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10.06.2016

Todesmomente

Vorwort

Ja, es gibt Zusammenhänge wie diese in diesem Text beschriebenen. Immer hängt irgendwas zusammen. Du bist reich, ich bin arm, das hängt zusammen. Weil ich arm bin bist du reich. Du Nike, ich Nikenäher und barfuß. Aber Marken zu nennen ist natürlich dumm. Klar machen wir alle mit, wir haben doch nicht Lust auf barfuß, sondern Lust auf Nike. Und immer haben wir noch diese Arroganz von Fairness zu sprechen, wenn wir einkaufen gehen, wird das Gewissen vermutlich gemutet, stillgelegt für den Moment des scheinbaren Glücks, wenn andere von ihrem Arbeitsplatz erschlagen werden. Und Du sagst: "Die und wir, wir und die haben doch schließlich alle was davon. Ich allein kann doch nichts tun." Ihr verzweifelten Rufer. Ich kann Euch nicht sagen, wie Euer Leben schön wird, aber wie man diesen einen winzigen Aspekt Fairness in den Handel bekommt, das steht unter anderem in diesem Buch: » DIE ZUKUNFT IST SCHÖN!!!

Todesmomente

Einzelne Schneeflocken in Lawinen fühlen sich ja auch nicht verantwortlich, wenn sie kleine Bergdörfer unter sich begraben. Der alleinstehende Regentropfen, der an einer Hochwasserkatastrophe beteiligt war, kann trotzdem jede Nacht gut schlafen, in seinem kleinen Regenwasserbett. Obwohl er einen Hund ertränkt hat. Unfreiwillig natürlich nur ...

 

... vier Euro neunundneunzig. Ein Tshirt. 10 Farben. Rot, gelb, orange, grün, mintgrün, blau, lila, grau, schwarz, weiß. Und da hängen sie gelassen an diesem Drehkreuz und sind verfügbar in S, M, L und XL. Verfügbarkeit ist was schönes, denkt sich die Verfügbarkeit und passiert vergnüglich und in allgemeiner Akzeptanz. Wie schön, denken da Linda und Patrick und drehen am Kreuz und freuen sich über V-Ausschnitte. V-Ausschnitte haben diese gewisse Laszivität und Linda und Patrick bedürfen eben jener Laszivität. Und sie drehen am Kreuz und suchen nach Coolness für vier Euro ...

 

... neunundneunzig Leute sitzen an diesen Nähtischen. 3 große gibt es jeweils 33 Leute sitzen dort nebeneinander und tackern mittels lauter Nähmaschinen den Saum vom V-Ausschnitten haltbar. Was Laszivität ist, weiß keiner dieser 99 Menschen. Sie nähen lediglich in einer Geschwindigkeit, dass man denkt, sie nähten um ihr Leben. Tun sie wahrscheinlich auch. Letzte Woche hat einer gesagt, in der Decke sei ein Riss und er hielte es für zu gefährlich unterhalb dieses Risses weiterzuarbeiten. Anderntags saß jemand anderes in diesem Betonklotz und säumte V- ...

 

... Ausschnitte aus den Leben von Linda und Patrick sind schnell erzählt. Beide studieren sie irgendwas und haben da eine Hoffnung auf eine Zukunft. Und solange man noch keine Zukunft hat, ist man eben arm und solange man arm ist, muss man Tshirts für vier Euro neunundneunzig kaufen. Die halten dann zwei Sommer und werden dann immer dünner, mit jeder Wäsche immer dünner. Der V-Ausschnitt wird immer ausgeleiherter und erst trägt man es auf einer Party, dann beim Schlafen und irgendwann, nachdem man damit den mit der WC-Ente schwer erreichbaren Klorand von alten, studentischen Kackresten gesäubert hat, verständnisvoll zum ...

 

... Müll liegt hier überall, rund um diese Fabrik und die neunundneunzig Leute nähen schnell, damit nicht auch sie zum Müll werde, der hier überall liegt. Wenn sie rausgehen, aus diesem staubigen Gebäude, dann steht da einer, der ihnen ein bisschen Geld für ihre Mühe gibt und lächelt. Der, der das Geld austeilt, bekommt auch ein bisschen Geld dafür, dass er aufpasst, dass die Nähprozesse nicht ins Stocken geraten. Deswegen lächelt er auch. Wenn mal einer stockt beim Nähen, dann stimmen am Ende die Zahlen der V-Aussschnitte nicht und die müssen stimmen täglich. Die Tshirts stinken nach Lösungsmittel und was man hier einatmet macht komische Haut und zuweilen Bluthusten. Außerdem staubt es ständig von oben, aufgrund sich auflösender Bau- ...

