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10.09.2016

Diagnosen

Vielleicht war es schon vorher da. Vielleicht hat es aber auch erst angefangen als ich in die Stadt gezogen bin. Es war einfach schwer dem Angebot zu widerstehen. An jeder Ecke gab es Ärzte und mit jedem von ihnen hatte ich etwas gemeinsam: Wir setzten uns mit den selben Diagnosen auseinander. Sie, weil es ihr Job war. Ich, weil ich sie mir selbst stellte.

Ich wusste dass ich Hypochonder war, aber genauso wusste ich dass mich die Hypochondrie nicht daran hinderte, wirklich krank zu werden. Also nahm ich ernst, was in mir vorging.  Trotz meiner vielen Hilferufe fiel es mir allerdings schwer die Untersuchungen ernst zu nehmen. Wenn ich irgendein Testergebnis mitbekam, das mich für gesund erklärte, hielt ich es schon am nächsten Tag nicht mehr für aussagekräftig. Über Nacht konnte sich schließlich alles ändern. Wenn die Ärzte mich einfach nur abtasteten oder abhorchten, fühlte ich mich kränker als vorher, weil sie mir gezeigt hatten wie viele marode Stellen es doch in mir geben konnte. Doch obwohl ich mich nach keinem Arztbesuch wirklich gesünder fühlte, saß ich doch fast jeden Morgen in einer Praxis. Das Gefühl etwas zu verpassen hatte ich dabei nicht. Vielleicht lernte ich sogar mehr als in den Vorlesungen die ich dafür schwänzte, denn meistens konnte ich in Ruhe lesen bis ich aufgerufen wurde.

Es waren immer andere Patienten in den Wartezimmern, aber eigentlich waren sie alle gleich. Meistens waren es Blaumacher (ich selbst zählte mich natürlich nicht dazu), Rentner, oder Kinder mit und ohne Eltern. Die Zusammensetzung des Wartezimmers überraschte mich selten. Aber an diesem Morgen wunderte mich etwas: Ein Mädchen das ich letzte Woche beim Neurologen gesehen hatte, saß mir jetzt gegenüber. Sie war etwas blass, aber vielleicht lag das auch einfach daran dass sie rothaarig war. Sie wirkte nicht krank, aber sie wirkte auch nicht wie eine Blaumacherin. Es schien als ob sie nicht auf den Arzt warten würde, sondern einfach darauf gewartet hätte, hier zu sitzen. Sie bemerkte anscheinend dass ich sie ansah, denn sie blickte von der Zeitschrift auf und musterte mich einen Moment. Jetzt war klar dass auch sie mich erkannt hatte. Zufall, dachte ich. Erstaunlich dass dir bis jetzt noch niemand anderes zweimal begegnet ist, fiel mir auf, dann vertiefte ich mich wieder in mein Buch.
Als sie ins Sprechzimmer verschwand, sah ich ihr nochmal kurz nach. Später, als ich die Praxis verließ, diesmal ohne Befund, nur mit einer Überweisung zum Kardiologen, hatte ich sie schon wieder vergessen.

Das nächste mal begegneten wir uns als ich von der Ambulanz wieder nach Hause ging. Ich war erleichtert dass sich der Verdacht auf Tuberkulose nicht bestätigt hatte, und hatte keine Eile bei rot über die Ampel zu kommen. Auf der anderen Straßenseite sah ich jemanden aus der Apotheke schlüpfen. Sie trug zwar jetzt eine Mütze, und ihre Strickjacke hatte sie bis zum Hals zugezogen, doch ich erkannte ihre roten Locken, die unter der Mütze hervorschauten, und ihren Gang, der so energisch schien, als würde sie nicht mehr damit rechnen, sich je wieder hinzusetzen. Ich sah dass sie zur Straßenbahn hastete. Jetzt war mir die Ampel egal. Ich eilte der einfahrenden Bahn hinterher, und schaffte es in die letzte Tür zu schlüpfen. Als wir losfuhren war ich erleichtert, dann fragte ich mich was ich hier machte. Ich war so schnell gelaufen dass ich mich setzen musste, aber alle Plätze waren belegt. Es gab nur die Stangen zum festhalten, aber die konnte ich nicht mit bloßen Händen berühren. Spätestens an der nächsten Kurve musste ich mich festhalten, das war klar, sonst würde ich auf irgendeinem Fahrgast und seinen Bazillen landen. Ich drängte mich an die Tür und lehnte mich an. Das Risiko dass sie sich während der Fahrt öffnen könnte, war geringer als das Risiko mir einen Virus einzufangen, überschlug ich. Die Bahn füllte sich an jeder Haltestelle mehr, und ich versuchte das Mädchen im Blick zu behalten. Aber im Gedränge verlor ich sie, und auch meinen Glauben dass ich hier heil heraus kommen würde, verlor ich bald. Ich kramte in meiner Tasche um den Kopf etwas gesenkt halten zu können und nicht direkt die Ausdünstungen der anderen einatmen zu müssen. Nach der nächsten Haltestelle schreckte mich etwas auf. Im Vorbeifahren sah ich dass sie ausgestiegen war und in Richtung Altstadt ging. Ich sank noch weiter zusammen und hielt die Luft an, bis sich die Tür wieder öffnete und ich endlich rausstürmen konnte.

