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28.09.2010

Waiting for something to happen

Ich war immer einer von denen, die den Verlust von Liebe zelebriert haben. Ganz so, als wäre das ein scheiß Fest, das möglichst würdig zu sein hat und möglichst lange und intensiv gefeiert gehört. Es geht um M., wie so vieles noch um sie geht. Seit sie weg ist und mich ignoriert, laufen im Kopfkino alle möglichen Porno- und Kriegsfilme durcheinander, was die Tage nicht unbedingt zu würdevollen Unterhaltungssendungen werden läßt. Die Sendungen, die in meinem Kopf produziert werden tragen Namen wie “Erde wem Erde gebührt” oder “Ich könnte jedem Always-look-on-the-bright-side-of-life-Mitpfeifer sofort die Fresse polieren”. Wie dünn die Haut doch manchmal ist, merkt man erst, wenn keine Sonne mehr drauf scheint.

Und wieder so ein Tag.

Ein Freund und ich sind im Supermarkt. Im Kopfkino läuft grad ein Gewaltfilm, aber ein sehr lustiger. Ich schlitze den Bauch eines Pferdes auf und lege mich dort hinein, weil mir so endlos kalt ist. Die zitternden Gedärme des Tieres erinnern mich ein wenig an M. und ihre geschmeidigen Umarmungen. Wahrscheinlich habe ich zulange an der Fleischtheke gestanden. Und da stehen wir eingereiht, vor uns die Registrierkasse und du sagst zu mir: „Stell dich nicht so an!“ und ich sag: „Wieso nicht? Tun doch alle.“ Und es piept und die Waren werden verschoben, der große Kreislauf aus kaufen und kacken. Die Kassiererin denkt nicht mehr, der große Apparat hat sie gefressen. Auch sie kauft und kackt. Alles ein großes Kaufen und Kacken. Alles für alle und zwar für viel Geld. Alles minus Leben. Acht Stunden Scanning und dann noch ins Fitnessstudio, dann in ein Fast Food Restaurant und das Leben ist eine geladene Waffe, zumindest meins.

Und noch ein Tag, aber ein ganz anderer.

Dann sitzen wir in deinem Auto und es ist warm. Im Radio läuft dieser Typ, den alle Olli Schulz nennen und der singt „ … nimm die Finger von dem Mädchen, verlaß endlich die Bar, draußen scheint die Sonne, die Nacht ist nicht mehr da …“ Das erinnert mich an Liebe, die Liebe, die mich immer wieder angreift, um mich dumm zu machen. Jetzt nicht, liebe Liebe, flüstere ich ins Auto hinein und die Liebe hält augenblicklich ihr Schandmaul. Im Kopfkino läuft grad ein Film, in dem M. mit einem gesichtslosen Indie-Schönling an der Donau langspaziert, was ihr Herz schneller schlagen macht. Es ist warm. Mein Herz schlägt wild um sich. Boxt von innen gegen meinen Brustkorb, manchmal so sehr, das ich glaube, da kommt gleich eine kleine Faust durch die Rippen. „ … und dann schlägt dein Herz …“ Du kurbelst deine Scheibe runter, hälst deinen schönen Ellebogen in den Wind der Zeit und sagst „ … hahaha, fahrlässig …“ und ich mache das auch und ergänze „ … grob fahrlässig …“. Der Klebstoff unseres Humors ist ein alter, so dass wir uns auch schlechte Witze verzeihen können.

Ein Tag, wie er im Buche steht, aber in keinem, dass ich selbst geschrieben habe.

Mit dem Freund in der Küche. Das Kopfkino lief die ganze Nacht. Ein französicher Kunstfilm, glaube ich, der “Vorwürfe” hieß. Es geht um den Monolog eines Mädchens, das versucht, einem Stein die Liebe zu erklären. Wirklich spannend, aber erfolglos. In diesem Sommer sind wir schon oft in dieser Küche gelandet. Immer irgendwie vorher und nachher. Ich wackle vor dem CD-Player hin und her und es wird elektronisch. Wir duschen uns mit der Bassdrum unseres Vertrauens. Ich lasse Musik wie Wasser durch die Küche laufen. Du bist da und das ist gut. Wir verstehen uns redend. Du sagst, deine neue Freundin spricht fließend japanisch und da fällt mir ein, dass ich nur fließend Wasser kann, das aber gut. Wir trinken Bier und nennen uns „philosophisches Duett, das über Sloterdijk spricht“, aber eigentlich ignorieren wir ihn. Wir trinken mehr Bier. Es ist ein seltsamer Sommer dieses Jahr, es war der Sommer mit M. M. ignoriert mich, seitdem ist wieder Winter. Und der bleibt und der Beat ist gut, Alter, wenigstens ist der Beat gut. Ich habe irgendwann gelernt über meine Trauer zu lachen. Lieber bin ich freundlich zu mir selbst und ich bin so besoffen, dass ich fast selbst glaube, ich sei glücklich …

