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06.05.2011

Cookie in the box - Teil 4

Der Aufprall war ziemlich hart, nicht nur aufgrund des Wissens, was gerade geschah. In der Tat fühlte er sich holzhart an. Erdenholzhart. Hatte ich was falsch verstanden? Oder wollte mein Führer auch mal einen Witz mit mir machen, so als Rache für meine kläglichen Versuche? Diese Gedanken scheinen auf den ersten Blick sehr klar und strukturiert, aber die Reihenfolge nach dem Aufprall war ziemlich durcheinander und ein großer Teil meines Bewusstseins registrierte erst den kalten Schweiß auf meinem Oberkörper, die vielen Sterne, die um meinen Kopf kreisten und zwischen denen sich einzelne Buchstaben und Worte wie Satelliten zu den obigen Sätzen umeinander drehten und das durchdringende Knarren im Rhythmus, in dem der Boden schwankte, auf dem ich lag.
Unverkennbar – ein Schiff. Ich musste das eiskalte Wasser des Hafens verfehlt haben und statt dessen auf ein kleines Boot dort geknallt sein. Pech, passiert auch Profis. Bei dem Versuch mich zu bewegen empfand ich sofort sehr körperliche Schmerzen und auch die näher kommenden Schritte überraschten mich nicht, er hatte sicherlich das Klonk statt des Platsch gehört und war auch auf das Boot gekommen. Das erklärt vielleicht, warum ich mich nicht freute, als eine eindeutig weibliche Stimme die folgenden Worte sprach: "Na Kleiner, gut gelandet?"
Ich öffnete die Augen. Rot. Überall. Oh Mann, was war das jetzt wieder? Vor mir stand eine Figur, die ich viel eher mit meinem Bild vom Tod in Verbindung bringen würde, als die Bedienung im Café vorhin, hochgewachsen, schwarzer Umhang mit Kapuze von Kopf bis Fuß, kein Gesicht erkennbar, aber aus der Kapuze wehten meterlange rote Haare. Gott musste einen Fetisch haben.
Und Humor, denn das nächste, was sie/es sagte war: "Kaffee? Kekse? Du siehst scheiße aus und die Überfahrt wird vermutlich ein bißchen dauern. Ich hätte auch ein Bier an Bord."
Ja, klar, ein Bier, warum nicht? Ich setzte mich auf und sah mich um. Wie vermutet befand ich mich auf einem kleinen Boot. Ich saß auf der Fläche vor dem Führerhaus und die Kapuzengestalt stand zwischen der Bugspitze und mir. Hinter ihr leuchtete der Himmel. Das war bemerkenswert aus mehreren Gründen; zum einen war nicht mehr tintenschwarze Nacht, wie zum dem Zeitpunkt, an dem mein Führer mich über die Kante geschubst hatte. Gleichzeitig war der Himmel schwarzschwarz (im Gegensatz zu zum Beispiel blauschwarz) und trotzdem leuchtete er taghell. Wie ein...wie ein Negativbild, das man über das Original gelegt hatte.
"Hier", sagte es und hielt mir mein Bier hin. Wo hatte sie das denn jetzt her? Ich nahm es und trank einen Schluck, offen war es schon. Die Kapuzengestalt hatte ebenfalls ein Bier in der Hand und so tranken wir schweigend, sie/es stehend, ich nach wie vor auf den Planken sitzend. Irgendwann sagte sie/es "Tja" in die Stille. "Tja?", fragte ich.
"Tja, und sonst so?", führte sie/es das Gespräch fort. "Äh...", mehr fiel mir darauf nicht ein. Ich bin ein Fernsehkind, ich gebe es offen zu und Bücher lese ich auch gerne, auch wenn man im Mittelalter dem Lesen etwa dieselben Dinge nachsagte, wie heutzutage Fernsehen und Computerspielen, Verdummung, Verweichlichung und schlechtes Sperma. Dennoch erwartete ich aufrichtig etwas in der Art der Gespräche mit meinem Führer, ein Rätsel, eine Erklärung, einen Hinweis wo ich war und wo ich hinging oder was ich dafür tun musste und so weiter. "Tja"
klang so schrecklich profan. Eigentlich sogar noch schrecklicher, als wenn das Ding neben mir  mir gesagt hätte...ja, was eigentlich? Die Situation: Ich hatte den Tod getroffen und jemand, der mich ihm/ihr näher bringen wollte, hatte mich über die Kante einer Hafenmauer auf dieses Boot geschubst, das...ich stand langsam auf, um über die Reling schauen und bestimmen zu können wo ich war. Das Kapuzending nippte weiter an seinem/ihren Bier und versuchte so zu tun, als wäre es gar nicht da. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass es mich sehr genau beobachtete.
