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01.11.2016

Aus dem Hineinsteigern aussteigen

Wir können halt auch nicht anders. Wie oft beschränkt sich unser Ungehorsam darauf, bei IKEA gegen die Pfeilrichtung zu laufen? Vorgegebene Wege sind schön, da ist schon mal jemand lang gelaufen, da stolpert man vermutlich nicht, da gibt es einen Winterdienst und gemeinhin weniger Schakale, als anzunehmen wäre. Zur Selbstverwirklichung rollen wir unsere Yogamatten gen Osten und essen statt Honig nur noch Agavendicksaft. Oder wir fotografieren Schnee durch ein Milchglasfenster und werden angesagte Künstler. Oder wir sind schon Kleinkünstler und regen uns vor Publikum künstlich über solche Leute auf. Wir gründen eine Selbsthilfegruppe für Pistazienallergiker und fühlen uns etwas weniger allein. Bis die ersten Menschen sesshaft wurden, waren wir alle laktoseintolerant. Erst die Entdeckung von Käse hat uns gegen Laktose sensibilisiert. Plötzlich vertrugen die ersten Leute Milch und die Freude war groß. Wenn nun immer mehr Menschen Unverträglichkeiten entwickeln oder glauben, Allergien zu haben – vielleicht ist das einfach Evolution. Die Natur ist schlau. Mag sein, dass sie schon weiß, dass die Bienen aussterben und jetzt bereitet sie uns schon mal darauf vor, auf Dinge wie Weizen, Obst und tierische Produkte zu verzichten. Liebe Veganer, selbst wenn ich Recht haben sollte, was unwahrscheinlich ist, muss man daraus keine Religion machen. Esst Euer (was auch immer ihr aus den jeweiligen esoterischen Gründen noch esst) und freut Euch still daran, der Evolution so weit voraus zu sein. Und lasst mich bitte genießen, dass meine Gene offenbar zu dumm sind und bald von der natürlichen Selektion betroffen.

Ich sterbe aus, gebt mir ein Schnitzel!

Aber mal im Ernst: Warum so hysterisch? Kinder werden von ihren Eltern nach Ayurvedamethode ernährt und rund um die Uhr überwacht. Ich bin als Kind noch rausgegangen, habe Mist gemacht und zum Sonnenuntergang war ich wieder daheim und keiner hat´s gemerkt. Keine Statusmeldung, keine Helikoptereltern. Ich bin auf Bäume geklettert, wenn ich Lust dazu hatte. Heute muss das etwas kosten und unter Aufsicht geschehen, heißt Erlebnispädagogik und muss irgendwie zwischen Reiten, Klavierunterricht und Theatergruppe untergebracht werden. Und bei den armen Kindern wachsen gar keine Bäume mehr im Viertel.

Spionageskandale interessieren uns kaum so wirklich, weil totale Überwachung für uns ganz normal ist. Das eigene soziale Netzwerk, hoppla, das soziale Umfeld, überwacht uns doch viel offensiver. Mir doch egal, ob die NSA weiß, dass ich fremdgehe. Viel schlimmer ist es doch, wenn die Nachbarin das mitbekommt. Anneliese Schuh weiß mehr über meinen Alltag als diese abstrakte Idee eines Geheimdienstes, weil ich meine Kondome immer noch bei Edeka um die Ecke kaufe. Man wird immer beobachtet und es wird immer mit Informationen spekuliert, also zum eigenen Vorteil herumgetratscht. Das ist nicht neu.

Wichtig ist, zu bemerken, dass man ständig das Ziel von aggressiven Werbestrategien ist. Charles Bukowski hat einmal gesagt: „The less I needed, the better I felt.“ In einer (westlichen) Welt, in der es von allem zu viel gibt, außer von der Liebe, da muss man sich schon ins Zeug legen, um seinen sinnlosen Kram an den Mann zu bringen. Der Werbeetat für Süßigkeiten ist um ein Wahnsinniges höher, als der für Obst und Gemüse. Weil man ungesundes Zeug, das keiner braucht, nun einmal bewerben muss. Ich stehe total auf diese Trash-Süßigkeiten, die einem mit viel Plastik, künstlichen Aromen und Null Nährwert aus den kassennahen Regalen entgegenschreien. Aber ich möchte nicht, dass Kinder das einfach so kaufen können. Genau wie Tabak oder Alkohol sollten auch Chips, Zuckerzeug und Softdrinks nur noch an Erwachsene verkauft werden. Dann aber auch Cannabis legalisieren und den Konsum sogenannter harter Drogen nicht unter Strafe stellen. Erwachsene Menschen zur Abwechslung mal so behandeln. Aber wer hört schon auf uns, die wir immer so gute Ideen zur Weltpolitik, zum Umgang mit Flüchtlingen und zur Kindererziehung haben?

Die Jugendlichen hören ja nur noch auf ihr Mobilfunktelefon, das diese Bezeichnung allerdings kaum noch verdient. In meinem Bekanntenkreis häufen sich die Meldungen, ich solle bitte keine SMS mehr schicken, damit käme ihr Handy nicht klar. Damit komme ich dann nicht klar. Sag mal, kommt ihr eigentlich noch klar? Wenn ihr in ein Café kommt, sofort Euer Telefon an die Steckdose klemmt (früher war das Diebstahl!) und dann beginnt, Fotos von Eurem blöden Gesicht zu machen. Wenn ihr Euch dann gegenseitig das Telefon unter die Nase haltet und Dinge sagt wie: „Guck ma, ist doch gut geworden. Ist das nicht gut geworden“ als würdet ihr nicht nebeneinander sitzen und Euch in echt in die Augen sehen können. Ich hasse das, wenn mir jemand von einem guten Witz erzählt, ich diesen dann aber selbst in winziger Schrift auf pinkem Untergrund vom Handydisplay ablesen soll. Wenn der Witz so gut war, warum erzählst Du ihn mir nicht? Erzähl mir doch mal was mit Handlung. Moment, da steigert sich jemand in was hinein. Bitte halten Sie das Karussell an, ich möchte aussteigen.




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