Ein ganz anderer Tag.

Im Kopfkino ist es heute überraschend ruhig. Ich sitze von der Krassheit meiner Gefühle gelangweilt in meinem Kinokomasessel, fresse wie automatisiert Taccos mit mittelscharfter Salsasauce und schaue der Zeit beim Verfliegen zu. Noch kein Wort gesagt, aber Milliarden Sätze gedacht und dann grunzt das Telefon. Ein Mädchen ruft mich an. Es ist nicht M., sondern eine deren Pathos über ein gesundes Maß hinausgeht. Wir reden sehr lange über die Lage der Nazion, bevor wir persönlich werden. Dann werden wir so persönlich, dass ich es nicht mehr aushalte und auflege. Ich denke mir noch so, wenn das die Lösung ist, die du darstellst, dann will ich schleunigst mein Problem zurück. Es ist gut, ein Problem zu haben. Das macht Aufregung, Aufregung ist was Gutes, ist gut für Lebendigkeit. Manchmal fühlen sich meine Probleme wie der erste bewußte Atemzug nach zehn Jahren Koma an. Ich liebe meine Probleme. Es gibt Menschen, die echte Probleme haben.

Wenn ein Tag sich in enddummer Problematik ausdehnt, können Dinge passieren, die nicht mehr weggehen.

Ein Problem hat mich kürzlich im Traum besucht. Das ging so: Ein Freund und ich. Wir waren zu zweit allein in dumm-dörflichen Gefilden unterwegs. Da waren zwei Typen gefährlich aussehend, an der Bushaltestelle. Wir hatten Waffen. Wir zerlegten die Leute. Die Bushaltestelle explodierte. Ich hatte Angst vor Schuld, versteckte mich im Wald, wo ich irgendwann krank wurde und verhungerte. Dann kam M. vorbei, machte ein Loch in den Boden und gab mich da hinein. In meinem Traum hatte sie Hände wie Baggerschaufeln, an ihre echten Hände erinnere ich mich kaum noch. Ich analysiere meine Träume nicht mehr, ich lasse sie einfach so, wie sie sind. Schön, schrecklich, meist skurril. Ich weiß nicht, ob ich mit den Drogen anfangen soll, die ihr mir ständig anbietet, aber ich glaube ich bin vernunftbegabt und sage einfach: klar, aber nur soviel, dass ich immer wieder zurück an den Anfang kann. Ich lebe eine seltsame Illusion. Im Kopfkino lief heute: “Alle Fingernägel abgekaut und alles ausgeschissen und verdaut”. Ein Beziehungsdrama mit einer Person. Schwieriger Film, geht ja um mich.

Nur so ein weiterer Tag.

Ich denke an eine Zeit, eine ganz bestimmte Zeit als alles gut war. M. war da und fand das auch alles gut. Die Sonne orange, jedes Lächeln milde. Ich saß in der Badewanne und kümmerte mich um meine Hygiene. Nebenbei lief im Nebenraum Musik, ich glaube, es war meine eigene Band. Draußen war ein Sommer und ich freute mich auf einen Abend mit dir. Ich würde mich schön machen für dich, so richtig schön und sie würde sagen: „Danke, dass du dich für mich schön gemacht hast.“ Und wir tanzten, bis wir noch schöner wurden, fuhren mit dem Taxi nach Hause und vor dem Einschlafen lachten wir laut und erfanden mit kleinen Puppen aus Uganda ein Theaterstück mit dem Titel: „Das bringt es auf den Punkt der den Planeten darstellt auf dem ich wohne!“ Wir lachten weiter. Wir konnten nicht mehr aufhören. Heute hatte das Kopfkino Ruhetag. Ich stand davor und nichts passierte. Würde doch was passieren, endlich mal irgendwas, aber der Ruhetag war von beschaulicher Konsequenz.

