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19.10.2010

Melek

Verliebt war ich in Melek seit sie mich ins Wasser geworfen hatte. Bis dahin hatten wir uns nicht wirklich gekannt. Sie war mir zwar vorher schon ein paarmal aufgefallen, und manchmal hatte ich den Eindruck unsere Blicke hätten sich gestreift, aber gesprochen hatten wir nie. Unsere erste Berührung war der kleine Schubser den sie mir gab, als ich neben ihr über die Kanalbrücke schlurfte. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich klatschte ins Wasser, und als ich verwundert wieder auftauchte, sah ich dieses fremde Mädchen in die Hocke gebeugt über mir sitzen und mich breit angrinsen. „Na warte, du..“ Ich kraulte zum Kanalrand, sprang aus dem Wasser und sah sie lossprinten. Sie rannte an der rechten Liegewiese am Kanal entlang, ich hastete ihr auf der linken nach. Es gab nur zwei Brücken die zur rechten Seite führten. Über eine musste sie früher oder später gehen. Ich setzte mich ins Gras und wartete. Sie schlich sich an die vordere Brücke heran. Wir musterten uns. Ich blieb sitzen. Sie verharrte eine Weile, dann rannte sie los. Ich wuchtete mich hoch, und sprintete ihr hinterher. Wir schlängelten uns vorbei an krebsroter Cellulite und sonnenverwöhnten Bierwampen, trampelten über Handtücher und verwischten den Rauchern im Vorbeihuschen ihre kühle Wolkendecke. Sie war schnell, aber ich holte auf. Nach ein paar hundert Metern hatte ich sie. Ich stellte ihr ein Bein. Sie stolperte, und riss mich mit. Ich landete auf dem Arsch, und schürfte mir die Schenkel am vertrockneten Gras auf. Sie drehte eine Pirhouette, und platschte ins Wasser. Ich kugelte hinterher. Unter Wasser bekam ich einen Fuß von ihr zu fassen. Ich versuchte sie an mich heranzuziehen. Sie schlug aus, und traf mich an der Brust. Ich keuchte. Jetzt reichte es mir. Ich sprang ihr entgegen, nahm sie in den Schwitzkasten, hebelte ihr die Beine aus und tauchte sie ordentlich. Nach ein paar Sekunden liess ich sie wieder los. Sie tauchte langsam auf, und sah mich unschuldig an. „Hast du auch nen Namen, oder hat man dir stattdessen ein paar Reflexe zuviel gegeben?“ fragte ich. „Melek.“ sagte sie lächelnd, sah mir kurz in die Augen und verschwand dann unter Wasser um mir die Beine wegzuziehen.

Ich sah sie jetzt jeden Tag am Kanal. Wir sprachen selten, doch ich merkte dass sie sich in Sichtweite von mir hinlegte. Sie war immer allein. Wieso war sie nicht wie alle anderen hübschen Mädchen mit Jungscliquen unterwegs? Vielleicht kannte sie hier niemanden? Wenn, dann schien ihr das nichts auszumachen. Sie lag stundenlang rum, kritzelte irgendwas in ein Notizbuch, oder lag nur da und sah in den blauen Himmel. Ab und zu sah sie auch zu mir. Es schien als würde sie lächeln, doch auf die Entfernung konnte ich das nicht wirklich einschätzen, und sah bald weg. Ich ging ein paar Bahnen schwimmen. Als ich zurückkam war sie verschwunden.
Für heute hatte ich auch genug. Ich packte meine Sachen, holte mein Skateboard aus dem Schließfach und rollte in Richtung Innenstadt. In einer kleinen Seitenstraße holte ich sie ein. Ich gab ein bisschen Gas, sprang neben ihr auf den Gehsteig, und liess das Deck von der Kante flippen. Mit einer 180 Grad Drehung brachte ich das Board zum stehen, nahm es in die Hand und ging ihr entgegen.
„Wie oft hat’s dich auf die Schnauze gehauen bis du das konntest?“ fragte sie.
„Viel zu oft.“
Sie nickte, und strich sich eine Strähne aus der Stirn.
„Wirfst du eigentlich alle die du nicht kennst ins Wasser?“
„Nur wenn’s mich stört dass ich sie nicht kenne.“ Sie sah mich lächelnd an. Mir wurde heiss.

