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20.07.2016

Die Zunge allein spaltet das Holz nicht – eine Macht-Probe

(geschrieben anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Veranstaltungsreihe „Macht Worte!“)

Wenn vor dem Ostseedorf Hohwacht eine Hundertmillionen-Euro-Yacht in deines Schädels Mitte kracht,

während an einer Amsterdamer Gracht ein Staatsanwalt in voller Tracht über Folterwitze lacht.

Wenn das unsachgemäße Verladen schwerkontaminierter Fracht eine tödliche Epidemie entfacht,

sich zeitgleich ein Prälat in Ordenspracht sacht über Knabenfleisch hermacht.

Wenn eine mörderische Panzerschlacht in dunkler Nacht dein Heim heimsucht, obwohl dasselbe überdacht,

während dein Landlord, weil angeblich der Lichtschacht neu gemacht, aufgebracht schreit, er wolle das Achtfache an Pacht.

Dann wird es Zeit für „Macht Worte!“

Machtworte?

Wenn denn mal einer Worte machen würde. Wenn denn mal einer Worte erfinden würde, oder finden von mir aus. Worte, die wirklich was machen würden, was ausmachen würden, den Unterschied zwischen Stillstand und Bewegungsstarre beispielsweise.

Stattdessen immer nur Gesprächstherapie – nicht enden wollendes hohles Gelaber, öffentliche Sprechstunden für verkappte Narren von Irren mit Narrenkappen. Lesungen etwa oder Poetry Slams oder noch schlimmer: Standup Comedy.

Merkt euch, Sportsfreunde: Wordsport ist Wortmord! Denn natürlich setzen auch die Wortakrobaten ihre wohlgesetzten Worte hauptsächlich für das eigene Wohl ein, wollen gestreichelt, wollen an der Zitze namens Publikum gesäugt und großgepäppelt werden.

Geht also besser nachhause und macht den Fernseher an. Vielleicht läuft „Wörthersee“. Mit Roy Black. Der müsste mal ’nen Machtwort sprechen. „Macht Schluss mit dem ewigen Aneinanderreihen von Worthülsen, macht euch endlich frei von der Sprache!“, könnte dasselbe lauten.

Aber machen wir uns nichts vor. Nützen würde auch das nichts. Denn natürlich würde irgendwer davon eine Aufnahme machen und ins Netz stellen, wo Roys sprachmächtiger Beweis seiner Weisheit dann munter die Runde machte.

Dabei gibt’s nun wahrlich schon genug Worte im world wide web. Und im Akkord werden weitere eingespeist. Kein Wunder, denn Worte machen selten Schwierigkeiten. Werden selbst von Machtapparaten kaum noch gefürchtet. Links rein, rechts raus – eine Haltbarkeitsdauer wie ein Becher Dickmilch auf dem Sauna-Ofen.

Worte, diese nichtsnutzigen Abfallprodukte des Denkprozesses. Wenn sie wenigstens Trost brächten oder Linderung. Aber du liegst da mit Schmerzen und Sorgen und Angst vor Atemnot oder Atemnot vor Angst, und die machen nichts die Worte, machen einfach nichts. Glotzen dich nur an wie Kühe, die für einen kurzen Moment das Grasen unterbrochen haben, weil der Kleintransporter des Abdeckers an der Weide vorbeifährt.

Ist doch ohnehin schon alles aufgeschrieben, steht doch alles da: du sollst nicht töten, Kapitalismus abschaffen und so weiter und so fort.

Alle Macht den Worten? Dass ich nicht lache. Macht lieber Lose auf, ihr Machtlosen. Vielleicht habt ihr Glück und gewinnt eine Axt. Die könnt ihr dann einem Wortschmied schenken, der damit in den Wald gehen und Bäume fällen, also endlich Holz machen kann (wie die Forstarbeiter sagen).

Vielleicht wird er sich währenddessen seiner Ohnmacht bewusst, macht endlich Ernst und verpasst der Sprache eine Schönheits-OP, von der sie sich nicht mehr erholt, also nie wieder aufwacht. Oder er geht mal so richtig ans Eingemachte, steckt sich den Stiel der Axt ins Gehirn und rührt kräftig um. Womit er letztlich alles richtig gemacht hätte.

Denn erst, wenn der letzte Literat verstummt, der letzte Blogger versteinert, der letzte Poetry Slammer in Depressionen verfallen ist, wird die Erkenntnis reifen,

dass wir, all jenen, die an gut bewachten Orten

gern Kohle, Macht und Einfluss horten

die Suppen und Torten am besten versalzen,

wenn wir endlich damit beginnen,

uns in ungemachten Worten zu wälzen.

Word!


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