An irgendeinem Tag ist er gestorben.

Ich habe letztens das Buch „So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein“ von Christoph Schlingensief beendet. Noch bevor er wirklich starb. Ich bin tief berührt und bewegungslos. In dem Buch geht es um Herrn Schlingensief, der Krebs bekommt und damit umgeht, irgendwie und immer denkt er und verzweifelt und manchmal kommt Gott ins Spiel, der mal lacht und mal straft, immer aber irgendwie vor Ort ist und auch ich habe kürzlich mit Gott gesprochen und Gott hat wie üblich nicht zurückgesprochen. Ich versuchs später nochmal. Mein Freund sitzt neben mir im Auto und sagt, dass auch er kürzlich mit Gott gesprochen hast, und ihn gebeten hat, dass Lincoln zu Schalke 04 zurückkehrt. Auch ihm hat Gott nicht geantwortet. Aber er war nicht skeptisch. M. hat mir eine Email geschickt. Scheinbar schulde ich ihr noch Geld. Im Kopfkino langweile ich mich wegen darmzerschreddernder Gewalt. Als ich M.´s Namen auf einen Überweisungsträger schreibe, überweist mir das Leben plumpe Trauer auf mein Emotionskonto und ich heule bis die Sonne rauskommt.

Noch ein Tag aus der Reihe derer, an denen man lediglich irgendwo ist, nichts fühlt außer da zu sein, wenig unternimmt, außer sich selbst darzustellen und Abends immer in Müdigkeiten fällt, die sich anfühlen wie 10 Stunden Baustelle und Schüppe.

Die Frau im Drive-In hat das Tourette-Syndrom. Du bestellst einen Big Mäc, einen Hamburger Royal, eine große Cola und sie antwortet durch die Sprechanlage „ … ein Bic Mäc, du Arschloch, Fotze, Fotze, ein Hamburger, Heil Hitler, Fotze, Fotze, haha, Royal und eine große Fotze Fotze Cola, macht Arschloch, Unfug, nein, nein, Fotze, sieben Euro vierundzwanzig, bitte fahren sie zum nächsten Fenster vor, Fotze, Fotze, Arschloch …“ Du kennst die Frau und als du ihr einen Zehner in die Hand drückst und sie anlächelst und sie fragst ob alles klar sei, guckt sie dich nicht an. Mit M. war ich nie hier. Sie isst keine Schlachtabfälle, ihr Leben ist ein gemüseorientiertes Gesundheitsding. Alles geht gut, weil Zeit vergeht. Kopfkino hat schon wieder zu. Ganz spät Abends läuft noch ein Dokumentarfilm mit dem Titel “Die Wirkung von Masturbation auf das Erinnerungsvermögen” und ich atme so langsam, dass ich mich kaum mehr lebendig fühle.

An manchen Abenden solcher Tage wird es einfach nicht dunkel.

Wir stehen vor der Bar. Die eine von letztens ist auch da, die, deren Namen ich mir nie merken können würde, nicht weil er so außergewöhnlich ist, sondern eher, weil er so einfach ist. „Ich heiße Anna, du Dreck“, sagt sie mir dann, als ich sie wieder „Flokatina“ nenne. Ich mag diese Frau, weil sie aussieht, als sei ihr Leben eine abgesagte Party, die auch nicht wiederholt werden wird. Wir stehen vor der Bar und ich weiß, dass der Sommer zwar seltsam ist und auch weiterhin seltsam sein wird, aber heute abend ist Jazz Festival und ich bin betrunken und ich habe aufgehört zu rauchen. Ich rauche eine und gehe mit euch rein. Das Kopfkino wurde Opfer gehirninterner Brandstifter. Einer hieß Tequila, der andere Jägermeister und sie kamen, mich zu retten.

Wenn der Tag nur noch ein wenig dünner werden würde, er verschwände komplett.

