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Der innere Matthias Sammer

Zum ersten Mal meldete er sich, nachdem ich mein Abiturzeugnis überreicht bekommen hatte. Ich war richtiggehend in Feierlaune und mischte auf der anschließenden Party Asbach-Uralt mit Fassbier und White Russian, um gebührend auf die neue Freiheit, das ungezwungene Sein anzustoßen. Ich vollführte furiose Breakdance-Einlagen und steckte meine Zunge wahllos in Münder und andere Körperöffnungen meiner ehemaligen MitschülerInnen.
Da klopfte er von irgendwo innen in meinem Kopf an und sagte: ?Nanana, noch ist gar nichts geschafft, das Schwerste liegt noch vor dir. Bleibe immer fokussiert, immer klar, verliere dich nicht, folge deinen Zielen, und hänge sie hoch!?


Ich tat dieses, sein erste Aufbegehren als eine Form der Halluzination ab. Ich feierte weiter ungehemmt, steckte meine Zunge in Münder, Schnapsgläser und Steckdosen, womit ich mir immerhin zwanzig D-Mark verdiente. Das sind zehn Euro!


Ab da aber wurde ich ihn nicht mehr los. Ständig meldete er sich aus meinem Kopf, wenn ich im Begriff war, über die Stränge zu schlagen, und mahnte. ?Nicht zu früh freuen?, sagte er immer, nach jedem neuen persönlichen Erfolg. ?Du hast noch einiges vor dir. Wir müssen nüchtern und sachlich bleiben, analysierend, wir wollen das Große schaffen. Weshalb freust du dich, nur weil du eine alte Frau vor dem LKW weggezogen hast? Du könntest jeden Tag dreißig alte Frauen aus Lebensgefahren retten. Und zur Not bringst du sie vorher hinein. Wir wollen alles erreichen. Alles!?

Da begriff ich endlich, woran ich litt, was ich mir eingefangen hatte: Einen inneren Matthias Sammer.
In blassgrauem Pullunder und angeglichener Gesichtsfarbe sitzt er mit den Fingern ineinander nestelnd am Spielfeldrand und macht noch bei einer 4:0-Führung ?Gnnngnnng? und mahnt, und mahnt, und MAHNT. Der innere Matthias Sammer, der nicht sagt ?Wer saufen kann, kann auch arbeiten?, sondern ?saufe erst gar nicht und arbeite das Doppelte?, kurz: Die Verkörperung der miesmachenden, murrenden, moralmächtigen Spaßbremse.


?Matthias Sammer!?, sagte ich. ?Bist du das? Sitzt du seit Jahren zeigefingerschwingend in meinem Kopf und verbietest mir alles, was mir Freude machen könnte??

Da begann es, mir in der Nase zu jucken und zu zucken, ich schmiss den Kopf wie wild hin und her, hechelte wie eine Niederkünftige und glaubte zu ersticken, bis sich schließlich der größte Nieser meines Lebens löste und ich nebst einem Liter Rotz, Blut und Wasser Matthias Sammer aus meiner Nase ausstieß.


?Wow, das war ne ordentliche Ladung?, sagte ich stolz. Der kleine Matthias Sammer rappelte sich auf der Tischplatte auf, wischte sich Schleim aus den Augen und von der Glatze und sagte: ?Du kannst noch viel größere Ladungen ausniesen, du musst nur an dich glauben. Ich kann dich dazu motivieren.?

Dazu stampfte er wild auf, riss die Arme hoch und rannte schließlich in einem kleinen Kreis flink um sich selbst.

Ich verfolgte seine Bemühungen mit wachsender Faszination und merkte außerdem, dass sich eine neue, piepsige Stimme in meinem Kopf meldete: ?Lustige Geschichte, hab ich auch mal erlebt. Muss ich Ihnen unbedingt mal erzählen.?

Zeitgleich spürte ich den Drang, pseudointeressierte Fragen zu stellen, um die Antworten abzuwürgen und langweilige Anekdoten aus meinem eigenen Leben zu erzählen. ?Hoch-interessant?, sprach es in mir, ?ein großer Spaß, haha?, und umgehend begriff ich. Ich hätte Matthias Sammer niemals ausscheiden dürfen, denn er schien Platz gemacht zu haben für ein weitaus größeres Übel, für meinen inneren Markus Lanz ? der sich bereits in bester Bergsteigermanier aus meinem linken Ohr abseilte.

Matthias Sammer versank in eine pseusointellektuelle Denkerpose, nahm in einem Eierbecher Platz und schlug die Beine übereinander, da setzte Markus Lanz auf der Tischplatte auf.

