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19.10.2011

Die Nacht dreht sich um

Ich befürchte, ich bin zu spät dran.

Und die Schuhe, die ich trage, machen es auch nicht gerade leichter; mit Keilabsätzen durch ein regennasses München zu eilen, fördert das Zuspätkommen eher.

Andererseits, Lesungen fangen eh nie pünktlich an.

Das Mädchen und ich öffnen die Tür zum Ort des Geschehens, ein Plattenladen, genau die richtige Location für eine Lesung. Zumindest diese Art von Lesung.

Was ihre Musik- und Buchtipps betrifft, hat mich das Mädchen noch nie enttäuscht. Sie hatte bis jetzt einfach immer den richtigen Riecher für Dinge, die mir gefallen. So auch heute.

Das Buch, dessen Cover sämtliche Nackenhaare sämtlicher Buchhändler der Nation aufstellen lässt, denn es ist vorne weiß und hinten schwarz und da man Bücher normalerweise über- und nicht nebeneinander präsentiert, sieht jedes Exemplar nach einem Tag aus wie Sau, weil die schwarze Rückseite auf die weiße Vorderseite abfärbt. Und die Bücher kommen nichtmal verschweißt! Was hat sich der Verlag nur dabei gedacht?

Aber das tut jetzt nichts zur Sache, denn der Inhalt ist klasse, noch besser allerdings ist das Foto des Autors, welches die Titelei ziert. Noch so ein Grund, um heute hier zu sein. Hält das Bild auch, was es verspricht? Oder wurde da fleißig nachretuschiert?


Rechts vom Eingang stehen Bierbänke, in der Mitte führt ein schmaler Gang zur Bühne. Hinter der Bühne, die nicht viel höher als eine Treppenstufe ist, steht eine Leinwand, dahinter geht der Laden noch weiter. Wir setzen uns rechts vom Mittelgang in die dritte Reihe, der Laden ist voll. Und voll heißt in diesem Fall dreißig Leute. Typisch München, Geldstadt mit Herz, aber der litarerische Horizont reicht dann doch nur bis Vollidiot oder Sakrileg. Und Hamburg ist ja auch so weit weg.

Natürlich fängt die Lesung nicht pünktlich an. Das Publikum passt größtenteils zum Buch; Mädchen mit langen Haaren, deren röhrenjeansbedeckte Beine in Schuhen mit Keilabsätzen verschwinden (Ja, ich gebe es zu, ich jage auch jedem Trend hinterher und behaupte dann, ich sei so wahnsinnig individuell, weil natürlich alles Second-Hand oder Flohmarktware ist) und der nerdbebrillte Mann mit Hipsterhaarschnitt und Karohemd hinter mir liest Peter Handke. Ich glaube, hier könnte es mir gefallen.

Und dann geht das Licht aus.


Erst mal ein Film. Hamburg wie es früher einmal war. Oder wie man es sich vorstellt, wenn man noch nie da war. Die Kamera kämpft sich durch einen Tanzabend, die Menschen sind nicht mehr ganz so jung, teilweise unfassbar hässlich und werden im Laufe des Films immer besoffener. Krönender Abschluss ist ein alter Mann, der im Stehen einschläft, sich dann wieder aufrichtet, ein paar Schritte geht, wieder einknickt.

Als der Film endet, geht der Autor an mir vorbei zur Bühne.

Bevor er anfängt zu lesen, zückt er eine Pistole, so eine, wie sie wohl jeder sechsjährige zu Hause hat, der im Fasching als Cowboy geht, und schießt in die Luft.

Es knallt, aber es passt, denn auf der ersten Seite wird ein Papierkorb in Brand gesteckt.

Dann fängt er an und bereits nach den ersten fünf Sätzen, stelle ich mir vor, wie er nackt aussieht (sehr gut), wie groß sein Penis ist (enorm groß) und ob sein Körper irgendwelche Mängel in Form von Leberflecken, Narben etc. aufweist (Natürlich nicht. Er ist perfekt).