Das Boot trieb im Wasser. Ich konnte nicht sagen, ob es ein Fluss oder etwas größeres war, jedenfalls sah man nichts außer seltsam schimmerndem Wasser, vermutlich angestrahlt von diesem ebenfalls seltsam leuchtenden Himmel. Über dem Wasser lag teilweise schwarzer Nebel, aber kein dichter, es sah mehr aus wie Watte. Ich drehte mich instinktiv zur Führerkabine herum um zu sehen, wer oder was das Boot steuerte, aber in der Kabine war niemand. Die Tür stand offen und schwankte leicht, wenn das Boot von den Wellen hin und her geschaukelt wurde.
"Wohin fahren wir?", fragte ich das Ding. "Keine Ahnung", kam zurück. "Wo möchtest du denn hin?" Darauf wusste ich keine Antwort. "Siehste, ist doch eh egal", sagte sie/es und in der Stimme klang ein unüberhörbares Grinsen mit.
Auf meine nächste Frage brauchte die Antwort etwas länger. "Und wo sind wir?"
Eine Weile war es still. Dann sagte sie/es: "Sagt dir der Fluss Styx etwas?" Natürlich kannte ich den Styx, den Fluss über den der Fährmann die Toten ins Reich des Todes bringt. Unwillkürlich fühlte ich mit der Zunge in meinem Mund, ob man da irgendwo eine Münze hin gelegt hatte, damit ich den Fährmann bezahlen konnte, wie es in der Legende verlangt wird. "Ja, von dem hab ich gehört."
"Nun, auf dem sind wir nicht." Und dann brach sie/es in so wieherndes Lachen aus, dass sogar etwas Bier aus der Flasche schwappte. Was war denn das für ein Freak? Hatte mein Führer mich aufs falsche Boot geschubst? Das Ding kriegte sich kaum noch ein vor Lachen. Als es sich halbwegs beruhigt hatte, murmelte es: "Ich krieg mich kaum noch ein", zog eine Packung Zigaretten aus nirgendwo, stecke sich eine an und sie dann in das Dunkel unter der Kapuze. Ein Freak, definitiv. Sie/es hielt mir die Packung hin, aber ich lehnte ab. Ich wollte lieber Antworten oder am besten eine Fluchtmöglichkeit. "Sag mir, wo wir sind", beharrte ich. "Pfffff (Rauch) hier, auf dem Boot. Siehst du doch.", frotzelte sie/es zurück. "Und wo ist das Boot?" "Auf dem Fluss." Ah, ein Fluss, immerhin. "Und welcher Fluss ist das?" "Das verstehst du eh nicht." Genau die Antwort die man von mystischen Wesen hören möchte. Aber für solche Spielchen hatte ich mittlerweile genug Erfahrung.
"Probier`s doch mal."
Sie/es nahm noch einen Zug und zusammen mit dem Rauch kam aus ihrer/seiner Lunge: "Das ist ein Gedankenfluss. Dein Gedankenfluss, um genau zu sein, und gleichzeitig ist es dein Seelenfluss, denn Seelen und Gedanken sind ziemlich nah miteinander verwandt."
"Ich habe das Gefühl, ich verstehe das und verstehe es gleichzeitig nicht." und genau das tat ich. Anstatt mir Zeit, darüber nachzudenken zu geben, fuhr das Ding direkt fort und es klang, als wäre es von dem Gespräch schon gelangweilt.
"Stell´s dir mal so vor: Der Fluss sind die Gedanken, die Seele ist der Himmel und das Leuchten ist das Zeug, das beide miteinander verbindet. Die physischen Teile brauchst du, damit du mit den Begriffen irgendwas verbinden kannst, sonst wäre das für ein Menschenhirn zu abstrakt. Also hat der Gedankenfluss sozusagen beides erschaffen, denn Gedanken packen die Dinge in begreifbare Formen, während gleichzeitig die Seele alles erschaffen hat, weil es ohne Seele keine Gedanken gibt. Die Schlange beißt sich in den Schwanz. Klar soweit?" Glasklar. Das Ei das das Huhn legt.
