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Das Land der Frühaufsteher

„Ich hab ein Angebot für dich bekommen“, sagte mein Verleger, „gar nicht so schlecht“, sagte er, „eine Lesung!“ Nach einer kleinen, aber bedeutsamen Pause fuhr er fort: „Also, um ehrlich zu sein, ich hab noch nie was von der Stadt gehört. Aber die Frau, die angefragt hat, klang ganz nett. Sie ist die Chefin vom Tourismusbüro. Und die Gage ist, äh, okay.“
„Aha“, sagte ich, und die Sache war eingetütet.


Einige Wochen später machte ich mich auf den Weg. Wie ich mittlerweile recherchiert hatte, lag die auch mir bis dato unbekannte Stadt in Sachsen-Anhalt und war mit dem Zug nur sehr umständlich zu erreichen. Ich bediente mich also des Automobils. Es war Hochsommer, der Himmel klar, um die 30 Grad. Ich passierte die Landesgrenze und ein großes Autobahnschild empfing mich. „Sachsen-Anhalt, Land der Frühaufsteher“. HAHA, dachte ich, das werde ich später bei der Lesung aufgreifen und eine vorzügliche Pointe anschließen, um die Stimmung zu lockern. Ich war wirklich gut drauf.


Je näher ich der Stadt kam, die auch weiterhin unbenannt bleiben soll, desto mehr verdunkelte sich der Himmel. Wolken schoben sich neben- und übereinander und mit dem abnehmenden Licht senkte sich auch meine Stimmung etwas. Zwei Tage zuvor hatte mich die Frau aus dem Tourismusbüro angerufen und mir mitgeteilt, dass der Lesungsort verlegt werden musste, „höhere Gewalt“, hatte sie schlicht gesagt, und so wurde ich vom Domplatz in ein Hotel verschoben. Meiner Frage nach den Vorverkaufszahlen war sie dreimal in Folge mit Bemerkungen über die Schönheit der Stadt ausgewichen und ich fand es unschick, sie ein viertes Mal zu stellen. Erst jetzt begann ich, mir ein wenig Sorgen zu machen.


Ich fuhr von der Autobahn ab, die Landschaft wurde unwirtlicher und der Asphalt löchriger. Die Fahrbahn engte sich ein und schließlich verschwanden die Straßenmarkierungen. Ich musste einem Rehkadaver ausweichen, der augenscheinlich schon ein paar Tage halb auf der Fahrbahn liegend vor sich hin weste. Ein Motorrad überholte mich mit abenteuerlicher Geschwindigkeit. Der Fahrer trug keinen Helm. Schönes, freies Sachsen-Anhalt, dachte ich, und sah schon das Ortseingangsschild vor mir.

Da im gesamten Internet kein Hinweis auf das betreffende Hotel zu finden gewesen war, musste ich mich nun durchfragen. Ein graugesichtiger Mann am Straßenrand war auf einen Kehrbesen gestützt und hob, als er mich sah, die Faust zur Begrüßung. Lieber den Nächsten fragen, dachte ich. Es stellte sich aber heraus, dass sich niemand sonst im Freien aufhielt, die Hauptstraße des Orts bot auch keinen Anlass dazu, sie war wenig einladend gestaltet, die meisten Geschäfte sahen sehr geschlossen aus und waren es mit Rolläden. Also wendete ich einige hundert Meter weiter und fuhr zurück zu dem Mann, der seine Position nicht verändert hatte, wieder die Faust hob und „Aaaargh“ machte, als er mich sah. Ein putziges Begrüßungsritual, dachte ich. Ich ließ das Fenster herunter und fragte: „Entschuldigen Sie bitte, mein Herr, wo ist hier denn …“ „Hier ist gar nichts!“, würgte er mich ab. „Verschwinde, du Hasendieb!“

Er hob den Besen und schwang ihn um sich wie eine sowjetische Hammerwerferin.

Ich legte kleinlaut den Rückwärtsgang ein und entfernte mich von ihm.
Tuut-tuut-tuut-tuut.
Tutututut. Ah, ein Straßenhund.

Ich suchte auf eigene Faust und wurde schließlich fündig. Das Hotel „Zur alten Eiche“ war prominent platziert und als einziges Gebäude im Umkreis von zehn Kilometern kürzlich gestrichen worden. In einem satten Laubgrün. Vor dem Eingang erwartete mich eine Frau, die stark nach Tourismusbüro aussah.

„Herr Ritter! Sie sind zu spät!“, begrüßte sie mich.

Ich war vier Stunden Auto gefahren und fünf Minuten nach der verabredeten Zeit angekommen. Es war noch über eine Stunde Zeit bis zur Lesung. Sie führte mich in den kleinen Garten des Hotels, wo vor der abgrenzenden Backsteinmauer fünf Bistrotische mit je vier Stühlen aufgebaut waren. Im Eck ein weiterer Bistrotisch mit einem Stuhl, einem Tischmikro und einer Blumenvase mit Gänseblümchen. Mein Reich.

„Ich mag ja kleine Lesungen“, versuchte ich, den Schock zu überspielen.