Okay, das war gelogen. Das übersteigt meine Vorstellungskraft dann doch nach fünf Sätzen, ich stelle mir lediglich vor, wie er küsst. So wie er aussieht, hat er noch das gelernt, was Männer heutzutage nur noch in Filmen machen, nämlich das Gesicht ihrer Partnerin in beide Hände nehmen, ihr tief in die Augen blicken und sich ihr dann langsam, ganz langsam zum finalen Kuss zu nähern.

Grundgütiger.

Die Mädchen in den Sechzigern hatten die Beatles.

Die Mädchen in den Neunzigern hatten die Backstreet Boys.

Die Mädchen heute haben Tokio Hotel.

Und da ich bei den Beatles noch nichtmal ein Gedanke war, mich die Backstreet Boys noch nie interessiert haben und ich heute eindeutig schon zu alt für den Scheiß bin, jetzt das.

Ich habe Tino Hanekamp.


Der erste Teil der Lesung plätschert so dahin, der Protagonist liest Marc Aurel, deshalb fragt Tino wer Marc Aurel war.

„Ein römischer Kaiser“, denke ich, schweige aber, denn das Gelächter meiner Klassenkameraden bei einer falschen Antwort, habe ich seit der zweiten Klasse im Ohr und deshalb sage ich gar nichts mehr, wenn ich mich mit mehr als zwei Leuten, die meine Antwort hören können, in einem Raum befinde, auch wenn die Antwort richtig ist.

Kinder können so grausam sein.

„Rom“, kommt stattdessen irgendwo aus den hinteren Reihen.

Ja genau, Rom. Ist auch ne Antwort.

Tino verliest sich, für jeden Verleser gibt’s Schnaps. Sagt er. Dann Pause.

Nach der Pause geht tatsächlich Schnaps rum. In einem Pappbecher, den man bekommt, wenn man sich beim Bäcker einen Espresso to go holt. Als ich das letzte Mal Schnaps ohne Beimischung von Fruchtsäften, Energydrinks oder Brausepulver getrunken habe, stand das World Trade Center noch. Verdammt lang her, das alles.

Das Zeug brennt mir in der Kehle und schmeckt wie etwas, das sich normalerweise in Fläschchen befindet, dessen Totenkopf mit gekreuzten Knochen-Aufdruck signalisiert, dass man besser die Finger davon lässt.

Ist der Würgreiz erstmal verflogen, setzt eine angenehme Wärme in der Körpermitte ein, die sich langsam ausbreitet.

Bevor Tino mit seinem Buch weitermacht, liest er erstmal Kontaktanzeigen vor. Bei einer besonders derben, bei der der Suchende seine Vorlieben was Analpenetration und Fisting angeht, offen kundtut, weist Tino auf die jüngste Besucherin, die jemals auf einer seiner Lesungen war, hin. Sollte sie da nicht besser weghören, vielleicht kann sie ja schon gewisse Zusammenhänge herstellen?

Das kleine Mädchen ist höchstens drei, ich habe sie vorhin gar nicht bemerkt, sie hat große blaue Augen und sitzt in einem Kinderwagen.

Applaus für Maja.


Tino liest weiter, der nächste Verleser kommt.

„Du hast doch gesagt für jeden Verleser gibt’s Schnaps.“ ruft ein Mädchen Richtung Bühne.

„Was? Nein, das hast du falsch verstanden. Nicht für alle hier.“

„Aber du hast doch gesagt...“ versucht es das Mädchen weiter.

„Glaub nicht alles, was man dir erzählt. Aber die haben gesagt, ich werde glücklich“, redet Tino mit Singsangstimme weiter. „Genau wie in der Werbung.“

Das Mädchen schweigt. Vorerst. Weiter im Text.