Am nächsten Tag legte ich mich zu ihr. Ich gab ihr ein Eis aus und wir schleckten es auf den Tischtennisplatten bei den Umkleidekabinen. Als wir uns die Kugeln grad schön schmecken liessen, krabbelte eine dicke Spinne an unseren Füßen vorbei. Melek steckte ihre Waffel ins Tischtennisnetz, bückte sich und schnappte sich das Vieh. Sie zwinkerte mir zu. „Komm such dir auch eine.“ Ich legte die Waffel auf die Platte, und sah mich auf der Wiese um. Ich musste nicht lange suchen, bis ich ein wohlgenährtes Prachtexemplar eines Stinkkäfers fand. Melek war beeindruckt. Wir legten uns auf die Lauer. Als sie das Zeichen gab schlich ich hinter ihr her und schloss mich mit ihr in einer der Kabinen ein. Wir hörten Geräusche nebenan. Melek stellte sich auf das Sitzbrett und lugte in die Nachbarkabine. Sie hielt mir die Hand entgegen. Ich gab ihr den Stinkkäfer. Sie visierte einen Moment die Stelle an, dann liess sie die Viecher herabrieseln. „Hilfe! Iiieeeeh, Hilfe!“ Noch als sie sich wieder bückte ertönte der Schrei, markerschütternd und herrlich schrill. Die Tür knallte, nackte Füsse trappelten. Ich öffnete die Kabine, und sah eine halbbekleidete ältere Dame davonstürmen. Melek krümmte sich vor Lachen. Ich lag bald auch am Boden und bekam Magenschmerzen vom überreizten Zwerchfell.
„Hey, lass uns mal auf die Sonnenterrasse. Da könnt gleich jemand kommen.“ keuchte sie mit tränenden Augen. Das liess ich mir nicht zweimal sagen.
Wir legten uns aufs heisse Pflaster der Terasse. Ich fühlte mich großartig und unangreifbar.
„Hier oben ist zwar kein Kanal, aber ich glaub ich werf dich trotzdem ins kalte Wasser.“
„Probier’s.“ lächelte sie.
Ich drehte mich zu ihr und strich ihr durch die Locken. Ihr Blick wurde weich. Ihre Lider senkten sich langsam. Ich küsste ihre Oberlippe. Sie drückte mich fest an sich. Ihre Küsse schmeckten wie weiches Wachs. Ihre Bewegungen tanzten mit meinen verstecktesten Geistern. Die Zeit war ein Zelt das dem Sturm ihres Schulterzuckens nicht lange standhielt.

Melek wollte unbedingt Skaten lernen. Ich war ein guter Trainer, und sie lernte schnell. Sie stürzte sich gerade in die Halfpipe als ein Auto neben dem Park anhielt. Ein Mann stieg aus. Er sah uns seltsam an. Als Melek ihn bemerkte erstarrte sie. Der Mann ging einen Schritt auf den Hügel am Skatepark zu, und sagte Dinge auf persisch. Es klang nicht nett. Melek verschränkte die Arme und sah ihn eindringlich an. „Du kannst mich nicht einsperren!“ Der Mann wurde rot, und begann wild zu gestikulieren. Seine Stimme klang hoch, ihr Nachdruck war beängstigend. „Ich hab dir schonmal gesagt. Ich bin alt genug, selbst auf mich aufzupassen.“ schrie Melek. Ihr Vater sah jetzt zu mir. Er behielt mich eine Weile im Auge, sah dann zu seiner Tochter, und sein verachtender Gesichtsausdruck benötigte keine Worte mehr um sich einzuschürfen. Zornig ging er zu seinem Wagen, startete ihn und brauste davon. Melek sank zu Boden und begann zu schluchzen. Ich setzte mich neben sie und nahm sie in den Arm.
„Dieses Arschloch. Dieser verdammte Wichser. Wieso begreift er nicht dass ich ein eigenes Leben habe?“
Sie sah mich fragend an. Ihre Augen waren so klar. Ich wusste nicht was ich sagen sollte.

Die nächsten Tage war sie nicht beim Schwimmen. Ich wusste nicht wo genau sie wohnte, aber ich kannte den Stadtteil. Ich hinterlegte bei der Pförtnerin des Freibads meine Adresse für den Fall dass sie doch noch kam. Dann skatete ich wie ein Irrer durch die Straßen ihres Bezirks, doch ich sah sie nicht. Alles sah gleich aus. Die Häuser, die Autos, die Menschen. Wie sollte man hier jemanden finden? Frustriert fuhr ich nach Hause. Ich hatte nur ihren Namen. Melek. Süße, süße Melek. Keine Telefonnumer. Keinen Nachnamen. Nur ihr wundervolles Lächeln, und den Geschmack ihrer Küsse so tief in Erinnerung dass jedes Aufbäumen der Realität wie ein fader Traum sofort wieder verpuffte. Ich wälzte mich im Bett, und starrte aus dem Fenster. Die Nacht war viel zu heiß. Die Stadt viel zu laut. Wenn ich sie nur hören könnte.
Ich schlief nicht, doch ich träumte. Ich lag in einer U-Boot Koje, und Schüße dröhnten an die Wände. Die Kugeln drangen nicht ein weil sie zu schwach waren. Ich wusste das, aber keiner sonst. Alle schrien, doch ich wusste, es würde nicht aufhören. Es würde nie aufhören. Ich schreckte auf. An der Balkontür stand Melek. Sie klopfte. War ich wach? Sie schnitt eine Grimasse. Ich stürzte zur Balkontür, öffnete sie und drückte sie so fest ich konnte.
„Die Pförtnerin?“
Sie nickte.
„Ich geh nicht mehr zurück. Ich geh da nicht mehr hin.“ sagte sie kalt.
„Hat er dich geschlagen?“
„Nein, das nicht. Er hat mich in meinem Zimmer eingesperrt, und ist dann in die Arbeit als ob nichts gewesen wäre.“
„Wie bist du rausgekommen?“
„Ich hab’n Stuhl durch’s Fenster geworfen. Dann bin ich auf den Balkon im ersten geklettert, und von dort gesprungen.“
Ich strich ihr ein paar Glassplitter aus den Haaren.
„Jetzt bist du erstmal in Sicherheit. Scheiß drauf was morgen ist.“
„Ja, du hast recht.“ Sie lächelte. „Hey, Schön dich zu sehen.“
Sie umklammerte meine Hüfte, und drückte mir einen Kuss auf die Stirn. Wir liessen uns fallen. Da wo vorher ein Dröhnen und Lärmen war, ertönte bald, leise und ganz vertraut, der unfehlbare Gleichklang zweier im Dunkeln tanzender.