Wenigstens wusste ich was mich die nächsten Tage erwartete. Wenn ich aus irgendeinem Grund in eine enge Menschenansammlung geriet, bedeutete das für mich: Meningitis. Das beunruhigte mich, gleichzeitig dachte ich aber dass ich einfach schnell beim Arzt sein musste wenn die Symptome da waren, und während der Inkubationszeit hatte ich erstmal Ruhe. In den nächsten Tagen wagte ich mich sogar mal wieder in Vorlesungen. Die Gewissheit an Meningitis erkrankt zu sein war so stark dass ich mich jetzt fast frei fühlte. Die Krankheit war weit genug weg um jetzt schon etwas anrichten zu können, aber schon deutlich genug um alle anderen möglichen Diagnosen zu verdrängen. Um keinen anderen anzustecken kauerte ich mich auf den Boden ins letzte Eck und schrieb fleißig mit. Dazwischen fragte ich mich, ob ich meine letzten Tage in Freiheit wirklich auf dem kalten Uniboden verbringen wollte. Das verneinte ich. Nach der Stunde ging ich nach draußen.
Kurz vor der Mensa kamen mir drei Mädchen entgegen. Dazwischen die rothaarige aus dem Wartezimmer. Ich erschrak. Sie bemerkte es, aber das schien sie nicht zu wundern. Irgendwie freute sie sich sogar und kam auf mich zu.
"Hey, ne Weile nicht gesehn." Sie lächelte, aber in ihren Augen sah ich wie fremd ich für sie war.
"Hey." Ich lächelte zurück.
"Geht doch schon mal vor..." sagte sie zu ihren Begleiterinnen. "...ich brauch noch'n Moment."
Die beiden nickten und gingen weiter. Sie drehte sich wieder zu mir.
"Wie war dein Name nochmal?"
Ich sagte es ihr.
"Ok, das war ein Notfall, weißt du. Ich konnte da unmöglich mit." flüsterte sie.
Wir gingen ein paar Meter. Ich öffnete die Glastür, dann waren wir draußen.
"...bist du krank?" fragte ich, als wir an der Straße entlanggingen.
"Ich weiß es nicht." sagte sie.
"Wenn du's nicht weißt, wissen's andere."
"Hat man dir nicht beigebracht dass es egal ist, was andere sagen?"
"Klar, aber wer sich's beibringen lässt hört doch auch auf andere, oder?"
Sie lächelte.
"Ich sag dir was: Ich sterbe."
"Woran denn?"
Sie überlegte.
"Kennst du das, wenn die Zeit und du irgendwie nicht mehr zusammenpassen?"
"Daran stirbt man doch nicht."
"...aber Leben kann man so auch nicht."
"Wie denn dann?"
"Sag's mir." Sie sah mir wieder in die Augen, nicht mehr so fremd wie vorhin, aber auch nicht so vertraut wie ich mir gewünscht hätte. An der Kreuzung verabschiedete sie sich knapp und bog in eine Seitenstraße ab.

Die Meningitis kam nicht. Dafür beunruhigten mich ein paar Tage später meine Lymphknoten. Ich spürte einen Schmerz wenn ich sie fest eindrückte. Ob der Schmerz nur davon kam, weil ich drückte, konnte ich nicht mehr einschätzen. Ich ging zu einem Internisten den ich noch nicht kannte. Das Wartezimmer war fast leer. Die Dame vor mir wurde gerade aufgerufen, als eine neue Patientin hereinkam. Es überraschte mich mehr als ich vermutet hatte, als sich die rothaarige mir gegenüber in den Stuhl sinken ließ. Sie tat, als würde sie mich nicht kennen, was ja streng genommen auch stimmte, aber sie saß nur da, etwas angespannt, ein bisschen mürrisch und sah aus dem Fenster. Ich wollte sie etwas fragen, etwas aus ihr hervorlocken, aber als ich mich aufraffte wurde ich aufgerufen. Es war das erste mal dass ich daran dachte dem Arzt abzusagen weil mir gerade etwas wichtigeres dazwischen gekommen war, doch wie mechanisch stand ich auf und ging ins Besprechungszimmer. Nach der Untersuchung schaute ich, mit der Gewissheit gesunde Lymphknoten zu haben, nochmal ins Wartezimmer. Sie war weg. Zufrieden aber etwas unruhig verließ ich die Praxis.