Selig lächelnd kann ich meinen Blick nicht von ihm abwenden, die Wirkung des Schnapses tut sein Übriges, ich schwebe, getragen von seinen Worten. Seine Stimme ist wie Milch und Honig, der nordische Dialekt ist so angenehm, er untermalt die ganze Handlung zusätzlich. Als die Personen im Buch Leonard Cohen hören, erklingt genau das Lied, ich schließe für einen Moment die Augen, das ist alles viel zu...

„Wer das nicht schön findet, der ist schon tot.“ sagt Tino.

Genau. Das ist alles viel zu schön.

Ich bin weder verheiratet, noch habe ich Kinder, kann also nicht behaupten, den viel zitierten schönsten Tag oder schönsten Moment im Leben schonmal erlebt zu haben, aber es sieht ganz danach aus, als ob es dieser Abend werden könnte.

Gerade bin ich dabei, mich in Tino Hanekamp zu verlieben, er bringt mein Herz auf eine Art und Weise zum schmelzen, sowas können nur Männer auf Bühnen. Und er ganz besonders.

Vielleicht verliebe ich mich auch nicht in ihn, sondern in Oskar, seinen Protagonisten, dessen gebrochenes Herz ich am liebsten kitten möchte. Schließlich verliebt man sich ja auch nicht in Johnny Depp, sondern in den schönen, sonderbaren Sam, den er darstellt. Oder für alle, die „Benny und Joon“ nicht gesehen haben, man verliebt sich nicht in den Schauspieler, sondern in die Rolle.

Und in diesem Fall ist das Oskar, verkörpert von einem Mann, der in Wirklichkeit noch viel schöner ist, als auf dem Foto, auf dem er eine Kippe zwischen den Lippen und eine Banane in der Jackentasche hat. Im Vorfeld habe ich mir noch gedacht, ich bring ihm eine mit, oder noch besser, einen Apfel, den ich ihm dann mit den Worten „Banane war aus“, überreichen werde, wenn er mein Buch signiert, weil ich ja so total selbstbewusst und witzig und so bin.

Bullshit.

Ich bin nur ein Mädchen, das den Verstand verliert, bei schönen Männern, bei schönen Männern, die Bücher schreiben, bei schönen Männern die Bücher schreiben und Tino Hanekamp heißen.

Mit jedem Wort, jedem Satz den er liest, nähert sich der Abend dem Ende zu und zur Abwechslung beobachte ich das Mädchen, das in der ersten Reihe sitzt, mit ihrer schönen Sixties-Frisur, den rot angemalten Lippen und dem Kleid, das mit lauter Schuhen bedruckt ist. Im Gegensatz zu mir ist ihr Outfit wirklich individuell und nicht so möchtegern wie ich. Sie könnte Oskar aus den Klauen des Liebeskummers befreien, nicht ich. Ich bin nur das Mädchen aus der dritten Reihe, das dabei zusieht und sich denkt: „Könnte ich doch, würde ich, sollte ich nicht lieber...?“


Die Lesung ist vorbei, der Autor verlässt die Bühne, muss wieder an mir vorbei, geht in den hinteren Teil des Ladens. Aber er kommt nochmal und ich werde doch noch mutig, frage ihn, ob er mein Buch signiert und ob ich ein Foto mit ihm machen darf. Denn alles was nicht abgelichtet wird, ist nie gewesen, steht ja auch im Buch. Auf Konzerten lasse ich meine Kamera zuhause, ich mache keinen Hehl daraus, dass ich die Zeit, in der ich lebe, verachte, früher schwenkten noch alle Feuerzeuge, heute Iphones und Digitalkameras, zum kotzen ist das, aber jetzt heute, hier, ist das etwas anderes, das muss ich tatsächlich festhalten, sonst ist es wirklich nie gewesen.

Jetzt bin ich doch froh über die Schuhe, Tino überragt mich jetzt schon um mindestens einen Kopf, ohne den Keilabsatz wäre ich noch kleiner. Ich bedanke mich, er lächelt mich an.

Mein Herz schmilzt.

Der Abend ist vorbei.






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