Sie begann, hektisch zu kichern. „Ja ja“, sagte sie. „Ach, jetzt, wo Sie schon hier sind, kann ich's Ihnen auch sagen. Die Lesung hätte ja auf dem Domplatz sein sollen, aber die Kirche hatte was dagegen. Wegen Ihrem Buchtitel. Weil da“, sie sah nach links und rechts, versicherte sich, dass wir keine Mithörer hatten, und fuhr flüsternd fort, „weil da Geschlechtsverkehr drauf steht.“

„Das meinen Sie doch jetzt nicht ernst?!“

„Doch!“

„Und deshalb wurde die Lesung hier her verlegt?“

„Ja.“

„Das ist ja grotesk.“

„Ich habe dann auch gar keine Werbung mehr dafür gemacht, weil ich mich so geschämt habe.“

„Kann ich einen Whiskey bekommen?“

„Wenn Sie ihn zahlen.“

„Können wir aufhören zu flüstern?“

„Ja.“

„Also mal im Ernst: Mit zwanzig Leuten kann so eine Lesung auch ganz nett werden.“

„Na … So viele werden's nicht. Im Vorverkauf sind zwei Karten weg gegangen.“

„Wie viel kostet der Whiskey genau?“


Eine Stunde später ging die Lesung los. Zu den beiden vorverkauften waren noch zwei Karten im freien Verkauf gekommen, alles Frauen um die fünfzig. Ich hatte mich in der Zwischenzeit beim Whiskey mit dem Hotelchef angefreundet, der mangels Beschäftigung und Beschäftigten auch die Bar bediente, und ihn dazu genötigt, zur Lesung nach draußen zu kommen. Er hatte auch seine aktuelle Bumse mitgebracht. Ich würde solche Worte nicht in den Mund nehmen, er hatseine Freundin selbst so bezeichnet. „Meine Bumse kommt auch mit, die macht hier auch die Betten. Manchmal, wenn keine Gäste da sind, weißt du … wir haben so viele Betten in denen wir es ...“ und so weiter. Mit der Tourismusfrau waren es also sieben Zuhörer, der Geselligkeit halber schoben wir zwei Tische zusammen und bildeten einen Kreis, auf das Mikro verzichtete ich.

Ich eröffnete mit der vorbereiteten lustigen Pointe zum Land der Frühaufsteher und beglückwünschte alle dazu, noch wach zu sein, immerhin war es 19 Uhr. „Versteh ich nicht“, sagte der Hotelchef, sonst reagierte niemand.

Oh, das wird schwierig, dachte ich, und wollte eine stimmungsfördernde Vorstellungsrunde anschließen.

„Ich bin der Herr Ritter. Wie heißen Sie denn?“, fragte ich eine der Frauen.

„Ich bin mit meinen persönlichen Daten vorsichtig“, sagte sie.

„Na, nu sag's ihm doch!“, half mir eine andere aus.

„Nie in Dreiteufelsnamen!“

Oh, das wird sehr schwierig, dachte ich.

„Sie ist meine Schwester und heißt Gisela“, sagte die andere.

„Halt dein schmutziges Schandmaul!“, sagte Gisela.

„Ich fang dann einfach mal an“, sagte ich.

Im Nachbargarten wurde während des ersten Texts ein Rasenmäher angeschmissen, und so lieferte ich einen sehr engagierten und zunehmend lauten Vortrag. Am Ende sank ich erschöpft zurück in den Stuhl.

„Normalerweise klatschen die Leute nach einem Text“, sagte ich.

„Aha“, sagte Gisela. Der Hotelchef klatschte einmal, immerhin. Er hatte eine Fliege auf seiner Backe erschlagen.

„Und das soll jetzt zwei Stunden so weitergehen?“, fragte Giselas Schwester.

„Nee, eine vielleicht“, beschwichtigte ich, auch in meinem Interesse.

„Zwei!“, stellte die Tourismusfrau klar. „Wir haben einen Vertrag.“

Während des zweiten Texts begann Gisela, sich recht laut und wiederholt in ein Stofftaschentuch zu schnäuzen. Es schien niemanden zu stören – bis auf ihre Schwester:

„Ist der ganze Schnodder jetzt raus?“ „Sei DU nur ruhig! Bei dir hängt der Schnodder an ganz anderen Stellen, du alte Sch...“

„Ich mach dann einfach mal weiter“, sagte ich. „Ich hab da einen Text über eine glückliche Familie ...“

Ich bemerkte, wie der Hotelchef seine Hand zwischen die Beine seiner Bumse gleiten ließ.

Während des dritten Texts sagte eine der Frauen, die bisher gar gar nicht in Erscheinung getreten war, unvermittelt: „Ich will jetzt nach Hause.“ Sie machte keine Anstalten, aufzustehen. Erst da bemerkte ich, dass sie im Rollstuhl saß. Ihre Begleiterin streichelte ihr mitfühlend den Arm und flüsterte: „Wir haben vier Euro Eintritt bezahlt. Wir bleiben bis zum Schluss.“

„Vielleicht machen wir zwischendurch mal eine Fragerunde?“, schlug ich vor.

Es begann, zu regnen.

„Raucherpause“, verkündete der Hotelchef und stand auf. „Wir können in der Wirtschaft weitermachen“, sagte er im Davongehen. Er hatte während der Lesung bisher fünf Zigaretten geraucht. Ob die Augen der Frau im Rollstuhl deshalb tränten, kann ich nicht mehr genau sagen.

„Na gut, Fragestunde. Ist das die schlimmste Lesung, die sie jemals hatten?“, fragte ihre Begleitung.

„Nein“, log ich. „Es läuft doch ganz gut.“

„Das waren jetzt 33 Minuten“, sagte die Tourismusfrau. „Drinnen dann also nochmal 87 Minuten. Eine Pause brauchen wir dann nicht mehr.“

„Doch“, korrigierte ich und meinte die Frage nach der schlimmsten Lesung. Noch wusste ich nicht, dass dies der angenehme Teil war.

Drinnen im Restaurant waren wir noch zu dritt. Der Hotelchef war mit seiner Bumse auf einem Zimmer verschwunden, der Rest hatte sich irgendwie aus dem Staub gemacht. Übrig waren Giselas Schwester, die Tourismusfrau und ich.

