hochkroch.

"Ich hab euch einander vorgestellt, aber miteinander ausgehen müsst ihr alleine."

Ich...aber, was ? er unterbrach mich bevor ich überhaupt etwas sagen konnte.

"Ich weiß wie du dich fühlst. Aber du wolltest Antworten haben und glaub mir, du wirst sie bekommen. Mehr und anders als die meisten anderen Menschen. Ein letztes Mal: Vertrau mir. Und wenn du... drüben bist, grüß mir die beiden Schwestern vom Tod. Sie sind übrigens auch rothaarig." Er zwinkerte. Er zwinkerte! Sagt mir, dass ich gleich sterben werde und zwinkert mir dann zu wie der Kumpel, wenn er einen in der Disco ins Gespräch mit der schönsten Frau der Welt gebracht hat und sich dezent verabschiedet. Mein letzter Gedanke war: Was es gibt noch zwei von der Sorte, wer sind die dann?

Obwohl, das stimmt nicht. Mein letzter Gedanke war: Scheiße, ich will nicht sterben!

Als hätte er meine Gedanken gelesen, sagte er: "Doch, das möchtest du. Mehr als alles andere auf der Welt."

Dann schubste er mich.


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