 

... Substanz soll es haben, dieses Leben, ja es soll eine gesunde Basis haben. Eine Basis, von der man planen kann. Kinder und Häuser zeugen und bauen. Da soll eine Plattform hergestellt werden, auf der man in dieser unruhigen Zeit noch entspannt erst vier, dann vielleicht ein paar mehr Füße stellen können soll. Dazu irgendwas aus Sicherheit. Und die Zeiten, ja die Zeiten sind so unruhig, dass es diese Plattformen kaum noch gibt, aber im Ozean der Unruhe, da schwimmen noch ein paar und wenn man mal mit seinen Füßen auf eine solche kommt, dann baut man Zäune und Selbstschußanlagen, denn jeder außerhalb dieser Plattform ist automatisch ein Neider und man weiß ja, was Neider heute so machen. Alles kaputt nämlich machen sie, die Neider, weil sie einem die Sicherheit neiden, die sie selbst gern hätten. Ja, da wollen Linda und Paul hin, aber bis man da ist, muss man hier einkaufen gehen, damit man irgendwie aussieht. Der absolut schaffbare Versuch auffällig unauffällig zu ...

 

... sein Lebenswerk hat das Gebäude wohl schon hinter sich. Früher war es eine Munitionsfabrik, seit über 20 Jahren ist hier aber Textilindustrie. Beton überlegt sich, sich von anderem Beton zu lösen und ja, da fällt die Decke herab und die Leute unterhalb dieses Lösungsprozesses, die nähen einfach weiter, bis dann auch die tragenden Wände nachgeben und das, was mal Statik war, einfach nicht mehr Statik sein will, sondern ausschließlich kaputt. Und so geht kaputt, was schon so lange wackelig war und begräbt die neunundneunzig Leute unter sich. Hier und da hört man wen jammern, ihm fehle ein Körperteil oder eine Aussicht auf Gerechtigkeit oder einfach mal jemand, der hilft und faire Preise für die Arbeit hier zahlt, damit man nicht andauernd Näherinnen und Näher unter Trümmerteilen hervorzerren muss. Aber auch dieses Mal zerrt man wieder und ein Kamerateam kommt kurz vorbei und dokumentiert die Katastrophe. Hinterweltlervolk ist nicht gut imstande stabiles Bauwerk zu errichten, sagt die Presse etwas später. Die, die überleben und nicht verstümmelt sind, werden nächste Woche in den nächsten baufälligen Komplex begleitet, wo sie dann weiternähen für eine billigere ...

 

... Weltanschauung haben doch alle. Und Linda und Patrick sind eigentlich kritische Menschen, die aber nur so weit denken dürfen, wie ihre Armut es ihnen gestattet. Aber sie haben ja auch ein Herz, zwischen all den konkreten Plänen und Wünschen. Daher sind sie auch 7 Sekunden lang entsetzt, als sie vor ihrem Computer sitzen und vor dem Abrufen ihrer Emails sehen, dass in einem Land, das Bangladesch heißt, eine Textilfabrik eingestürzt ist und es eine Menge Tote und Amputierte gab. Irgendjemand im Internet ruft auf einem sozialen Netzwerk zu einem Boykott diverser großer Textilketten auf. Einer Menge Leute gefällt das. Linda und Patrick packen ihre Tragetaschen aus. Darin sind ein paar Kinderfinger, ein paar Unterarme, ein paar halbierte Oberschenkel, Därme, Hoffnungen und ein paar Pfund Resthackmensch zu finden. Nein, nein, nein, der Autor übertreibt natürlich, er will ironisch überspitzen, eigentlich sind in der Tüte nur ein paar Tshirts für vier Euro neunundneunzig und eine neue Jeansjacke. Sonderangebote halt. Sieht aber cool aus. Das mit dem Konsum und dem, was da an Folgeschäden dranhängt, jeder weiß das, alle ...

 

 

... einzelnen Schneeflocken sagen zueinander, dass sie eigentlich dagegen sind, an dieser Lawine teilzunehmen, aber wenn mal wieder Lawinentag ist, dann ist man doch gern dabei. Ist ja sonst so wenig los. Alleinstehende Regentropfen wollen nicht Teil einer Flutkatastrophe sein, aber sie müssen sich dort sammeln, wo sie hingeregnet werden. Und verdammt nochmal einen Hund ertränken ...


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