„Wollen wir das nicht abbrechen?“, fragte ich, nachdem ich den dritten Text in die Luft gelesen hatte.

„Sie werden dafür bezahlt! Für zwei Stunden lesen, nicht für weniger“, donnerte die Tourismusfrau.

„Meine Schwester ist eine ganz unangenehme Person“, steuerte Giselas Schwester bei. „Ich erzähl Ihnen mal was über sie, aber verraten Sie's nicht weiter ...“

„Ich lasse die Zeit nur laufen, währen Sie lesen. Wenn zwischendurch andere Themen aufkommen oder Sie was sagen, stoppe ich“, steuerte die Tourismusfrau bei.

„TSCHULDIGUNG“, rief jemand von hinten. „Ist hier diese pornografische Skandallesung?“

Wir drehten uns um. Ein Mann mit altmodischer Fotokamera um den Hals, der aus aus allen Poren seines Körpers „Lokaljournalist“ schrie.

„Ja“, sagte ich.

„Nein“, sagte die Tourismusfrau. „Die Lesung ist schon vorbei. Wir diskutieren nur noch drüber. Lief fantastisch. Fünfzig Zuschauer. Herrliche Gedichte. Über Liebe. Und Blumen. Und auch lustige Sachen. Über Männer und Frauen und so. Alle haben sich gefreut.“

Der Mann hatte längst den Notizblock gezückt und notierte eifrig mit, was er am nächsten Tag in die Zeitung schreiben würde.

Ich fühlte mich erlöst und machte mit: „Die ganzen Zuschauer mussten jetzt nur alle schon nach Hause, weil sie so früh aufgestanden sind.“

„Versteh ich nicht“, sagte der Journalist.

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23.12.2013

Straight outta Schweinekoben (Director’s Cut)

Ein aufmerksamer Späher an der unsichtbaren Front fühlte sich unlängst bemüßigt, mir die ebenso unerquickliche wie bizarre Information zu übermitteln, dass in der Samtgemeinde Dessau eine Hip-Hop-Formation herumkrauchen würde, deren erklärtes Ziel es sei, rechtsradikales Gedankengut zu transportieren. Yo, Sieg Heil, Nigger, da sind gewiss Texte zu erwarten, die die Kluft zwischen den Generationen – zumindest kurzfristig – überwinden helfen: >>Wir Herrenmenschen chillen gerne / singen dazu und geh’n Laterne / Doch immer wenn’s am schönsten ist / wenn Britt mir in die Fresse pisst / ruft’s von oben: „Heim ins Reich!“ / Der Himmel weint, mein Schwanz wird weich / „Wart noch, Mutti, komme gleich!“<<

Uns ehemaligen Berufsjugendlichen, die wir dem heimischen Sprechgesang spätestens seit dem Auftauchen der Hotzenplotz-Darsteller um den Mummenschanzfetischisten Sido (>>Meine Wohnung, mein Block, meine Bettnässer-Selbsthilfegruppe<<) einen kräftigen Tritt in die übervolle Blase verabreicht haben, treibt diese neue Metastase im Fäulnisbeschleuniger Showgeschäft natürlich nur ein altersmildes Lächeln ins Gesicht, bevor wir den geisteschwachen Irrlichtern gemeinsam mit dem größten aller lebenden Freestyler, mit Dr. Helmut Kohl also, zurufen: >>Deutschland von der Karte streichen – Frankreich muss bis Polen reichen!<<

Ein altersmildes Lächeln, ach was: ein Strahlen gar, ist auch dem Dalai Lama längst zur Gewohnheit geworden. Kein Wunder, hat sich die bebrillte Blitzbirne in den letzten Jahrzehnten doch durch ausgiebiges Touren eine ebenso zahlreiche wie ehrerbietige Fangemeinde erarbeitet. Unlängst auf Einladung von Hessenhitler Roland Koch in Wiesbaden zugange, durfte der >>Popstar des Geistes<< (1) die Huldigungen von mehr >>als 20.000 Menschen<< entgegennehmen. Zustände >>wie bei einem Rockkonzert<<, zumindest in den Gehirnkästchen der Teilnehmer: >>Für die buddhistische Nonne Hue Chieu, die mit bürgerlichem Namen Regina Steinkamp heißt, ist der Massenandrang kaum zu fassen: „Mein Kopf hat gesagt, das ist unglaublich, aber mein Herz sagt, das ist logisch.“<< Logisch, dass da auch andere Glaubensrichtungen kaum an sich halten können: >>Sie sei Katholikin und wolle es bleiben, „aber der Mann gefällt mir“, erklärt Irene Rieth-Alt aus dem südhessischen Eltville, „was er schreibt und was er sagt, ist super.“<< Oder, um noch einmal Frau Steinkamps oralen Ausfluss die Tastatur benässen zu lassen: >>“Es war wie in einem großen Wohnzimmer, wo wir alle sitzen und Seine Heiligkeit erzählt, worauf es ankommt.“<<

Dass Seine Heiligkeit für ein religiös verbrämtes System extremer sozialer Ungerechtigkeit steht, interessiert bei derlei Gruppenekstase naturgemäß nicht mal am Rande. Dabei ist die Doktrin des sogenannten Gelbmützenbuddhismus (2), wie sie vom Dalai Lama vertreten wird, alles andere als ein Streichelzoo mit anschließendem Wünschelrutenweitwurf. Vielmehr zeichnet sie für eine gewalttätige Epoche feudaler Ausbeutung verantwortlich, dem ein mehr als fragwürdiger Dämonenglaube, der systematische Missbrauch von Kindern und ein ewiggestriges Frauenbild zugrunde liegen. Keine Frage, der chinesische Einmarsch in Tibet, insbesondere die im Zuge der Kulturrevolution begangenen Verbrechen müssen stets und allerorten gegeißelt werden, vom Erwerb eines Free Tibet-Aufklebers ist allerdings dennoch abzuraten. Dass der gern auch Gottkönig genannte Dalai Lama, der nach wie vor als das Gesicht der entsprechenden Bewegung betrachtet werden muss, freundschaftliche Beziehungen zu alten und neuen Nazis unterhält – von Bruno Beger (SS-Hauptsturmführer) und Heinrich Harrer bis hin zu Miguel Serrano (Vorsitzender der Nationalsozialistischen Partei Chiles) und Shoko Asahara (Führer der berüchtigten japanischen AUM-Sekte) – sollte selbst dem zu denken, der vor lauter Orgasmus-Workshops und Traumfänger-Bastelkursen kaum noch Zeit zum Denken hat.