"Und was machen wir hier, auf meinem Sellengedankenstrom?"
"Bier trinken. Rauchen. Das Leben genießen." Wieder ein Hinweis, ich lebte also noch.
"Und wer oder was bist du dann?"
Wieder ein Zug vor einer Antwort.
"Weißt du doch. Ich bin die Schwester von Thana."
"Eine der Schwestern, oder? Ihr seid drei."
"Ja, stimmt, da gibt´s noch eine. Hab ich verdrängt." Sie/es ließ die abgerauchte Kippe auf das Deck fallen und trat sie aus. Dann hatte sie/es direkt wieder die Schachtel in der Hand und steckte sich eine neue Zigarette an. Das Bier in der Umhanghand war auch so gut wie leer. Obwohl ich es offensichtlich mit einem völlig gestörten und abgewrackten Ding zu tun hatte, hatte die Erwähnung des Todes in mir einen Knopf gedrückt. Das Gesicht des Todes brannte auf meiner Netzhaut. Ich wollte sehen, was unter dieser Kapuze war und versuchte, irgendetwas in dem seltsamen Schimmer aus dem Himmel zu erkennen. Aber ohne Erfolg. Ich probierte es mit Taktik: "Und...seid ihr...Zwillingsschwestern?" Ich bekam unverkennbar einen Seitenblick der in jeden Flirt zwischen Sterblichen gepasst hätte. "Du meinst, ob ich so aussehe wie Thana?" Ich sagte nichts. "Keiner siehst so aus wie Thana, ich schon gar nicht. Willst du echt wissen, was ich bin, Kleiner?"
Ich nickte.
"Ich bin die Zukunft." und bei diesen Worten zog sie/es die Kapuze vom Kopf. Da war nichts. Kein Gesicht, keine Gesichtsfläche. Einfach nichts. Nichts mit Haaren. Oder genauer, nichts, was den Blick festhielt. Da war schon etwas, aber ich konnte es einfach nicht fixieren, als wollte es sich verbergen, entwischte es wie Fischöl.
"Wow", war meine erste Reaktion. "Immerhin erkenne ich keine Pickel oder Falten oder so." Es, ich bleibe jetzt bei es, ging auf den Witz nicht ein und zog die Kapuze wieder über den Kopf.
"Warum kann ich dein Gesicht nicht erkennen?" fragte ich.
"Ist doch logisch." Ein Zug. "Weil die Zukunft kein Gesicht hat. Weil keiner weiß wie sie aussehen wird. Oder ein anderer kluger Spruch. Die Zukunft ist das, was kommt. Es ist nicht da, daher kann es keine Form haben. Form hat nur die Gegenwart. Alles andere ist Spekulation."
"Ich hab einen Spruch der das Gegenteil sagt: Man kann sich seine Zukunft selbst gestalten. Also müsste ich dich so sehen können, wie ich will, oder?" Punkt für mich. Dachte ich.
"Weißt du, ich kannte mal einen Typen, der war so ein kleiner Schnuckel wie du. Der kam in einen Puff, suchte sich die hübscheste Nutte, ging mit ihr aufs Zimmer, zog sie aus, zog sich aus, spreizte ihre Beine, nahm sein Ding in die Hand um es reinzuschieben und in diesem Moment explodierte die chinesische Wäscherei nebenan. Schicksal. Sein Schwanz klebte an der Außenwand des nächsten Hauses, als die Feuerwehr die Reste aufsammelte, Hätte er bestimmt nicht gedacht und noch weniger so geplant. Deswegen ist das Quatsch mit der Zukunft gestalten. Manchmal klappt´s und manchmal klappt´s nicht, aber im Grunde ist es Glückssache. Alles ist Glückssache." Sagte es und nahm einen besonders tiefen Zug.
"Rauchst du deswegen?", konnte ich mir nicht verkneifen.
"Ach das", es blickte auf den Glimmstengel in seiner Hand, "das ist nicht wichtig. Ich höre bald auf."
"Wann denn?"
"Morgen." Und dann schmiss es sich förmlich weg vor Lachen.


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