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19.09.2018

Stadtflucht

Zur Kreativität

Jetzt bin ich im Norden.
Ganz im Norden und vermisse den Trubel. So ein Mist aber auch.
Dennoch befinde ich mich doch erst in dieser Lage, weil ich mich nach Stadtflucht gesehnt habe.
Und ich erkläre auch warum.


Eine Flaute sucht jeden einmal heim. Ob man sich jetzt als kreativ bezeichnen möchte, ist egal, anschaulicher wird es dadurch vielleicht, bestes Beispiel: Schreibblockade.
Eigentlich nicht schlimm - sagt einem doch jeder, dass das gar kein Problem ist so eine Blockade und jedem mal passiert.
Das passiert, muss man durch, nichts erzwingen, auf gar keinen Fall, einfach abwarten - Vielen Dank
Auffällig ist hierbei, dass sich hier genau die Leute zu Wort melden, die gerade nicht von eben jener Blockade betroffen sind und man selber würde diesen Rat auch nicht geben, wenn man mit einer Blockade zu ringen hat, denn sie bewirkt einen unangenehmen Zustand der Unsicherheit, der stresst und zum Grübeln zwingt.
Dieser Effekt wird dadurch verstärkt, dass die Stadt - in der man ja lebt, weil sie das fruchtbare Umfeld für die kreative Arbeit geben sollte -  einem konsequent den Spiegel vorhält und damit beleuchtet wie unproduktiv man gerade ist.

Es muss also gehandelt werden und so wird nach Erklärungen gesucht.
Schnell wird sich auf dieser Suche verlaufen, weil die Wege ja so vielfältig sind und gar kein Anfang bzw. Ansatzpunkt gefunden werden kann, und glaubt man diesen gefunden zu haben - neue Fragen -  wo soll das Ende sein, wann ist es in Ordnung mit der Suche aufzuhören bzw. Zu pausieren ?

In der Großstadt scheint alles möglich - alles ist laut und mehr oder weniger toxisch und suggeriert dem noch orientierungslosen Inspirationssuchenden, dass man nur DABEI war, wenn alles mitgemacht wurde.

Problem ist zunächst der romantisierte Selbstzerstörungsprozess, der in den Köpfen dieser Suchenden durch Literatur- Film- und Malereikonsumenten derartig romantisiert und verankert wurde.
 Das passierte durch Menschen wie Charles Bukowski, Lindenberg, Westernhagen,  Amy Winehouse, Jörg Fauser, Janis Joplin, Kurt Cobain, Dali und all die anderen Helden, Club 27, die amerikanischen Beat Autoren, hach ja - denen in Momenten totaler Langeweile und Selbsthinterfragung beim einsamen Sonntagsbreitsitzen gedacht wird.
So ein Leben - hach ja-  Kreative.

Interessant ist hierbei, dass Marius Müller Westernhagen dieses Spiel perfektioniert hat, indem er diese Rolle des Turbelenten, des verrauchten Typen lediglich auf seine medienpräsente Persönlichkeit projiziert hat, dafür darin aber energetischer auftreten konnte. Privat ein ziemlich gesund und diszipliniert lebender Herr.
Vielen Dank Herr Westernhagen, dass Sie Ihren Rundfunkbeitrag bereits zwei Tage im Voraus gezahlt haben.
Aber Gerne doch!  - Mit freundlichen Grüßen M.M Westernhagen.
Und doch singt er auf der Bühne dann über Johnny Walker und wilde Liebschaften. Ein Bild des Rausches, das Sehnsucht weckt, so müsste es klappen.

In einer Großstadt macht man sich das zu Nutze, natürlich lockt hier nicht nur der Genuss, sondern auch die Neugier.
Diese Neugier ist aber eine Form von Energie, die in ihrer Wirkung unberechenbar ist.
Um das zu erklären, muss das Prinzip des Abdriftens verstanden werden, am besten anhand eines Beispiels:

Der dekonstruktive Donnerstagsfehler
Man wacht auf und realisiert, dass der jeweilige Morgen eigentlich ein Freitagmorgen ist und eigentlich dachte man am Donnerstag noch, dass es an diesem Tag bereits Freitag wäre, weswegen der Donnerstag extra ruhig angegangen wurde, im Glauben daran , dass ein potenzieller Exzess, die gewählte situative Körperignoranz umgangen wurde, der durch das Annehmen, der irgendwann festgelegten Verhaltensregeln an Wochenenden, oft auf diesen Tag fällt.
Diesem Handlungsimpuls, diesen Tag auch brav zu nutzen wird in der Regel auch nachgegangen, da dem Wochenende ja, um sich vor sich selber nicht als Langweiler zu outen, gehuldigt werden muss.
Diesmal sollte es anders laufen - man wollte sich etwas beweisen und bewusst anders als gewöhnlich handeln, eine Herausforderung. Man sah sich siegreich.
Dann aber festzustellen, dass das Ganze noch vor einem liegt - da dem Wochenende ja, um sich vor sich selber nicht als Langweiler zu outen, gehuldigt werden muss denn SURPRISE - JETZT IST ERST FREITAG.
Demnach müsste das ganze Prozedere nochmal durchlaufen werden, um sich selbst wertzuschätzen und behaupten zu können man hätte sich tatsächlich in Verzicht geübt. Schlimm diese Zwänge.
ICH MUSS JETZT HIER RAUS.

Das schlimme daran ist, dass einer Großstadt ihre Millionen individuellen Bewohner ziemlich egal ist, besonders ihr privates Handeln, solange es nicht gänzlich gemeingefährlich ist. Sie macht was sie will, pulsiert vor sich hin und zeigt ihre Angebote, Ablenkung, Verdrängung - Stadtleben.
Das ist dann die einfachste Lösung - und mit einem gewissen Verlangen nach Vergnügen im Leib auch situativ absolut logisch -  genau in diesem Moment des Nicht-weiter-Wissens sich hereinzustürzen in den Rausch, in die Nacht, in den Konsum, die Ablenkung, die durch Kultur romantisierte Leichtigkeit, die sich wie Schwere anfühlen soll, hat sie doch diesen rauchigen und abgestanden und zugleich so süßen Geruch.
Einfach Bumm Bamm, Körpergefühl unterdrücken und raaaus. Scheiß. Egal.
Hauptsache was einfangen , Inspiration, Art - Of course English - Obviously -  is everywhere,lalala - es geht weiter.
Die Kreativität muss doch irgendwie zu stimulieren sein, ZEIG DICH!
 
Zu glauben diese Ablenkungen wirklich kreativ und produktiv nutzen zu können ist bei lediglich gelegentlichen Ausprobieren schon fast vermessen.
Es erfordert Langzeiterfahrungen, und vor allem eine Strategie. Bukowski würde einem ein Glas an - Jörg Fauser seine Zigarrette an den Kopf werfen.
Mit einem Glas Rotwein, bei dem man sich nicht sicher ist, ob man es gerade - dem Preis angemessen - zu schnell trinkt, seine Konzentration also primär darauf legt - und einem Notizbuch an einem Holztresen zu sitzen, schreibt noch lange keine authentischen oder - wenn schon nicht das- interessanten Texte, dem wird man sich auch zunehmend bewusst. Oft ist es dann einfacher, sich zu schwören in Zukunft  disziplinierter zu arbeiten, was man mit dem Aufschieben schon falsch angeht - oder eben: dauerhaft zynisch zu arbeiten.

Zynismus, als oft wiederkehrendes Stilmittel, ist nicht selten ein Zeichen, dass es einem entweder ziemlich dreckig geht, oder man einfach keine andere Form findet, Interessantes zu erschaffen.
Irgendwann realisiert man das für sich selber  - das sind schon mal schlechte Bedingungen.
Also findet sich ein anderer Grund: Stadtflucht.

Ich wollte raus aus Berlin. Solche Sätze werden einem vom Umfeld irgendwann ebenso klischeemäßig aufgezwungen, wie zuvor der Drang Berlin doch endlich einmal zu besuchen.
Sich von der Großstadt, in der man lebt zeitweise zu distanzieren, hat immer eine Wirkung nach Außen.
Damit wird Abgeklärtheit und überhaupt existierende Identifikationsressourcen als Städter bewiesen, die aber abgelegt werden können - alle Achtung, so ein klarer Kopf.
Man will sich lösen vom Trubel, von der Hektik und vom Stress sowieso.