(1): Alle Zitate zum Wiesbaden-Besuch des greisen Religionsführers: Associated Press

(2): Mehr zum Thema: Colin Goldner „Dalai Lama – Fall eines Gottkönigs“ (Alibri-Verlag 2005)

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Der innere Matthias Sammer

Zum ersten Mal meldete er sich, nachdem ich mein Abiturzeugnis überreicht bekommen hatte. Ich war richtiggehend in Feierlaune und mischte auf der anschließenden Party Asbach-Uralt mit Fassbier und White Russian, um gebührend auf die neue Freiheit, das ungezwungene Sein anzustoßen. Ich vollführte furiose Breakdance-Einlagen und steckte meine Zunge wahllos in Münder und andere Körperöffnungen meiner ehemaligen MitschülerInnen.
Da klopfte er von irgendwo innen in meinem Kopf an und sagte: ?Nanana, noch ist gar nichts geschafft, das Schwerste liegt noch vor dir. Bleibe immer fokussiert, immer klar, verliere dich nicht, folge deinen Zielen, und hänge sie hoch!?


Ich tat dieses, sein erste Aufbegehren als eine Form der Halluzination ab. Ich feierte weiter ungehemmt, steckte meine Zunge in Münder, Schnapsgläser und Steckdosen, womit ich mir immerhin zwanzig D-Mark verdiente. Das sind zehn Euro!


Ab da aber wurde ich ihn nicht mehr los. Ständig meldete er sich aus meinem Kopf, wenn ich im Begriff war, über die Stränge zu schlagen, und mahnte. ?Nicht zu früh freuen?, sagte er immer, nach jedem neuen persönlichen Erfolg. ?Du hast noch einiges vor dir. Wir müssen nüchtern und sachlich bleiben, analysierend, wir wollen das Große schaffen. Weshalb freust du dich, nur weil du eine alte Frau vor dem LKW weggezogen hast? Du könntest jeden Tag dreißig alte Frauen aus Lebensgefahren retten. Und zur Not bringst du sie vorher hinein. Wir wollen alles erreichen. Alles!?

Da begriff ich endlich, woran ich litt, was ich mir eingefangen hatte: Einen inneren Matthias Sammer.
In blassgrauem Pullunder und angeglichener Gesichtsfarbe sitzt er mit den Fingern ineinander nestelnd am Spielfeldrand und macht noch bei einer 4:0-Führung ?Gnnngnnng? und mahnt, und mahnt, und MAHNT. Der innere Matthias Sammer, der nicht sagt ?Wer saufen kann, kann auch arbeiten?, sondern ?saufe erst gar nicht und arbeite das Doppelte?, kurz: Die Verkörperung der miesmachenden, murrenden, moralmächtigen Spaßbremse.


?Matthias Sammer!?, sagte ich. ?Bist du das? Sitzt du seit Jahren zeigefingerschwingend in meinem Kopf und verbietest mir alles, was mir Freude machen könnte??

Da begann es, mir in der Nase zu jucken und zu zucken, ich schmiss den Kopf wie wild hin und her, hechelte wie eine Niederkünftige und glaubte zu ersticken, bis sich schließlich der größte Nieser meines Lebens löste und ich nebst einem Liter Rotz, Blut und Wasser Matthias Sammer aus meiner Nase ausstieß.


?Wow, das war ne ordentliche Ladung?, sagte ich stolz. Der kleine Matthias Sammer rappelte sich auf der Tischplatte auf, wischte sich Schleim aus den Augen und von der Glatze und sagte: ?Du kannst noch viel größere Ladungen ausniesen, du musst nur an dich glauben. Ich kann dich dazu motivieren.?

Dazu stampfte er wild auf, riss die Arme hoch und rannte schließlich in einem kleinen Kreis flink um sich selbst.

Ich verfolgte seine Bemühungen mit wachsender Faszination und merkte außerdem, dass sich eine neue, piepsige Stimme in meinem Kopf meldete: ?Lustige Geschichte, hab ich auch mal erlebt. Muss ich Ihnen unbedingt mal erzählen.?

Zeitgleich spürte ich den Drang, pseudointeressierte Fragen zu stellen, um die Antworten abzuwürgen und langweilige Anekdoten aus meinem eigenen Leben zu erzählen. ?Hoch-interessant?, sprach es in mir, ?ein großer Spaß, haha?, und umgehend begriff ich. Ich hätte Matthias Sammer niemals ausscheiden dürfen, denn er schien Platz gemacht zu haben für ein weitaus größeres Übel, für meinen inneren Markus Lanz ? der sich bereits in bester Bergsteigermanier aus meinem linken Ohr abseilte.

Matthias Sammer versank in eine pseusointellektuelle Denkerpose, nahm in einem Eierbecher Platz und schlug die Beine übereinander, da setzte Markus Lanz auf der Tischplatte auf.