Am nächsten Morgen gingen wir früh raus. Wir irrten durch die Stadt. Die Stadt war groß, aber nicht groß genug wenn man unsere Wege kannte. Hinter jeder Straßenecke vermutete ich die Inquisition. In jedem Schaufenster spiegelte sich der unbarmherzige Griff von Meleks Vater. Gerade war Jahrmarkt. Da konnte man sicher gut in der Menge untergehen. Wir schlenderten vorbei an den Buden. Es roch nach Bier und gebrannten Mandeln, ein Hauch von Aggression und Euphorie schwelte über den Festplatz. Doch niemand nahm von uns Notiz. Das beruhigte mich ein wenig. Vor dem Crazy Twister blieb ich stehen.
„Hey, Lust da mitzufahren?“
„Langweilig“ grinste Melek. „Das hier sieht eher interessant aus.“ Sie zeigte auf den Satans Looping.
„OK?!“ Ich bekam weiche Knie wenn ich dran dachte da mitzufahren, aber die Fahrt würde uns auf andere Gedanken bringen. Ich kaufte zwei Tickets, und wir machten es uns in den gepolsterten Sitzen bequem. Als sich die Sicherheitsbügel schlossen tippte Melek mich an. Sie deutete mit dem Kopf zum Kassenhäuschen. Ich sah ihn sofort. Er hatte uns scheinbar noch nicht entdeckt. Während der ganzen Fahrt starrte ich nach unten. Ich sah dass er sich nicht wegbewegte, dann sah ich den Himmel und drehte mich vorbei an den Ständen und Zelten, bevor es mich wieder in Richtung Wolken drückte, und ich der Schwerkraft erneut entgegenfiel. Nach der Fahrt war ich schwach auf den Beinen, doch ich musste mich zusammenreissen. Wir schlichen uns uns vom Fahrgeschäft, und drängten uns durch die Menge. Ich sah ihn an einer Losbude stehen. Wie war er so schnell dahin gekommen? Melek sah ihn auch. Wir verharrten eine Sekunde. Er machte einen Schritt auf uns zu. Wir begannen zu laufen. „Da rein!“ Melek zog mich in die Geisterbahn. Wir huschten vorbei am Kassenhäuschen, sprangen über die Wagen und rannten zu Fuß in den engen Tunnel. Fuck war das dunkel. Irgendwo zwischen kichernden Hexen und dem dumpfen Charme von Frankenstein flimmerte ein rettendes Stroboskop. Wir kauerten uns auf den Boden. Ich hielt Melek fest.
„Ich will nicht dass er dich mir wegnimmt.“ Sie drückte ihren Kopf an meine Schulter. Ich strich ihr durch die Locken.
„So schnell lass ich dich nicht los.“
Ich spürte einen Kuss auf der Wange. Ihre Hände schlossen sich um meine Brust. Diese Atemzüge gehörten uns.
Irgendwann weckte uns ein Getrampel und Geschrei. Taschenlampenlichter zuckten. Menschliche Stimmen drangen bedrohlich durchs heilsame Dunkel. Wenn es doch nur Frankenstein wäre, oder die Hexe, oder einer dieser Mutanten, aber es war der Geisterbahnbetreiber mit zwei Bullen im Schlepptau. Sie führten uns ab. Draussen übergaben sie Melek ihrem Vater. Ich sollte zum Verhör mitkommen. Die Bullen schwafelten irgendwas von Hausfriedensbruch und Diebstahl. Als sie mich zu ihrem Wagen schoben, drehte ich mich nochmal um. Ich sah wie Meleks Vater sie fortzog. Unsere Blicke trafen sich einen unendlichen Moment, dann riss sie sich los, lief einen Schritt, und wurde doch gleich wieder von einem stählernem Griff ausgebremst. Die Bullen zeigten keine Reaktion. Ich sah noch wie Melek ihrem Vater ins Gesicht spuckte, und sich schließlich mit gesenktem Kopf seinem Willen fügte, dann schob mich der Bulle in den Wagen und knallte die Tür zu.

Einen Monat später erreichte mich ein Brief. Melek war zu ihrer Cousine nach Antwerpen geflohen. Sie schrieb es gehe ihr gut. Sie könne in Antwerpen bleiben, und dort zur Schule gehen, studieren, leben. Ihr Vater hat eine Suchmeldung rausgegeben. Aber er wird nicht erfahren wo sie steckt. Ihre Cousine ist, genau wie sie, auch geflohen. Es wird schwer sein, sie zu finden. Es wird schwer sein dich zu finden. Süße, süße Melek. Nicht nur für die vor denen du geflohen bist. Ich steckte den Brief in die Tasche und wiederholte wieder und wieder die letzten Worte. In Liebe.