Später sitzen Flokatina und ich auf dem Bürgersteig und reden. Ihr Leben ist tatsächlich eine abgesagte Party. Sie studiert irgendwas, was mich nicht interessiert, hat dauernd Streß mit ihrem Freund, der Franzose ist und sich wie ein Deutscher benimmt und überhaupt hat Flokatina voll den Krisenstreß am Körper und ich sage ihr, dass nichts so viel mit ihr zu tun habe, wie sie selbst und ich sehe wie sie nachdenkt. Wir sitzen rum und rauchen und ich denke an M., ganz kurz nur. M. tanzt in meinem Kopf, aber während unserer Zeit war ich nie mit ihr tanzen, vielleicht deswegen. Ich vermute wirklich, dass unausgelebte Liebe Herzen mit einem unsachgemäß schwerem Gewicht behängen kann, dass sie des regelmäßigen Schlagens müde werden. Von drinnen höre ich Kegelclubgelächter von mit Taxifahrerlederwesten bekleideten Kegelclubmitgliedern. Ich kaufe vom Rosenstraußmann eine Rose , schenke sie ihm und spreche kurz mit ihm über diesen Sommer und er sagt: „Läufte gut“ und lächelt. Ich denke an M., bin so verdammt friedlich in dieser Nacht und lächle auch, obwohl ich

Der Tag hört auch schon wieder auf, er selbst zu sein.

Das Mädchen M. tanzt durch meine Eingeweide. Ich warte darauf, dass etwas passiert, dass ich vielleicht auseinanderfalle oder implodiere. Flokatina ist schon wieder reingegangen und der Rosenstraußmann ist auch schon weg. Ich bin allein. Das ist der Anfang.

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27.09.2010

Ben

Wendel hatte eine seltsame Art seine Schulden zurückzuzahlen. Einmal wollte er mir ein One-Way-Flugticket nach Bratislava andrehen, dann kam er mit einem Fahrradsattel und zwei Reifen an, und versprach mir, den Rahmen als Freundschaftsdienst nachzuliefern. Ich schätzte seinen Einsatz, lehnte aber dankend ab. Ich brauchte Bargeld. Ich war zwei Monatsmieten im Rückstand, und hatte seit Tagen nichts als Toastbrot und Olivenöl im Bauch. Dazu war ich bei Harry so hoch verschuldet dass er mir kein Bier mehr ausschenken würde, bis ich mit Kohle anrückte. Was für ein beschissener Kreislauf. Vielleicht war Wendel ja doch eine Lösung. Wendel ist zwar keine Vertrauensperson im klassischen Sinn, aber immerhin tauchte er regelmäßig bei mir auf. Hin und wieder sogar mit etwas nützlichem in der Tasche. Als er ein paar Tage später mal wieder vorbeischaute, knallte er eine zusammengerollte Zeitschrift auf den Tisch. Zwei rechteckige Karten segelten obendrauf. Er grinste siegessicher. „Was würdest du sagen wenn ich dir Geld schenke, Ben?“ „Bleib mir mit deinen Kronen vom Leib, Mann. Die braucht kein Mensch mehr.“ „Euros, Ben. Harte, frische, ehrliche Euros. Kein Scheiß.“ „Zeig sie mir erstmal, deine Euros.“ sagte ich mißtrauisch. Wendel faltete die Zeitschrift auseinander, blätterte wild darin herum bis er nickend auf eine Seite stieß. Dann begann er immer fester auf einer Zeile herumzutippen, und sah mich mit leuchtenden Augen an. „Treibsand!“ „Bitte was?“ „Treibsand, Mann. Im vierten Rennen morgen. Der kann nicht verlieren. Der hat nen Lauf.“ Er zündete sich eine Zigarette an und beugte seinen Kopf zu mir als ob er flüstern wollte, doch seine Stimme wurde grell. „Ich hab gestern mit Klaus gesprochen. Du weisst schon, der Ex von dieser einen rothaarigen die bei Harry ab und zu am Tresen steht. Der räumt seit Tagen in Riem ab. Wie, das sagt er nicht, aber er hat mir nen Namen gegeben. Treibsand! Ein todsicheres Ding. Besser als Bargeld, Ben.“ Ich wusste nicht wer dieser Klaus war, wahrscheinlich hatte er ihn erfunden, aber der Vorschlag gefiel mir. Stand nicht jedem ein Existenzminimum an Glück zu? Ich hatte meine Vorräte lange nicht angerührt. Weit konnten sie doch nicht sein. „Wenn du die Drinks übernimmst, bin ich dabei.“ „Ich mach uns den besten Champagner klar, Ben. Wirst schon sehen.“ „Ok, ich halt meine Augen schonmal offen.“ sagte ich, drückte ihm die Hand, und überlegte ob mein Notgroschen auch gut versteckt war.