?Einen schönen guten Abend, freu mich, dass Sie dabei sind, herzlich Willkommen, schönen guten Abend auch in die Runde, freu mich sehr, vielen Dank. Sehr interessantes Thema heute, hoch-interessante Gäste, hat man nicht jeden Tag?, sagte er und Matthias Sammer faltete sie Hände und legte die Stirn in Denkerfalten.


?Ein Hitzkopf ist er noch immer, auch wenn er sich von seinem Feuerschopf getrennt hat?, leitete Markus Lanz seine Anmoderation über Matthias Sammer ein, die er damit abschließen sollte, sich sehr über seine eigene Wortwahl zu freuen und ?köstlich? zu sagen.

Er stellte die üblichen erwartbaren Fragen nach den üblichen Belanglosigkeiten, Kindheit, Bolzplatz, Vater, DDR, Wende, Karriere, Rückschläge, Ehrgeiz, legte dabei erwartbar den Finger vor den offenen Mund, und Matthias Sammer sah erwartbar vor jeder Antwort erst mal ernst und verkniffen drein, bevor er zu einer wohlüberlegten Antwort ansetzte, die erwartbar nach zwei Sätzen durch eine weitere ?Ist es wahr, dass?-Frage unterbrochen wurde. Irgendwann wurde es Sammer zu bunt und er wendete sich stattdessen mir zu.

?Ich war jetzt lange genug in Ihnen?, sagte er aufgebracht. ?Was denken Sie sich eigentlich den ganzen Tag? Das hat doch gar nichts mit Fußball zu tun. Waren Sie überhaupt schon mal im Stadion??

?Ja?, sagte ich, ?zwei Mal in meinem Leben. Das war zwei mal am Millerntor, zwei Mal hat St. Pauli verloren, aber ich hab mich trotzdem immer gefreut, weil so viele Joints durch die Reihen gegangen sind.?

?Absolut inakzeptabel?, sagte Matthias Sammer. ?Keine Macht den ??

?Hoch-interessant?, sagte Markus Lanz. ?Darüber wird zu reden sein. Habe übrigens auch mal so was erlebt. Ich, als kleiner Springinsfeld in Südtirol, Fußballplatz, stehe am Sechzehner, laufe aufs Tor, zack, rutscht mir die Hose runter. Haha! Das war peinlich. Mittlerweile kann ich drüber lachen.?

Matthias Sammer und ich sahen uns entgeistert an, er wies mit seinem Streichholzkopf in eine bestimmte Richtung, ich folgte seinem Blick und sah, dass er auf die Fliegenklatsche hindeutete. Ich griff zu.

?Ein großer Spaß?, sagte Markus Lanz. ?Wir könnten uns lustige Hüte aufsetzen und Limbo oder Sackhüpfen spielen.?

Ich schlug zu. Lanz war Brei.

?Das kann nicht alles gewesen sein!?, brüllte Matthias Sammer und erreichte eine mximale Gesichtsröte. ?Du musst mehr erwischen, mehr, immer mehr, du musst sie alle kriegen!?

Und bevor er begriff, worauf seine ambitionierte Motivationsrede hinauslaufen sollte ? Patsch.

Und es war ruhig.
Ich entfernte die beiden mit einem Handfeger vom Tisch und warf sie in den Biomüll.

Seitdem ist es recht leer in meinem Kopf und irgendwie vermisse ich die Stimmen doch. Ich warte darauf, dass sich dort auch mal vernünftige Menschen ansiedeln.

Ein innerer Innenminister Friedrich zum Beispiel. Ich könnte niemals mehr auf der Straße überfahren werden, wenn er mir in Gefahrensituationen immer zuflüstert: ?Zuerst nach links schauen! Nach links!?

Oder ein innerer Lothar Matthäus, der mich zuverlässig sämtliche Realitäten vergessen, mich mich selbst als Reinkarnation von Jesus sehen und mich von mir in der indefiniten dritten Person sprechen lässt. ?Ein Christian Ritter braucht keine Reservierung. Gehen Sie ihm aus dem Weg, Sie Hanswurst.?

Ja, das wäre schön, dachte ich, ich könnte eine Million Facebook-Likes bekommen, wenn ich es mir nur ganz fest einbilde. Und ich glaubte, aus der Biotonne ein ganz leises, erschöpftes ?Darüber wird zu reden sein? zu hören.

 



Bücher von Christian Ritter gibt es im Buchhandel oder hier: » http://shop.unsichtbar-verlag.de/advanced_search_result.php?XTCsid=0552912ae8a860230baff40d4a03e6c3&keywords=ritter&x=0&y=0

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28.12.2012

FUSSBALL-FANATEN – WACHKOMAPATIENTEN 2012

Reichlich desorientiert irre ich durch die Gänge eines Lebensmitteldiscounters, während allenthalben Gesprächsfetzen an mein Ohr dringen, die meiner Konfusion zusätzliche Nahrung verleihen. Ob in der Gemüseabteilung oder an der „Frischetheke“ – überall empfängt mich aufgeregtes Raunen, aus dem immer wieder die Worte wir und die herausstechen, und zwar in einem Ton, als würden Bandidos über Hells Angels reden.

„Die hauen wir weg!“

„Die packen wir. Aber ganz locker packen wir die.“

„Die kriegen ’ne ordentliche Abreibung. ’nen richtig schönen Einlauf kriegen die verpasst.“

Und dann sagt einer: „Na, Ouzo kann man ja jetzt wieder kaufen.“ Und ich denke kurzzeitig, Griechenland hätte seine staatliche Souveränität aufgegeben und sich, wie von BILD-Chef KaiDiekmann herbeigesehnt, zur deutschen Kolonie erklärt, bis mir einfällt, dass ja immer noch die Fußballeuropameisterschaft regiert, die von der UEFA verhängte Sauerstoffblockade des menschlichen Gehirns also nach wie vor Bestand hat.