?Einen schönen guten Abend, freu mich, dass Sie dabei sind, herzlich Willkommen, schönen guten Abend auch in die Runde, freu mich sehr, vielen Dank. Sehr interessantes Thema heute, hoch-interessante Gäste, hat man nicht jeden Tag?, sagte er und Matthias Sammer faltete sie Hände und legte die Stirn in Denkerfalten.


?Ein Hitzkopf ist er noch immer, auch wenn er sich von seinem Feuerschopf getrennt hat?, leitete Markus Lanz seine Anmoderation über Matthias Sammer ein, die er damit abschließen sollte, sich sehr über seine eigene Wortwahl zu freuen und ?köstlich? zu sagen.

Er stellte die üblichen erwartbaren Fragen nach den üblichen Belanglosigkeiten, Kindheit, Bolzplatz, Vater, DDR, Wende, Karriere, Rückschläge, Ehrgeiz, legte dabei erwartbar den Finger vor den offenen Mund, und Matthias Sammer sah erwartbar vor jeder Antwort erst mal ernst und verkniffen drein, bevor er zu einer wohlüberlegten Antwort ansetzte, die erwartbar nach zwei Sätzen durch eine weitere ?Ist es wahr, dass?-Frage unterbrochen wurde. Irgendwann wurde es Sammer zu bunt und er wendete sich stattdessen mir zu.

?Ich war jetzt lange genug in Ihnen?, sagte er aufgebracht. ?Was denken Sie sich eigentlich den ganzen Tag? Das hat doch gar nichts mit Fußball zu tun. Waren Sie überhaupt schon mal im Stadion??

?Ja?, sagte ich, ?zwei Mal in meinem Leben. Das war zwei mal am Millerntor, zwei Mal hat St. Pauli verloren, aber ich hab mich trotzdem immer gefreut, weil so viele Joints durch die Reihen gegangen sind.?

?Absolut inakzeptabel?, sagte Matthias Sammer. ?Keine Macht den ??

?Hoch-interessant?, sagte Markus Lanz. ?Darüber wird zu reden sein. Habe übrigens auch mal so was erlebt. Ich, als kleiner Springinsfeld in Südtirol, Fußballplatz, stehe am Sechzehner, laufe aufs Tor, zack, rutscht mir die Hose runter. Haha! Das war peinlich. Mittlerweile kann ich drüber lachen.?

Matthias Sammer und ich sahen uns entgeistert an, er wies mit seinem Streichholzkopf in eine bestimmte Richtung, ich folgte seinem Blick und sah, dass er auf die Fliegenklatsche hindeutete. Ich griff zu.

?Ein großer Spaß?, sagte Markus Lanz. ?Wir könnten uns lustige Hüte aufsetzen und Limbo oder Sackhüpfen spielen.?

Ich schlug zu. Lanz war Brei.

?Das kann nicht alles gewesen sein!?, brüllte Matthias Sammer und erreichte eine mximale Gesichtsröte. ?Du musst mehr erwischen, mehr, immer mehr, du musst sie alle kriegen!?

Und bevor er begriff, worauf seine ambitionierte Motivationsrede hinauslaufen sollte ? Patsch.

Und es war ruhig.
Ich entfernte die beiden mit einem Handfeger vom Tisch und warf sie in den Biomüll.

Seitdem ist es recht leer in meinem Kopf und irgendwie vermisse ich die Stimmen doch. Ich warte darauf, dass sich dort auch mal vernünftige Menschen ansiedeln.

Ein innerer Innenminister Friedrich zum Beispiel. Ich könnte niemals mehr auf der Straße überfahren werden, wenn er mir in Gefahrensituationen immer zuflüstert: ?Zuerst nach links schauen! Nach links!?

Oder ein innerer Lothar Matthäus, der mich zuverlässig sämtliche Realitäten vergessen, mich mich selbst als Reinkarnation von Jesus sehen und mich von mir in der indefiniten dritten Person sprechen lässt. ?Ein Christian Ritter braucht keine Reservierung. Gehen Sie ihm aus dem Weg, Sie Hanswurst.?

Ja, das wäre schön, dachte ich, ich könnte eine Million Facebook-Likes bekommen, wenn ich es mir nur ganz fest einbilde. Und ich glaubte, aus der Biotonne ein ganz leises, erschöpftes ?Darüber wird zu reden sein? zu hören.

 



Bücher von Christian Ritter gibt es im Buchhandel oder hier: » http://shop.unsichtbar-verlag.de/advanced_search_result.php?XTCsid=0552912ae8a860230baff40d4a03e6c3&keywords=ritter&x=0&y=0


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