Wendel pennte bei mir. Am nächsten Tag fuhren wir gleich nach dem Aufstehen mit der S-Bahn nach Riem. Es war kurz nach Mittag am ersten, oder zweiten des Monats. Unsere Taschen waren so voll wie wir sie nur kriegen konnten. Mal wieder waren wir schneller als die Daueraufträge gewesen. Ich hatte mein komplettes Arbeitslosengeld abgehoben. Wendel war ähnlich gut ausgestattet. Was sollte uns passieren? Wir waren zwei Gewinner auf dem Weg zur Siegerehrung. Soviel stand fest. Am Eingang der Rennbahn reichten wir den Abreissern die Tickets, wie Könige ihre Hand zum Kuss. Sie lächelten freundlich, und hiessen uns herzlich willkommen. Typen wie uns hatten sie hier besonders gern.
„..und, hast du nen Plan?“ fragte ich.
„Klar. Wir gehen’s gemütlich an. Ein paar Platzwetten zum Warmwerden, und den Überschuss setzen wir im vierten auf Sieg. Danach können wir uns an die Kombinationen wagen. Bis zum Abend dürfte das ein dickes Polster geben.“
Ich glaubte nicht an Systeme, und von Wendels Plänen war im allgemeinen Abstand zu nehmen, aber ich hatte Lust den Zufall herauszufordern. Ich hatte nichts zu verlieren, ausser mein ganzes Geld, meine Wohnung, meine letzten festen Standpunkte im Leben. Doch das war mir egal. Ich brauchte endlich wieder ein Erfolgserlebnis, und hier war es schnell zu bekommen.
Ich hatte einen guten Riecher. In den ersten zwei Rennen gewann ich 120 Euro. Wendel war weniger erfolgreich. Galgenhumor wurde nur vorletzter, und auch Glücksgriff machte seinem Namen keine Ehre, und verlor.
Bis zum vierten hatte ich etwas über 200. Wendel ging noch immer leer aus. Aber er blieb zuversichtlich. Erregt schielte er zum Monitor und studierte die Quoten des vierten Rennens.
„Schau dir das an, Ben. Treibsand steht bei 80:10. Wenn das mal nicht unser Rennen wird.“
„Ja, sieht gut aus. Aber ich glaub ich setz auf Schwerkraft.“
„Du lässt dir ein sicheres Ding entgehen. Aber mach was du willst.“
Treibsand gewann mit großem Vorsprung. Schwerkraft wurde siebter. Wendel schrie und hüpfte und wedelte mit der Wettzeitung bis unter den Seidenhüten unserer Nachbarinnen irritierte Blicke hervorstachen. Doch niemand machte den Mund auf. Niemand ausser Wendel.
„Wie kannst du nur auf ein Pferd setzen das Schwerkraft heisst? Hab ich’s dir nicht gesagt? Treibsand, Mann. Treibsand! Wer sonst könnte das Scheiß-Rennen gewinnen?“
„Ja schön für dich, und jetzt gib mir mal mein Geld zurück.“
Ich begleitete Wendel zum Wettschalter, liess mir zwei Hunnis von ihm geben und verabschiedete mich. Für’s erste hatte ich genug.