Doch Hosianna, keine drei Tage später ist der Spuk dann schlagartig vorbei, liegen all die Hawaii-Ketten, die Fahnen und Fanhüte zertreten im Schlamm der Public-Viewing-Arenen, als ob allerorten Büffelherden auf die Jagd nach Freizeit-Toreros gegangen wären, die sich, um ihren schlechten Geschmack zu demonstrieren, in die Farben der Pest, des Blutes und des Eiters gewandet hatten.

Einzig meine Frau Großmutter durchbricht die himmlische Ruhe. Ob mit dem Papst etwas wäre, verlangt sie am Telefon zu wissen. Es seien so viele ausgelassene Italiener auf der Straße.

„Aber der Papst ist doch Deutscher“, entgegne ich, ganz der fürsorgliche Enkel.

„Eben“, raunt meine Oma. „Eben.“

Soweit so bedrückend. Aber auch unabhängig von den alles beherrschenden Großereignissen EM und WM hat Fußball mittlerweile eine gesellschaftliche Bedeutung erlangt, die nicht anders als beängstigend genannt werden kann.

Begannen früher Fremde, die gezwungen waren, miteinander ins Gespräch zu kommen – etwa in der Enge einer WG-Küche während eines Stehempfangs –, sich alsbald über Krankheiten, Sexunfälle oder Rezepte für Drogencocktails auszutauschen, ist heute die Frage nach dem Lieblingsverein das vorherrschende Thema. Und wehe dir, du hast keinen! Dann nämlich giltst du schnell als Kellerkind; als Aussätziger; als Spaßbremse, die wenn nicht schon auf einem anderen Planeten, so doch wenigstens im tiefsten Dschungel aufgewachsen sein müsse.

Ganz so wie es mir unlängst erging, als ich nach einem Auftritt im Nordosten der Republik von einem bärtigen Mittdreißiger wie folgt angesprochen wurde: „Du kommst doch aus Hamburg ne? Für wen bist‘n, sach mal. Sankt Pauli oder HSV?“

Mein Versuch, diesen heimtückischen Aufschlag mit einem lässigen reden wir von Völkerball oder Turmspringen ins Seitenaus zu lenken, erwies sich, wie zu erwarten, als Rohrkrepierer. Der Bärtige ließ nicht locker.

„Nee, jetzt ma ohne Scheiß“, mahnte er. Und dann, mit verschwörerisch gesenkter Stimme: „Raute oder Sankt Paulianer?“

Ob dieser Hartnäckigkeit zur Wahrheit gezwungen, sagte ich: „Weder noch. Fußball geht mir gänzlich am Arsch vorbei.“

Nicht überraschend, dass mich mein Gesprächspartner daraufhin noch nicht mal mehr einer Entgegnung für würdig befand. Er sah mich an, als hätte ich ihm gerade gebeichtet, in meiner Jugend den Wachturm verteilt zu haben, und suchte wortlos das Weite.

Dabei habe ich gar nichts gegen den Fußballsport als solchen, auch nichts gegen Mitbürger, die dem Rangeln um das runde Leder regelmäßig als Beobachter beiwohnen. Manche blicken stundenlang aufs Meer, andere starren neunzig Minuten plus X auf eine grüne Rasenfläche, die von umeinander wieselnden Litfaßsäulen bevölkert wird. So sind die Menschen eben. Was mich jedoch abstößt, ist dieses Religiöse, dieses Bekenntnishafte, die unbedingte, in den meisten Fällen ein Leben lang währende Treue zu einem Wirtschaftsunternehmen, das seine Angestellten ebenso häufig austauscht wie eine Zeitarbeitsfirma.

Und wie immer, wenn Eiferer sich zu Herdenverbänden zusammenschließen, will das Gelübde herausgeschrien werden. Schließlich sollen die Ungläubigen nachher nicht sagen können, man hätte ihnen den Namen des Heilsbringers vorenthalten.

Nur der FCH!

Nur der S04!

Nur der VFL! (Wolfsburg, Osnabrück, Bochum)

Nur der VFB! (Stuttgart, Oldenburg, Lübeck)

Nur der SCP!

Nur der SCF!

Nur der SSV!

Nur der MSV!

Nur der BTSV!

Nur der … leck mich doch am Arsch!

Denn wie auch immer die Großbuchstaben zusammengewürfelt werden, am Ende gilt noch in jeder der verschiedenen Glaubensgemeinschaften das Credo: Alles für den Verein!

Was aber tut der Verein für dich, Sportsfreund?

Melkt er dir die dickgewordenen Eier?

Hält er dir den Gerichtsvollzieher vom Leib?

Zahlt er dir die Korrektur deiner Schlupflider?

Stellt er dir (nachdem diese OP gründlich in die Hose gegangen ist) einen hübschen Stein aufs Grab?

Ersetzt er deinen Angehörigen den riesigen Klumpen Lebenszeit, den du ihm ohne Not hinterhergeschmissen hast?

Denn Zeit und Geld und Gesundheit und Seelenheil musst du ihm schon opfern, dem vorgeblich familienfreundlichen Raffzahn, der so gerne fordert und so ungern gibt.