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12.10.2010

Ein Mann

Ein Mann sitzt auf einem Stuhl.

Ein Mann sitzt auf einem Stuhl an einem Tisch.

Ein Mann sitzt auf einem Stuhl an einem Tisch in einem Raum mit einem Fenster.

Ein Mann sitzt in einem Raum mit einem Fenster zu Straße. Vor dem Fenster fangen die Farben an zu verblassen.

Ein Mann sitzt vor den Farben ohne sich ablenken zu lassen. Ein Mann den die Farben vor allem anderen hassen.

Ein Mann sitzt in einem Raum auf einem Stuhl.

Ein Mann sitzt auf einem Stuhl bei Tag und bei Nacht. Ein einsamer Mann wacht. Er sitzt auf seinem Stuhl ob es stürmt oder schneit, als warte er auf etwas, das ihn befreit.

Ein Mann sitzt an einem Tisch, umgeben von weiß. Ein Mann der als einziger weiß wie er heißt. Ein Mann wie ein Fleck in einem Raum ohne Dreck. Ein Mann wie er geht niemals weg. Ein Mann ist der Fixpunkt in einem Raum voller weiß. Ein Mann mit einer schwarzen Seele, wie es heißt. Ein Mann der in sich aufsaugt, was der Raum ihm entbehrt. Ein Mann der keinen Eintritt in seine Schwärze gewährt.

Ein Mann von dem die Menschen nur flüsternd erzählen, sitzt in einem Raum auf metallenen Stehlen. Ein Mann in einem Universum aus Kunst und aus Blut, er sitzt in seinem Raum, das ist alles, was er tut.

Ein Mann sitzt in der Mitte wie ein Haufen aus Dreck. Ein Mann in seiner eigenen Welt nur ein Fleck. Ein Mann den nachts Dämonen jagen, Dämonen die sich in das weiß nicht wagen.

Ein Mann verdammt auf einem Stuhl zu bleiben und langsam am Leben vorüber zu treiben.

Ein Mann der einst zuviel begehrte und dem das Leben zuwenig gewährte. Ein Mann unter tausend, ein Mann ohne Ziel. Ein Mann der einst etwas zu tief fiel.

Ein Stuhl ein Tisch, ein Raum ohne Farbe, ein schwarzer Fleck wie eine klaffende Narbe. Die Endstation Leben, gefangen im Nichts, die Schwärze der Mitte, das Ende des Lichts.

Ein Raum in einem Traum ohne Sinn ohne Ziel, ein Mann ohne Leben ohne Anteil am Spiel. Ein Mann der schon tot ist, aber es noch nicht weiß, bis der Tod ihn gnädig der Erde entreißt.

Ein Mann der langsam verwest und verweicht. Ein Mann dem die Zeit die Farbe ausbleicht. Ein Mann war einst ein schwarzer Fleck, im Tod bleibt von ihm nur weißer Dreck.

Ein Mann sitzt in einem Raum ohne Licht. Aus dem Fenster sieht er nicht.

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07.10.2010

Zigarettenbeziehungen – Beziehungszigaretten

Zwei Dinge braucht der Mensch um unbeschadet sein Dasein zu fristen und (einigermaßen) glücklich durchs Leben zu kommen. Zum einen: Liebe. Eh klar. Es gibt wohl nichts, das mit dem Gefühl vergleichbar ist, zu lieben und wieder geliebt zu werden. Und zum anderen: Die Sucht. Man kann natürlich auch süchtig nach Liebe sein, dann schlägt man gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Mal ehrlich; im Grunde ist jeder nach irgendwas süchtig. Es müssen ja nicht immer gleich Drogen sein. Süchtig nach Schokolade, süchtig nach dem Adrenalinkick bei (Extrem-) Sportarten, süchtig nach der Lieblingsserie im Fernsehen. Hier widme ich mich aber einer sehr banalen, wenn auch häufig auftretenden Sucht: Der Nikotinsucht. Als ich das letzte Mal eine rauchte, fiel mir auf, wie nah die Liebe bzw. Beziehungen und Zigaretten doch beieinander liegen. Zumindest weisen sie einige Gemeinsamkeiten auf.