Zuhause zählte ich das Geld. Eigentlich sah es gar nicht schlecht aus. Im vierten Rennen hatte ich zwar verzockt was ich vorher gewonnen hatte, aber es blieb mir die Kohle von Wendel und mein Arbeitslosengeld. Was wollte ich mehr? Ich machte mir eine Dose Bier auf und legte mich ins Bett.
Ich träumte von Zahlen und Namen, von Dreck und Geldscheinen und dem dumpfen Platschen von Pferdeäpfeln auf meinem Küchenboden. Meine Kehle war trocken als ich aufwachte. Ich leerte das Bier, schlief weiter bis zum Mittag und stand auf, ohne Plan was ich mit diesem Tag anfangen sollte. In der Post war wenig neues. Der Vermieter schrieb schon länger nicht mehr persönlich. Irgendein Anwalt warf jetzt für ihn mit Paragraphen um sich. Die Stadt wollte Geld für’s Schwarzfahren. Die Bibliothek wollte Geld für Bücher die ich längst an’s nächste Antiquariat verkauft hatte. Telekom. GEZ. Die Erzdiözese. Alle grüßten mich mit Namen, und wollten mir doch nur an die Eier. Ich wischte die Scheiß Briefe vom Tisch, holte mir ein Bier aus dem Kühlschrank und setzte mich auf die Couch. Mein Blick streifte die Unordnung am Boden und blieb am Küchentisch hängen. Prall und glänzend trotzte mein Portemonnaie dem fahlen Mittagslicht. Ich hatte gute tausend Euro vor mir liegen. Zu wenig um meine Schulden zu bezahlen, aber viel genug um diese verdammten Existenzsorgen ein wenig einzuschüchtern. So ausweglos war die Situation eigentlich nicht. Bis zum Räumungsbefehl konnte ich doch sicher noch ein paar hundert Euro dazugewinnen, und den Blutsaugern ihr dreckiges Geld ins Gesicht schleudern, wenn sie kamen um mich rauszuwerfen. Entschlossen leerte ich das Bier, schnappte mir das Geld, und fuhr nach Riem.

Es funktionierte. Ich wettete vorsichtig, und ging am Abend mit einem Zwanni oder einem Fuffi Gewinn nach Hause. Aber ich sah, wie die anderen abkassierten. Warum sollten sie mehr Ahnung haben als ich, diese gegelten Juppies, die nie die Wettzeitung lasen, nie eine Miene verzogen und mit Tausendern wedelten als wären es überflüssige Liebesbriefe? Ich begann zu riskieren, und verlor. Die Dreierwetten brachten mich innerhalb von einer Woche fast um mein ganzes Geld. Ich tippte auf verschiedenen Wettscheinen verschiedene Konstellationen, doch es half nichts. Ich verlor. Ich verlor die einfachen Rennen. Ich verlor die komplizierten Rennen. Ich verlor die berechneten, und ich verlor die zufälligen, und wenn ich kurz davor war, aufzugeben und auf irgendeinen dieser Juppies loszugehen, gewann ich. Immer genug, um wieder zu spüren warum ich hier war. Genug um mein Kinn in Zielhöhe zu heben. Genug um alle zu belächeln die ihr Geld anders als durchs Spielen gewinnen. Dann war ich wieder auf der Spur. Dann wettete ich wie ein Gewinner. Vertrackt, ausgetüftelt, und blind bis zur Ohnmacht.
Kurz bevor ich komplett abgebrannt war, traf ich Wendel auf der Rennbahn. Vollbärtig und mit einer abgerissenen Frau im Arm blies er sich vor mir auf.
„Na, Ben. Noch immer auf der Suche nach Schwerkraft?“
„Ich glaub inzwischen ist sie auf der Suche nach mir. Hast du gewettet?“
„Mehr als das. Gewonnen!“
Wendel zog ein Bündel Scheine aus der Tasche. Es waren alles fünfhunderter. Er pickte sich ein paar davon raus, und drückte sie der Frau zwinkernd in die Hand. Dann wandte er sich an mich.
„Du siehst ein bisschen abgebrannt aus, Ben. Falls du Geld brauchst. Ich helf dir gerne aus.“
„Lass mal. Ich wollte eh grad gehen.“
Ich zerknüllte meinen letzten Wettschein, warf ihn weg und machte mich auf den Heimweg. Das Scheiß Geld war den ganzen Streß doch nicht wert.