Das geht aber nicht alleine.
Also suchte ich mir erst Unterstützung um wirklich eine Art Verpflichtung einzugehen, wegzufahren. Ein Kollege, Freund und Begleiter musste her.
Wir beschlossen also weiter weg als nach Brandenburg an der Havel zu fahren. Und nur das Wegfahren reicht natürlich nicht aus.
Es muss einen Zweck haben -  dabei reicht die eigentlich schon festgelegte Intention - nämlich: das Loslösen vom Stadtleben, wenigstens für ein paar Tage - nicht aus und Arbeit wurde festgelegt. Schreiburlaub.

Und in meinen Berichten muss ich hin und wieder Rainald Goetz zitieren. Das ist das bisschen Freiheit, was ich mir als kleiner Sklave dieser Unterhaltungsindustrie herausnehme - was wollt ihr tun, hm ? Einen wütenden Kommentar schreiben? So jetzt habe ich mich genug in Rage geredet, also zum Zitat „n’ bisschen Heinrich Heine in the Air“ und wir wollen Nordluft, also bitte.

Man kauft sich die Flucht am Hauptbahnhof und legt dabei seine Berlinattitüde nicht ab und belästigt mit seinem Stadtgequatsche alle Anderen Brandenburger, Sachsen-Anhaltiner oder Mecklenburg Vorpommer (die Hamburger nehme ich hier raus) , die einfach in Ruhe nach Hause wollten. Die, die all das was wir sagten schon, wirklich abgeklärt und unbeschönigt wussten und eigentlich dachten, endlich wieder am Wochenende davon loszukommen und sich jetzt unsere Gespräche anhören mussten, indem wir diesen städtischen Alltagshorror ihnen noch ganz komprimiert hübsch in Worte verpackt auf den Heimweg gaben, vielen Dank auch.

Man ist ohnehin von Euphorie ergriffen, da man ja den Grund seiner vorherigen kreativen Flaute gefunden hat - die Stadt und durch seinen eingeladen Komplizen überhäuft man sich durch Argumente, warum das eigene Umfeld einen selbst behindert erfolgreich - oder zumindest produktiv zu sein. Herrlich.

Grund 1 - U-Bahn

Man erzählt sich viele kluge Sachen, warum einen die U-Bahnen so stören, dass ja alles irgendwie besser wäre wenn das ganze Herumgefahre nicht mehr einen so großen Anteil am alltäglichen Leben einnehmen würde.
Dabei bedenkt man aber natürlich nicht, wie groß die Stadt ist und , dass man ohne sie ziemlich aufgeschmissen wäre und sich wiederum darüber ärgern würde. Aber momentan raubt sie jeglichen Freiraum für Gedankengänge - zu voll, zu stickig, einfach zu viel. Schlimm.

Wir müssen unser Gespräch hier unterbrechen, Endstation, wir fahren gleich fort. Hallo Stralsund, City - keine Großstadt, Provinz, und doch irgendwie bekannt, hier lag das Potenzial doch mit Sicherheit auf der Straße.
Aussteigen, weiter. Einen Verlaufsplan hat man schon, nämlich sich in jenem provinziellen Ort gar keinen Plan zu machen, da dass ja schon sehr konservativ und Anfang allen Übels und Ende jeder Entstehung von Kreativität darstellen würde. Och, einfach mal wirken lassen, ne?
In seiner getimten Flucht - man hatte ja doch etwas in seiner Heimat ZU ERLEDIGEN -  hatte man natürlich kein Zeit zu verlieren.

Also Innenstadt - guter Plan:  Szenerien suchen - typisch Nordisch oder doch davon distanzieren? Wo ist ein Fischerboot oder wenigstens eine Hafenkneipe ? Egal, weiter -
Pommes mit Backfisch oder Backfisch mit Pommes was sollte hier die primäre Erwähnung bekommen ?  - Keine Ahnung - jedenfalls steht über allem das Totschlagargument : - LECKER -  in Kreideschrift.
Das lockt natürlich: Touristen, Bier Gemütlichkeitsgekicher  und aufgeschaukeltes Pöbeln, so kann natürlich nicht gearbeitet werden. Gedankenspaziergang, weiter.
Ich sage laut aus, dass die Stadt ganz schön leer ausschaut, dafür dass keine Ferien mehr sind und merke im gleichen Moment wie unsinnig dieses Urteil über eine Stadt wie Stralsund, die mindestens zu 70 Prozent von Tourismus lebt war.
Ich merke ich Stumpfe ab und  schweige für fünf Minuten aus lauter Schamgefühl. Rauchen.