Erstmal, die Zigarette an sich. Sie ist wie eine Beziehung. Am Anfang entfacht das Feuer, das aufglühen der Leidenschaft. Und wenn man einmal eine hatte, kann man nicht mehr aufhören. Aber jede Beziehung ist so verschieden, wie jede Zigarettenmarke. Es gibt die Beziehungen, die schwierig sind, an denen man arbeiten muss, bis sie schließlich perfekt werden (Selbstgedrehte Zigaretten). Es gibt die, die lange dauern, fast eine Fernbeziehung sind (Marlboro 100) und die, die eher leicht und „dünn“ sind (Eve 120). Es gibt Menschen, die immer auf den gleichen Typ bei ihrer Partnerwahl zurückgreifen, also einen gewissen Standard haben, genau wie es auch Standard-Kippen gibt (Gauloises, Marlboro). Dann muss man sich auch immer auf den neuen Partner einstellen, auf seine Eigenarten, seine Macken, was manchmal unbeschwert (Light-Zigaretten) und manchmal auch ziemlich „hart“ sein kann (Schwarzer Krauser). Es gibt Menschen, mit denen man sich auseinander setzen muss, obwohl man sie eigentlich widerlich findet (Menthol-Zigaretten) und Menschen, bei denen man einfach nur das pure, reine Glück spürt und sich so frei fühlt, wie der Marlboro-Cowboy (Reval ohne Filter). Dann gibt es Beziehungen, die man nur führt, um einen gewissen Geltungsdrang zu stillen (Davidoff) und Beziehungen, die man nur nimmt, weil sie billig hergehen (Tawa oder einfach eine Kippe vom Boden aufheben und nochmal anzünden). Manche lässt man auch einfach ausgehen, weil man nicht mehr kann oder nicht mehr will und vielleicht besteht noch die Chance, dass man das Feuer nochmal entfacht, oder man drückt sie einfach aus, im ewigen Aschenbecher des Lebens.

Besonderer Dank geht an Flo und Jules, die diesen wunderbaren Gedankengang weitergesponnen haben.

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Düsseldorf

Werner streckte sich und stieg bedächtig aus dem ICE, der gerade im Bahnhof Halt gemacht hatte.
Auf dem Weg in die Bahnhofshalle warf er die Tüte mit den Brötchen in eine Mülltonne. Seine Frau hatte es sicher gut gemeint, aber nach der zweistündigen Fahrt war dieses Teig und Wurst gewordene Hausfrauenidyll für ihn nicht mehr genießbar.
Werner kannte das Hotel, in dem er die Nacht verbringen sollte. Schon einige Male war er in die Stadt gekommen, um angehenden Teamleitern den letzten Schliff zu geben, was die Personalführung anging. Ein stressiger Job, und Werner war nicht immer glücklich, wenn man ihn hierhin schickte, um sich mit Jungakademikern herumzuschlagen.
In der Halle angekommen, wuchtete er seinen Rollkoffer in ein Schließfach. Den Schlüssel ließ er in seine Sakkotasche fallen.
Er verließ das Gebäude durch einen Seiteneingang und zündete sich draußen eine Zigarette an. Es war bereits kurz nach zehn Uhr abends, und auch wenn es bereits dunkel war, herrschte noch reges Treiben auf dem kleinen Vorplatz.
Werner steuerte auf einen Imbiss zu, um sich wie gewohnt mit ein wenig Cola und Burgern einzudecken. Nur eines seiner kleinen Rituale, wenn er in der Stadt war. Als er den Laden wieder verließ, sah Werner einen Jungen, der nicht älter als vierzehn oder fünfzehn Jahre sein konnte, vor einer kleinen Mauer hocken. Der Junge saß im Schneidersitz auf dem Boden und fror offenbar. Werner ging zu ihm herüber.
„Was treibst du noch um die Uhrzeit hier?“, fragte er freundlich.
„Nix. Rumsitzen.“, antwortete der Junge.
„Wo sind denn deine Eltern?“, fragte Werner.
Der Junge zuckte nur mit den Schultern und rieb sich die Finger, unter deren heruntergekauten Nägeln sich schwarzer Schmutz gesammelt hatte, wie Werner erkennen konnte.
„Warum gehst du nicht rein, wenn dir kalt ist?“
„Mir ist nicht kalt. Außerdem will ich nicht von den Bullen wieder raus geschleift werden.“
„Verstehe“, sagte Werner und ging neben dem Jungen in die Hocke.
Er sah, wie der Blick des Kleinen kurz die Papiertüte streifte, auf der sich schon die ersten Fettflecken abzeichneten.
Werner musste lachen.
„Hast du vielleicht Hunger?“
Der Junge schüttelte nur den Kopf.
„Dann halt nicht“, sagte Werner, nahm einen der Burger aus der Tüte, wickelte ihn aus dem Papier und biss ein Stück ab.
„Der ist aber echt lecker“, sagte er dann, so gut sein voller Mund es zuließ.
Der Junge sah ein wenig auf.
„Wenn schon, dann eine davon.“
Er deutete auf die Zigarettenschachtel, die ein wenig aus Werners Hemdtasche ragte.
Werner schluckte den Rest des Burgers herunter.
„Von mir aus, sind ja deine Lungen“, sagte er dann und reichte ihm die Schachtel.
„Eben. Ist meine Lunge“, sagte der Junge und zündete sich eine Zigarette an.
Werner steckte die Schachtel wieder ein.
„Wie alt bist du überhaupt?“, fragte Werner.
„Dreizehn. Alt genug zum Rauchen.“
Werner nickte und nahm sich einen weiteren Burger aus seiner Tüte.
„Frag ich dich, wie alt du bist?“, ergänzte der Kleine.
Werner wickelte seinen zweiten Burger aus.
„Kannst du ruhig. Ich bin fast vierzig Jahre älter als du.“
Dann hielt er ihm die Tüte entgegen.
„Ganz sicher nicht? Da ist nur noch einer…“, sagte er.
Der Junge zog noch einmal kräftig an seiner Zigarette und griff schließlich in die Tüte.
Werner lächelte ihn freundlich an.
„Na bitte. Du musst doch was essen, wenn du schon alleine hier rum sitzt.“
Er warf die leere Tüte vor sich auf den Boden, und der Junge kaute hastig seinen Burger, ohne die Zigarette aus der Hand zu legen. Sekunden später war der Burger verschwunden, und der Junge zog ein letztes Mal an seiner Zigarette.
„Wie heißt du?“, fragte Werner.
„Justin“, antwortete der Junge.
„Okay, Justin. Ich bin der Klaus“, sagte Werner. „Ich geb dir zwanzig.“
„Aber vorher“, sagte Justin.
Werner schüttelte den Kopf.
„Nachher“, sagte er bestimmt.
Werner stand auf, und Justin folgte ihm auf die Toilette.

