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23.12.2013

Straight outta Schweinekoben (Director’s Cut)

Ein aufmerksamer Späher an der unsichtbaren Front fühlte sich unlängst bemüßigt, mir die ebenso unerquickliche wie bizarre Information zu übermitteln, dass in der Samtgemeinde Dessau eine Hip-Hop-Formation herumkrauchen würde, deren erklärtes Ziel es sei, rechtsradikales Gedankengut zu transportieren. Yo, Sieg Heil, Nigger, da sind gewiss Texte zu erwarten, die die Kluft zwischen den Generationen – zumindest kurzfristig – überwinden helfen: >>Wir Herrenmenschen chillen gerne / singen dazu und geh’n Laterne / Doch immer wenn’s am schönsten ist / wenn Britt mir in die Fresse pisst / ruft’s von oben: „Heim ins Reich!“ / Der Himmel weint, mein Schwanz wird weich / „Wart noch, Mutti, komme gleich!“<<

Uns ehemaligen Berufsjugendlichen, die wir dem heimischen Sprechgesang spätestens seit dem Auftauchen der Hotzenplotz-Darsteller um den Mummenschanzfetischisten Sido (>>Meine Wohnung, mein Block, meine Bettnässer-Selbsthilfegruppe<<) einen kräftigen Tritt in die übervolle Blase verabreicht haben, treibt diese neue Metastase im Fäulnisbeschleuniger Showgeschäft natürlich nur ein altersmildes Lächeln ins Gesicht, bevor wir den geisteschwachen Irrlichtern gemeinsam mit dem größten aller lebenden Freestyler, mit Dr. Helmut Kohl also, zurufen: >>Deutschland von der Karte streichen – Frankreich muss bis Polen reichen!<<

Ein altersmildes Lächeln, ach was: ein Strahlen gar, ist auch dem Dalai Lama längst zur Gewohnheit geworden. Kein Wunder, hat sich die bebrillte Blitzbirne in den letzten Jahrzehnten doch durch ausgiebiges Touren eine ebenso zahlreiche wie ehrerbietige Fangemeinde erarbeitet. Unlängst auf Einladung von Hessenhitler Roland Koch in Wiesbaden zugange, durfte der >>Popstar des Geistes<< (1) die Huldigungen von mehr >>als 20.000 Menschen<< entgegennehmen. Zustände >>wie bei einem Rockkonzert<<, zumindest in den Gehirnkästchen der Teilnehmer: >>Für die buddhistische Nonne Hue Chieu, die mit bürgerlichem Namen Regina Steinkamp heißt, ist der Massenandrang kaum zu fassen: „Mein Kopf hat gesagt, das ist unglaublich, aber mein Herz sagt, das ist logisch.“<< Logisch, dass da auch andere Glaubensrichtungen kaum an sich halten können: >>Sie sei Katholikin und wolle es bleiben, „aber der Mann gefällt mir“, erklärt Irene Rieth-Alt aus dem südhessischen Eltville, „was er schreibt und was er sagt, ist super.“<< Oder, um noch einmal Frau Steinkamps oralen Ausfluss die Tastatur benässen zu lassen: >>“Es war wie in einem großen Wohnzimmer, wo wir alle sitzen und Seine Heiligkeit erzählt, worauf es ankommt.“<<

Dass Seine Heiligkeit für ein religiös verbrämtes System extremer sozialer Ungerechtigkeit steht, interessiert bei derlei Gruppenekstase naturgemäß nicht mal am Rande. Dabei ist die Doktrin des sogenannten Gelbmützenbuddhismus (2), wie sie vom Dalai Lama vertreten wird, alles andere als ein Streichelzoo mit anschließendem Wünschelrutenweitwurf. Vielmehr zeichnet sie für eine gewalttätige Epoche feudaler Ausbeutung verantwortlich, dem ein mehr als fragwürdiger Dämonenglaube, der systematische Missbrauch von Kindern und ein ewiggestriges Frauenbild zugrunde liegen. Keine Frage, der chinesische Einmarsch in Tibet, insbesondere die im Zuge der Kulturrevolution begangenen Verbrechen müssen stets und allerorten gegeißelt werden, vom Erwerb eines Free Tibet-Aufklebers ist allerdings dennoch abzuraten. Dass der gern auch Gottkönig genannte Dalai Lama, der nach wie vor als das Gesicht der entsprechenden Bewegung betrachtet werden muss, freundschaftliche Beziehungen zu alten und neuen Nazis unterhält – von Bruno Beger (SS-Hauptsturmführer) und Heinrich Harrer bis hin zu Miguel Serrano (Vorsitzender der Nationalsozialistischen Partei Chiles) und Shoko Asahara (Führer der berüchtigten japanischen AUM-Sekte) – sollte selbst dem zu denken, der vor lauter Orgasmus-Workshops und Traumfänger-Bastelkursen kaum noch Zeit zum Denken hat.


(1): Alle Zitate zum Wiesbaden-Besuch des greisen Religionsführers: Associated Press

(2): Mehr zum Thema: Colin Goldner „Dalai Lama – Fall eines Gottkönigs“ (Alibri-Verlag 2005)


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