Wobei hier gar nicht die Rede von all jenen sein soll, die sich Woche für Woche in trostlosen Turn- oder Lagerhallen zusammenfinden, um so genannte Tapeten zu malen oder Choreographien einzustudieren. Auch nicht von der Fraktion, die meint, auf den Tribünen selbst bei Minusgraden noch mit freiem Oberkörper auf und ab hüpfen zu müssen wie nordkoreanische Parteikader zu Ehren von Kim Jong-Il. Oder diesem ganz besonderen Menschenschlag, der mit dem Rücken zum Spielgeschehen auf Zäunen herumturnt, um unter Zuhilfenahme eines Megaphons kleinere oder größere Gruppen von Chorknaben mit einer Inbrunst zu dirigieren, als ob es Gotthilf Fischer nie gegeben hätte. Ebenfalls gern außenvorbleiben dürfen die gänzlich Verlorenen unter den Seelenverkäufern, die nur allzu bereit sind, sich für die Farben ihres Clubs verletzen zu lassen oder anderen Verletzungen beizubringen, mit Vorliebe Mitbürgern (so die ironische Note dieses Tuns), mit denen sie sich – wenn die jeweilige Vereinszugehörigkeit nicht bekannt wäre – ohne Not verbrüdern würden. Diesen zwangsneurotischen Testosteronbolzen ist ohnehin nicht mehr zu helfen.

Schon eher geht es hier also um diejenigen, die sich wie Vieh in S-Bahnen, Busse und Regionalzüge pferchen lassen, wo sie dann ganze Tage verbissen gegen den Harndrang ankämpfen, nur um später in fremden Stadien von Ordnern und Bullen, halbgaren Bratwürsten und alkoholfreiem Bier schikaniert zu werden. Ganz sicher aber sind die Tausenden und Abertausenden gemeint, die ihren letzten Funken Verstand in Internetforen tragen, wo sie jedes Zucken im Gesicht „ihres“ Trainers, jedes noch so kleine Wehwehchen ihrer Stars, jedes Detail im Privatleben des Zeugwarts bis zum Verlust der Muttersprache diskutieren müssen.

Nicht zu vergessen all die armen Teufel, die sich vom Ausgang eines Spiels die Laune verhageln lassen, ja, gar Tränen vergießen oder mit leerem Blick auf die qualmenden Reste eines Fähnchens starren, das sie Minuten zuvor als flammendes Zeichen ihrer enttäuschten Liebe in Brand gesetzt haben.

Keine Frage, die meisten von uns verspüren das Bedürfnis sich einem Rudel anzuschließen, schwenken gerne Fahnen und singen dazu Lieder. Und so freue ich mich geradezu narrisch, dass ich – während die Europameisterschaft langsam ihr Lebenslicht aushaucht – zu einem linken Festival im Landkreis Böblingen geladen bin. Endlich meine Leute, meine Zeichen, meine Schlachtgesänge! Und vor allem: Endlich zwei ganze Tage ohne Fußballwahnsinn.

Die Sonne knallt wie ein Saunabesuch auf MDMA, also sagt einer der Organisatoren: „Lass uns die Lesung in einem der Zelte machen. Da haben wir ein bisschen Schatten.“

Und genauso läuft’s dann auch. Wir bestücken ein etwa dreißig Personen fassendes Tipi mit Bierbänken und einem Tisch für mich, keine Viertelstunde später lege ich los. Natürlich ohne Mikro und Verstärker. Wer braucht schon eine Anlage, wenn es nicht mehr als dreißig Menschenkinder zu beschallen gilt, die sich noch dazu unter einem Zeltdach versammelt haben?!

Ich habe mich gerade in den ersten Text hineingeschafft, fange langsam an, den Auftritt zu genießen, als von draußen mit einem Mal Geschrei an meine Gehörgänge brandet. Erst lauter Jubel. Dann, nicht minder geräuschvoll, in enervierendem Stakkato: „A-F-Zeeeeeh! A-F-Zeeeeeh! A-F-Zeeeeeh!“

Und hey, da ist ja auch ein Megaphon zu vernehmen, das die entfesselten Kehlen unterstützt.

Ich unterbreche meinen Vortrag und blicke reichlich verwirrt ins Publikum.

„Sieht so aus, als hätte das antifaschistische Fußballturnier begonnen“, sagt ein Punkrocker aus der ersten Reihe. Und ein anderer Ortskundiger, dessen Tunnel so groß sind, dass eine ausgewachsene Amsel hindurch fliegen könnte, ergänzt: „Das muss die Mannschaft vom Atomkrieg FC sein. Die haben eine ziemlich große Anhängerschar.“

Atomkrieg FC? Wenn der nur endlich kommen würde, der Atomkrieg, denke ich nicht wenig erschüttert. Dann nehme ich meine Arbeit wieder auf, krähe, blöke, hämmere die Worte ins Rund wie Aale-Dieter auf seinem letzten Ritt ins Wattenmeer.

Aber die Sangesfreude der Kernwaffenanhänger will nicht nachlassen und so schwindet die Konzentration des Schriftschaffenden und seiner Zuhörer minütlich, bis sich das Ganze nur noch als Fiasko bezeichnen lässt.

Das letzte, was ich denke, bevor ich schließlich vorzeitig abbreche und meine Gäste in den Sonnenschein entlasse, ist dies hier: Wäre es, wenn sich der Drang, elf Buben (oder Maderln) in kurzen Hosen anzufeuern, selbst in linksradikalen Kreisen nicht unterdrücken lässt, nicht angemessen, den entsprechenden Chorälen dann wenigstens einen linksradikalen Touch zu verpassen? Zum Beispiel im Stile eines Ernst Busch? Sollte es also statt A-F-Zeeeeeh nicht besser heißen: „Arbeiter, Bauern, schnappt euch die Pille! Schießt sie dem Gegner ins Tor! Ein Achtzehn zu Null das ist unser Wille. Sonst jagen wir euch heut noch ins Moor“?