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28.09.2010

Waiting for something to happen

Ich war immer einer von denen, die den Verlust von Liebe zelebriert haben. Ganz so, als wäre das ein scheiß Fest, das möglichst würdig zu sein hat und möglichst lange und intensiv gefeiert gehört. Es geht um M., wie so vieles noch um sie geht. Seit sie weg ist und mich ignoriert, laufen im Kopfkino alle möglichen Porno- und Kriegsfilme durcheinander, was die Tage nicht unbedingt zu würdevollen Unterhaltungssendungen werden läßt. Die Sendungen, die in meinem Kopf produziert werden tragen Namen wie “Erde wem Erde gebührt” oder “Ich könnte jedem Always-look-on-the-bright-side-of-life-Mitpfeifer sofort die Fresse polieren”. Wie dünn die Haut doch manchmal ist, merkt man erst, wenn keine Sonne mehr drauf scheint.

Und wieder so ein Tag.

Ein Freund und ich sind im Supermarkt. Im Kopfkino läuft grad ein Gewaltfilm, aber ein sehr lustiger. Ich schlitze den Bauch eines Pferdes auf und lege mich dort hinein, weil mir so endlos kalt ist. Die zitternden Gedärme des Tieres erinnern mich ein wenig an M. und ihre geschmeidigen Umarmungen. Wahrscheinlich habe ich zulange an der Fleischtheke gestanden. Und da stehen wir eingereiht, vor uns die Registrierkasse und du sagst zu mir: „Stell dich nicht so an!“ und ich sag: „Wieso nicht? Tun doch alle.“ Und es piept und die Waren werden verschoben, der große Kreislauf aus kaufen und kacken. Die Kassiererin denkt nicht mehr, der große Apparat hat sie gefressen. Auch sie kauft und kackt. Alles ein großes Kaufen und Kacken. Alles für alle und zwar für viel Geld. Alles minus Leben. Acht Stunden Scanning und dann noch ins Fitnessstudio, dann in ein Fast Food Restaurant und das Leben ist eine geladene Waffe, zumindest meins.

Und noch ein Tag, aber ein ganz anderer.

Dann sitzen wir in deinem Auto und es ist warm. Im Radio läuft dieser Typ, den alle Olli Schulz nennen und der singt „ … nimm die Finger von dem Mädchen, verlaß endlich die Bar, draußen scheint die Sonne, die Nacht ist nicht mehr da …“ Das erinnert mich an Liebe, die Liebe, die mich immer wieder angreift, um mich dumm zu machen. Jetzt nicht, liebe Liebe, flüstere ich ins Auto hinein und die Liebe hält augenblicklich ihr Schandmaul. Im Kopfkino läuft grad ein Film, in dem M. mit einem gesichtslosen Indie-Schönling an der Donau langspaziert, was ihr Herz schneller schlagen macht. Es ist warm. Mein Herz schlägt wild um sich. Boxt von innen gegen meinen Brustkorb, manchmal so sehr, das ich glaube, da kommt gleich eine kleine Faust durch die Rippen. „ … und dann schlägt dein Herz …“ Du kurbelst deine Scheibe runter, hälst deinen schönen Ellebogen in den Wind der Zeit und sagst „ … hahaha, fahrlässig …“ und ich mache das auch und ergänze „ … grob fahrlässig …“. Der Klebstoff unseres Humors ist ein alter, so dass wir uns auch schlechte Witze verzeihen können.

Ein Tag, wie er im Buche steht, aber in keinem, dass ich selbst geschrieben habe.