Die Zeit rennt und noch kam kein revolutionärer Gedanke, kein kryptisches Gedankenknäuel, bei dem ich es mir zur Aufgabe machen wollte es auseinander zu falten und neu anzuordnen.
Also weiter, weiter, WEITER!

Unterwegs , Hauptsache schnell - das war was, alles aufnehmen, alles notieren, jeden Geruch, alles hat einen Sinn, alles muss aufgenommen werden, darin liegt die einzige Aufgabe, was fair
Mir fällt aber verdammt nochmal nichts ein, also führen wir wieder in betretenem Kaffeetassenrühren unsere Liste an Gründen auf.

Das Problem ist und bleibt die Inszenierung solcher Reisen, die gar nicht nötig ist, der aber dennoch so zwanghaft nachgegangen wird.
Eigentlich ist man selbst davon genervt, es gleicht einer Form der Zwanghaftigkeit
Man begibt sich eigentlich mit dieser Suche nach Orten, die durch verschiedene Beeinflussung von Außen und eigene Erwartungen, sowie vorgefertigte Bilder im Kopf - dem entsprechen, was so scheint, als würde es einen kreativen Zweck erfüllen. Oho, ein ruhiger Stadtpark - hier lassen sich Gedichte schreiben, wie soll ich eine echte Nachtgeschichte ohne einen Besuch in einer Hafenkneipe schreiben? Das muss alles vorher erledigt sein um wirklich hinter dem Werk zu stehen, ansonsten: Pfui, Simulant.

Es ist also die gleiche Form von Flucht, wie noch zuvor in der Großstadt :  Ab in die U-Bahn - Überfordert, Überfragt, Überlesen - Orientierungslosigkeit - Dreieuroneunzigeinkauf, Bier mit aufs Zimmer, akut passende Musik mit einprägsamen Indie Zeilen aufdrehen, angenehme Berauschung, Bier hektisch aufmachen, Bier fällt hin , Plumps - und alles riecht nach Kindl - das ist  aber nicht schlimm, denn in der rauschigen Selbst-In-Szene Setzung ist das Kunst.
Es ist ein schmaler Grad.
Denn das einfach so liegen lassen - klebend und abgestanden riechend - ist dann wiederum ein Zeichen prolliger Egalität und dann wird sich geärgert, wahrscheinlich nie ein solcher Lebenskünstler  zu sein, der im verrauchten Milleu bestens klarkommt und daraus seine Inspiration sucht. Überfordert mit sich selbst und geschafft wurde auch nichts.
Schade. Das kommt dann alles auf einmal.

Den Momenten des Zur Ruhe Kommens, kann man sich gar nicht entziehen, denn das Angebot ist auf ausgesuchten Stadtfluchtsorten eben nicht gegeben, weswegen sich irgendwann zwangsweise mit sich selbst auseinandergesetzt werden muss.
Das ist oft sehr anstrengend und das Problem der konzentrierten Wahrnehmung.
Hierbei wird ja leider auch das Unangenehme, das was schief läuft, ebenso intern individuelle Unstimmigkeiten bemerkt, das möchte man nicht.
Also ist man unkonzentriert - sucht nach Erklärungen - ORTSWECHSEL BITTE.

Ich liege also ganz sauber und in angemessenem Zustand der Müdigkeit auf dem Holzbett. Mein Bauch ist von Tee aus selbstgesammelten Kräutern gewärmt, meine Füße sind schwer, denn Strandwanderungen sind durch das Nachgeben des sandigen Bodens immer ein wenig anstrengender für meine Sohlen.
Ich musste mich duschen, das Meersalzwasser machte meine Haare klebrig.
Von draußen hört man hin und wieder ein Auto vorbeifahren, ansonsten gar nichts, es weht frische Gartenluft zum Einschlafen, in Intervallen angenehm streichelnd.

Und ich merke wie sehr mir das alles fehlt.
Morgen fahre ich wieder in den Süden, das hält ja keiner aus.


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