Ja, das sollte es wohl, um getreu dem Motto „selber Inhalt, neue Verpackung“ wenigstens für einen Hauch von Andersartigkeit zu sorgen. Schließlich ist nicht davon auszugehen, dass die abgöttische Liebe zum Fußball in den nächsten, sagen wir mal: 666 Jahren auch nur ansatzweise nachlassen wird. Da heißt es, sich als Gegner dieser Entwicklung an kleinen Dingen festzuhalten. Zum Beispiel an einem Aufkleber aus dem Hause Altona 93, der mit der Botschaft Bier ist unser Capo trefflich darauf hinweist, dass Einpeitschern und Vorbetern immer zu misstrauen ist.

Apropos Bier: Sportereignisse versorgen die zahlende Kundschaft fast immer mit Emotionen aus zweiter Hand. Das weiß jeder, der schon mal am Morgen nach einer Aufstiegsfeier voller Trauer in die leeren Kammern des eigenen Lebens geblickt hat. Und nein, dieses schale Gefühl stellt sich auch ein, ohne dass am Abend zuvor zehn Halbe zu viel gesoffen worden sind. Vielmehr sind die nicht geringen Mengen an Bier und Schnaps, die im Umfeld von Fußballspielen konsumiert werden, ja auch nur wieder ein Beleg für die geringe Halbwertszeit der dazugehörigen Erlebnisse.

Lieber also mal wieder was Eigenes auf die Beine stellen. Selber kicken zum Beispiel – vielleicht auf einer gut befahrenen Kreuzung, in der Feinkostabteilung irgendeines Kaufhauses oder auf den Fluren der nächstbesten Agentur für Arbeit. Denn Spiel, Spaß und Spannung warten doch eigentlich überall. Und das auch noch, ohne dass du eine Dauerkarte, einen Fahnenpass oder eine aus polizeilicher Sicht weiße Weste deinen eigen nennen musst. In diesem Sinne: Sport frei!

Und nun kniet nieder, ihr Bäuerinnen und Bauern, faltet die Hände, und lasst uns voller Inbrunst und Hingabe für den sofortigen Wiederaufstieg unseres Teams beten.

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22.10.2012

Eigenarten

In der Nacht des 14. Dezembers, lange nachdem die Uhr Herrn K.s Gäste mit zwölf gedämpften Schlägen gedrängt hatte, die Gelächtergläser auszutrinken und die letzten überschwänglichen Worte aufzutischen, fand sich der Gastgeber gesellschaftssatt hinterlassen mit seiner Frau noch immer im selben Raum, in dem die perfekte Welt der abendlichen Erzählungen penetrant schweigend im Raum schwebte.

Herrn Ks Frau, deren Lippen vom Anstandslächeln ganz vertrocknet und nur vom Wein noch etwas farbig waren, saß still, während sie ab und zu behutsam den Kopf schüttelte, als müsse sie die Nickbewegung ausgleichen, die sie den Gästen während des Abendessens ausgiebig vorgeführt hatte. Dazu tippte sie, wie es ihre Eigenart war, mit der Fingerkuppe lautlos auf den restebedeckten Tisch, der K. ekelte, wenn er sie ansah und das Trommeln ihrer Finger auf dem Holz vernahm.

?Es ist spät geworden? sagte schließlich die Frau verloren in den Raum, in dem ihr niemand mehr zuhörte oder versuchte, das Gesagte zu übertrumpfen. ?Es ist wirklich spät.? Da sah er in ihrem Gesicht, wie die Unzufriedenheit ihr mehr Falten ins Gesicht legte, als er ertragen konnte und wandte sich ab, indem er nach draußen horchte, wo der Dezemberschnee unaufhaltsam alle gefallenen Worte unter sich begrub.

Jetzt sah auch sie hinaus auf den Schnee und streifte dabei mit ihrem Blick die Schaufel, die draußen an der Dachrinne lehnte. Wie der Wind sich gegen das Fenster presste, als ob er hereinwollte, herein in die behagliche Stube, wo sie alle die Bäuche gehalten hatten, so voll waren sie gewesen, so satt! Wo ihre Leiber so gefüllt gewesen waren, als wären sie jeden Moment zerplatzt, zerborsten und dennoch waren ihre ausgeschleckten Hüllen steif auf den Stühlen sitzen geblieben mit erhobenen Häuptern und Nasen, die bis an die Decke ragten.

Nun sah auch er die Schaufel draußen an der Dachrinne lehnen und sie merkte, dass er seinen Blick auf diese gerichtet hielt. ?Vielleicht sollte jemand den Schnee schnippen?, murmelte sie dann, ohne zu K. aufzusehen. ?Wahrscheinlich haben die anderen schon geschippt und da sollte man?? fügte sie rasch hinzu und tippte weiter mit den Fingerkuppen gegen das Holz, das seine Bräune unter verschütteten Träumen eingebüßt hatte.

?Vielleicht sollte man?? blies sie noch einmal atemlos über den gästeleeren Tisch, auf den sie eintippte und wippte mit dem Kopf, wie es ihre Eigenart war. ?Vielleicht??

Noch lange nachdem die Uhr zwölf Mal gedämpft geschlagen, das Gelächter der Gäste im Raum verstummt und die gefallenen Worte unter dem Schnee dieser perfekten Welt des 14. Dezembers begraben wurden, schippte Herr K. unaufhaltsam den blutroten Schnee mit der Schaufel, die draußen vor dem Fenster an der Dachrinne gelehnt war und tippte behutsam, als ob es seine Eigenart wäre, mit den eiskalten Fingerkuppen auf den bräunlichen Holzstiel.

 


Das aktuelle Buch von Liz Hoppe heisst "Aufgeputscht und abgefahren". Erhältlich bei uns im Shop, in euerer Buchhandlung oder hier bei Amazon: www.amazon.de/gp/product/3942920182/ref=as_li_ss_tl

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