Mit dem Freund in der Küche. Das Kopfkino lief die ganze Nacht. Ein französicher Kunstfilm, glaube ich, der “Vorwürfe” hieß. Es geht um den Monolog eines Mädchens, das versucht, einem Stein die Liebe zu erklären. Wirklich spannend, aber erfolglos. In diesem Sommer sind wir schon oft in dieser Küche gelandet. Immer irgendwie vorher und nachher. Ich wackle vor dem CD-Player hin und her und es wird elektronisch. Wir duschen uns mit der Bassdrum unseres Vertrauens. Ich lasse Musik wie Wasser durch die Küche laufen. Du bist da und das ist gut. Wir verstehen uns redend. Du sagst, deine neue Freundin spricht fließend japanisch und da fällt mir ein, dass ich nur fließend Wasser kann, das aber gut. Wir trinken Bier und nennen uns „philosophisches Duett, das über Sloterdijk spricht“, aber eigentlich ignorieren wir ihn. Wir trinken mehr Bier. Es ist ein seltsamer Sommer dieses Jahr, es war der Sommer mit M. M. ignoriert mich, seitdem ist wieder Winter. Und der bleibt und der Beat ist gut, Alter, wenigstens ist der Beat gut. Ich habe irgendwann gelernt über meine Trauer zu lachen. Lieber bin ich freundlich zu mir selbst und ich bin so besoffen, dass ich fast selbst glaube, ich sei glücklich …

Ein ganz anderer Tag.

Im Kopfkino ist es heute überraschend ruhig. Ich sitze von der Krassheit meiner Gefühle gelangweilt in meinem Kinokomasessel, fresse wie automatisiert Taccos mit mittelscharfter Salsasauce und schaue der Zeit beim Verfliegen zu. Noch kein Wort gesagt, aber Milliarden Sätze gedacht und dann grunzt das Telefon. Ein Mädchen ruft mich an. Es ist nicht M., sondern eine deren Pathos über ein gesundes Maß hinausgeht. Wir reden sehr lange über die Lage der Nazion, bevor wir persönlich werden. Dann werden wir so persönlich, dass ich es nicht mehr aushalte und auflege. Ich denke mir noch so, wenn das die Lösung ist, die du darstellst, dann will ich schleunigst mein Problem zurück. Es ist gut, ein Problem zu haben. Das macht Aufregung, Aufregung ist was Gutes, ist gut für Lebendigkeit. Manchmal fühlen sich meine Probleme wie der erste bewußte Atemzug nach zehn Jahren Koma an. Ich liebe meine Probleme. Es gibt Menschen, die echte Probleme haben.

Wenn ein Tag sich in enddummer Problematik ausdehnt, können Dinge passieren, die nicht mehr weggehen.

Ein Problem hat mich kürzlich im Traum besucht. Das ging so: Ein Freund und ich. Wir waren zu zweit allein in dumm-dörflichen Gefilden unterwegs. Da waren zwei Typen gefährlich aussehend, an der Bushaltestelle. Wir hatten Waffen. Wir zerlegten die Leute. Die Bushaltestelle explodierte. Ich hatte Angst vor Schuld, versteckte mich im Wald, wo ich irgendwann krank wurde und verhungerte. Dann kam M. vorbei, machte ein Loch in den Boden und gab mich da hinein. In meinem Traum hatte sie Hände wie Baggerschaufeln, an ihre echten Hände erinnere ich mich kaum noch. Ich analysiere meine Träume nicht mehr, ich lasse sie einfach so, wie sie sind. Schön, schrecklich, meist skurril. Ich weiß nicht, ob ich mit den Drogen anfangen soll, die ihr mir ständig anbietet, aber ich glaube ich bin vernunftbegabt und sage einfach: klar, aber nur soviel, dass ich immer wieder zurück an den Anfang kann. Ich lebe eine seltsame Illusion. Im Kopfkino lief heute: “Alle Fingernägel abgekaut und alles ausgeschissen und verdaut”. Ein Beziehungsdrama mit einer Person. Schwieriger Film, geht ja um mich.

Nur so ein weiterer Tag.

Ich denke an eine Zeit, eine ganz bestimmte Zeit als alles gut war. M. war da und fand das auch alles gut. Die Sonne orange, jedes Lächeln milde. Ich saß in der Badewanne und kümmerte mich um meine Hygiene. Nebenbei lief im Nebenraum Musik, ich glaube, es war meine eigene Band. Draußen war ein Sommer und ich freute mich auf einen Abend mit dir. Ich würde mich schön machen für dich, so richtig schön und sie würde sagen: „Danke, dass du dich für mich schön gemacht hast.“ Und wir tanzten, bis wir noch schöner wurden, fuhren mit dem Taxi nach Hause und vor dem Einschlafen lachten wir laut und erfanden mit kleinen Puppen aus Uganda ein Theaterstück mit dem Titel: „Das bringt es auf den Punkt der den Planeten darstellt auf dem ich wohne!“ Wir lachten weiter. Wir konnten nicht mehr aufhören. Heute hatte das Kopfkino Ruhetag. Ich stand davor und nichts passierte. Würde doch was passieren, endlich mal irgendwas, aber der Ruhetag war von beschaulicher Konsequenz.

An irgendeinem Tag ist er gestorben.