"Was hat er gesagt?" Die Stimme erwischte mich als ich aus der Haustür trat. Sie saß auf einer der Treppen, lehnte am Geländer und sah zu mir hoch.
"Nichts."
"...dacht ich mir." Sie stand auf. Wir gingen nebeneinander die Treppen herunter und steuerten weiter Richtung U-Bahn.
"Wieso hockst du eigentlich dauernd bei Ärzten?" fragte sie.
"Könnt ich dich genauso fragen."
"...dann tu's halt."
"Wieso hockst du dauernd bei Ärzten?"
"Ich brauch ein Ergebnis." sagte sie leise.
"Welches Ergebnis?"
"Musst du nicht immer auf deine Ergebnisse schauen?"
"Welche meinst du?"
"Naja, in der Schule, in der Uni, im Sport, vor deinen Eltern, vor der Gesellschaft."
"...um zu funktionieren, meinst du?"
"Ja, also ich komm mir vor als würd ich nur funktionieren wenn ich gute Ergebnisse abliefere."
"Was sagt der Arzt dazu?"
"Der liefert mir meine Ergebnisse."
"Seltsamer Kreislauf."
"Meinst du, das ist normal?"
"Denke schon. Solange es dir damit gut geht."
"Ja, ich denke das tut es." Vor uns war die U-Bahn Station. Wir gingen gemeinsam runter, und warteten ein paar Minuten schweigend, bis sie sagte dass sie ganz in der Nähe wohnt.

"Auf was wartest du?" fragte sie, als wir uns auf ihrem Zimmerboden gegenübersaßen.
"Darauf dass es vorbeigehen kann."
"Was soll denn vorbeigehen?"
"Naja, irgendwie denk ich, ich könnte erst anfangen zu leben wenn ich bereit bin, jeden Moment zu sterben."
"Du bist ja theathralisch."
"...eher gehemmt."
"Was hemmt dich denn?"
"...dass ich nicht so lebe wie ich leben will."
"Wundert mich nicht dass du ständig zum Arzt rennst."
Ich sah sie fragend an.
"Naja,  wenn du erst leben kannst wenn du bereit bist zu sterben, dann ist's ja klar was du dir vom Arzt erhoffst: Dein Todesurteil."
"hm"
Schweigen.
"Weißt du, eigentlich will ich mich nur mal von außen sehen."
"Wieso von außen?"
"Weil ich mir dann selbst nicht mehr im Weg bin."
"Dann solltest du mal aus dir raus gehen....Impulsiver sein."
"Ich bin impulsiv."
Sie lächelte. "Wenn's um deine Diagnosen geht, vielleicht."
"...Was ist mit dir? Warum brauchst du immer deine Ergebnisse von anderen?"
"Ich brauche sie nicht....Ich glaube nur an sie."
"Sonst glaubst du an nichts?"
"Willst du hören dass ich an die Liebe glaube?"
"Ich weiß dass du das nicht tust."
"Bist du dir da so sicher wie bei deinen Diagnosen?"
"Ich glaube dass sie dir Angst macht."
"Warum?"
"Weil sie kein Ergebnis ist."
Sie lächelte mir schräg zu. "...und du erklärst mir sicher gleich was sie ist."
"Wie soll ich dir etwas erklären das ich nicht kenne?"
Schweigen.
"Erfinde was." forderte sie mich auf.
"Was?"
"Erfinde, was du dir unter Liebe vorstellst."
Schweigen.
"Schwierig, hm?"
Schweigen.
"Wieso hast du deinen Tod so klar vor Augen, aber nicht deine Liebe?"
"Ich hab sie vor Augen."
"...aber?"
"...ich versteh meine Augen manchmal nicht"
"Was sehen deine Augen wenn du mich ansiehst?" fragte sie.
Ich musste eine Weile nachdenken, bis ich begriff dass sie wirklich meine Augen meinte. Es klang fremd wie sie das aussprach, aber was ich damit sah, war plötzlich ein Teil von mir.
"Ich seh mich von außen."
Schweigen.
"Kalt da draußen, hm?"
"Lass uns rein gehen."
"Es gibt kein drinnen mehr."
"Keine Ergebnisse."
"Keine Diagnosen."
Sie merkte dass ich zu einer Frage ansetzte und hob den Zeigefinger an ihre Lippen. Ich nickte. Sie stand auf und löschte das Licht. Als sie sich wieder setzte, war sie so nah, dass ich ihren Atem auf meiner Haut spürte. Ganz weit drinnen.

Es war fast schon wieder morgen als ich ging. Ein Tag wie jeder andere, mit Ärzten, Ergebnissen und einem Leben das irgendwie an mir vorbeilief. Es war komisch, aber je mehr ich dran dachte, desto klarer wurde mir, dass ich morgen trotzdem noch der gleiche sein konnte. Erst hatte ich Angst, dann musste ich lachen weil ich merkte wie klein doch der Teil ist, den die Diagnosen mir nehmen können.

 

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