Meine Post öffnete ich nicht mehr. Doch die Umschläge wurden immer bunter. Ich fing an meine letzten Wertsachen zu versetzen. Nicht etwa um was zurückzuzahlen. Nein, ich hatte einfach keinen Bock dass sie mir was wegnahmen. Ich fühlte mich wesentlich wohler, wenn alles was mir wichtig war, in meine Hosentaschen passte.
Auf Wetten hatte ich keine Lust mehr. Ich las jetzt bis es dunkel wurde. Dann legte ich mich ins Bett. Seit sie mir den Strom abgedreht hatten, entwickelte ich sowas wie einen geregelten Tagesablauf. Lange konnte ich ihn leider nicht pflegen, denn das unliebsame Klopfen an der Haustür kam viel zu bald. Grelle Stimmen rissen mich aus dem Schlaf. Es klang nicht nach dem Vermieter. Es mussten Bullen sein. Etwas schabte an der Tür. Ein Hämmern erklang, das mich beunruhigte. Ich zog mich hastig an, steckte das Geld ein und sprang aus dem Fenster. Dann lief ich so schnell ich konnte. Nur weg von diesem unseligen Ort.
Ziellos irrte ich durch die Stadt. Wo sollte ich hin? Bei Problemen bin ich immer zu Harry an den Tresen, und hab mir dort meine Kreditwürdigkeit ersoffen. Aber das war vorbei. Harry wollte Geld. Alle die ich in dieser verfluchten Stadt kannte, wollten Geld. Alle, ausser Wendel.
Ich wusste, früher oder später würde er wieder in Riem auftauchen. Also fuhr ich dort hin, und wartete, und wettete. Ich hatte einen klaren Kopf. Was sollte mich auch zerstreuen? Alles was mir noch geblieben war, trug ich mit mir rum. Ich fühlte mich leicht. Um mich herum war eine Welt ohne Gewicht, und meine Taschen waren noch prall gefüllt mit dem einzigen Ballast der sie am Boden hielt.
Kurz vor dem letzten Rennen tippte mich jemand auf die Schulter. Es war die Frau die ich mit Wendel gesehen hatte.
„Hey. Läuft’s gut?“ fragte sie.
„Geht so.“
„Ja, bei mir auch.“ Ihre Gesichtszüge entspannten sich. Früher war sie vielleicht mal ganz hübsch gewesen. „Nervt’s dich nicht dass hier immer die anderen über dein Glück entscheiden?“
„Machen sie das nicht überall?“
„Beim Pokern kannst du immerhin selbst eingreifen.“
„Ich hab schon lang nicht mehr gepokert.“
„Ich auch nicht. Aber ich weiß wo wir heute Abend ein bisschen üben könnten.“
„Meinst du ich kann dort auch pennen?“
„Klar. Du wirst nicht der einzige sein.“

Sieben Stunden später saß ich auf einem Bordstein und zündete mir mit meinem letzten Zehner eine Kippe an. Es war nicht so dass ich das Spiel nicht begriffen hätte, oder schlechte Karten bekam. Ich glaube, es war der Schnaps. Wenigstens spürte ich bald nicht mehr wie mein Geld immer weniger wurde. Die letzten Runden schenkte ich ihnen. Scheiß drauf. Jetzt war ich frei. Wer braucht schon Geld zum überleben? Ich raffte mich auf und machte mich instinktiv auf den Nachhauseweg. In einer Seitenstraße sah ich, wie sich ein Typ an einem Auto zu schaffen machte. Es war Wendel. Ich schlich mich an ihn heran.
„Peng.“
Er zuckte zusammen. Panisch drehte er sich um.
„Fuck, Ben! Was soll die Scheiße?“
„Das sollte ich dich fragen. Was willst du mit der Karre?“
„Schau sie dir doch an. Das Ding bringt mindestens zwanzigtausend. Vergiss die Pferde, Ben. Die sind viel zu lahm.“
„Das klang vor ein paar Tagen aber noch ganz anders.“
„Scheiß auf die paar Tage. Hilf mir lieber mit dem Schloß.“
Er knackte es ganz ohne meine Hilfe. Dann schwang er sich ins Auto. Ich wollte nach Hause und ins Bett, da fiel mir ein dass ich kein Bett mehr hatte, kein Zuhause, an keinem Klingelschild dieser elenden Welt mehr einen Namen. Der Motor startete. Wendel öffnete die Beifahrertür.
„Was ist, Ben? Beeil dich wenn du mit willst.“
Ja, ich musste mich beeilen. Zum stehenbleiben war ich viel zu müde. Ich sank in den Wagen, und knallte die Tür zu. Häuser einer fremden Stadt begannen an mir vorbeizuziehen. Ich kurbelte das Fenster runter, und im beissenden Fahrtwind hörte ich, immer lauter, meinen Namen.

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