Ich habe letztens das Buch „So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein“ von Christoph Schlingensief beendet. Noch bevor er wirklich starb. Ich bin tief berührt und bewegungslos. In dem Buch geht es um Herrn Schlingensief, der Krebs bekommt und damit umgeht, irgendwie und immer denkt er und verzweifelt und manchmal kommt Gott ins Spiel, der mal lacht und mal straft, immer aber irgendwie vor Ort ist und auch ich habe kürzlich mit Gott gesprochen und Gott hat wie üblich nicht zurückgesprochen. Ich versuchs später nochmal. Mein Freund sitzt neben mir im Auto und sagt, dass auch er kürzlich mit Gott gesprochen hast, und ihn gebeten hat, dass Lincoln zu Schalke 04 zurückkehrt. Auch ihm hat Gott nicht geantwortet. Aber er war nicht skeptisch. M. hat mir eine Email geschickt. Scheinbar schulde ich ihr noch Geld. Im Kopfkino langweile ich mich wegen darmzerschreddernder Gewalt. Als ich M.´s Namen auf einen Überweisungsträger schreibe, überweist mir das Leben plumpe Trauer auf mein Emotionskonto und ich heule bis die Sonne rauskommt.

Noch ein Tag aus der Reihe derer, an denen man lediglich irgendwo ist, nichts fühlt außer da zu sein, wenig unternimmt, außer sich selbst darzustellen und Abends immer in Müdigkeiten fällt, die sich anfühlen wie 10 Stunden Baustelle und Schüppe.

Die Frau im Drive-In hat das Tourette-Syndrom. Du bestellst einen Big Mäc, einen Hamburger Royal, eine große Cola und sie antwortet durch die Sprechanlage „ … ein Bic Mäc, du Arschloch, Fotze, Fotze, ein Hamburger, Heil Hitler, Fotze, Fotze, haha, Royal und eine große Fotze Fotze Cola, macht Arschloch, Unfug, nein, nein, Fotze, sieben Euro vierundzwanzig, bitte fahren sie zum nächsten Fenster vor, Fotze, Fotze, Arschloch …“ Du kennst die Frau und als du ihr einen Zehner in die Hand drückst und sie anlächelst und sie fragst ob alles klar sei, guckt sie dich nicht an. Mit M. war ich nie hier. Sie isst keine Schlachtabfälle, ihr Leben ist ein gemüseorientiertes Gesundheitsding. Alles geht gut, weil Zeit vergeht. Kopfkino hat schon wieder zu. Ganz spät Abends läuft noch ein Dokumentarfilm mit dem Titel “Die Wirkung von Masturbation auf das Erinnerungsvermögen” und ich atme so langsam, dass ich mich kaum mehr lebendig fühle.

An manchen Abenden solcher Tage wird es einfach nicht dunkel.

Wir stehen vor der Bar. Die eine von letztens ist auch da, die, deren Namen ich mir nie merken können würde, nicht weil er so außergewöhnlich ist, sondern eher, weil er so einfach ist. „Ich heiße Anna, du Dreck“, sagt sie mir dann, als ich sie wieder „Flokatina“ nenne. Ich mag diese Frau, weil sie aussieht, als sei ihr Leben eine abgesagte Party, die auch nicht wiederholt werden wird. Wir stehen vor der Bar und ich weiß, dass der Sommer zwar seltsam ist und auch weiterhin seltsam sein wird, aber heute abend ist Jazz Festival und ich bin betrunken und ich habe aufgehört zu rauchen. Ich rauche eine und gehe mit euch rein. Das Kopfkino wurde Opfer gehirninterner Brandstifter. Einer hieß Tequila, der andere Jägermeister und sie kamen, mich zu retten.

Wenn der Tag nur noch ein wenig dünner werden würde, er verschwände komplett.

Später sitzen Flokatina und ich auf dem Bürgersteig und reden. Ihr Leben ist tatsächlich eine abgesagte Party. Sie studiert irgendwas, was mich nicht interessiert, hat dauernd Streß mit ihrem Freund, der Franzose ist und sich wie ein Deutscher benimmt und überhaupt hat Flokatina voll den Krisenstreß am Körper und ich sage ihr, dass nichts so viel mit ihr zu tun habe, wie sie selbst und ich sehe wie sie nachdenkt. Wir sitzen rum und rauchen und ich denke an M., ganz kurz nur. M. tanzt in meinem Kopf, aber während unserer Zeit war ich nie mit ihr tanzen, vielleicht deswegen. Ich vermute wirklich, dass unausgelebte Liebe Herzen mit einem unsachgemäß schwerem Gewicht behängen kann, dass sie des regelmäßigen Schlagens müde werden. Von drinnen höre ich Kegelclubgelächter von mit Taxifahrerlederwesten bekleideten Kegelclubmitgliedern. Ich kaufe vom Rosenstraußmann eine Rose , schenke sie ihm und spreche kurz mit ihm über diesen Sommer und er sagt: „Läufte gut“ und lächelt. Ich denke an M., bin so verdammt friedlich in dieser Nacht und lächle auch, obwohl ich

Der Tag hört auch schon wieder auf, er selbst zu sein.

Das Mädchen M. tanzt durch meine Eingeweide. Ich warte darauf, dass etwas passiert, dass ich vielleicht auseinanderfalle oder implodiere. Flokatina ist schon wieder reingegangen und der Rosenstraußmann ist auch schon weg. Ich bin allein. Das ist der Anfang.

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